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Eine Jungfrau ist schwanger


Was steht denn jetzt in Jes 7,14? „Jungfrau“ oder „junge Frau“? Jungfräuliche Empfängnis oder nicht? Nachdem ich mich schon mehrfach en passant darüber ausgelassen habe, folgt hier eine ausführlichere Darstellung. Ich beschränke mich dabei auf die philologischen Aspekte wie Wortbedeutung und Kontext. Die ganze Fülle der theologischen Implikationen auszubreiten, mögen Berufenere unternehmen.

Quellen:

Historischer Hintergrund

Als nach der Thronbesteigung Tiglat-Pilesers III. 745 v. Chr. die assyrische Expansionspolitik immer aggressiver nach Westen ausgreift, bilden einige syrisch-palästinische Staaten, allen voran Syrien (Aram) und das Nordreich Israel (Ephraim), eine anti-assyrische Koalition. Das kleine Südreich Juda will sich ihr nicht anschließen. Daher beginnen Syrien und Ephraim 733 v.Chr. mit einem Feldzug gegen Juda (Syrisch-Ephraimitischer Bruderkrieg), um Ahas, den König von Juda abzusetzen, und Juda in das Bündnis zu zwingen (Jes 7,1f). Ahas seinerseits ist offenbar entschlossen, Assyrien zu Hilfe zu rufen. Das bedeutet, dass er auch bereit ist, die assyrische Oberherrschaft anzuerkennen und die assyrischen Götter zu verehren (s. 2Kön 16,10f).

In dieser Situation schickt Gott den Jesaja zu Ahas. Dieser ist gerade dabei, die Wasserversorgung der Stadt zu inspizieren, bereitet sich also auf eine Belagerung vor (Jes 7,3). Jesaja bringt ihm die Botschaft, er solle sich nicht vor Aram und Ephraim fürchten, sondern auf Gott vertrauen und sich ruhig verhalten (V. 4-9). Er darf sich von Gott ein Zeichen erbitten (V. 10f). Ahas will sich kein Zeichen erbitten (V. 12), was vermutlich bedeutet, dass sein Entschluss bereits feststeht.

Der im Text genannte Obere Teich wird nördlich der damaligen Stadtmauer vermutet, die etwa auf Höhe der jetzigen Davidstraße verlief. Vielleicht ist er identisch mit dem sog. Hiskiateich (arab. Birkat Hammam el-Batrak) südwestlich der Grabeskirche.

Daraufhin kündigt Gott das bekannte Zeichen von der Jungfrau, die schwanger ist/wird, einen Sohn bekommen und seinen Namen Immanuel nennen wird, an (V. 13-16). In welcher Form diese Ankündigung, die ja ein Zeichen für Ahas und seine Zeitgenossen sein sollte, Wirklichkeit wurde, wissen wir nicht.

In Jes 8,8 wird Immanuel noch einmal genannt. Aber ob es dieselbe Person wie in 7,14 ist, ist unklar. In Jes 8,10 ist wohl nicht der Name gemeint, sondern die Aussage „Gott ist mit uns“. Das Matthäusevangelium bezieht die Prophezeihung im Wortlaut der griech. Übersetzung des AT, der Septuaginta (LXX), auf Jesus (Mt 1,22f).

Text Jes 7,14

לָכֵן יִתֵּן אֲדֹנָי הוּא לָכֶם אוֺת הִנֵּה הָעַלְמָה הָרָה וְיֹלֶדֶת בֵּן וְקָרָאת שְׁמוֺ עִמָּנוּ אֵל׃ Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, das Mädchen ist schwanger und gebiert einen Sohn; und sie wird seinen Namen Mit uns (ist) Gott (hebr. ʿimmanu ʾel) nennen.

Ob das Mädchen bereits schwanger ist oder es erst werden wird, ist aus dem Hebr. nicht klar zu erkennen, denn es steht ein zeitlich unbestimmter Nominalsatz (was bei Adjektiva als Prädikat der Normalfall ist). Überraschend ist, dass auch das Gebären mit einem Partizip ausgedrückt ist (יֹלֶדֶת Part. fem. Sg.): „das Mädchen schwanger und gebärend einen Sohn“. Ges. Gramm. § 134 Anm. 1 listet unseren Vers als Beispiel für die Verwendung des Partizips als futurisches Prädikat auf. Daher hat die Einheitsübersetzung: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären“, die Gute Nachricht: „Die junge Frau wird schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen“. Die aktuelle Lutherübersetzung jedoch: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären“. Auch das ist möglich.
קָרְאָה = קָרָאת Pf. 3. fem. Sg. (Ges. Gramm. § 74 Anm. 1)

Die griech. LXX gibt den Vers folgendermaßen wieder:

διὰ τοῦτο δώσει κύριος αὐτὸς ὑμῖν σημεῖον· ἰδοὺ ἡ παρθένος ἐν γαστρὶ ἕξει καὶ τέξεται υἱόν, καὶ καλέσεις τὸ ὄνομα αὐτοῦ Εμμανουηλ· Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und du wirst seinen Namen Emmanuel nennen.

