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Bibelstellen


Mt 11,12: Das Himmelreich erleidet Gewalt

In Mt 11 flicht Jesus in die heilsgeschichtliche Bewertung Johannes des Täufers folgenden Satz ein:

ἀπὸ δὲ τῶν ἡμερῶν Ἰωάννου τοῦ βαπτιστοῦ ἕως ἄρτι ἡ βασιλεία τῶν οὐρανῶν βιάζεται καὶ βιασταὶ ἁρπάζουσιν αὐτήν. Seit den Tagen Johannes des Täufers bis jetzt erleidet / übt das Himmelreich Gewalt, und Gewalttäter raffen es an sich.

Βιάζω, meist Medium βιάζομαι, heißt „Gewalt (βία) anwenden, (er)zwingen“, je nach Kontext auch „vergewaltigen, (gewaltsam) verdrängen, eindringen“ o.ä. Die Form βιάζεται kann Medium sein oder Passiv „Gewalt erleiden, gezwungen, überwältigt werden“.

Die Mehrzahl der Übersetzungen entscheidet sich für die passive Variante:

Luther 2017 Aber von den Tagen Johannes des Täufers bis heute leidet das Himmelreich Gewalt, und die Gewalt tun, reißen es an sich.
Elberfelder 2001 Aber von den Tagen Johannes des Täufers an bis jetzt wird dem Reich der Himmel Gewalt angetan, und Gewalttuende reißen es an sich.
Einheitsübersetzung 2006 Seit den Tagen Johannes' des Täufers bis heute wird dem Himmelreich Gewalt angetan; die Gewalttätigen reißen es an sich.

Ebenso Zürcher Bibel, Neue evangelistische Übersetzung.
Was mit den Tagen (und d.h. wohl mit dem öffentlichen Auftreten) des Täufers begonnen hat, ist jene Gottesreichsbewegung, die in Jesu Wirken kulminierte. Gewalt erleidet es im Sinne von aggressiver Ablehnung, wie sie sich auch in der Gefangennahme und Enthauptung des Johannes (und letztlich auch in der Kreuzigung Jesu) manifestierte. Die Gewalttäter, von Herodes Antipas bis zum sadduzäischen Priesterklüngel, versuchen mit allen Mitteln, dieser Bewegung ein Ende zu setzen. An sich reißen hat dann den Sinn von: den anderen wegnehmen, ihnen vorenthalten.

Andere Übersetzer fassen βιάζεται medial:

Menge Aber seit den Tagen Johannes des Täufers bis jetzt bricht das Himmelreich sich mit Gewalt Bahn, und die, welche Gewalt anwenden, reißen es an sich.
Gute Nachricht 1992 Als der Täufer Johannes auftrat, hat Gott angefangen, seine Herrschaft aufzurichten; aber bis heute stellen sich ihr Feinde in den Weg und hindern andere mit Gewalt daran, sich dieser Herrschaft zu unterstellen.

Ebenso Neue Genfer Übersetzung, Hoffnung für alle.
Das soll wohl heißen: das Gottesreich dringt mit Gewalt = unaufhaltsam vorwärts. Sprachlich möglich, aber wegen der zweiten Hälfte des Satzes (βιάζεται - βιασταί) weniger wahrscheinlich.

Die Life application study Bible 1997 bietet drei Erklärungsmöglichkeiten: „(1) Jesus könnte sich auf eine riesige Bewegung zu Gott hin bezogen haben, die Dynamik, die mit Johannes' Predigten begann. (2) Er könnte die Erwartung der jüdischen Aktivisten wiedergegeben haben, dass Gottes Reich durch einen gewaltsamen Sturz Roms kommen werde. (3) Oder er könnte gemeint haben, dass es Mut, standhaften Glauben, Entschlossenheit und Ausdauer braucht, um in Gottes Reich einzutreten, wegen des wachsenden Widerstandes, der gegen Jesu Nachfolger gerichtet war.“ (1) und (2) entsprechen dem medialen Verständnis von βιάζεται, (3) dem passiven. (2) halte ich allerdings für sehr zweifelhaft.

