Michael Neuhold Homepage
Startseite > Biblica > Gehenna und Hades

Gehenna und Hades


Aufmerksam wurde ich auf das Thema durch einen Artikel von Carsten Schmelzer in Faszination Bibel: das Hinnomtal war keine Müllverbrennungsanlage! Wie wurde sein Name dann zum Inbegriff der Hölle? Beim Studium der Texte kam dann noch die Frage nach dem Verhältnis von Hölle und Totenreich dazu. Luther übersetzt auch Hades und Scheol gelegentlich mit „Hölle“ und erzeugt so eine gewisse begriffliche Unschärfe.

Das NT kennt zwei Wörter für den Aufenthaltsort der Toten: ᾅδης Hades (Vulg. infernus) und γέεννα Gehenna (Vulg. gehenna). Hades ist schlicht das Totenreich, die Unterwelt, in der nach griech. und atl. (Hades ist auch Wiedergabe des hebr. Scheol, s.u.) Vorstellung die Toten als kraftlose Schattenbilder ein freud- und erinnerungsloses Dasein führen. Die Gehenna ist die Hölle, der Strafort für die Sünder, der mit einem unauslöschlichen Feuer gleichgesetzt wird. Im folgenden werden alle ntl. Stellen zu diesen beiden Wörtern, die in Schmollers Handkonkordanz aufgeführt sind, zitiert. Ich habe sie selbst, weitgehend wortgetreu, übersetzt (wie man am hölzernen Duktus unschwer erkennen kann).

Das dt. Wort Hölle, mhd. helle, ahd. hell[i]a, got. halja bezeichnete ursprl. das Totenreich, v. germ. *halja, idg. *k̑oli̯o-. Es hängt zusammen mit dt. hehlen (nhd. meist verhehlen, kein(en) Hehl aus etw. machen, Hehler), idg. k̑el- „bergen, verhüllen“, vgl. lat. cēl-are „verbergen“, cella „(Vorrats-)Kammer, cl-am „heimlich“ (im Verborgenen) (Pokorny S. 553). Es bedeutete also ursprl. wohl „die (Ver-)Bergende“, so wie att.-griech. ᾅδης, ep. poet. ἀΐδης, meist auf *ἀ-ϝιδ- (α privativum + ϝιδ „sehen“ wie in εἶδον < ἐ-ϝιδ-ον „ich sah“) „unsichtbar (machend)“ zurückgeführt wird (was allerdings unsicher ist). Die got. Übersetzung Wulfilas' verwendet halja als Wiedergabe für Hades (Mt 11,23; Lk 10,15; 16,23; 1Kor 15,55), das Fremdwort gaíaínna für Gehenna (Mat 5,22; 5,29f; 10,28; Mk 9,43.45.47).

Gehenna


Ausschnitt aus Hieronymus Bosch (1450-1516), Musikalische Hölle (rechter Innenflügel des Triptychons Der Garten der Lüste): Projektion von Urängsten.- Quelle: Wikipedia.

„Er faßt die arme Seele schnelle
Und fährt mit ihr zum Schlund der Hölle.
Hinein mit ihr! – Huhu! Haha!
Der heil'ge Franz ist auch schon da.“
(Wilhelm Busch, Die fromme Helene, 1872): Satire auf volkstümliche Vorstellungen.- Quelle: http://www.zeno.org - Contumax GmbH & Co. KG (Busch, Wilhelm: Werke. Hist.-krit. Gesamtausg. Bd. 2.- Hamburg: 1959, S. 292).
Mt 5,22: Ich aber sage euch: jeder, der seinem Bruder zürnt, wird dem Gericht verfallen sein; wer aber zu seinem Bruder sagt: Trottel (Raká), der wird dem Hohen Rat verfallen sein; wer aber sagt: Idiot (Moré), der wird der Gehenna des Feuers [d.h. der feurigen Hölle] verfallen sein.

Eine vieldiskutierte Stelle, vor allem in Hinblick darauf, ob zwischen griech. ῥακά (d.i. vermutl. aram. רֵיקָא < hebr. רֵק ,רֵיק „leer, nichtig“, wohl im Sinne von „Hohlkopf“ od. „Nichtsnutz“) und griech. μωρός „Tor, Dummkopf“ eine Steigerung vorliegt. Ich kann, ehrlich gesagt, keine erkennen. Beide Wörter scheinen mir austauschbare Alltagsbeleidigungen zu sein, mit denen man die intellektuellen Fähigkeiten des anderen in Zweifel zieht. Vielleicht will das Wort besagen: nicht erst, wer tötet, sondern schon wer seinem Bruder auch nur zürnt oder ihn kränkt, gehört vor ein Gericht, ja letztlich eigentlich in die Hölle.

Manche möchten Raka zu aram. רוּק ,רְקַק „spucken“ stellen und es im Sinne von „ich spucke auf dich“ verstehen. Aber es gibt keine Form der 1. Pers. Sg., die halbwegs so klingt wie raka. Da das Wörterbuch von Marcus Jastrow רֵיקָא, Pl. רֵיקַיָּא, in der Bedeutung „good for nothing, worthless man“ auch für die Targumim verzeichnet (M. Jastrow, A Dictionary of the Targumim [...], S. 1476, bei Archive.org), halte ich es für viel wahrscheinlicher, dass Jesus genau das gemeint hat.

