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Mischna und Talmud


Hin und wieder komme ich in die Verlegenheit, etwas im Talmud nachzuschlagen. Aber das ist für jemanden, der das nur selten macht, eine Suche im Heuhaufen. Dazu kommen oft kryptische Abkürzungen oder divergierende Schreibweisen für ein und denselben Traktat. Ich weiß nicht, ob die von Michael Krupp verwendeten Abkürzungen inzwischen allgemein üblich sind. Sein Buch über die Mischna und die darin enthaltene Abkürzungsliste (S. 210-212) waren jedenfalls der Ausgangspunkt für die folgende Darlegung.

Bibel

Die Juden nennen ihre heilige Schrift mit einem Akronym תנ״ך tanaḵ (oder tenaḵ), das sind die Anfangsbuchstaben von תּוֺרָה, נְבִיאִים, כְּתוּבִים tôrâ, neḇîʾîm, ketûḇîm „Weisung, Propheten, Schriften“ (man spricht wie dt. ch, wie v). Im christlichen Kontext wird Torah häufig mit „Gesetz“ wiedergegeben.

Die ersten Christen (auch wenn man sie damals noch nicht so nannte) waren bekanntlich Juden und lasen weiterhin im Tanach. Als eine Auswahl frühchristlicher Schriften (Evangelien, Paulusbriefe usw.) im 2. Jh. für den christlichen Glauben konstitutiv wurden, nannte man diese den Neuen Bund, griech. καινὴ διαθήκη kainḗ diathḗkē. Im Gegensatz dazu wurde der Tanach als Alter Bund, griech. παλαιὰ διαθήκη palaiá diathḗkē, bezeichnet. Da griech. διαθήκη auch „Testament“ bedeuten kann, wurden die Begriffe als novum testamentum und vetus testamentum ins Lat. übersetzt. Daher sprechen wir heute im Dt. vom Alten und Neuen Testament.

Aus Gründen der political correctness versuchen manche, den Begriff Altes Testament zu vermeiden, da sie offenbar meinen, dieser sei abwertend. Doch sind die Ersatzbegriffe Jüdische Bibel oder gar Tanach Fachsprech, der nur Eingeweihten etwas sagt. Ich verwende daher weiterhin die im christlichen Abendland eingebürgerte Bezeichnung. Es gibt auch einen geringfügigen semantischen Unterschied: Bücher wie Judit oder Sirach gehören für Katholiken zum Alten Testament, sie gehören aber nicht zum Tanach.

Mischna und Tosefta

Die Auslegung der Torah wurde wohl schon seit der Zeit des zweiten Tempels (der 515 v.Chr. vollendet wurde) von rabbinischen Gelehrten diskutiert und in Schulen überliefert. Seit der Zerstörung des herodianischen Tempels (70 n.Chr.) wurde diese Auslegungstradition als מִשְׁנָה mišnâ „Lehre; Studium“ (v. שׁנה šnh „wiederholen“, vgl. מִשְׁנֶה mišnæ̂ „Verdoppelung, Doppeltes, Kopie“) gesammelt, weiterentwickelt und mündlich tradiert. Um 200 n.Chr. wurde die Mischna schriftlich niedergelegt („kodifiziert“). Ihre Sprache ist ein vom Aramäischen und im Wortschatz auch vom Griechischen beeinflusstes Hebräisch.

Die Mischna ist unterteilt in sechs sog. סְדָרִים sedārîm (Sg. סֵ֫דֶר sedær „Ordnung“, v. סדר sdr „reihen, anordnen“). Jede Ordnung besteht aus bis zu einem Dutzend מַסֶּכְתּוֺת massæḵtôt (Sg. מַסֶּ֫כֶת massæḵæt „Gewebe; Lehrabschnitt, Traktat“, v. נסך nsk „flechten, weben“). Die insgesamt 63 Traktate wiederum bestehen aus einzelnen פְּרָקִים perāqîm (Sg. פֶּ֫רֶק pæræq „Abschnitt, Unterteilung; Zeitabschnitt; Kapitel“, v. פרק prq „trennen, ablösen, wegnehmen“).