Die Übersetzer der LXX haben das gesamte Geschehen als zukünftig aufgefasst. (Und sie haben offenbar קָרָאת als Pf. 2. fem. Sg. verstanden.) Wichtiger für unsere Diskussion ist aber die Wiedergabe des hebr. עַלְמָה ʿalmâ „Mädchen“ als παρθένος parthénos „Jungfrau“.

Jungfrau

Das eine (Mädchen) muss das andere (Jungfrau) nicht ausschließen. Aber was wollte Jesaja genau sagen? Was bedeutet hebr. ʿalmâ?

Das Wörterbuch von Feyerabend sagt: „mannbares Mädchen, jung verheiratetes Weib“. Wobei ich vermute, dass letzteres aus unserer Stelle erschlossen ist. Denn Schwangerschaft und Mutterschaft setzen in der Kultur des AT normalerweise eine Ehe voraus.

Das Wörterbuch von Gesenius sagt: „mannbares Mädchen, puella nubilis [heiratsfähiges Mädchen], virgo matura [erwachsene/geschlechtsreife Jungfrau] (d. W. bezeichnet lediglich das Mädchen als mannbares, nicht als Jungfrau (בְּתוּלָה), auch nicht als verehelicht od. nicht verehelicht; n. Socin: das Weib, bis es ein Kind hat, wie ar. bint, Doughty 1 231)“.

Worauf sich die bei Gesenius öfter wiederkehrende Angabe „n. Socin“ (das ist der Schweizer Orientalist Albert Socin) bezieht, konnte ich nicht herausfinden. In der angegebenen Stelle im Reisebericht von Charles Doughty heißt es: „Hirfa sighed for motherhood : she had been these two years with an husband and was yet bint, as the nomads say, ‘ in her girlhood ; ’“. Arab. bint heißt eigentlich „Tochter“, bei den Nomaden aber anscheinend auch „Frau, die noch kein Kind hat“.

Das Verständnis von Albert Socin hat sich offenbar durchgesetzt. Auch das Wörterbuch von Koehler/Baumgartner hat: „mannbares Mädchen, junge Frau (bis zur Geburt des 1. Kindes)“. Und die Stuttgarter Erklärungsbibel sagt: „ein hebräisches Wort, das eine junge Frau bis zur Geburt ihres ersten Kindes bezeichnet, gleichgültig, ob sie verheiratet ist oder nicht“. Eine ʿalmâ ist also ein Mädchen im heiratsfähigen Alter, das noch nicht Mutter geworden ist. Es ist eine Jungfrau im buchstäblichen Wortsinn: eine junge Frau. Sie kann noch unverheiratet und sexuell unberührt sein, sie muss aber nicht.

An einigen Stellen im AT ist die ʿalmâ definitiv noch unverheiratet, etwa Gen 24,43 (Rebekka) oder Ex 2,8 (Miriam). An anderen Stellen ist wohl an junge Frauen zu denken, die schon sexuelle Erfahrung haben, wie etwa Spr 30,19 oder Hld 6,8. Völlig offen ist das bei Ps 68,26 oder Hld 1,3. Und damit sind alle Stellen aufgezählt. (In Ps 46,1 und 1Chr 15,20 bezeichnet es eine musikalische Vortragsart, die ungeklärt ist. Möglicherweise handelt es sich hier sogar um ein anderes Wort.)

Die Wiedergabe mit griech. parthénos „junge Frau, insbes. unverheiratete Frau, sexuell unberührte Frau“ ist also nicht per se falsch. Doch spätestens wenn eine Frau schwanger ist, ist klar, dass sie nicht mehr unberührt ist. An jungfräuliche Empfängnis glaubten und glauben die Juden nicht. Und dass der Unterschied einmal theologisch bedeutsam werden würde, konnten die Übersetzer der LXX nicht ahnen.

