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Du sollst nicht stehlen


Die atl. Stellen sind zum Großteil nach der (m.W. gemeinfreien) Übersetzung Franz Eugen Schlachters (SÜ) zitiert, gelegentlich habe ich, wo mir die SÜ zu frei war, selbst übersetzt. Weitere Übersetzungen, die ich konsultiert habe: Luther (Rev. 1984) (LÜ), Einheitsübersetzung (EÜ).

Die Fragestellung

Das (in der mir geläufigen protestant. Zählung) siebente Gebot lautet (Ex 20,15; Dtn 5,19):

Du sollst nicht stehlen.

Man könnte das hebr. לֹא תִּגְנֹב lō tignōḇ auch übersetzen „du stiehlst nicht“ oder „du wirst nicht stehlen“. Aber aus dem Zusammenhang ist klar, dass es sich hier nicht um Verheißungen handelt, sondern um Handelsanweisungen, Verbote. Dabei bezeichnet לֹא + Impf. (wie hier) das generelle Verbot, אַל + Jussiv das Verbot für die aktuelle Situation, z.B. אַל תִּירָא „Fürchte dich (jetzt) nicht!“

Die von mir sonst sehr geschätzte Stuttgarter Erklärungsbibel behauptet zur Exodusstelle:

V.15 richtet sich wohl ursprünglich gegen Menschenraub: die Entführung eines freien Mannes, um ihn als Sklaven ins Ausland zu verkaufen (wie 1Mo 37,27f). Da die Näherbestimmung unterbleibt (vgl. dagegen 21,16; 5Mo 24,7), ergibt sich jetzt eine gewisse Überschneidung (s. zu V.17).

Wie kommt man zu dieser Auffassung? Das Gebot wird hier verstanden als Verallgemeinerung der zwei einzigen Stellen, an denen mit stehlen ausdrücklich Menschenraub gemeint ist.

Ex 21,16: Wer einen Menschen stiehlt und ihn verkauft, oder so, dass man ihn noch in seiner Hand findet, der soll des Todes sterben.
Dtn 24,7: Wird jemand ertappt, dass er einen von seinen Brüdern unter den Kindern Israel stiehlt und ihn zum Sklaven macht und verkauft, so soll ein solcher Dieb sterben, dass du das Böse von dir ausrottest.

Als weiteres Argument wird meist die Josephserzählung angeführt, in der Joseph von seinen Brüdern in eine Zisterne gesperrt und später an eine vorüberziehende Karawane von Ismaelitern verkauft wird.

Gen 37,26f: Da sprach Juda zu seinen Brüdern: Was gewinnen wir damit, dass wir unsern Bruder töten und sein Blut verbergen? Kommt, wir wollen ihn den Ismaelitern verkaufen und nicht selbst Hand an ihn legen; denn er ist unser Bruder, unser Fleisch! Und seine Brüder stimmten zu.

In einer anderen Fassung der Geschichte wird Joseph jedoch (anscheinend ohne Wissen seiner Brüder) von Midianitern aus der Zisterne geholt und verkauft oder mitgenommen. Dann wäre er tatsächlich gestohlen worden; denn man nimmt nicht einfach an sich, was man in der Wüste findet.

Gen 37,28.36: Als nun die midianitischen Kaufleute vorbeikamen, zogen sie Joseph aus der Zisterne herauf und verkauften ihn den Ismaelitern um zwanzig Silberlinge; die brachten Joseph nach Aegypten.
Aber die Midianiter verkauften ihn nach Aegypten, an Potiphar, einen Kämmerer des Pharao, den Obersten der Leibwache.

So kann Joseph später mit Recht sagen:

Gen 40,15: Denn ich bin aus dem Lande der Hebräer gestohlen worden [...].

Etymologie

Abgesehen von den drei oben zitierten Stellen, hat das Verbum גנב (Wurzel gnb, davon kommt unser Wort Ganove) entweder einen (Wert-)Gegenstand (auch ein Tier, z.B. Gen 31,39) als Objekt oder es wird ohne Objekt gebraucht, aber im Kontext am wahrscheinlichsten im Sinn von „heimlich entwenden, stehlen“ (an zwei Stellen auch von Menschen, s.u.). Daneben besitzt es noch die Sonderbedeutung „hintergehen, täuschen“ und (vom Wind) „wegführen, wegwehen“.

Das hebr. Wörterbuch von Gesenius (17. Aufl.) hat folgende etymolog. Angaben (erklärende Zusätze von mir in eckigen Klammern):

verw[andt] m. [arab.] جَنب [ǧanbun], [syr.] ܓܰܒܳܐ [gabba, st.abs. ܓ̱ܶܢܒ ,ܓܶܒ geb] Seite, daher den[ominal, d.h. von einem Nomen abgeleitet] beseitigen, entfernen, vgl. ar[ab]. جنب [ǧanaba] entfernen, auf d. Seite tun, aram. גנב, [syr.] ܓܢܒ [gᵉnab, fut. ܢܶܓܢܘܒ negnub] stehlen

Fast wortident in der 14. Aufl.; s.a.: Arabic-English lexicon v. Edward William Lane, Bd. 1, Teil 2, S. 465 mit dem Lemma جَنْبٌ; A compendious Syriac Dictionary, founded upon the Thesaurus Syriacus of R[obert] Payne Smith, Bd. 1, S. 73 mit dem Lemma ܓܢܰܒ, S. 74 mit dem Lemma ܓܶܢ݈ܒ (alle Links verweisen auf Archive.org).