Mt 5,29f: 29 Wenn dich dein rechtes Auge ärgert [d.h. zur Sünde verleitet], reiß es aus und wirf es von dir; denn es nützt dir [d.h. ist von Vorteil/ besser für dich], dass eines deiner Glieder verloren geht und nicht dein ganzer Körper in (die) Gehenna geworfen wird. 30 Und wenn dich deine rechte Hand ärgert, schneide sie ab und wirf sie von dir; denn es nützt dir, dass eines deiner Glieder verloren geht und nicht dein ganzer Körper in (die) Gehenna (weg)geht. (im Griech. ohne Art.)
Mt 18,8f: 8 Wenn dich deine Hand oder dein Fuß ärgert, schneide ihn ab und wirf ihn von dir; es ist besser für dich, verstümmelt oder hinkend in das Leben einzugehen, als mit zwei Händen oder zwei Füßen in das ewige Feuer geworfen zu werden. 9 Und wenn dich dein rechtes Auge ärgert, reiß es aus und wirf es von dir; es ist besser für dich, einäugig in das Leben einzugehen als mit zwei Augen in die Gehenna des Feuers geworfen zu werden.
Mk 9,43.45.47: 43 Und wenn dich deine Hand ärgert, schneide sie ab; es ist besser, dass du verstümmelt in das Leben eingehst, als dass du mit beiden Händen in die Gehenna (weg)gehst, in das unauslöschliche Feuer. 45 Und wenn dich dein Fuß ärgert, schneide ihn ab; es ist besser, dass du hinkend in das Leben eingehst, als dass du mit beiden Füßen in die Gehenna geworfen wirst. 47 Und wenn dich dein Auge ärgert, wirf es hinaus; es ist besser, dass du einäugig in das Reich Gottes eingehst, als dass du mit zwei Augen in die Gehenna geworfen wirst, wo „ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht verlischt“.

Die Gehenna ist ein Ort ewigen Feuers. Sie ist schrecklicher als körperliche Verstümmelung. Dorthin kommen Menschen, die sich zur Sünde verleiten ließen. Mt 5 ist wohl kaum so zu verstehen, dass buchstäblich der (alte) Körper in die Gehenna kommt. Vielmehr kommt der Mensch, dessen Körper in diesem Leben unversehrt („ganz“) geblieben war, nach dem Gericht in die Gehenna. Der Halbvers vom Wurm, der nicht stirbt (d.i. nicht endende Qual) usw., ist ein Zitat vom Ende des Jesajabuches (Jes 66,24, s.u.), gesagt von den Leichen derer, die von Gott abtrünnig waren.

Mt 10,28: Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Körper töten, die Seele aber nicht töten können. Fürchtet lieber den, der Seele und Körper in (der) Gehenna verderben kann.
Lk 12,4f: 4 Ich sage aber euch, meinen Freunden: fürchtet euch nicht vor denen, die den Körper töten und danach nichts weiter haben, was sie tun können. 5 Ich werde euch aber zeigen, wen ihr fürchten sollt: fürchtet den, der nach dem Töten [d.h. nachdem er getötet hat] Macht hat, in die Gehenna zu werfen.

Die Stelle ist eine Aufforderung zum mutigen Bekenntnis. Menschen können nur den Leib töten, haben aber weiter keine Macht. Daher sollten Christen sich nicht vor Menschen oder dem Tod fürchten, sie sollen nur Gott fürchten, der darüber richtet, wo die Menschen die Ewigkeit verbringen werden (vgl. Mk 8,35-37).

Mt 23,15: Wehe euch, heuchlerische Schriftgelehrte und Pharisäer, dass ihr das Meer und das Land durchzieht, um einen Proselyten [Nichtjude, der den mosaischen Glauben angenommen hat] zu machen, und wenn er es geworden ist, macht ihr ihn zu einem Sohn Gehennas, doppelt (so viel) wie ihr.

Ein Sohn der Hölle ist jemand, der von dort kommt oder dorthin gehört, so wie die Söhne des Reiches (Mt 13,38) jene sind, die dem Reich Gottes angehören. Die Mission der Pharisäer gewinnt zwar Menschen für den mosaischen Glauben, aber da diese Proselyten zu Gegnern Jesu gemacht werden, kommen sie letztlich in die Hölle. Damit sind die Schriftgelehrten und Pharisäer Schuld an der Verdammnis dieser Menschen.

Mt 23,33: Schlangen, Natternbrut! Wie wollt ihr dem Gericht [d.h. der Strafe] der Gehenna entkommen?

Das Gericht der Gehenna ist die vom (jüngsten) Gericht ausgesprochene Verurteilung zur Gehenna, die Höllenstrafe.

Jak 3,6: Auch die Zunge ist ein Feuer, die Welt der Ungerechtigkeit, die Zunge besteht in unseren Gliedern, die den ganzen Körper befleckt und die das Rad des Werdens in Brand setzt und die in Brand gesetzt wird von der Gehenna.

Kompliziert formulierte Tirade gegen die Zunge, jenes Körperglied mit dem wir großes Unheil anrichten können.

Feuer, Finsternis, Weinen

Abgesehen von der Jak-Stelle kommt das Wort Gehenna nur in den Reden Jesu vor. Die Sache kommt aber auch an anderen Stellen, häufig im Bild des (ewigen, unauslöschlichen) Feuers, im NT vor. In der Offb ist mehrmals die Rede von λίμνη τοῦ πυρός „See des Feuers, Feuersee“ (Luther: „feuriger Pfuhl“). Jesus spricht auch von Finsternis, Weinen, Zähneknirschen.

Mt 3,12: Dessen Worfschaufel ist in seiner Hand, und er wird seine Tenne [d.h. das Getreide auf ihr] säubern, und er wird sein Getreide in die Scheune sammeln, die Spreu aber wird er mit unauslöschlichem Feuer verbrennen. (fast wortident Lk 3,17)

Eine Worfel oder Kornschwinge ist ein schaufelartiges Gerät (meist ein Flechtkorb), mit dem man das gedroschene Getreide in die Luft wirft, damit der Wind die Spreu verweht (worfeln, windsichten). Die Tenne säubern bedeutet wohl soviel wie das Getreide dreschen, die Spreu vom Weizen trennen. Mit dem unauslöschlichen Feuer wird das Bild verlassen und auf die Gehenna referenziert (weil reales Feuer ja nicht unauslöschlich ist). Ganz im Bild bleiben Mt 7,19 (Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.) und Joh 15,6 (Wenn jemand nicht an mir bleibt, wird er weggeworfen wie die Rebe und verdorrt, und sie sammeln sie und werfen sie ins Feuer und sie verbrennen.)