Etwas anders und in anderem Kontext ist die Parallelstelle Lk 16,16 formuliert:

Ὁ νόμος καὶ οἱ προφῆται μέχρι Ἰωάννου· ἀπὸ τότε ἡ βασιλεία τοῦ θεοῦ εὐαγγελίζεται καὶ πᾶς εἰς αὐτὴν βιάζεται. Das Gesetz und die Propheten bis Johannes; seither wird die frohe Botschaft vom Reich Gottes verkündigt und jeder drängt sich in es hinein.

Βιάζεται (+ εἰς) ist hier definitiv Medium, „(gewaltsam) eindringen, sich (mit Gewalt) hineindrängen“. Auch hier ist nicht ganz klar, was gesagt werden soll. Vielleicht, dass es vor (oder bis einschließlich?) Johannes nur die Weisungen der Torah und die Ermahnungen der Propheten gab. Seither wird die die frohe Botschaft verkündigt, und sie hat mächtigen Zulauf. Wohl auch, wie die Fortsetzung V. 17f andeutet, weil manche sie im Sinne eines Libertinismus, einer Entbindung vom Gesetz missdeuteten.

Spr 14,1: Die Weisheit der Frauen

חַכְמֹות נָשִׁים בָּנְתָה בֵיתָהּ וְאִוֶּלֶת בְּיָדֶיהָ תֶהֶרְסֶנּוּ׃ Weise unter Frauen baut ihr Haus; aber Torheit reißt es nieder mit ihren eigenen Händen.

Der masoretische Text von Spr 14,1 ist grammatikalisch falsch: Das Subjekt steht in der Mehrzahl („Weise unter [den] Frauen“), das Prädikat in der Einzahl („[sie] baut, hat gebaut“). Mit großer Wahrscheinlichkeit ist das erste Wort nicht חַכְמֹות ḥakmôt, der cstr. Pl. des Adjektivs, sondern das Substantiv חָכְמֹות ḥŏkmôt „Weisheit“. So übersetzen denn auch Luther, Elberfelder, Einheitsübersetzung.

Luther 2017 Die Weisheit der Frauen baut ihr Haus; aber ihre Torheit reißt's nieder mit eigenen Händen.
Elberfelder 2001 Die Weisheit der Frauen baut ihr Haus, aber die Narrheit reißt es mit eigenen Händen nieder.
Einheitsübersetzung 2016 Die Weisheit der Frauen hat ihr Haus gebaut, die Torheit reißt es nieder mit eigenen Händen.
Gute Nachricht 1992 Eine kluge Frau baut Haus und Familie auf, die unverständige reißt alles nieder.

Der zweite Teil des Verses lautet: „Und Torheit reißt es nieder […]“. Er enthält keinen Hinweis auf Frauen. Manche Ausleger streichen daher die „Frauen“ aus der ersten Hälfte. Der Sinn wäre dann: Weisheit (jede, nicht nur von Frauen) baut auf, Torheit zerstört. (Allerdings habe ich keine Übersetzung gefunden, die so wiedergibt.) Andere verstehen es offenbar so, dass in der zweiten Hälfte sinngemäß die Torheit der Frauen gemeint ist. So ist wohl Luthers „ihre Torheit“ entstanden. Wieder andere lassen es einfach offen. Die Einheitsübersetzung 2006 hat „Frau Weisheit“. Wie das zustandekommt, weiß ich nicht.

Asabtani

Jesu Muttersprache war palästinisches Aramäisch in galiläischem Dialekt. Ich vermute, dass er auch ein wenig Griechisch konnte. Denn es war damals so allgegenwärtig wie heute bei uns das Englische.

