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Nazoräer


Der Herkunftsort Jesu heißt im NT zweimal (Mt 4,13; Lk 4,16) Ναζαρά Nazará, sonst (*Mt 2,23; 21,11; *Mk 1,9; Lk 1,26; 2,4.39.51; *Joh 1,45f; Apg 10,38) Ναζαρέθ Nazaréth (so noch durchgängig in NA25) bzw. Ναζαρέτ -rét (so seit NA26 an den mit Asterisk bezeichneten Stellen). Inschriftlich belegt ist der Ortsname in der Form נצרת Nṣrt (3. oder 4. Jh. n.Chr.?). In der syr. Peschitta erscheint er in der Form ܢܳܨܪܱܬ݂ Nāṣraṯ. Heute heißt der Ort hebr. נָצְרַת Nāṣerat (wobei im Ivrit Ṣade als [ts] ausgesprochen wird und Schwa häufig quiesziert: [natsˈrat]), arab. النَاصِرَة an-Nāṣira.

Nazareth wird weder im AT, noch im Talmud, noch bei Flavius Josephus erwähnt. Das weist darauf hin, wie klein und unbedeutend der Ort in der Antike gewesen sein muss.
Bei der genannten Inschrift handelt es sich um zwei 1962 in Cäsarea gefundene Bruchstücke einer vermutlich an der Synagoge angebrachten Tafel. Auf ihr waren anscheinend die 24 Priesterordnungen und die Ortschaften, in denen sie sich (nach der Zerstörung des Tempels, nach anderen nach der Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstandes) angesiedelt hatten, vermerkt. Die Zeile für Nazareth wird (nach 1Chr 24,15b) so rekonstruiert:
משמרת שמונה עשרה הפצץ נצרת „die 18. Ordnung (hap-)Piṣṣeṣ: Nazareth“.
Der älteste literarische Beleg im Judentum findet sich bei dem liturgischen Dichter Elʿazar haq-Qalîr (ca. 6./7. Jh.) in einem der Klagelieder auf den 9. Av (Gedenktag der Zerstörung des Tempels). Am Ende jeder der 24 Strophen wird eine der 24 Priesterordnungen und die Ortschaft, in der sie sich niedergelassen hatte, genannt. Das Ende der 18. Strophe lautet:
וּבְקַצְוֵי אֶרֶץ נִזְרָת מִשְׁמֶרֶת נָצְרַת „und an die Enden der Erde wurde zerstreut die Ordnung von Nazareth“. (Man beachte das Wortspiel נזרת - נצרת!) (Text: Wikisource, Lizenz: CC BY-SA 3.0, Urheber: unklar).

Dem Ortsnamen zugrunde liegt vielleicht das fem. Partizip von hebr. נצר nṣr „beobachten, bewachen, hüten“: נֹצְרָה nōẓe bzw. als Segolatform נֹצֶרֶת nōṣǽræt „Wächterin, Hüterin“. Die aram. Formen dazu sind nach Dalman (S. 152) נָצְרָה nāṣe bzw. נָצְרַת nāṣerat. Zahn hält griech. Nazará allerdings für den aram. Status emphaticus נָצְרָא nāṣe einer maskulinen Form des Ortsnamens, „נצר, hebr. vielleicht נוֺצֶר [Nōṣær] gesprochen“ (S. 115).
Ungewöhnlich ist auch die Wiedergabe des hebr.-aram. /ṣ/ mit griech. /z/. Denn normalerweise entspricht hebr. צ im Griech. σ: צִיּוֹן Ṣijjôn ~ Σιών Siṓn (z.B. Mt 21,5) = dt. Zion, צְבָאוֹת ebāʾôt „Heere“ ~ σαβαώθ sabaṓth (z.B. Röm 9,29) = dt. Zebaot(h) usw. Dalman erklärt das so: „Das ζ für צ ist in griechischem Munde entstanden, wohl wegen der Nähe von ν und ρ.“ Soll heißen: durch seine Stellung zwischen zwei stimmhaften Konsonanten wurde das stimmlose (emphatische) s stimmhaft.
Den Akzent auf der Ultima bei Nazaréth (statt der zu erwartenden Paenultimabetonung Nazáreth) erklärt Albright (S. 399) mit „mediaeval custom in accenting barbarous names“. Dass die aram. Form nicht נטרת Nṭrt lautet – denn „bewachen, behüten“ heißt auf Aram. נטר nṭr –, liegt daran, dass der Ortsname nicht übersetzt, sondern nur lautlich aramaisiert wurde.