Mt 13,41f. 49f: 41 Der Menschensohn wird seine Boten [od. Engel] aussenden, und sie werden aus seinem Reich alle Ärgernisse [d.h. alle, die Ärgernis/Anstoß bereiten] und die die Gesetzlosigkeit begehen einsammeln, 42 und sie werden sie in den Ofen des Feuers werfen; dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein. [...]
49 So wird es in der Vollendung [d.h. am Ende] der Welt(zeit) sein: die Engel werden ausgehen und werden die Bösen aus der Mitte der Gerechten trennen 50 und werden sie in den Ofen des Feuers werfen; dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein.
Mt 25,41-43.46: 41 Dann wird er auch zu denen auf der linken Seite sagen: Geht (weg) von mir, Verfluchte, in das ewige Feuer, das bereitet ist für den Teufel und seine Engel. 42 Denn ich war hungrig und ihr habt mir nicht zu essen gegeben, ich war durstig und ihr habt mich nicht getränkt, 43 ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen, ich war nackt und ihr habt mich nicht bekleidet, ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. [...] 46 Und diese werden weggehen zu ewiger Strafe, die Gerechten aber zu ewigem Leben.

Eigentümlich ist der Ausdruck Ofen des Feuers (Luther: „Feuerofen“, Einheitsübers.: „Ofen, in dem das Feuer brennt“, Gute Nachricht: „glühender Ofen“), Ofen hätte ja gereicht. Gemeinsam ist diesen Stellen die Scheidung des Brauchbaren, Guten vom Nutzlosen, Unfruchtbaren und das Feuer, in das letzteres geworfen wird.

Heb 10,26f: 26 Denn wenn wir freiwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, bleibt kein Opfer mehr für (die) Sünden übrig, 27sondern ein ganz furchtbares Erwarten von Gericht und ein Eifer von Feuer [d.h. ein eifriges Feuer?], das die Widersacher verzehren wird.
Jud 7: Wie Sodom und Gomorrha und die Städte um sie herum, die auf gleiche Weise wie diese Unzucht getrieben hatten und weggegangen waren hinter anderem Fleisch [d.h. diesem nach], als Beispiel vor Augen liegen, indem sie (die) Strafe ewigen Feuers erleiden.

Welche Perversion mit dem „anderen Fleisch“ bezeichnet werden soll, ist nicht ganz klar. Viele Ausleger denken an den Wunsch, mit den Engeln, die Lot besuchten, zu verkehren (Gen 19,5). „Wie diese“ bezieht sich auf die in V. 6 genannten gefallenen Engel. Die Städte wurden nach Gen 19,24f von realem Feuer vernichtet. Doch wird es hier (gemäß jüd. Tradition) zu ewigem Feuer und damit zur Höllenstrafe umgedeutet.

Unklar V. 23: rettet (sie), aus dem Feuer reißend. Könnte bedeuten: dem Feuer der Hölle entreißen; muss es aber nicht.

Offb 14,9-11: 9 Und ein weiterer, dritter Engel folgte ihnen und sagte mit lauter Stimme: Wenn jemand das Tier und sein Bild anbetet und sein Mal auf seine Stirn oder auf seine Hand annimmt, 10 dann wird derselbe vom Wein des Unwillens des Gottes trinken, der unvermischt im Becher seines Zornes eingeschenkt ist, und er wird mit Feuer und Schwefel gequält werden vor den heiligen Engeln und vor dem Lamm. 11 Und der Rauch ihrer Qual steigt auf in Äonen von Äonen [d.h. in alle Ewigkeit], und sie haben kein Aufhören [od. keine Ruhe, Unterbrechung] Tag und Nacht, die das Tier und sein Bild anbeten und wenn jemand annimmt das Mal seines Names.
Offb 19,20: Und das Tier wurde gefangen und mit ihm der falsche Prophet, der die Zeichen vor ihm getan hatte, mit denen er die in die Irre geführt hatte, die das Mal des Tieres angenommen und sein Bild angebetet hatten; lebendig wurden die zwei in den See des Feuers, der mit Schwefel brennt, geworfen.
Offb 20,10: Und der Teufel, der sie in die Irre geführt hatte, wurde in den See des Feuers und Schwefels geworfen, wo auch das Tier und der falsche Prophet waren; und sie werden gequält werden Tag und Nacht in die Äonen der Äonen.
Offb 20,14f: 14 Und der Tod und das Totenreich wurden in den See des Feuers geworfen. Das ist der zweite Tod: der See des Feuers. 15 Und wenn jemand nicht gefunden wurde aufgeschrieben im Buch des Lebens, wurde er in den See des Feuers geworfen.
Offb 21,8: Für die Feigen aber und Ungläubigen [od. Treulosen] und Abscheulichen und Mörder und Hurer und Zauberer und Götzenverehrer und alle Lügner ist ihr Los im See, der mit Feuer und Schwefel brennt; das ist der zweite Tod.

Ein Feuersee mit brennendem Schwefel, in den der Teufel und seine Helfershelfer und alle, die sich von ihm verführen haben lassen, alle notorischen Sünder geworfen werden und wo sie (zumindest erstere) unablässig in alle Ewigkeit gequält werden. Zwar wird gerne argumentiert, Feuer diene der Vernichtung, die Sünder würden also in der Hölle nicht gequält, sondern ausgelöscht, vernichtet, doch sagt Offb 14,11; 20,10 etwas anderes.

Mt 8,11f: 11 Ich sage euch aber: vielen werden von Osten und Westen kommen und sich mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch legen; 12 die Söhne des Reichs aber werden in die Finsternis draußen hinausgeworfen; dort wird das Weinen und das Zähneknischen sein.
Lk 13,28f: 28 Und es wird das Weinen und das Zähneknirschen sein, wenn ihr Abraham und Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes sehen werdet, euch aber nach draußen hinausgeworfen. 29 Und sie werden von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen und werden sich im Reich Gottes zu Tisch legen.
Mt 22,13: Dann sagte der König zu den Dienern: Bindet seine Füße und Hände und werft ihn [scil. den Gast ohne Festgewand] in die Finsternis draußen hinaus; dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein.
Mt 24,50f: 50 [...] (dann) wird der Herr jenes Sklaven [scil. der seine Mitsklaven schlägt und mit den Betrunkenen zecht] an einem Tag kommen, an dem er es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, 51 und wird ihn zweiteilen und wird ihm seinen Anteil bei den Heuchlern zuweisen; dort wird das Heulen und das Zähneknirschen sein.
Mt 25,30: Und den nichtsnutzigen Sklaven werft hinaus in die Finsternis draußen; dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein.