Jesus ist in Nazareth aufgewachsen, das zu seiner Zeit ein kleines Kaff mit ein paar hundert Einwohnern war. Ich bezweifle, dass es hier für einen Bauhandwerker das ganze Jahr über genügend Arbeit gab. Jesus wird deshalb wohl öfter auf Montage im nur wenige Kilometer entfernten Sepphoris bzw. später im eine Tagesreise entfernten Tiberias gewesen sein. Sepphoris war bald nach Jesu Geburt vom damaligen Statthalter von Syrien, P. Quinctilius Varus, zerstört worden. Herodes Antipas ließ die Stadt als Residenz neu aufbauen, ehe er 17 n.Chr. mit dem Bau von Tiberias begann. Beide Städte wurden in heidnisch-hellenistischer Manier erbaut und man darf annehmen, dass hier auch viel Griechisch, die Sprache der Herrschaftseliten, gesprochen wurde. Jesus konnte offenbar genug Griechisch, um sich mit Pontius Pilatus unterhalten zu können. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Pilatus um so einer Petitesse willen, wie es der Prozess gegen diesen den Sadduzäern verhassten Galiläer war, einen Dolmetscher hinzugezogen hätte. Wer nicht Griechisch konnte, hatte im Umgang mit den Herrschenden Pech gehabt.

Stellen wie Lk 4,16-21 legen nahe, dass Jesus auch des Hebräischen soweit mächtig war, dass er das AT im Original verstand. Doch so wie mir trotz Kenntnis der biblischen Sprachen der Bibeltext in der Übersetzung Luthers geläufig ist (und ich den Wortlaut des Originals nachschlagen muss), wird wohl auch Jesus seine Bibel eher auf Aramäisch geläufig gewesen sein als auf Hebräisch. Das ergibt sich m.E. auch aus dem Ps 22, den Jesus am Kreuz gebetet hat.

Ps 22,2 lautet auf Hebr.:
אֵלִי אֵלִי לָמָה עֲזַבְתָּנִי ʾelî ʾelî lāmâ ʿazabtānî?
Der Targum (die aram. Übersetzung) hat (Quelle: CAL):
אֵלִי אֵלִי (אֱלָהִי אֱלָהִי) מְטוּל מָה שְׁבַקְתָּנִי ʾelî ʾelî (var. ʾælāhî ʾælāhî) meṭûl mâ šebaqtānî
Die Targumim haben nicht selten das hebraisierende אל an Stelle des genuin aramäischen אלהא (s. E. Brederek, Konkordanz zum Targum Onkelos, s.v. אֵל). Für das hebr. עזב wird das aram. שׁבק verwendet (s. CAL, s.v. šbq, Jastrow, s.v. שְׁבַק).
Die Evangelien lassen Jesus so beten:
Mt 27,46: ἠλὶ ἠλὶ λεμὰ σαβαχθάνι; ēli ēli lema sabakhthani
Mk 15,34: ἐλωῒ ἐλωῒ λαμὰ σαβαχθάνι; elōï elōï lama sabakhthani
Die Hss. schwanken zwischen ἠλί und ἐλωΐ, zwischen λαμά und λεμά (die rein orthographischen Varianten, ηλει, λαμμα usw., beiseitegelassen). Der Bezae Cantabrigiensis hat an beiden Stellen ζαφθάνι zaphthani. Das sieht nach einem Versuch aus, das Hebr. ʿazabtānî wiederzugeben. Ansonsten ist ziemlich unisono sabakhthani = aram. šebaqtānî bezeugt.

Ich kann daher Dalman nicht zustimmen, wenn er behauptet, es sei „bei einem Bibelwort ohne dies das Nächstliegende, daß der ganze Ruf hebräisch erging und also Ps. 22,2 in der Urform wiedergab“ (G. Dalman, Jesus-Jeschua. Die drei Sprachen Jesu, Leipzig 1922, S. 185).

Auch die Vulgata hat sabacthani. Doch Erasmus hat in der lat. Übersetzung, die er seiner ersten Ausgabe des griech. Textes (dem Novum instrumentum omne) begegeben hat, in Mt 27 azabthani (während er Mk 15 sabatani hat). Er nahm vielleicht an, Mt lasse Jesus auf Hebr. beten, und hat daher in der Übersetzung nach dem Hebr. verbessert. (Den Codex Bezae hat Erasmus damals noch nicht gekannt.) Luthers asabthani (an beiden Stellen!) ist vermutlich eine Übernahme der erasmischen Mt-Konjektur. Warum die Herausgeber der 2017er Revision der Lutherbibel diesen Zopf nicht endlich abgeschnitten haben, ist mir schleierhaft.