Alphabetische Auflistung der Abkürzungen Krupps:
Ar 5.5 | Avot 4.9 | AZ 4.8 | BB 4.3 | Bek 5.4 | Ber 1.1 | Bez 2.7 | Bik 1.11 | BM 4.2 | BQ 4.1 | Dem 1.3 | Ed 4.7 | Er 2.2 | Git 3.6 | Hag 2.12 | Hal 1.9 | Hor 4.10 | Hul 5.3 | Jad 6.11 | Jev 3.1 | Jom 2.5 | JomT 2.7 | Kel 6.1 | Ker 5.7 | Ket 3.2 | Kil 1.4 | Maas 1.7 | Mak 4.5 | Makh 6.8 | MaRi 1.7 | MaShi 1.8 | Me 5.8 | Meg 2.10 | Men 5.2 | Mid 5.10 | Miq 6.6 | MQ 2.11 | Naz 3.4 | Ned 3.3 | Neg 6.3 | Nid 6.7 | Oh 6.2 | Or 1.10 | Para 6.4 | Pea 1.2 | Pes 2.3 | Qid 3.7 | Qin 5.11 | RH 2.8 | San 4.4 | Shab 2.1 | Sheq 2.4 | Shevi 1.5 | Shevu 4.6 | Sota 3.5 | Suk 2.6 | Taan 2.9 | Tam 5.9 | Tem 5.6 | Ter 1.6 | TevJ 6.10 | Toh 6.5 | Uq 6.12 | Zav 6.9 | Zev 5.1