Ausgesperrt sein in die Finsternis draußen, Weinen und das Knirschen mit den (im Schmerz zusammengepressten) Zähnen sind weitere Umschreibungen für die Hölle.

Die Gehenna, das (ewige) Feuer, die Finsternis draußen ist ein Ort ewiger Strafe. Warum sonst sollte man sie mehr fürchten als den Tod? Wozu sonst bedarf es eines ewigen Feuers? (Zwar kann das Subst. αἰών auch „(begrenzte) Zeit, Lebenszeit, Zeitalter“ bedeuten, aber es bedarf schon einiger argumentativer Klimmzüge, um dem Adj. αἰώνιος im NT eine andere Bedeutung als „ewig“ beizulegen. Wenn ewiges Feuer nicht ewig ist, was ist dann mit ewigem Leben?)

Die verwendeten Bilder (Feuer, Finsternis, Weinen, Zähneknirschen) weisen auf äußersten Schmerz, Reue, Verlassenheit, Verzweiflung. Bei der nicht eben geringen Zahl von Stellen wird man Jesus kaum absprechen können, dass er an die Möglichkeit der Hölle im Sinne eines ewigen Ausgeschlossenseins, einer ewigen Qual, geglaubt und vor ihr gewarnt hat.

Hinnomtal


Landschaft des antiken Jerusalem: Moriah ist der Tempelberg, Bezetha heute das muslim. Altstadtviertel. Das Tyropöontal ist heute eingeebnet, sein südl. Teil liegt im jüd. Viertel. Der nördl. Teil von Zion entspricht dem armen. Viertel (d.i. aber nicht das Zion der Bibel!).- Quelle: Hurlbut, Bible Atlas, S. 75.

Bieberstein, Klaus: Art. „Hinnomtal“, in: WiBiLex, 2011.
Schmelzer, Carsten: „Die Hölle ist eine Müllhalde“, in: Faszination Bibel 1/2013, S. 33.
Wikipedia-Art. Gehinnom
Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments. Übers u. hrsg. Emil Kautzsch.- Bd. 2.- Tübingen: Mohr, 1900. (Als „Mitarbeiter“, der das Buch „bearbeitet“ hat, wird für Henoch Georg Beer, für 4. Esra Hermann Gunkel genannt; ich vermute, sie sind die Übersetzer.) bei Archive.org
Das Buch Henoch. Uebers. u. erkl. v. [Christian Friedrich] A[ugust] Dillmann.- Leipzig: Vogel, 1853. bei Google Books
Das Buch Henoch. Hrsg. v. Joh. Flemming u. L. Radermacher. Leipzig: Hinrichs, 1901. bei Archive.org
Cremer, Hermann: Biblisch-theolog. Wörterbuch der neutestamentl. Gräcität.- 9., vermehrte u. verb. Aufl.- Gotha: Perthes, 1902. bei Archive.org
Hurlbut, Jesse: Bible Atlas. A manual of biblical geography and history [...].- Überarb. Ausg.- Chicago: Rand, McNally & Co., 1910. bei Archive.org

Das Wort Ge(h)enna ist die griech. Wiedergabe der aram. Form גְהִנָּם des hebr. גֵּיא הִנֹּם „Tal Hinnoms“, meist גֵּיא בֶן־הִנֹּם „Tal des Sohnes Hinnoms“, einmal גֵּי בְנֵי־הִנֹּם „Tal der Söhne Hinnoms“ genannt. Über den Namensgeber Hinnom bzw. seine Söhne ist weiter nichts bekannt. Wie kommt nun dieses Tal im Süden und Westen des antiken Jerusalem zu der zweifelhaften Ehre, Namensgeber für die Hölle zu werden?

Das Tal wird erstmals genannt im Buch Josua im Zuge der Beschreibung der Nordgrenze des Stammesgebietes von Juda und der Südgrenze Benjamins (Jos 15,8; 18,16). Im Hinnomtal befand sich das Tophet, eine Opferstätte, an der bis zur Kultreform Josias dem Moloch Kinderopfer dargebracht wurden (Jer 7,31; 19,4f; 32,35; 2Kön 23,10), z.B. durch die Könige Ahas (2Chr 28,3) und Manasse (2Chr 33,6). Vermutl. ist auch mit dem nicht näher bezeichneten Tal in Jer 2,23 und mit dem Tal der Leichen und der Asche in Jer 31,40 das Hinnomtal gemeint.

Nach Jes 30,33 steht am Tophet schon ein Scheiterhaufen für die Assyrer und ihren König bereit, der nur darauf wartet, von Gott angezündet zu werden. Jeremia prophezeit, dass man das Hinnomtal in Tal des Schlachtens, Würgetal umbenennen und im Tophet Leichname begraben wird, weil sonst kein Raum mehr sein wird (Jer 7,32; 19,6).

Jes 66,23f: 23 Und es wird geschehen: jeden Neumond | und jeden Sabbat | wird alles Fleisch kommen, | um niederzufallen [d.i. anzubeten] vor mir, spricht JHWH. 24 Und sie werden hinausgehen und sehen | auf die Leichname der Männer, die mir abtrünnig waren, | denn ihr Wurm wird nicht sterben | und ihr Feuer wird nicht verlöschen. | Und sie werden ein Abscheu sein für alles Fleisch.

Diejenigen, die sich von Gott abgewendet haben, werden nicht einfach getötet, sondern ihre Leichen (nicht ihre Seelen!) werden in einem immerwährenden Wurmfraß und mit unauslöschlichem Feuer dauerhaft zur Schau gestellt, gleichsam als Warnung für kommende Generationen. Sie werden hinausgehen, nämlich vor die Tore Jerusalems; ob der Prophet hier schon speziell das Hinnomtal im Auge hatte, kann nicht eindeutig gesagt werden. Auf jeden Fall aber bot diese Stelle ein prägnantes Bild, auf das Jesus in der Charakterisierung der Gehenna Mk 9,47 zurückgreifen konnte.