Mein Dank ergeht an Oliver Achilles für die Links auf Brederek und Dalman, die er in seinem Auslegungssache-Artikel »Eli, Eli, lema sabachthani« gesetzt hat.

Gen 19,26: Lots Frau

In Gen 19 führen die Engel Lot und seine Familie aus der zur Vernichtung bestimmten Stadt Sodom und fordern ihn auf, sich rasch in Sicherheit zu bringen und sich nicht umzusehen (V. 17). So gelangen die Lots nach Zoar. Gott aber lässt Feuer und Schwefel vom Himmel regnen und zerstört die ganze Gegend um Sodom und Gomorrha. „Aber Lots Frau blickte zurück und wurde zur Salzsäule.“ So oder so ähnlich heißt es in V. 26.

Tatsächlich steht im masoretischen Text aber „seine (Lots) Frau schaute מֵאַחֲרָיו me-ʾaḥarā(j)w, das heißt nach Reiner-Friedemann Edels Präparation zur Stelle „von hinter ihm (Lot), hinter ihm weg“. Man würde אַחֲרֶיהָ ʾaḥaræ̂hā „hinter sich“ erwarten (vgl. V. 17 אַחֲרֶיךָ ʾaḥaræ̂kā „hinter dich“), und das wird wohl auch gemeint sein. So haben es auch die Übersetzer seit der LXX (εἰς τὰ ὀπίσω „nach hinten“) verstanden. August Dillmann in seinem Genesis-Kommentar zur Stelle erklärt: „schaute sein Weib von hinter ihm weg] d. h. sie gieng nach Ṣoar hinter Loṭ her, sah sich aber aus weibl. Neugierde einmal um“. Von der Reihenfolge der Ereignisse muss V. 26 wohl vor V. 23 gedacht werden; Lot kommt ohne seine Frau nach Zoar.

Auch die sprichwörtliche Salzsäule verdankt sich der LXX: ἐγένετο στήλη ἁλός „sie wurde eine Salzsäule“ (vgl. auch Sap 10,7). Das hebr. נְצִיב neṣîb heißt sonst nirgends „Säule“, sondern „Statthalter, Vogt; Wachposten, Besatzung“ (1Sam 10,5; 13,3f; 2Sam 8,6. 14; 1Kön 4,19; 1Chr 11,16; 18,13; 2Chr 8,10; 17,2; v. נצב nṣb Hi. „hinstellen; einsetzen“). Wörtlich wird Lots Frau also vielleicht zu einem „Wachposten aus Salz“. Ganz gut trifft es daher die Vulg.: versa est in statuam salis „sie wurde in eine Salzstatue verwandelt“. Der semantische Unterschied ist zugegebenermaßen bedeutungslos.

Zum Sachlichen: Menschen verwandeln sich nicht buchstäblich in Natriumchlorid. Das ganze erinnert an die Sage von der Frau Hitt, einem Gipfel des Karwendelgebirges. Der Sage nach war Frau Hitt eine um ihrer Hartherzigkeit willen zu Stein verwandelte Riesenkönigin. Die durch Wind und Sonneneinstrahlung entstehenden pittoresken Gebilde aus Steinsalz am Südufer des Toten Meeres mochten zu mancherlei phantastischer Spekulation Anlass geben. Die Stuttgarter Erklärungsbibel drückt es sehr diplomatisch aus: „Am Südwestende des Toten Meeres findet man noch heute Steinsalzsäulen, die durch Erosion entstehen und an das Schicksal von Lots Frau erinnern.“ Was immer genau mit Lots Frau passiert ist, die Salzstatuen der Gegend mögen als Warnung dienen, was geschieht, wenn man Gottes Anweisung zum Trotz zurückblickt. In Lk 17,31f gebraucht Jesus das Beispiel von Lots Frau, um davor zu warnen, bei der Wiederkunft des Menschensohns noch ein Stück seines alten Lebens retten zu wollen.

Heute heißen zwei Gesteinsformationen der Gegend Lots Frau, ein großes kantiges Gebilde im har Sedom (Mount Sodom, arab. ǧebel Usdum) im Südwesten des Toten Meeres in Israel, und eine Felsnadel auf der gegenüberliegenden Seite des Toten Meeres in der Nähe des sog. Lot-Heiligtums in Jordanien.

