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Die Pfingstpredigt des Petrus


Die Pfingstpredigt des Petrus (Apg 2,14b-36) ist eine erste Zusammenfassung der Neuinterpretation der Heilsgeschichte des Volkes Israel im Lichte der mit Jesus gemachten Erfahrungen. Die Heilserwartung Israels zur Zeit Jesu war, stark vereinfacht, die, dass Gott seinen Gesalbten (Messias) senden wird, der das Reich Israel, das davidische Königreich, wiederherstellen wird. Ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit würde es sein (Jer 23,5f). Eines, in dem die Israeliten nicht mehr unverständig sein würden, sondern Gottes Willen verstehen und ihn befolgen (Jer 31,33f; Hes 11,19f), ja geradezu prophetisch begabt sein würden (Joel 3,1f). (Wobei der Zusammenhang dieser Verheißungen mit dem messianischen Reich nicht immer eindeutig ist.)

Jesus hat diese Erwartungen nicht erfüllt. Seinen Jüngern erschien wohl glaubhaft, dass er der Messias sei (Mt 16,16; Mk 8,29; Lk 9,20). Aber alle daran geknüpften Hoffnungen wurden mit seinem Tod jäh zerstört.

Auch das Pfingstereignis ist zunächst theologisch zwiespältig interpretierbar und heilsgeschichtlich schwer einzuordnen: „sie sind angefüllt mit süßem Wein“ (V. 13) ist die Reaktion der Skeptiker. Petrus weist das mit einem Wahrscheinlichkeitsargument zurück: Es ist früher Vormittag; um diese Zeit ist man nicht betrunken, und echte Zecher schlafen da ihren Rausch aus (V. 15).

Dann folgt ein längeres Zitat aus Joel 3,1-5, das inhaltlich in drei Teile zerfällt: die ersten beiden Verse enthalten die Verheißung der Ausgießung des Geistes Gottes auf alle Angehörigen des Volkes Israel, groß und klein, selbst auf Sklaven und Sklavinnen, sodass sie alle prophetisch begabt sein werden. Die Vorstellung zu jener Zeit war wohl, dass Gott seinen Geist normalerweise nur Menschen gibt, die eine besondere Aufgabe haben: dazu gehören die Richter der Frühzeit, die Könige, natürlich die Propheten, vielleicht die Hohenpriester. Petrus sieht im gerade stattgefundenen Pfingstereignis diesen Teil der Prophezeihung erfüllt: „einfache Gläubige“ haben den Geist empfangen.

Die nächsten beiden Verse aus Joel kündigen Zeichen und Wunder an. Bei Joel haben diese Zeichen kosmische Ausmaße (Verfinsterung der Sonne). Doch Zeichen und Wunder sind auch durch Jesus geschehen, wodurch er von Gott erwiesen, ja als Beauftragter, als Messias bestätigt worden ist. Diesen Beauftragen haben die Angesprochenen durch die Hand der Römer umbringen lassen. Was allerdings in Gottes Plan so vorgesehen war.

Doch Jesus ist nicht im Tod geblieben, er ist auferstanden. Auch das war so in Gottes Heilsplan vorgesehen, wie Petrus mit einem Zitat aus Ps 16,8-11 zu erweisen versucht: in dem David zugeschriebenen Psalm spricht der Beter von seiner Hoffnung, dass er nicht im Totenreich bleiben werde, dass Gott nicht zulassen werde, dass er (so der Text der LXX) „die Vernichtung, die Verwesung sieht“. (Der hebr. Ausdruck רָאָה שַׁחַת „die Grube sehen“ Ps 16,10 heißt nach Gesenius soviel wie „sterben“.)

Da ja David gestorben ist und sein Grab immer noch zu sehen ist, kann sich die im Psalm angesprochene Hoffnung auf Bewahrung vor dem Tod nicht auf ihn selbst beziehen. (Manche Ausleger meinen, der ausdrückliche Hinweis auf das Grab Davids V. 29 ist eine Anspielung darauf, dass es von Jesus im Gegensatz zu David kein Grab gibt.) Vielmehr bezieht Petrus die Stelle auf den dem David versprochenen Nachkommen (2Sam 7,12-16), der nach allgemeiner Vorstellung der Messias ist. Dass Gott Jesus aus dem Tod auferweckt hat, können die Jünger („wir alle“) bezeugen. Der Begriff des Zeugen kommt aus der Gerichtssprache und ist in der Apg ein zentraler Begriff im Zusammenhang mit der christlichen Verkündigung (Lk 24,48; Apg 1,8.22; 2,32.40; 3,15; 5,32; 8,25; 10,39.41f; 13,31; 18,5; 20,21.24; 22,15; 23,11; 26,16; 28,23). Der Zeuge gibt zu Protokoll, was er gesehen oder gehört hat bzw. was er aus erster Hand weiß.

