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Einhorn



Relief eines Stiers am Ištar-Tor, Pergamon-Museum Berlin. Weitere Beispiele s. Reliefs of bulls on the Ishtar Gate (Pergamonmuseum).– Quelle: Wikimedia.– Urheber: Josep Renalias.– Lizenz: CC BY-SA 3.0. Bearbeitung: geringfügig beschnitten, verkleinert, unscharf maskiert.

Orthostat mit Relief einer Stierjagd.– Quelle: museum-digital:staatliche museen zu berlin (eMuseumPlus).– Urheber: Vorderasiatisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin; Fotograf: Olaf M. Teßmer.– Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0.– Bearbeitung: verkleinerter Bildausschnitt, Kontrast erhöht.

Relief eines Löwen, der einen Stier anfällt. Palast von Persepolis.– Quelle: Wikimedia.– Urheber: Cadusiii, 2018.– Lizenz: CC BY-SA 4.0. Bearbeitung: perspektivisch entzerrt, Kontrast erhöht, verkleinert, unscharf maskiert.

Neuzeitliche Vorstellung vom Einhorn: ein Pferd mit langem Horn. Skulptur im Schlosspark Hellbrunn, Salzburg (14. Feb. 2019).

In der 1912er-Revision der Lutherbibel konnte man noch lesen (Text nach dem Digitalisat bei Zeno.org):

Num 23,22: Gott hat sie aus Ägypten geführt; seine Freudigkeit ist wie eines Einhorns.

Num 24,8: Gott hat sie aus Ägypten geführt; seine Freudigkeit ist wie eines Einhorns.

Dtn 33,17: Seine Herrlichkeit ist wie eines erstgeborenen Stieres, und seine Hörner sind wie Einhornshörner; mit denselben wird er die Völker stoßen zuhauf bis an des Landes Enden.

Hi 39,9: Meinst du das Einhorn werde dir dienen und werde bleiben an deiner Krippe?

Ps 22,22: Hilf mir aus dem Rachen des Löwen und errette mich von den Einhörnern!

Ps 29,6: Und macht sie hüpfen wie ein Kalb, den Libanon und Sirjon wie ein junges Einhorn.

Ps 92,11: Aber mein Horn wird erhöht werden wie eines Einhorns, und ich werde gesalbt mit frischem Öl.

Jes 34,7: Da werden die Einhörner samt ihnen herunter müssen und die Farren samt den gemästeten Ochsen.

Einhörner? Im Ernst? Wie kommt Luther auf dieses Fabeltier? Aus dem Kontext ergibt sich nur, dass es sich um ein Wildtier (kein Haustier) handeln muss, das Hörner hat. (Das in seiner Bedeutung unsichere תוֺעָפוֺת tôʿāpôt, von Luther mit „Freudigkeit“ wiedergegeben, wird heute meist mit „Hörner“ übersetzt.)

Die LXX hat an 7 dieser Stellen μονόκερως monókerōs „einhörnig; Einhorn“, nur Jes 34,7 ἁδρός hadrós „fett“. Die Vulg. schwankt zwischen rīnocerōs „Nashorn“, Ps 92,11 monocerōs „Einhorn“ (als griech. Fremdwort) und Ps 22,22; Jes 34,7 ūnicornis „einhörnig; Einhorn“ (als Lehnübersetzung, sonst im Lat. meist zur Bezeichnung des Nashorns).

Ganz offensichtlich ist Luther den Übersetzern der LXX gefolgt, die hier an ein einhörniges Tier dachten, vielleicht an ein Rhinozeros. Im Hebr. steht רְאֵם reʾem (plene רְאֵים, kontrahiert רֵים rêm). Den Wörterbüchern zufolge ist das „Wildochse, Wildstier“ (also vermutlich der Auerochse). So haben es auch die neueren Übersetzungen: „wilder Stier“, „Wildstier“ oder „Büffel“ die Gute Nachricht 1992, „Büffel“ oder „Wildstier“ die Einheitsübersetzung 2006, „Wildstier“ oder „wilder Stier“ Luther 2017.

Das dt. Wort Büffel ist ein Überbegriff für verschiedene Rinderarten, wie den asiatischen Wasserbüffel (Bubalus arnee) oder den afrikanischen Kaffernbüffel (Syncerus caffer). In nicht-fachsprachlichem Kontext wird auch der Amerikanische Bison (Bos bison) oftmals als Büffel bezeichnet, kaum jedoch der Wisent (Bos bonasus). Der Auerochse (der in der Neuzeit ausgestorben ist), war die Wildform des heutigen Hausrinds. Den Rekonstruktionen zufolge sah er etwa wie ein Spanischer Kampfstier aus.

Etymologisch ist das hebr. Wort zu assyr. rîmu zu stellen (s. Delitzsch, Assyr. Handwb., S. 603a), das, wie die gelegentliche Schreibung mit dem Determinativ alpu „Rind“ und vor allem die bildlichen Darstellungen auf assyrischen Reliefs zeigen, ein Wildstier gewesen sein muss. Dazu passt, dass das hebr. Wort an 3 Stellen neben anderen Wörtern steht, die Rinder bezeichnen.

Hommel verweist darauf, dass das entsprechende arab. Wort رِئْمٌ riʾmun die Arabische Oryxantilope (Oryx leucoryx) bezeichnet. Er betont aber, dass die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „wilder ochs“ war.

Friedrich Delitzsch schreibt dazu: „Die Keilschriftdenkmäler haben uns gelehrt, wer der rêmu ist: es ist der gewaltige, mit starken, gekrümmten Hörnern ausgerüstete, grimmig blickende Wildochs, ein Tier des Waldes und Gebirges, welches die Spitzen der höchsten Berge erklimmt, ein Tier von riesiger Körperkraft, dessen Jagd gleich der des Löwen ihrer Gefährlichkeit wegen bei den assyrischen Königen besonders beliebt war.“ (Bibel u. Babel 2, S. 7.) Zur Verdeutlichung hat er Abbildungen u.a. vom Ištar-Tor. Auffallend ist, dass die Stiere auf den assyrischen und persischen Reliefs praktisch immer im Profil dargestellt sind, sodass nur ein Horn sichtbar ist. Vielleicht hat diese Darstellung zu dem Missverständnis geführt, hier sollten einhörnige Tiere abgebildet werden.

Ältere Literatur, die von Gesenius zitiert wird:


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 14. Feb. 2019