Genauer ist allerdings die Wiedergabe von Aquila, Symmachos und Theodotion, die alle drei νεᾶνις neánis „Mädchen“ haben (s. Fields Hexapla zu Jes 7,14). Dies dürfte eine Reaktion der jüdischen Übersetzer auf die christliche Verwendung der LXX-Version sein. Doch sind im Griech. wie im Hebr. die Grenzen zwischen den Begriffen fließend. Rebekka wird Gen 24,14.16.28.55.57 als נַעֲרָה naʿa „Mädchen“ bezeichnet, in 24,16 auch als בְּתוּלָה betûlâ „Jungfrau“ (mit dem expliziten Hinweis, dass sie noch unberührt ist), und in 24,43 (der ansonsten fast identisch mit V. 14 ist) als ʿalmâ.

Nebenbei bemerkt: Auch der dt. Begriff Jungfrau bezeichnet laut dem Dt. Wörterbuch der Gebrüder Grimm, s.v. Jungfrau zweierlei: einerseits eine junge Frau, sowohl für eine junge Herrin, als auch für eine Dienerin; und andererseits eine sexuell unberührte Frau; in letzterem Sinne kann der Begriff auch auf einen Mann bezogen werden.

Das Zeichen

Die Verheißung von V. 14 soll wohl besagen: in den wenigen Monaten bis zur Geburt des Kindes (oder binnen eines Jahres, falls das Kind noch nicht gezeugt ist) wird Gott die Situation in Juda so grundlegend ändern, dass man dann das Kind dankbar Gott-mit-uns nennen wird (so die Auslegung der Stuttgarter Erklärungsbibel). Und noch bevor der Knabe erwachsen sein wird (also binnen eines Jahrzehnts), werden Syrien und das Nordreich verödet sein (V. 16).

Wenn sich das Zeichen nun klar auf die damalige politische Situation bezieht, wie konnte es dann das MtEv auf einen über 700 Jahre später geborenen Mann beziehen? Zugrunde liegt wohl die Vorstellung des damaligen Judentums, dass Gott eine Verheißung nicht nur einmal erfüllen kann, sondern unter je eigenen Umständen auf je eigene Weise mehrmals. Und da nun der Wortlaut der LXX (s.o.) explizit von einer parthénos spricht, die einen Sohn gebären wird, so sah Mt hier die Vorhersage der jungfräulichen Empfängnis.

Hat sich Mt geirrt, da doch der hebräische Text etwas ganz anderes meint? Aus einer modernen exegetischen Sicht wohl ja. Aber die Erfüllungszitate bei Mt dürfen nicht an modernen Maßstäben gemessen werden. Mt will zeigen, dass die Bibel (und das war für die Leser seiner Zeit die griech. LXX!), wenn man sie so liest, wie es damals üblich war, viele Vorhersagen enthält, die sehr gut auf Jesus passen. Natürlich erschließt sich dies nur dem Glaubenden oder zum Glauben Bereiten. Ob ein Ereignis die Erfüllung einer bestimmten Prophezeihung ist, ist immer eine Frage des Glaubens, denn der Zusammenhang ist niemals evident. Es verhält sich hier wie mit dem Wunder.

Ein Wunder ist ein Ereignis, von dem ein Mensch sich so anrühren lässt, dass es ihn verändert. Dasselbe Ereignis kann daher für den einen ein Wunder sein, für den anderen nicht. Dies führt der Film Pulp Fiction vor: auf die Auftragskiller Jules (Samuel Jackson) und Vincent (John Travolta) wird aus nächster Nähe ein ganzes Revolvermagazin verschossen, doch die beiden bleiben unversehrt. Jules hält dies für ein Wunder und beschließt, seinen Mörderberuf aufzugeben. Vincent glaubt nicht an ein Wunder und bleibt, was er ist – und wird schließlich (Berufsrisiko) doch erschossen.

Wenn man heute das AT übersetzt, muss man es aus dem Hebräischen übersetzen. Und man muss dem Text die Bedeutung geben, die er für die mutmaßlichen Rezipienten hatte. Von einer jungfräulichen Empfängnis ist Jes 7,14 mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht die Rede. Daher sollte eine Übersetzung dieses Missverständnis vermeiden und ʿalmâ tunlichst nicht mit „Jungfrau“ übersetzen. Es ist Aufgabe der neutestamentlichen Exegese, die Spannung zwischen dem Jesaja-Text und seiner Auffassung bei Mt zu klären.


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 8. Sep. 2018