1Sam 13,21: Pim

Die Passage 1Sam 13,19-21 erklärt, warum es zu Beginn von Sauls Königtum kaum Waffen in Israel gab: die Israeliten hatten keine Schmiede. Wenn sie ihre metallenen landwirtschaftlichen Geräte reparieren lassen wollten, mussten sie zu den Philistern gehen. V. 21 lautet:

MT וְהָיְתָה הַפְּצִירָה פִים לַמַּחֲרֵשֹׁת וְלָאֵתִים וְלִשְׁלֹשׁ קִלְּשֹׁון וּלְהַקַּרְדֻּמִּים וּלְהַצִּיב הַדָּרְבָן Und das Schärfen (oder: die Gebühr) war ein Pim für die Pflugscharen und für die Hacken und für Dreizacke und für die Äxte und für das Einsetzen (oder: Gerademachen?) des Ochsenstachels.
LXX καὶ ἦν ὁ τρυγητὸς ἕτοιμος τοῦ θερίζειν· τὰ δὲ σκεύη ἦν τρεῖς σίκλοι εἰς τὸν ὀδόντα, καὶ τῇ ἀξίνῃ καὶ τῷ δρεπάνῳ ὑπόστασις ἦν ἡ αὐτή. Und es war die Weinlese bereit zum Ernten; die Geräte waren drei Schekel auf den Zahn (?), und für die Axt und für die Sichel war die Grundlage (?) dieselbe.
TgJ וְהָוֵי לְהוֹן שוֹפִינָא לְחָרָפָא בֵיה פְגִימַת כָל מָן דְבַרזַל לְעַשפַיָה וֻלסִכַת פַדָנַיָא וְלִמצִלַת קָצְרַיָא דְלֵיה (דְלַה) תְלָת שִנִין (שִנַיִן) וֻלכֻלבַיָא וֻלאַנָצָא (ולאפצא, ולאנצבא) זְקַת Und sie hatten eine Feile, um damit die Stumpfheit jeden Gerätes aus Eisen zu schärfen: für die Beile und für die Pflugscharen und für die Walkergabeln und für seine drei Zähne und für die Äxte, und um den Stachel zu schärfen.
Pesch. ܘܗܘܐ ܫܘܦܝܢܐ ܕܦܬܐ ܠܡܓܠܐ ܘܠܣܟܬܐ ܘܠܐܒܘܬܐ ܘܠܟܘܠܒܐ ܘܠܩܝܡܬܐ ܕܡܣܣܐ܂ Und es gab eine breite Feile für die Sichel und für die Pflugschar und für den Stachel und für die Axt und für den Schaft des Ochsenstachels.
Vulg. retunsae itaque erant acies vomerum et ligonum et tridentum et securium usque ad stimulum corrigendum. Daher waren die Schneiden der Pflugscharen und Hacken und Dreizacke und Äxte bis zum geradezurichtenden Stachel abgestumpft.
KJV Yet they had a file for the mattocks, and for the coulters, and for the forks, and for the axes, and to sharpen the goads. Jedoch hatten sie eine Feile für die Hacken und für die Pflugscharen und für die Gabeln und für die Äxte und um die Ochsenstacheln zu schärfen.
Luther
1545
Vnd die schneiten an den sensen / vnd hawen vnd gabbeln vnd beilen waren abgeerbeitet / vnd die stachel stumpff worden.

Gewichtsstein mit der Aufschrift פים (Draufsicht).
Quelle: Wikimedia.– Urheber: Funhistory, 2006.– Lizenz: gemeinfrei. Bearbeitung: verkleinert, Hintergrund entfernt, weichgezeichnet, Kontrast erhöht.

Die Stelle ist ein Nest von hapax legomena, also Wörtern, die nur hier vorkommen. Klar ist, dass der Text eine Aufzählung landwirtschaftlicher Geräte enthält. פִּים darf inzwischen als geklärt betrachtet werden, bei פְּצִירָה können wir nur raten, קִלְּשֹׁון bleibt rätselhaft. Ein Problem für sich ist die Frage, welcher hebr. Text der LXX zugrundelag und was die Übersetzung bedeuten soll.