Num. Transkr./Abk. Michael Krupp Transkr./Abk. Marcus Jastrow Hebr./Aram.
1 Zeraʿim Z’raʿim זְרָעִים zerāʿîm, Sg. זֶ֫רַע særaʿ „Same, Saat“
1.1 Berakhot Ber B’rakhoth Ber. בְּרָכוֺת berāḵôt, Sg. בְּרָכָה berāḵâ „Segensspruch“
1.2 Pea Pea Peah פֵּאָה peʾâ (auch plene פֵּיאָה) „Rand, Ecke; Ackerecke“
1.3 Demai Dem D’mai Dem. דְּמַי ,דְּמַאי demaj „Verdacht, Zweifel“ (hinsichtlich der Verzehntung)
1.4 Kilajim Kil Kilayim Kil. כִּלְאַ֫יִם kilʾajim „zweierlei; Mischung zweier Gattungen“
1.5 Sheviʿit Shevi Sh’biith Shebi. שְׁבִיעִית šeḇîʿît (fem.) „sieb(en)te“, insbes. „siebtes Jahr, Sabbatjahr“
1.6 Terumot Ter T’rumoth Ter. תְּרוּמוֺת terûmôt, Sg. תְּרוּמָה terûmâ „Entfernung (removal); Abgabe (an das Heiligtum); Anteil des Priesters (am Getreide)“
1.7 Maʿaserot Maas Maʿasroth Maasr. מַעַשְׂרוֺת maʿaśrôt, Sg. מַעֲשֵׂר maʿaśer „Zehent, Zehnter“
Maʿaser rishon MaRi מַעֲשֵׂר רִאשׁוֺן maʿaśer rîšôn „erster Zehent“
1.8 Maʿaser sheni MaShi Maʿăser Sheni Maas. Sh. מַעֲשֵׂר שֵׁנִי maʿaśer šenî „zweiter Zehent“
1.9 Ḥalla Hal Ḥallah Ḥall. חַלָּה ḥallâ „Kuchen; Anteil des Priesters am Brotteig“
1.10 ʿOrla Or ʿOrlah Orl. עָרְלָה ʿŏrlâ „Vorhaut; Baumfrüchte während der ersten drei Jahre nach Pflanzung“
1.11 Bikkurim Bik Biccurim Bicc. בִּכּוּרִים bikkûrîm, Sg. בִּכּוּרָה bikkûrâ „Frühfrucht; Erstlingsfrucht“
2 Moʿed Moʿed מוֺעֵד môʿed „Festzeit, Fest“
2.1 Shabbat Shab Sabbath Sabb. שַׁבָּת šabbāt „Ruhetag, Sabbat“
2.2 ʿEruvin Er Erubin Erub. עֵירוּבִין ʿêrûḇîn, Sg. עֵירוּב ʿêrûḇ (auch עֵרוּב) „Vermengung, Vereinigung“, insbes. die gedachte Vereinigung von Sabbatgebieten
2.3 Pesaḥim Pes P’saḥim Pes. פְּסָחִים pesāḥîm, Sg. פֶּ֫סַח pæsaḥ „Passahfest, Passahlamm“
2.4 Sheqalim Sheq Sh’ḳalim Shek. שְׁקָלִים šeqālîm, Sg. שֶׁ֫קֶל šæqæl „Schekel“ (Gewicht von 11-12 g, in Silber als Zahlungsmittel)
2.5 Joma Jom Yoma יוֺמָא jômâ aram. „der Tag“, gemeint Jom Kippur, der Versöhnungstag
2.6 Sukka Suk Succah Succ. סֻכָּה sukkâ „Hütte, Laube“, gemeint die zum Laubhüttenfest gemachte
2.7 Beẓa Bez. (sic!) Betsah Bets. בֵּיצָה bêṣâ „Ei“
Jom Ṭov JomT Yom Tob יוֺם טוֺב „Festtag“ (wörtl. „guter, fröhlicher Tag“)
2.8 Rosh ha-Shana RH Rosh hash-Shanah R. Hash. רֹאשׁ הַשָּׁנָה rôš haš-šānâ „der Jahresbeginn, Neujahr“
2.9 Taʿanit Taan Taʿănith Taan. תַּעֲנִית taʿanît „Fasten“
2.10 Megilla Meg M’gillah Meg. מְגִלָּה megillâ „Buchrolle“
2.11 Moʿed Qaṭan MQ Moʿed Ḳaṭon M. Kat. מוֹעֵד קָטָן môʿed qāṭān „kleines Fest, Halbfeiertag“
2.12 Ḥagiga Hag Ḥăgigah Ḥag. חֲגִיגָה agîgâ „Festfreude, Festopfer“
3 Nashim נָשִׁים nāšîm, Sg. אִשָּׁה ʾiššâ „Frau“
3.1 Jevamot Jev Y’bamoth Yeb. יְבָמוֺת jeḇāmôt, Sg. יְבָמָה jeḇāmâ „Schwägerin“
3.2 Ketubbot Ket K’thuboth Keth. כְּתוּבּוֺת ketûbbôt, Sg. כְּתוּבָּה ketûbbâ „Ehevertrag“ (~ כָּתוּב kātûḇ „geschrieben; Schrift“)
3.3 Nedarim Ned N’darim Ned. נְדָרִים nedārîm, Sg. נֶ֫דֶר nædær, נֵ֫דֶר nedær „Gelübde, gelobtes Opfer“
3.4 Nazir Naz Nazir Naz. נָזִיר nāzîr „Geweihter, Nasiräer“
3.5 Soṭa Sota Soṭah Sot. סוֹטָה sôṭâ „untreue Ehefrau, des Ehebruchs Verdächtige“
3.6 Giṭṭin Git Giṭṭin Gitt. גִּטִּין giṭṭîn, Sg. גֵּט geṭ „Urkunde, Scheidebrief“
3.7 Qiddushin Qid Ḳiddushin Kidd. קִדּוּשִׁין qiddûšîn, Sg. קִדּוּשׁ qiddûš (auch plene קִידּוּשׁ) „Heiligung; Verlobung“
4 Neziqin נְזִיקִין nezîqîn, Sg. נָזִיק nāzîq „Schädigung, Beschädigung“
4.1 Bava Qama BQ Baba Ḳamma B. Kam. בָּבָא קַמָּא bāḇâ qammâ „erstes Tor“ (בָּבָא „Tür, Tor“, קַדְמָא = קַמָּא „erster, voriger“)
4.2 Bava Meṣiʿa BM Baba M’tsiʿa B. Mets. בָּבָא מְצִיעָא bāḇâ meṣîʿâ „mittleres Tor“ (מְצִיעָא „mittlerer“)