Bei vielen Auslegern kann man lesen, das Hinnomtal sei nach seiner Entweihung durch Josia (damit man es nicht mehr als Opferstätte benutzen konnte) zu einem Friedhof und Müllverbrennungsort gemacht worden, wo es unablässig gebrannt und gestunken habe. Das sei der Grund, warum es zum Inbegriff der Hölle geworden ist. Z.B. Schneider, Wolfgang: Ewig in der Hölle schmoren?, auf BibelCenter.de:

Dieses Wort [scil. gehenna] ist eigentlich die griechische Bezeichnung für das nahe bei Jerusalem liegende Ben Hinnom Tal, das den Juden seit langem als Müllhalde diente und wo sie ihren Müll und ihren Unrat hinbrachten und verbrannten. Dieser Ort war in der Tat als ein "Ort ewigen Feuers" bekannt, weil der Müll nämlich ständig brannte und das Feuer dort nicht erlosch.

Oder im verbreiteten Kommentar des schott. Theologen William Barclay (1907- 1978) (Barclay, William: The Daily Study Bible, 1954?, Komm. zu Mk 9,43-48, bei Studylight.org):

When the valley had been so declared unclean and had been so desecrated it was set apart as the place where the refuse of Jerusalem was burned. The consequence was that it was a foul, unclean place, where loathsome worms bred on the refuse, and which smoked and smouldered at all times like some vast incinerator.
(dt.: Als das Tal so für unrein erklärt und entweiht worden war, wurde es bestimmt zum Ort, wo der Abfall Jerusalems verbrannt wurde. Die Folge war, dass es ein schmutziger, unreiner Ort war, wo sich widerliche Würmer auf dem Abfall fortpflanzten und der die ganze Zeit rauchte und schwelte wie ein riesiger Verbrennungsofen.)

Quelle dafür scheinen u.a. die Erläuterungen des jüd. Grammatikers und Bibelkommentators David Qimḥi (1160–1235, aus Narbonne, Frankreich) zu Ps 27 zu sein, die von christl. Theologen auch zitiert wurden, z.B. in Hermann Cremers Wörterbuch (s.v. Γέεννα, S. 238, bei Archive.org):

Nach Kimchis Angabe zu Ps. 27: „Gehinnam fuit locus spretus prope Jerusalem, in quem abjecerunt sordes et cadavera, et fuit ibi perpetuo ignis ad comburendum sordes illos [sic!] et ossa: propterea parabolice vocatur judicium impiorum Gehinnam“, wäre die Übertragung des Namens nicht vom Molochsdienste selbst hergenommen (vgl. 2 Kön. 23, 10. Jes. 30, 33), sondern von dieser späteren Benutzung des Thales zur Verbrennung von Aas durch ein immerfort unterhaltenes Feuer, nachdem Josia es hatte durch Leichname verunreinigen lassen.
(dt.: „Gehinnam war ein verachteter Ort nahe bei Jerusalem, in den man Unflat und Leichname [od. Aase] warf, und dort war ununterbrochen ein Feuer zum Verbrennen jenes Unflats und der Knochen; deshalb wird das Gericht über die Gottlosen gleichnishaft Gehinnam genannt.“)

Doch wie Carsten Schmelzer aufzeigt, gibt es weder archäolog. noch zeitgenössische literar. Hinweise dafür. Es handelt sich um eine theolog. urban legend. Neuere Wörterbücher, wie z.B. WiBiLex oder das von Fritz Rienecker herausgegebene Lexikon zur Bibel, bieten denn diese Erklärung auch nicht mehr. Treffender dürfte Cremers Hinweis auf Stellen sein, die vom verzehrenden Feuer des Gerichts reden:

Lev 10,2: Da ging Feuer aus vom Angesicht JHWHs und verzehrte sie [die Söhne Aarons, die unerlaubtes Feuer in ihre Räucherpfannen gegeben hatten] und sie starben vor dem Angesicht JHWHs.
Num 16,35: Und Feuer ging aus von JHWH und verzehrte die 250 Mann, die Räucherwerk darbrachten [d.i. die sog. Rotte Korah, die gegen Mose aufbegehrt hatte].
2Kön 1,12: Und Elijja antwortete und sagte zu ihnen: Wenn ich der Mann Gottes bin, soll Feuer vom Himmel fallen und dich und deine fünfzig [Soldaten] verzehren. Und ein Feuer Gottes fiel vom Himmel und verzehrte ihn [den Hauptmann, der in König Ahasjas Auftrag Elijja befohlen hatte, zum König zu kommen] und seine fünfzig. (fast identisch V. 10)

Vielmehr dürfte ausgehend von der Erinnerung an die Feueropfer für Moloch, den Gerichtsandrohungen Jer 7,32-34; 19,6-9 und Jes 30,33 (s.o.), sowie den eben zitierten Stellen in der jüd. Apokalyptik die Erwartung entstanden sein, dass hier ein Ort (ewigen) Straffeuers sein werde. Als Beleg wird meist der sog. Äthiopische Henoch (ein apokryphes Buch, dessen älteste Teile aus dem 3. Jh. v. Chr. stammen, die jüngeren werden irgendwo zwischen dem 1. Jh. v. und dem 3. Jh. n. Chr. angesiedelt) zitiert:

In äthHen 26 (im sog. Wächterbuch, 3. Jh. v.Chr.?) wird vom heiligen Berg (Zion) und zwei Schluchten, einer gegen Osten (Kidrontal) und einer westlich des Ölberges (Hinnomtal) erzählt. Dann heißt es in 27,1-3 (Übers. bei Kautzsch S. 255, bei Archive.org, Erläuterungen Dillmanns S. 131f, bei Google Books):

1 Da sagte ich: „Wozu ist dieses gesegnete Land, das ganz voll von Bäumen ist, und [wozu ist] diese verfluchte Schlucht dazwischen?“ 2 Da antwortete mir Uriel, einer von den heiligen Engeln, der bei mir war, und sagte zu mir: „Diese verfluchte Schlucht ist für die bis in Ewigkeit Verfluchten bestimmt; hier werden versammelt alle die, welche mit ihrem Mund unziemliche Reden gegen Gott führen und über seine Herrlichkeit frech sprechen. Hier werden sie gesammelt, und hier ist ihr Aufenthaltsorts. 3 In der letzten Zeit werden sie zum Schauspiel eines gerechten Gerichts vor den Gerechten dienen bis in alle Ewigkeit; hier werden die, welche Erbarmung fanden, den Herrn der Herrlichkeit, den König der Ewigkeit, preisen.“