2Kor 3,18: Sehen oder spiegeln

In 2Kor 3,4-18 vergleicht Paulus den alten Bund mit dem neuen, den Dienst des Buchstabens mit dem Dienst des Geistes. Im alten Bund musste Mose, nachdem er vom Berg Sinai gekommen war, sein Antlitz verhüllen (Ex 34,29-35). Diese Verhüllung liegt nach Paulus nach wie vor auf den Israeliten, wenn sie Mose lesen. Die aber an Jesus glauben, sehen (?) mit unverhülltem Antlitz. Der letzte Vers des betreffenden Abschnitts lautet:

ἡμεῖς δὲ πάντες ἀνακεκαλυμμένῳ προσώπῳ τὴν δόξαν κυρίου κατοπτριζόμενοι Wir alle aber, mit enthülltem Antlitz die Herrlichkeit des Herrn spiegelnd (oder: im Spiegel betrachtend),
τὴν αὐτὴν εἰκόνα μεταμορφούμεθα ἀπὸ δόξης εἰς δόξαν werden in dasselbe Bild verwandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit
καθάπερ ἀπὸ κυρίου πνεύματος. wie vom Herrn, dem Geist (oder: vom Geist des Herrn).

Das Präsenspartizip κατοπτριζόμενοι kann wohl nur medial sein. Nun bedeutet κάτοπτρον „Spiegel“, κατοπτρίζω daher „spiegeln, reflektieren“. Doch welche Bedeutung hat das Medium? Manche Übersetzungen halten das Medium für mehr oder weniger bedeutungsgleich mit dem Aktiv. Daher haben Hoffnung für alle 2005, Einheitsübers. 2006 und Luther 2017 „wir spiegeln wider“. Bei Artemidor (2,7), Athenaios (15,35 = 687C) und Diogenes Laertius (2,33; 3,39; 7,17) bedeutet das (immer intransitiv gebrauchte) Medium „sich selbst im Spiegel anschauen“. Da es hier transitiv gebraucht ist, deuten es viele als „sich etwas im Spiegel anschauen“. So hat Luther 1984 „wir schauen wie in einem Spiegel“, Gute Nachricht 1992 „wir sehen“, Elberfelder Übers. 2001 „wir schauen an“. So geben es auch die meisten Wörterbücher zum ntl. Griech. wieder (Schirlitz, Preuschen, Bauer). So hat es die Vulgata: speculantes „beobachtend“ (speculor wohl wegen speculum „Spiegel“ gewählt). So hat es die bohairische Übersetzung: ⲧⲉⲛϫⲟⲩϣⲧ ϧⲉⲛ ⲟⲩⲓⲁⲗ „wir sehen in einem Spiegel“ (Horners sahidischer Text hat an dieser Stelle eine Lücke). So hat es die syrische Peschitta: ܐܝܟ ܕܒܡܚܙܝܬܐ ܚܙܝܢܢ „wir sehen wie in einem Spiegel“.

Bemerkenswert ist, dass das Passiv μεταμορφούμεθα „wir werden verwandelt“ ebenfalls transitiv gebraucht ist. Eigenartigerweise gibt die Lutherübers. das Akkusativobjekt τὴν αὐτὴν εἰκόνα mit „in sein Bild“ wieder (als ob τὴν αὐτοῦ εἰκόνα stünde, was sich in den Hss. aber nicht findet), richtig ist „in dasselbe Bild“ (wie auch Luther selbst übersetzt hat).

Unklar ist, wie Paulus ἀπὸ κυρίου πνεύματος gemeint hat.

Auch der Sinn des καθάπερ „(gleich)wie, gemäß“ ist dunkel und Rieneckers Erklärung „begründend, warum es so geschehen muß“ mir nicht ganz nachvollziehbar. Klar hingegen ist die Aussage, dass die beschriebene Verwandlung der Gläubigen durch Gott bzw. seinen Geist geschieht.


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 13. Sep. 2020