4.3 Bava Batra BB Baba Bathra B. Bath. בָּבָא בַּתְרָא bāḇâ batrâ „letztes Tor“ (בַּתְרָא „letzter, spätester“)
4.4 Sanhedrin San Sanhedrin Snh. סַנְהֶדְרִין sanhædrîn = griech. συνέδριον syn(h)édrion „Versammlung, Senat, (hoher) Rat, Gerichtshof“
4.5 Makkot Mak Maccoth Macc. מַכּוֺת makkôt, Sg. מַכָּה makkâ „Schlag, Wunde“
4.6 Shevuʿot Shevu Sh’buoth Shebu. שְׁבוּעוֺת šeḇûʿôt, Sg. שְׁבוּעָה šeḇûʿâ „Eid, Schwur“
4.7 ʿEdujot Ed Eduyoth Ed. עֵדֻיּוֺת ʿedujjôt, Sg. עֵדוּת ʿedût „Zeugnis, Beweis“
4.8 ʿAvoda Zara AZ Abodah Zarah Ab. Zar. עֲבוֹדָה זָרָה ʿaḇôdâ zārâ „fremder Kult, Götzendienst“ (זָר zār „fremd“, עֲבֹדָה ʿaḇōdâ, plene עֲבוֹדָה, „Arbeit, Dienst“)
4.9 Avot Avot Aboth Ab. אָבוֺת ʾāḇôt, Sg. אָב ʾāḇ „Vater“
4.10 Horajot Hor Horayoth Hor. הוֺרָיוֺת hôrājôt, Sg. הוֺרָיָה hôrājâ „Belehrung, Entscheidung“
5 Qodashim קָדָשִׁים qŏdāšîm, Sg. קֹ֫דֶשׁ qodæš „Heiligkeit, Heiligtum, Heiliges“
5.1 Zevaḥim Zev Z’baḥim Zeb. זְבָחִים zeḇāḥîm, Sg. זֶבַח zæḇaḥ „Schlachtung, Opfer“
5.2 Menaḥot Men M’naḥoth Men. מְנָחוֺת menāḥôt, Sg. מִנְחָה minḥâ „Geschenk, Opfergabe, Speiseopfer“
5.3 Ḥullin Hul Ḥullin Ḥull. חוּלִּין ḥûllîn, Sg. חוּלָּא ḥûllâ „gemein, profan“
5.4 Bekhorot Bek B’khoroth Bekh. בְּכוֺרוֺת beḵôrôt, Sg. בְּכוֺרָה beḵôrâ „Erstgeburt“
5.5 ʿArakhin Ar Arakhin Arakh. עֲרָכִין ʿarāḵîn, Sg. עֵ֫רֶךְ ʿeræḵ „Ordnung; Schätzung“
5.6 Temura Tem T’murah Tem. תְּמוּרָה temûrâ „Vertauschung“
5.7 Keritot Ker K’rithoth Ker. כְּרִיתוֺת kerîtôt (Jastrow) oder כָּרֵתוֺת kāretôt (Dalman), Sg. כָּרֵת kāret „Ausrottung“
5.8 Meʿila Me M’ʿilah Meil. מְעִילָה meʿîlâ „Veruntreuung, Treulosigkeit“
5.9 Tamid Tam Tamid Tam. תָּמִיד tāmîd „Fortdauer, ständig; tägliches Opfer“
5.10 Middot Mid Middoth Midd. מִדּוֺת middôt, Sg. מִדָּה middâ (auch plene מִידָּה, Pl. מִידּוֺת) „Maß, Norm, Art und Weise“
5.11 Qinnim Qin Ḳinuim (wohl -nn-) Kin. קִנִּים qinnîm, Sg. קֵן qen „Nest“
6 Ṭoharot Tohăroth טְהָרוֺת ehārôt (Dalman, aber vielleicht gemeint טֳהָרוֺת ohārôt?), Sg. טָהֳרָה ṭŏho „Reinheit, Reinigung“. (Der Pl. und der Name des Traktats lauten nach Jastrow טָהֳרוֺת Tohŏroth oder טַהֲרוֺת Tahăroth [v. Sg. טַהֲרָה]. In der Abkürzungsliste hat Jastrow Tohăroth, s.v. טָבַל Tahăroth.)
6.1 Kelim Kel Kelim Kel. כֵּלִים kelîm, Sg. כְּלִי ke „Gerät, Gefäß“
6.2 Ohalot Oh Ohŏloth Ohol. אֳהָלוֺת ʾohālôt (Dalman; Jastrow offenbar אָהֳלוֺת ʾŏholôt), Sg. אֹ֫הֶל ʾohæl „Zelt; Bedachung“
6.3 Negaʿim Neg N’gaʿim Neg. נְגָעִים negāʿîm, Sg. נֶ֫גַע nægaʿ „Aussatz“
6.4 Para Para Parah Par. פָּרָה pārâ „junge Kuh“
6.5 Ṭoharot Toh Tohăroth Toh. s. 6
6.6 Miqwaot Miq Miḳvaoth Mikv. מִקְוָאוֺת miqwāʾôt, Sg. מִקְוֶה miqwæ̂ „Wasserbassin, rituelles Bad“
6.7 Nidda Nid Niddah Nidd. נִדָּה niddâ „Menstruation, Menstruierende“
6.8 Makhshirim Makh Makhshirin Makhsh. מַכְשִׁירִין maḵšîrîn, Sg. מַכְשִׁיר maḵšîr „was tauglich macht“
6.9 Zavim Zav Zabim Zab. זָבִים zāḇîm, Sg. זָב sāḇ „am Ausfluss leidend“
6.10 Ṭevul Jom TevJ T’bul Yom טְבוּל יוֹם eḇûl jôm „Gebadeter eines Tages“ (טָבוּל Part. Pass. v. טבל ṭbl „eintauchen, ein rituelles Bad nehmen“), d.i. jemand, der bereits ein rituelles Bad genommen hat, aber noch bis Sonnenuntergang warten muss, bis er kultisch vollständig rein ist
6.11 Jadajim Jad Yadayim Yad. יָדַיִם jādajîm (Dual), Sg. יָד jād „Hand“
6.12 ʿUqẓim Uq ʿUktsin Ukts. Jastrow עוּקְצִים ʿûqṣîm (oder ׳ִין -în, auch def. עֻקְצִים), Sg. עוּקָץ ʿûqāṣ; Dalman עֳקָצִין ʿoqāṣîn, Sg. עוֺקֶץ ʿôqæṣ „Spitze, Stachel, Stiel“