גנב ohne Objekt

Lev 19,11: Ihr sollt nicht stehlen, und ihr sollt nicht lügen, und ihr sollt einander nicht betrügen!

Das einander steht im Hebr. am Satzende und wird von der SÜ auf alle drei Verben bezogen: Ihr sollt einander nicht bestehlen, [...]. Im Kontext von Lüge und Betrug ist Diebstahl das naheliegendste Verständnis von גנב.

Jos 7,11: Israel hat sich versündigt, und sie haben auch meinen Bund übertreten, den ich ihnen geboten habe, und sie haben auch von dem Gebannten genommen, und sie haben auch gestohlen, und sie haben auch geleugnet, und sie haben (es) auch unter ihre Geräte gelegt.

Die Israeliten erleiden gegen das Bergkaff Ai eine überraschende Niederlage. Die Erklärung: Ein Israelit (namens Achan) hat sich nach der Eroberung Jerichos gegen Gottes ausdrückliches Verbot an der Beute vergriffen (7,1f). Gottes Rede ist eine leidenschaftliche Aufzählung von Vorwürfen. Die EÜ gibt כחשׁ (meist "lügen, leugnen") hier mit "unterschlagen" wieder, die SÜ mit "verheimlichen". Auch hier geht es um das heimliche Wegnehmen einer Sache.

Jer 7,9f: Nachdem ihr gestohlen, gemordet, die Ehe gebrochen, falsch geschworen, dem Baal geräuchert habt und anderen Göttern, die ihr nicht kennet, nachgelaufen seid, so kommt ihr hernach und tretet vor mein Angesicht in diesem Hause, das nach meinem Namen genannt ist, und sprecht: »Wir sind geborgen!« — damit ihr alle diese Greuel verüben könnt.

In einer Aufzählung von Greueln wie Mord, Ehebruch und Götzendienst, nimmt sich Diebstahl vergleichsweise harmlos aus. Nach unserem Verständnis allerdings auch Ehebruch. Der war nach atl. Verständnis offenbar ein abscheuliches Vergehen. Dazu muss man aber wieder wissen, dass Ehebruch für den Israeliten nicht bedeutete, seine Frau zu betrügen, sondern durch ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau in die Besitzrechte eines anderen einzugreifen und ihm womöglich seinen Samen unterzuschieben.

Hos 4,2: Fluchen und Lügen, Morden, Stehlen und Ehebrechen hat überhand genommen, und Blutschuld reiht sich an Blutschuld.
Sach 5,3f: Das ist der Fluch, der über das ganze Land ausgeht, damit es laut demselben von jedem, der stiehlt, und von jedem, der schwört, gereinigt werde. Ich habe ihn ausgehen lassen, damit er eindringe in das Haus des Diebes und in das Haus dessen, der fälschlich bei meinem Namen schwört, und damit er in seinem Hause bleibe und es samt seinem Holzwerk und seinen Steinen verzehre.

Der Prophet sieht eine fliegende Schriftrolle, die einen Fluch enthält gegen Menschen, die sich widerrechtlich fremdes Eigentum aneignen und dann vor Gericht Meineide schwören.

Spr 6,30: Man verachtet den Dieb nicht, wenn er stiehlt, um sein Leben zu fristen, wenn er Hunger hat;
Spr 30,8f: Armut und Reichtum gib mir nicht, nähre mich mit dem mir beschiedenen Brot, damit ich nicht aus Übersättigung dich verleugne und sage: »Wer ist der Herr?« dass ich aber auch nicht aus lauter Armut stehle und mich am Namen meines Gottes vergreife.

An den meisten Stellen geht es definitiv um Sachdiebstahl, an keiner aber nachweislich um Menschenraub. Zwar könnten Jer 7,9 und Hos 4,2 in diesem Sinn verstanden werden, aber da sich beide Propheten an ein urbanes Publikum wenden, halte ich auch dies für unwahrscheinlich.

גנב mit Menschen als Objekt

Ex 21,16; Dtn 24,7 und Gen 40,15, die einzigen Stellen, an denen es tatsächlich um Menschenraub geht, s.o.

2Sam 19,42: Und siehe, da kamen alle Männer von Israel zum König und sprachen zu ihm: Warum haben dich unsere Brüder, die Männer von Juda, weggestohlen und haben den König und sein Haus über den Jordan geführt und alle Männer Davids mit ihm?

David muss vor Absalom aus Jerusalem fliehen, aber Absalom wird in der Schlacht getötet. Dennoch ist Davids Stellung erschüttert. In dieser Situation lässt sich David von seinen Stammesbrüdern als König zurückholen, vermutlich unter Gewährung von Privilegien (V.12-16). Die übrigen Stämme fühlen sich zurückgesetzt - der Stamm Juda hat ihnen den König, d.h. seine Sympathie und Gewogenheit „gestohlen“. (Ein erstes Wetterleuchten der Spannungen, die ein gutes halbes Jahrhundert später zur Reichsteilung führen sollten.)