äthHen 54,1-6 (in den sog. Bildreden, Übers. bei Kautzsch S. 266, bei Archive.org, Erläuterungen Dillmans S. 170f, bei Google Books)

1 Ich blickte auf und wandte mich einem anderen Teile der Erde zu; dort sah ich ein tiefes Thal mit loderndem Feuer. 2 Sie brachten die Könige und Mächtigen und warfen sie in dieses tiefe Thal. 3 Dort sahen meine Augen, wie sie [als Marter-]Werkzeuge für sie eiserne Ketten von unermeßlichem Gewichte machten. 4 Ich fragte den Engel des Friedens, der mit mir ging, indem ich sagte: „Für wen werden diese [Marter-]Werkzeuge bereitet?“ 5 Er sagte zu mir: „Diese werden für die Scharen des Asasel zubereitet, um sie zu ergreifen und in den Abgrund der vollkommenen Verdammnis zu werfen; mit rauhen Steinen werden sie ihre Kinnbacken bedecken, so wie der Herr der Geister befohlen hat. 6 Michael, Gabriel, Raphael und Phanuel werden sie an jenem großen Tage packen [und] an jenem Tag in den brennenden Feuerofen werfen, damit der Herr der Geister Rache nehme für ihre Ungerechtigkeit, dafür, daß sie dem Satan unterthan wurden und die Erdenbewohner verführten.“

äthHen 56,1-4 (Übers. bei Kautzsch S. 267, bei Archive.org, Erläuterungen Dillmanns S. 173, bei Google Books):

1 Ich sah dort Scharen von Strafengeln einhergehen und Peitschen und Ketten von Eisen und Erz halten. 2 Ich fragte den Engel des Friedens, der mit mir ging, indem ich sagte: „Zu wem gehen diese, die da Peitschen tragen?“ 3 Er sagte zu mir: „Ein jeder [geht] zu seinen Auserwählten und Geliebten, damit sie in den tiefsten Abgrund des Thals geworfen werden. 4 Dann wird sich jenes Thal von ihren Auserwählten und Geliebten füllen; der Tag ihres Lebens wird vollendet sein, und der Tag ihrer Verführung von nun an nicht mehr gezählt werden.“

äthHen 90,24-27 (im sog. Buch der Traumvisionen, wohl 2. Jh. v. Chr., Übers. bei Kautzsch S. 297, bei Archive.org, Erläuterungen Dillmanns S. 284, bei Google Books):

24 Das Gericht begann bei den Sternen, und sie wurden gerichtet, für schuldig befunden und kamen an den Ort der Verdammnis, und man warf sie in einen Abgrund voll Feuer, flammend und voll Feuersäulen. 25 Auch jene 70 Hirten wurden gerichtet, für schuldig befunden und in jenen Feuerpfuhl geworfen. 26 Ich sah in jener Zeit, wie sich ein ähnlicher Abgrund inmitten der Erde öffnete, voll von Feuer. Man brachte jene verblendeten Schafe; alle wurden gerichtet, für schuldig befunden und in jenen Feuerpfuhl geworfen und brannten; dieser Abgrund befand sich zur Rechten jenes Hauses. 27 Ich sah jene Schafe und ihr Gebein brennen.

Die Dämonologie ist im einzelnen kompliziert und es scheint mehr als einen Abgrund voll Feuer zu geben. Aber einer ist nach Dillmann im Süden Jerusalems („zur Rechten jenes Hauses“, mit Blick nach Osten), das ist das Tal Hinnom.

Eine andere jüd. Apokalypse ist 4. Esra (entstanden kurz vor dem Ende des 1. Jh.). Am Beginn der berühmten Lacuna des Codex Sangermanensis I (7,36-38) heißt es (Übers. bei Kautzsch S. 371, bei Archive.org):

36 Dann erscheint die Grube der Pein und gegenüber der Ort der Erquickung; der Ofen der Gehenna wird offenbar und gegenüber das Paradies der Seligkeit. 37 Da wird der Höchste sprechen zu den Völkern, die erweckt sind: Nun schaut und erkennet den, den ihr geleugnet, dem ihr nicht gedient, dessen Gebote ihr verachtet! 38 Schaut nun hinüber und herüber: hier Seligkeit und Erquickung, dort Feuer und Pein! Diese Worte wird er zu ihnen am Tage des Gerichts sprechen.

Die Hölle ist keine Entdeckung Jesu oder der christl. Gemeinde. Die Texte zeigen, dass der Glaube an ein göttliches Gericht, die Scheidung von Guten und Bösen und die Bestrafung letzterer mit ewigem Feuer zu den religiösen Vorstellungen bereits des hellenist. Judentums gehörten. Jesus und das frühe Christentum haben diese Vorstellungen vorgefunden und geteilt.

Bleibt noch anzumerken, dass sich in spätröm. Zeit der Name Hinnomtal auf das Tal zwischen Tempel- und Ölberg, das Kidrontal, verlagerte. Erst im 19. Jh. wurde dieser Name wieder auf das Tal südwestl. des Tempelberges gelegt. Heute ist das Hinnomtal ein Naherholungsgebiet.

Hades

Mt 11,23: Und du, Kafarnaum, wirst du etwa „bis zum Himmel erhoben“ werden? „Bis zum Hades wirst du hinuntersteigen.“ Denn wenn in Sodom die mächtigen Dinge geschehen wären, die in dir geschehen sind, wäre es bis heute bestehen geblieben. (erste Vershälfte wortident Lk 10,15)

Das Gerichtswort über Jesu galiläischen Wohnort Kafarnaum enthält eine Anspielung an das Triumphlied über den Sturz des Weltherrschers (den König von Babylon) Jes 14,13.15. Dieser wollte hoch hinaus (in den Himmel steigen), und ist umso tiefer gefallen. Hades (bzw. sein hebr. Pendant Scheol) steht hier wohl einfach für „Abgrund, Tiefe“.