Unter den Rabbinen aus der Zeit vor der Zerstörung des zweiten Tempels ragen vor allem Hillel (הִלֵּל) und Šammaj (שַׁמַּי ,שַׁמַּאי) (beide aus der Zeit Herodes' des Großen) hervor. Die Schule Schammais ist durch einen stärkeren Rigorismus, die Hillels durch größeren Pragmatismus gekennzeichnet. Letztere setzte sich im Laufe der Mischnabildung schließlich durch. Die Mischnalehrer werden als Tannaiten (תַּנָּאִים‬ tannāʾîm, Sg. תַּנָּא‬ tannâ „Lehrer“) bezeichnet. Man unterteilt sie meist in fünf Generationen. Die bedeutendsten Lehrer der ersten Generation waren Gamliʾel (גַּמְלִיאֵל, griech. Gamaliel) der Ältere (Apg 5,34) und Joḥanan ben Zakkaj (יוֺחָנָן בֶּן זַכַּאי). Der wichtigste der zweiten Generation war Gamliʾel der Jüngere, Enkel des Älteren. Die herausragende Gestalt der dritten Generation (nach Krupp) war ʿAqiḇa ben Josef (עֲקִיבָא בֶּן יוֺסֵף), der im Bar-Kochba-Aufstand als Märtyrer starb. (Akiba wird vom Wikipedia-Art. Rabbi Akiba zur zweiten Generation gerechnet, vom Wikipedia-Art. Tannaim noch zur ersten.) Die bedeutendsten Lehrer der vierten Generation waren alle Schüler Akibas, der wichtigste unter ihnen Rabbi Meʾir (מֵאִיר „erleuchtend, Licht verbreitend“, Pt. Hiph. v. אור), der allerdings als übertrieben spitzfindig galt. Der bedeutendste Kopf der fünften Generation war Jehuda han-Nasi (יְהוּדָה הַנָּשִׂיא „J. der Fürst“), Enkel des jüngeren Gamaliel und Endredaktor der Mischna, oft nur kurz Rabbi genannt.