Doch Jesus weilt nicht mehr in dieser Welt, weil er in den Himmel aufgefahren ist. Diese Himmelfahrt (ein sehr unglücklicher Begriff) ist eine Aufnahme in die Sphäre Gottes, eine Erhöhung an Gottes rechte Seite (wohl zu verstehen als Ehrenplatz). Auch das sieht Petrus im AT bereits angekündigt, was er mit einem Zitat aus Ps 110,1 belegt: in diesem, ebenfalls David zugeschriebenen Psalm, sagt der Beter, Gott haben seinen Herrn aufgefordert, an seiner (Gottes) rechten Seite Platz zu nehmen. Das wurde zu Jesu Zeit so verstanden, dass David hier vom Messias spricht. Petrus sieht diese Stelle in der Himmelfahrt Jesu erfüllt.

Bereits Jesus gebraucht dieses Psalmwort, und zwar, um in der Auseinandersetzung mit den Schriftgelehrten die Ansicht, der Messias werde ein Abkömmling Davids sein, (vordergründig) in Frage zu stellen (Mt 22,41-45; Mk 12,35-37; Lk 20,41-44).

Petrus möchte also Auferstehung, Himmelfahrt und Pfingsten als vom AT her bereits in Gottes Heilsplan mit Israel vorgesehene Ereignisse verstanden wissen, die letztlich belegen, dass der gekreuzigte (und damit nach jüdischem Verständnis als Messias widerlegte) Jesus tatsächlich der Messias ist und auch von der Schrift her als solcher erwiesen ist.

Vielfach wird kritisiert, dass diese Verwendung alttestamentlicher Stellen ihrem ursprünglichen Sinn nicht gerecht wird. Aber sie entspricht damaliger jüdischer Auslegungspraxis, derzufolge eine Verheißung oder Prophezeihung nicht nur einmal in Erfüllung gehen kann, sondern Gott sie mehrmals unter je anderen Umständen Wirklichkeit werden lassen kann.

In V. 36 („... diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt“) ist im Griech. das Subjekt durch Setzung des (grammatikalisch an sich nicht nötigen) Personalpronomens noch betont. Man hat dem lukanischen Geschichtswerk deshalb Antijudaismus vorgeworfen. Doch geht es m.E. nicht um die Frage, wer Schuld am Tod Jesu hat. Von den Juden, denen Petrus da am Schavuotfest predigt, haben wohl die wenigsten eine Mitschuld an den Ereignissen des Passahfestes sieben Wochen zuvor. Und doch kann keiner sagen: „Also da ich kann ich jetzt wirklich nichts dafür. (Und darum geht mich das alles auch nichts an.“) Vielmehr besteht die Tragik darin, dass der verheißene Messias endlich gekommen ist, die Juden ihn aber nicht erkannt haben und vielmehr sogar zugelassen (oder manche aktiv daran mitgewirkt) haben, dass er gekreuzigt wurde. Das Reich Israel hat er mithin nicht wiederhergestellt. Die drängende Frage lautet daher: „Was sollen wir jetzt tun? Wie geht es jetzt mit Israel weiter? Was wird Gott jetzt tun?“ Ebendiese Frage stellen auch die Zuhörer.

Und hier kommt der dritte Teil der Prophezeiung Joels ins Spiel, der verheißt, dass, wer den Namen Gottes anruft, gerettet wird. Sich dieser Rettung zu öffnen, dazu fordert Petrus seine Zuhörer auf (V. 40). In der Praxis bedeutet dies, Buße zu tun (so der theologische Fachausdruck für den Gesinnungswandel, die Reue über das bisherige Leben, die Umkehr zu Gott), sich auf den Namen Jesu taufen zu lassen und dadurch Vergebung der Sünden zu erlangen (so der Ausdruck für Verfehlungen, für das Nichterfüllen von Gottes Willen) und des Heiligen Geistes teilhaftig zu werden.

Die Heilsgeschichte wird hier somit „umgebogen“ von der Frage der politischen Zukunft Israels auf die Frage der Rettung der Israeliten. Dass Rettung gerade ihnen verheißen ist, betont Petrus V. 39. (Wenngleich mit dem Nachsatz „und denen in der Ferne, soviele der Herr, unser Gott, hinzurufen wird“ auch bereits ein theologisches Fenster auf die Heidenmission eröffnet wird.) Bei der Himmelfahrt haben die Jünger Jesus gefragt: „Herr, stellst du in dieser Zeit das (König-)Reich für Israel wieder her?“ (Apg 1,6). Nach der Zerstörung Jerusalems sah es ja eher nicht mehr danach aus. Jesus beantwortete die Frage nicht, lenkte vielmehr den Blick auf das kommende Pfingstereignis und die daran anschließende Zeugenschaft der Jünger.

1950 Jahre später gibt es wieder ein politisch selbständiges jüdisches Israel. Zwar ist es noch nicht das messianische Reich des Friedens und der Gerechtigkeit. Doch Gottes Verheißungen in dieser Richtung sind vielleicht noch nicht abgearbeitet. Lassen wir uns überraschen.


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 29. Sep. 2016