Mt 16,18: Und ich sage dir: du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche [od. Gemeinde] erbauen, und die Tore des Hades werden sie nicht überwältigen.

Die Tore des Hades sind ein pars pro toto für das Totenreich selbst. Vgl. Jes 38,10: Ich sprach: In meinen besten Jahren muß ich zu den Toren des Totenreichs eingehen! (Ähnl. Hom. Il. 5,646 und Od. 14,156 an Stelle des oft genannten Haus des Hades, dem Herrschaftsbereich des Totengottes Hades.) Der Tod kann die Kirche nicht zerstören. Ein ermutigendes Wort vor allem in Zeiten der Verfolgung, wo oft so viele führende Mitglieder der Gemeinde sterben, dass man befürchten muss, die Gemeinde werde führerlos werden und sich auflösen.

Lk 16,23-26: 23 Und als er im Hades seine Augen aufhob, als er in der Marter war, sieht er von weitem Abraham und Lazarus in seinem Schoß [od. an seiner Brust]. 24 Und er (selbst) rief und sagte: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und schicke Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers in Wasser taucht und meine Zunge kühlt, denn ich leide Schmerz in dieser Flamme [od. Feuer]. 25 Abraham aber sagte: Kind, erinnere dich, dass du dein Gutes in deinem Leben bekommen hast und Lazarus in gleicher Weise das Schlechte; jetzt aber wird er hier getröstet, du aber leidest Schmerz. 26 Und bei alledem [d.h. abgesehen davon, außerdem] ist zwischen uns und euch eine tiefe Kluft befestigt, damit die, die von hier zu euch hinübergehen wollen, (es) nicht können, und sie von dort nicht zu uns herübergehen.

In der Geschichte vom (namenlosen) reichen Mann und dem armen Lazarus, der vor des Reichen Tür liegt und bettelt, erhält letzterer nach seinem Tod einen Ehrenplatz beim Festmahl an Abrahams Seite (das dürfte mit Schoß, Brust gemeint sein); ersterer hingegen kommt in das Totenreich, das hier schon als Strafort, als Hölle erscheint. Das Gericht müsste demnach unmittelbar nach dem Tod stattfinden. Eine Auferstehung der Toten scheint nicht im Blick zu liegen. Damit ist die Stelle im NT m.E. einzigartig.

Apg 2,27.31: 27 „Denn du wirst meine Seele nicht im Hades zurücklassen; und du wirst deinen Frommen nicht die Vernichtung sehen lassen.“ [...] 31 Vorhersehend sagte er über die Auferstehung des Christus, dass er weder zurückgelassen wurde im Hades, noch sein Fleisch die Vernichtung gesehen hat.

Besagt, Ps 16 zitierend, dass Christus nicht tot geblieben, sondern wieder ins Leben zurückgekehrt ist (s. Auferstehung Jesu).

1Kor 15,55: Wo (ist), Tod, dein Sieg? Wo (ist), Hades, dein Stachel?

Dies die Lesart der sog. Koine, der syr. und got. Übers. Die wissenschaftl. Textausgaben lesen aber „Tod“ statt „Hades“. Der Vers ist ein leicht abgewandeltes Zitat von Hos 13,14 (im Wortlaut der LXX, wo es „Hades“ heißt.)

Offb 1,18: Und ich war tot, und siehe, ich bin lebendig in die Äonen der Äonen, und ich habe die Schlüssel des Todes und des Hades.

Jesus hat den Tod erlitten, lebt aber (auferstanden) in alle Ewigkeit. Dass er die Schlüssel zum Totenreich hat, bedeutet, dass er Herr über den Tod ist, er bestimmt, wer ins Totenreich hinein- oder aus ihm herauskommt.

Offb 6,8: Und ich sah, und siehe, ein fahles Pferd, und der darauf saß, sein Name war der Tod, und der Hades folgte ihm, und ihnen wurde Vollmacht gegeben über ein Viertel der Erde, zu töten durch Schwert und durch Hunger und durch Tod und durch die Tiere der Erde.

Der vierte apokalyptische Reiter reitet auf einem fahlen (oder bleichen) Pferd. Dass das Totenreich ihm nachfolgt, bedeutet, dass er vielen den Tod bringt (er heißt ja auch so).

Das Pferd ist griech. χλωρός; dieses Adj. bezeichnet grüne und gelbe Farbschattierungen: „(hell)grün“, z.B. von Pflanzen wie in Offb 8,7 (vgl. Chloro-phyll), daher im übertragenen Sinn „frisch, gesund, kräftig“, aber auch „blass, bleich“, von Menschen in Furcht - wir sagen: grün um die Nase -, Kranken, Leichen; „gelb“, z.B. von Honig, Getreide. Manche verstehen es daher buchstäblich als „grünes Pferd“. Da Pferde normalerweise nicht grün sind und die Grünheit nicht weiter betont wird (z.B. durch einen Vergleich), scheint es naheliegender, die Farbe mit der Totenblässe, die sein Reiter verursacht, zu assoziieren.

Offb 20,13f: 13 Und das Meer gab die Toten (heraus), die in ihm (waren), und der Tod und der Hades gaben die Toten (heraus), die in ihnen (waren); und sie wurden gerichtet, ein jeder nach ihren Werken. 14 Und der Tod und der Hades wurden geworfen in den See des Feuers. Das ist der zweite Tod: der See des Feuers.

Das Totenreich gibt seine Toten heraus, d.h. die Toten erstehen auf. Nach dem Gericht werden Tod und Hades (gleichsam als wären sie Helfershelfer des Teufels) in den Feuersee (d.i. die Gehenna) geworfen. D.h. es ist zu Ende mit ihnen, es gibt in der Ewigkeit keinen Tod mehr.

In der Offb ist der Hades deutlich der Aufenthaltsort der Toten bis zum Gericht. Danach gibt es die Scheidung, Feuersee für die einen, ewiges Jerusalem für die anderen. Die Lk-Stelle, ist die einzige, die diese Scheidung schon für den Hades behauptet.