2Kön 11,1f: Als aber Atalia, die Mutter Ahasias, sah, dass ihr Sohn tot war, machte sie sich auf und brachte allen königlichen Samen um. Joscheba aber, die Tochter des Königs Joram, Ahasias Schwester, nahm Joas, den Sohn Ahasias, und stahl ihn weg aus der Mitte der Königssöhne, die getötet wurden, und tat ihn samt seiner Amme ihn eine Schlafkammer; und sie verbargen ihn vor Atalia, dass er nicht getötet wurde.

Als der König von Juda, Ahasja, getötet wird, ergreift seine Mutter Atalja die Macht und tötet ihre eigenen Enkel, um so ihre Macht zu sichern. Aber ihre (Stief?-)Tochter Joscheba entführt und versteckt ihren Neffen Joasch (zu dieser Zeit noch ein Säugling), um ihn so vor der Ermordung zu bewahren. So wird die Dynastie Davids vor der völligen Ausrottung bewahrt. (Dasselbe Ereignis 2Chr 22,10f)

Weitere Argumente

Der sprachliche Befund ist mehr als klar. Es gibt nur zwei, resp. drei Stellen, die ganz klar von Menschenraub sprechen. Wie kommt man also dahin, ein objektloses גנב ohne Kontext in diesem Sinne zu verstehen?

Ausführlich, aber für mich nicht überzeugend wird die Frage behandelt von: Kunze, Silke-Katrin: Das Verbot des Diebstahls und Das Verbot des Meineids im Dekalog.- Hausarbeiten.de (abgerufen am 9. Juni 2012).

Hauptargument scheint zu sein, dass das Verhältnis zum Eigentum des Nächsten zwei Gebote weiter (Ex 20,17) noch einmal ausführlich angesprochen wird. Daraus wird geschlossen, V.15 müsse von etwas anderem die Rede sein. Unausgesprochen vorausgesetzt ist dabei aber, dass der Dekalog eine Art widerspruchs- und redundanzfreie Auflistung aller für das religiöse Dasein relevanten Lebensbereiche darstelle. Wie steht es dann aber mit „du sollst nicht ehebrechen“ und „du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib“? Auch hier ist im Prinzip zweimal dasselbe angesprochen.

Der Talmud-Traktat Synhedrin 86a bezieht Ex 20,15 auf Menschenraub, Lev 19,11 auf Eigentumsdelikte. Die Stelle lautet in Goldschmidts Ausg., Bd. 7, S. 360 (bei Archive.org):

Die Rabbanan lehrten: Du sollst nicht stehlen, die Schrift spricht, vom Menschendiebstahl. Du sagst, von Menschendiebstahl, vielleicht ist dem nicht so, sondern vom Gelddiebstahl!? Ich will dir sagen, geh und lerne dies von den dreizehn Regeln, nach welchen die Schrift ausgelegt wird: dies gehört zu den Dingen, die aus dem Zusammenhang zu lernen sind; die Schrift spricht [an jener Stelle] von Gesetzen die Person betreffend, ebenso handelt auch dieser Fall von der Person. Ein Anderes lehrt: Ihr sollt nicht stehlen, die Schrift spricht vom Gelddiebstahl. Du sagst, vom Gelddiebstahl, vielleicht ist dem nicht so, sondern vom Menschendiebstahl!? Ich will dir sagen, geh und lerne dies von den dreizehn Regeln, nach welchen die Schrift ausgelegt wird: dies ist vom Zusammenhang zu lernen; die Schrift spricht [an jener Stelle] von Gesetzen das Geld betreffend, ebenso handelt auch dieser Fall vom Geld.

Als Nicht-Rabbiner kann ich keinen Unterschied im Kontext erkennen. Das alles ist Divination und steht argumentativ auf schwachen Beinen.

Überzeugender erscheint mir die Erklärung, die Jörg Zink gibt, nämlich dass es beim siebenten Gebot nicht um die Unantastbarkeit des Eigentums geht, sondern um den Schutz der Lebensgrundlage (in: Tief ist der Brunnen der Vergangenheit, Stuttgart: Kreuz-Verl., 1988, S. 133):

Wer ein Zelt stiehlt, kann schuld sein, daß eine Familie im schneereichen und kalten Gebirgswinter erfriert. [...]

Stehlen ist in einer Welt wie dieser [Beduinenleben in der Wüste] nicht ein Eigentumsdelikt, sondern ein Angriff auf das Leben des andern. „Du sollst nicht stehlen“, sagt Gott zu Mose. Daß ein solches Gesetz nicht der Eigentumsordnung allein, sondern dem Leben selbst dienlich ist, begreift man in dieser Wüste rasch.

Die Reichen können sich demnach beim Schutz ihres Vermögens nicht auf dieses Gebot berufen. Aber das ist ein anderes Thema.


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 27. Mai 2016