Die Mischna enthält hauptsächlich הֲלָכָה halāḵâ, Dalman: „Brauch, Recht“, wörtl. „Wandel“ (v. הלך hlk „gehen, wandeln“), das sind die Bestimmungen des Religionsgesetzes, resp. die verschiedenen Gelehrtenmeinungen dazu. In deutlich geringerem Umfang findet sich auch אַגָּדָה ʾaggādâ „Erzählung“ (v. נגד ngd, Hi. הִגִּיד, inf. abs. הַגֵּד, „Nachricht bringen, erzählen“), das sind erzählende Texte oder erbauliche Betrachtungen.

Material, das aus der Mischna ausgeschieden wurde, z.B. Details zur Diskussion oder zu Fragen, die als unwichtig betrachtet wurden, wurden in der תּוֺסֶפְתָּא tôsæp̱tâ „Hinzufügung“ (v. יסף jsp Qal und Hiph. „hinzufügen“) gesammelt. Eine einzelne solche Lehrmeinung heißt בָּרַיְתָא oder בָּרַיְיתָא bārajtâ (Dalman בָּרָיְתָא bārājta) (v. בָּרָאָה bārāʾâ, בָּרָיָיא bārājâ „außerhalb befindlich“).

m Mischna
t Tosefta

Gemara, Talmud

Auch die Mischna verlangte bald nach Erklärung, Konkretisierung, Ergänzung. Diese wurde gesammelt in der גְּמָרָא gemārâ „Vollendung; überlieferte Lehre, Tradition“ (v. aram. גמר gmr „vollenden; aufhören; schlußfolgern; (das traditionelle Recht) lernen“). Dies passierte vor allem an zwei Orten: in Tiberias (am See Genezareth) und in Babylon. Mischna und Gemara bilden zusammen den תַּלְמוּד talmûd „Belehrung, Gesetzeslehre“ (v. למד lmd „lernen“, Pi. „lehren“). Der in Palästina entstandene Talmud wird meist יְרוּשַׁלְמִי jerûšalmî, „Jerusalemer (Talmud)“ (Jeruschalmi) genannt, der in Babylon entstandene בָּבְלי bāḇlî „Babylonischer (Talmud)“ (Bavli). Die Gemara ist in aram. Sprache geschrieben.

b Bavli, Babylonischer Talmud
j Jeruschalmi, Jerusalemer oder Palästinischer Talmud

Die auf die Tannaitenzeit folgenden Gelehrten werden als Amoräer (אֲמוֺרָאִים ʾamôrāʾîm, Sg. אֲמוֺרָא ʾamôrâ „Sprecher, Vortragender“) bezeichnet. Ihr Wirken reichte von etwa 220 bis 500 n.Chr. Sie waren für die Bildung der Gemara verantwortlich. Auf diese folgten für nicht ganz 100 Jahre die sog. Saboräer (סָבוֺרָאִים sābôrāʾîm, Sg. סָבוֺרָא sābôrâ „Schlussfolgernder, Begreifender“). Sie führten letzte Redaktionsarbeiten am Talmud aus. Nach ihnen kamen die Geonim (גְּאוֹנִים geʾônîm, Sg. גָּאוֹן gāʾôn „Pracht, Majestät, Exzellenz“). Sie wirkten von kurz vor 600 bis in die Mitte des 11. Jh. und waren die babylonischen Schulhäupter und Lehrer und Ausleger des Talmud.

Midrasch

Parallel dazu entstand vor allem in Palästina eine Gruppe von Schriften, die man später mit dem Begriff מִדְרָשׁ midrāš „Auslegung, Erklärung“, Pl. מִדְרָשִׁים midrāšîm (v. דרשׁ drš „suchen, befragen“) zu kategorisieren versuchte. Midraschim enthalten teils Exegese (Auslegung) der Heiligen Schrift, teils Homilien (Predigten). Die ältesten und wohl auch bedeutendsten sind:


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 04. Jan. 2018