Eine andere Etymologie wird in Worthaus-Vortrag 8.6.3 (Galiläa, der Lebensraum Jesu, Teil 2) referiert: da wird der Ortsname zu hebr. נֵצֶר nḗṣær „Spross“ gestellt. Spross wiederum soll eine Bezeichnung für Davididen (Nachfahren des Königs David) gewesen sein (nach Jes 11,1). Nazareth sei mithin eine Siedlung von solchen Davididen gewesen. Inwieweit diese Etymologie in der Fachwelt anerkannt ist, kann ich nicht sagen.

Das Nisbe-Adjektiv (hier Gentilizium) zur vermuteten hebr. Namensform wäre *נֹצְרִי Nōṣe, aram. *Nāṣrājâ, syr. ܢܳܨܪܳܝܳܐ Nāṣrājâ. Albright lässt daraus ein hyperkorrektes (d.h. fälschlich an die hebr. Form angeglichenes) *Nōṣrājâ und daraus durch Metathese *Neṣōrājâ entstehen. Dessen lautliche Entsprechung im Griech. wäre Ναζωραῖος Nazōraíos. Das ist Bezeichnung Jesu bei Mt (2,23; 26,69 vl.71), Joh (18,5.7; 19,19) und in der Apg (2,22; 3,6; 4,10; 6,14; 22,8; 26,9) (sowie einmal bei Lk, 18,37). Das Erfüllungszitat Mt 2,23 legt nahe, dass der Evangelist Nazōraíos als Gentilizium verstanden wissen wollte: „und er kam und ließ sich in einer Stadt namens Nazareth nieder; damit erfüllt wird, was durch die Propheten gesagt wurde: Nazoräer wird er heißen“. Auch die Nennung in der Kreuzesaufschrift in Joh 19,19 ist wohl so gemeint: „Jesus, der Nazoräer, der König der Juden“.

Allerdings sind die zwei Zwischenschritte Albrights nur Spekulation. Und es werden auch andere Erklärungsmöglichkeiten erwogen. Lidzbarski etwa fasst hebr. nṣr im Sinne von „beobachten, einhalten“, nämliche Gebote, Vorschriften. Ein נֹצֵר nōṣēr wäre ein „Beobachtender, Observant“, ein נוֺצְרִי nōṣe „einer aus dem Kreise der Observanten“. Später verweist er noch auf Bezeichnungen für verschiedene Arten von Talmudlehrern, wie aram. אָמוֺרָאָה ʾĀmôrāʾâ „Amoräer“ (Jastrow und Levy vokalisieren -אֲ ʾA-), eigentlich „Redner, Lehrer“, סָבוֺרָאָה Sābôrāʾâ „Saboräer“, eigentlich „Meinender, Denkender“.

Welche Prophetenstellen der Evangelist bei Mt 2,23 im Auge hatte, darüber kann man nur rätseln. Wenn es denn kanonische Texte sind, kämen am ehesten in Frage:

Jes 11,1:
„Und ein Zweig wird herausgehen aus dem Stumpf Isais, und ein Spross (hebr. נֵצֶר nḗṣær) aus seinen Wurzeln wird fruchtbar sein.“
(Vgl. a. Jer 23,5; Sach 3,8; 6,12, wo allerdings überall hebr. צֶמַח ṣæmaḥ „Spross, Sprössling“ verwendet wird.) Das Etymon von nēṣær ist nach Gesenius verwandt mit arab. نضر nḍr „glänzen, grünen“.
Ri 13,5:
„Denn siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. Und ein Schermesser soll nicht auf seinen Kopf kommen. Denn ein Geweihter (hebr. נָזִיר nāzîr) Gottes wird der Knabe sein vom Mutterleib an. Und er wird anfangen, Israel aus der Hand der Philister zu erretten.“
Hebr. נזר nzr (mit stimmhaftem, nicht mit emphatischem s) bedeutet „aussondern, weihen“. Die LXX gibt nāzîr mit ἡγιασμένος ναζιραῖος hagiasménos naziraíos „geweihter Nasiräer“ wieder. Das ist doppelt gemoppelt. Ein Nasiräer ist jemand, der das in Num 6,1-21 beschriebene Gelübde tut.