Scheol

Kessler, Hans: Sucht den Lebenden nicht bei den Toten. Die Auferstehung Jesu Christi in bibl., fundamentaltheol. u. systemat. Sicht.- Erweit. Neuausg.- Würzburg: Echter, 2002. (Topos plus Taschenbücher, Bd. 419.) S. 45-48.

Das Judentum des AT kennt noch keinen Glauben an ein Leben nach dem Tod. Das Leben spielt sich im Diesseits ab. Der Fromme und Gesetzestreue wird mit Gottes Segen im Hier und Jetzt belohnt, der Gottlose und Gesetzesbrecher wird mit einem frühen Tod bestraft (Dtn 5,33; 11,13-17; 30,19f; Hes 3,18f).

Nach dem Tod kommt man in die Scheol (hebr. שְׁאוֹל, def. שְׁאֹל f., LXX ᾅδης), das Totenreich, wo man von allem Leben abgeschnitten ist (Hi 14,21; Koh 9,6), wo Gott nicht gepriesen wird (Ps 6,6; Jes 38,18) und alles Tun für immer ein Ende hat (Koh 9,10). Zwar besitzen die Toten noch irgendwie ihre Individualität (1Sam 28,13f), aber sie befinden sich in einem schlafähnlichen (Jes 14,9-11), bewusst-losen (Koh 9,5f) Dämmerzustand. Die Texte sprechen von Finsternis (Hi 10,21; Ps 88,7), Stille (Ps 115,17) und vom „Land des Vergessens“ (Ps 88,13), es gibt auch keine Verbindung mehr zu Gott (Ps 6,6; 30,10; 88,6; Jes 38,18). Der Tod ist unwiderruflich (Hi 7,9f; 10,21; 14,11f), es gibt darüber hinaus nichts zu hoffen.

Nicht recht klar ist, wie die Entrückung von Henoch (Gen 5,24) und Elia (2Kön 2,11) in diesem Kontext zu denken ist.

Ein weiteres atl. Wort für Tod und Totenreich ist hebr. אֲבַדּוֹן „Vertilgung, Untergang; Ort des Untergangs, Totenreich“ (daher Spr 15,11 neben der Scheol genannt). Es wird Offb 9,11 als Name des Engels des Abgrunds und König der Skorpion-Heuschrecken aufgenommen.

Wohl erst in der späteren Königs- oder der Exilszeit entwickelte sich der Gedanke, dass Gottes Macht nicht an der Scheol endet. Dass er nicht nur aus Todesgefahr, sondern aus dem Tod selbst erretten kann. Da in der Makkabäerzeit Menschen um ihrer Glaubenstreue willen den Märtyrertod starben, stellte sich unausweichlich die Frage, wie Gott diese Frommen belohnen will. Es musste einfach ein Danach geben. Dieses Danach soll durch die Auferstehung der Toten zum jüngsten Gericht realisiert werden (Dan 12,2.13; Jes 26,19; 66,22).

Problem Hölle

Vorgrimler, Herbert: Geschichte der Hölle.- München: Fink, 1993. 472 S.
Umfangreiche Materialsammlung des Rahner-Schülers und -Nachfolgers als Dogmatikprofessor in Münster. Problematisch ist, dass der Autor Personen, die heute noch an der Hölle als Strafort festhalten, als Infernalisten pathologisiert und auch sonst gerne polemische Bemerkungen gegen Theologen, die an die Hölle glauben (z.B. Augustinus), fallen lässt.
Lewis, C[live] S[taples]: Die große Scheidung, oder: Zwischen Himmel und Hölle.- A. d. Engl. v. Helmut Kuhn.- 8. Aufl. Einsiedeln, Johannes-Verl., 1992. (Kriterien Bd. 47.) 141 S.
Eine allegorische Beschreibung der Hölle, verpackt in eine Geschichte, die sich trockener liest als The five people you meet in heaven von Mitch Albom, aber dafür um einiges mehr Tiefgang hat.

Die Hölle als Ort ewiger Strafe ist seit jeher ein theolog. Problem: Wie lässt sich ewige Qual mit einem liebenden Gott vereinbaren? Ist eine ewige Bestrafung nicht unverhältnismäßig? Endet Gottes Barmherzigkeit mit dem Tod des Menschen?

Doch auch die Abschaffung der Hölle, die sog. Apokatastasis, bereitet Probleme: Sind unsere Taten und Entscheidungen im Diesseits nicht bedeutungslos, wenn ohnehin alle Menschen erlöst werden? Ist unser Leben dann nicht ein bloßes Theater? Wie steht es um die Freiheit des Menschen, wenn er sich gegen die Erlösung gar nicht wehren kann?

Gerade die Freiheit des Menschen ist es, die nach Rahner die Hölle (als Ort der Gottferne) notwendig macht: wenn sich jemand dafür entscheidet, auf Dauer ohne Gott sein zu wollen, nimmt Gott diese Entscheidung auch ernst. Da der Mensch aber damit sein Dasein verfehlt, ist dieser Zustand ein Draußensein in der Finsternis.

C. S. Lewis hat das Problem zu lösen versucht, indem er die Hölle nicht einen Ort der Bestrafung, sondern eine riesige, trostlose Stadt, bewohnt von lauter selbstsüchtigen Menschen, sein lässt. Niemand muss dort bleiben, der es nicht will. Aber viele Menschen ziehen diese Stadt einem demütigen Eingeständnis der eigenen Schuld und Erlösungsbedürftigkeit vor.

Calvin and Hobbes: Leben nach dem Tod
„Was, wenn es kein Leben nach dem Tod gibt? Nimm einmal an, das ist alles, was wir kriegen.“ – „Ach, was soll's. Ich nehme es trotzdem.“ – „Ja, aber wenn ich für mein Verhalten nicht ewig belohnt werde, dann möchte ich das natürlich jetzt wissen.“
Calvin and Hobbes, 21. Juni 1993 (Watterson, Bill: The complete Calvin and Hobbes.- Kansas City: A. McMeel Publ., 1. Aufl. 2005. Bd. 3, S. 198). Das Bild wird hier geladen von picayune.uclick.com.


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 14. Mai 2016