Doch zu Recht argumentiert Zahn, dass „die Propheten“ wohl nicht einzelne Prophetenstellen meint, sondern den prophetischen Teil des AT insgesamt. Er fasst daher das ὅτι hóti nicht als recitativum (Einleitung der direkten Rede, einem dt. Doppelpunkt entsprechend), sondern kausal: „denn Nazaräer soll (sollte) er genannt werden“ (S. 118, Hervorhebung von mir). Zahn versteht Nazoräer gleichsam als Synonym für „Person von unbedeutender Herkunft“ (ähnlich wie im Wienerischen Mistelbacher einen Polizisten bezeichnet). In der Herkunft des Messias aus einem namenlosen Kaff Galiläas erfüllte sich, „daß derselbe unscheinbar auftreten und von seinem eigenen Volk werde verkannt werden“ (S. 120).

In Apg 24,5 verwenden die vor Festus klagenden Juden den Plural von Nazōraíos als Bezeichnung der Christen. Dieser Wortgebrauch hat sich im Judentum fortgesetzt, etwa im Talmud (z.B. bTaan 27b [Goldschmidt Bd. 3, S. 514 Z. 1]: הַנּוֺצְרִים han-Nôṣerîm „die Christen“) oder in einigen Versionen der Birkat ham-mînîm, der 12. Bitte des jüdischen Achtzehnbittengebets: וְהַנֹּצְרִים וְהַמִּינִים „die Christen und die Häretiker (reiße aus / vernichte in unseren Tagen im Nu)“. Auch im Ivrit heißt „Christ, christlich“ נוֹצְרִי [noːtsˈri]. Ähnlich im Koran, wo نصارى naṣārā „Christen“ bedeutet (Sg. نصراني naṣrānī), z.B. 2,62 [63/59]; 5,51 [52/56]; 9,30 (Surenzählung nach dem Corpus Coranicum, in eckigen Klammern nach der Ahmadiyya-Ausgabe / der Übersetzung von Max Henning). Ins westliche Bewusstsein gedrungen ist dieses arab. Wort im Jahre 2014, als die ISIS den Buchstaben ن (Nun) an die Häuser von Christen in Mossul gesprüht hat (s.a. Wikipedia Nun (letter): Social media campaign (2014)).

Das Formans -αῖος -aíos ist auch sonst für die Bildung von Gentilizia bzw. Adjektiva zu Toponymen nicht ungeläufig:

Gleich gebildet sind auch:

Mk und Lk gebrauchen als Herkunftsbezeichnung Jesu Ναζαρηνός Nazarēnós: Mk 1,24; 10,47; 14,67; 16,6; Lk 4,34; 24,19. (Mt 26,71 ~ Mk 14,67 weist ebenfalls daraufhin, dass Nazōraíos und Nazarēnós als Synonyme betrachtet wurden.) Dies ist gebildet wie:

Die syr. Peschitta gibt auch Nazarēnós mit Nāṣrājâ wieder, hat also ebenfalls die beiden Wörter als Synonyme betrachtet. Gleiches gilt für die lat. Vulgata, die immer Nazarenus hat, mit einer Ausnahme: Mt 2,23 steht Nazar(a)eus.

In einigen Fällen wird die Herkunft Jesu bezeichnet durch die Wendung Ἰησοῦς (ὁ) ἀπὸ Ναζαρέθ Iēsoús (ho) apó Nazaréth „Jesus (der) von Nazareth“ (Mt 21,11; Mk 1,9; Joh 1,45; Apg 10,38).

Zusammenfassend kann man sagen, dass zwar das o in Nazoräer nicht 100%-ig befriedigend geklärt werden kann, dass es aber beim derzeitigen Kenntnisstand am plausibelsten erscheint, das Wort auf die Herkunft aus Nazareth zu beziehen.


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 16. Feb. 2020