Michael Neuhold Homepage
Startseite > Sprachen > Vom Indogermanischen zum Deutschen

Vom Indogermanischen zum Deutschen


Als klassischer Philologe besitzt man zwar eine gewisse natürliche Affinität zur historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft, ist damit aber noch kein ausgewiesener Komparatist. Insbesondere zur germanischen Sprachgeschichte bin ich absolut kein Fachmann. Mein Interesse an der Materie entzündete sich bei der Lektüre der ersten Seiten meines gymnasialen Literaturkundebuches, des "Pochlatko":

Pochlatko, Herbert /Koweindl, Karl /Pongratz, Josef: Einf. i. d. Literatur d. deutschen Sprachraumes v. ihren Anf. bis zur Ggw. I. Teil.- 3., durchges. u. erg. Aufl.- Wien: Braumüller, 1976

Für die Etymologien (insbes. die gotischen und althochdeutschen Formen) habe ich mich in erster Linie an den Etymologieduden gehalten:

Duden Etymologie. Herkunftswörterbuch d. deutschen Sprache.- 2., völlig neu bearb. u. erw. Aufl.- Mannheim, Wien, Zürich: Dudenverl., 1989

Soweit verfügbar habe ich auch Angaben berücksichtigt aus:

Szemerényi, Oswald: Einf. i. d. vergleichende Sprachwissenschaft.- 2., überarb. Aufl.- Darmstadt: Wissenschaftl. Buchges., 1980

Und nicht zuletzt habe ich diverse Wikipedia-Artikel benützt.

In der Schreibung habe ich mich meist an den Etymologieduden gehalten: Langvokale sind durch Makron (ā) bezeichnet, nicht durch Circonflexe (â), um auch lange Vokale mit Akzent (ā́) bezeichnen zu können. Die Halbvokale und habe ich aus typographischen Gründen wie Szemerényi mit y und w wiedergegeben. Aus dem gleichen Grund habe ich auf die Unterscheidung zwischen Palatalen und Velaren verzichtet, die für unser Thema ohnehin irrelevant ist.

Im folgenden werden nur die lautliche Prozesse beschrieben, die zum heutigen Neuhochdeutschen geführt haben. Um die Änderungen in der Flexion verstehen und darlegen zu können, dazu fehlt mir das grammatikalische Wissen. Gotisch müßte man können. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Erste Lautverschiebung

Die  Germanen waren eine in Mittel- und Nordeuropa beheimatete Volksgruppe, die eine indogermanische (Kentum-)Sprache sprachen. Den Namen Germani haben die Römer wohl von den Kelten übernommen, die damit ihre westlichen Nachbarn bezeichneten. Zur Zeit des Tacitus (um 100 n.Chr.) lag ihr Siedlungsgebiet zwischen Nordsee und Donau (N-S) und zwischen Rhein und Weichsel (O-W), sowie in Skandinavien.

Die  Sprachen der Germanen haben einige lautliche Gemeinsamkeiten, die sie von anderen indogermanischen Sprachen unterscheiden. Die Gruppe von Lautprozessen, die diese lautlichen Besonderheiten herbeigeführt haben, wird erste oder germanische  Lautverschiebung genannt. Sie wurde 1818 vom Dänen Rasmus Kristian Rask entdeckt und von Jacob Grimm 1822 in der zweiten Auflage seiner Deutschen Grammatik systematisch dargelegt. Daher spricht man auch von (Rask's-)Grimm's law. Die von ihm beschriebenen lautlichen Veränderungen waren:

Tenues zu Spiranten: p > f, t > þ, k > h (über χ)
idg. *pətḗr, griech. patḗr, lat. pater; got. fadar, engl. father, dt. Vater
Man würde wegen t > þ got. faþar erwarten. Hier greift das berühmte  Vernersche Gesetz (von dem Dänen Karl Verner 1875 entdeckt), nach welchem p/t/k zu stimmhaften Spiranten ƀ/ð/g̱ (im Got. als Mediae b/d/g) wurden, wenn der Akzent nicht unmittelbar vorausging. Altind. pitár- zeigt, daß dies hier tatsächlich nicht der Fall war. Ebenso wurde s stimmhaft, wenn es unmittelbar auf den Akzent folgte, ansonsten wurde es zu r (außer im Got.?): engl. was/were < *wás/wēsúm
idg. *treiyes, griech. treis, lat. trēs; got. þreis, engl. three, dt. drei
idg. *kerd-/*kr̥d-, griech. kardíā, lat. cord-; got. haírtō, engl. heart, dt. Herz
Diese Lautverschiebung ist unterblieben, wenn vor der Tenuis ein s oder ein durch Lautverschiebung entstandener Spirant stand: lat. piscis, got. fisks (wegen des s); lat. noct-, got. nahts (wegen des h)
Mediae zu Tenues: b > p, d > t, g > k
idg. *dekm̥, griech. deka, lat. decem; got. taíhun (k > h s.o., aí = kurzes e vor r, h und hw), engl. ten, dt. zehn
Das silbische (d.h. unmittelbar auf einen Konsonanten folgende) m wird griech. zu a, lat. zum em, germ. zu un; vgl. auch idg. *km̥tóm, griech. he-katon, lat. centum, engl. hund-red, dt. hundert.
idg. *genu-, griech. góny, lat. genū; engl. knee, dt. Knie
Mediae aspiratae zu Mediae: bh > b, dh > d, gh > g
Die Mediae aspiratae wurden im Griech. zu Tenues aspiratae (ph/th/kh), im Lat. im Anlaut zu stimmlosen Spiranten (bh/dh > f, gh > h), im Inlaut zu Mediae (bh > b, dh > d [nach u und r und vor r und l zu b], gh > g [intervokalisch auch h]).
idg. *bhrā́ter, griech. phrā́tēr, lat. frāter; got. brōþar, engl. brother, dt. Bruder
Ist im Gegensatz zu idg. *pətḗr zugleich ein weiteres Beispiel für t > þ.
idg. *werdho-, lat. verbum; engl. word, dt. Wort
idg *ghostis "Fremdling", lat. hostis "Feind"; got. gasts, dt. Gast

Veränderungen im Bereich der Vokale waren:

ŏ > ă (kurz-o zu kurz-a)
Das gilt auch für die entsprechenden Diphthonge, d.h. oi > ai, ou > au.
idg. *nokwt-, griech. nykt-, lat. noct-; got. nahts, dt. Nacht
ein weiteres Beispiel ist idg. *ghostis > dt. Gast (s.o.)
ā > ō (lang-a zu lang-o)
idg. *bhāgos, griech. phēgós (griech. ā > ē) "Speiseeiche", lat. fāgus; got. boka (g > k s.o.), dt. Buche
ein weiteres Beispiel ist idg. *bhrā́ter > engl. brother (s.o.)
ē > ā (außer im Got.)
idg. dhē- "setzen, stellen", griech. tí-thē-mi, lat. fē-ci "ich machte"; got. dēds, ahd. tāt

Diese Lautverschiebung wurde traditionell auf etwa 500 v.Chr. datiert. Doch der Name des german. Stammes der Kimbern (lat. immer Cimbri) und der Name der Waal (südlicher Mündungsarm des Rhein), der bei Cäsar (ca. 50 v.Chr., Caes.Gall. 4,10 - doch halten manche das Kapitel für einen späteren Einschub) noch in der Form Vacalus (quae Vacalus appellatur) und bei Tacitus (ca. 100 n.Chr., Tac.Ann. 2,6) in der lautverschobenen Form Vahalis (accolae dicunt Vahalem) erscheint, legen nahe, daß diese Lautverschiebung noch im 1. Jh.v.Chr. nicht gänzlich abgeschlossen war.

Ost-, Nord- und Westgermanisch

Etwa um diese Zeit (d.h. im 1. Jh.v.Chr.) spalteten sich die Germanen sprachlich in drei Gruppen:

 das Ostgermanische
 das Nordgermanische
 das Westgermanische

Nach Szemerényi faßt die neuere Auffassung das Ost- und Nordgermanische zu einer Gruppe Nordgermanisch zusammen, der das Westgermanische als Südgermanisch gegenübersteht.

Zweite Lautverschiebung

Durch eine weitere Gruppe von lautlichen Veränderungen entstand aus der im Karolingerreich gesprochenen Variante des Westgermanischen das Althochdeutsche. Diese wird zweite oder hochdeutsche Lautverschiebung genannt. Die wichtigsten lautlichen Prozesse waren:

Tenues zu Affrikaten im Anlaut, in der Verdopplung und nach Konsonant: p > pf, t > z [ts], oberdt. auch k > kχ
got. pund (< lat. pondō), engl. pound; ahd. pfunt, nhd. Pfund
engl. pepper (< lat. piper < griech. péperi < altind. pippalī "Beere, Pfefferkorn"); ahd. pfeffar, nhd. Pfeffer
got. taíhun (< idg. *dekm̥ s.o.), engl. ten; ahd. zehan, nhd. zehn
got. haírtō (< idg. *kerd- s.o.), engl. heart; ahd. herza, nhd. Herz
got./engl. salt (< idg. *sal-); ahd. salz, nhd. Salz
Tenues zu langen Spiranten nach Vokal: p > f(f), t > s(s), k > h(h)
got. slēpan (< idg. *sleb-/*slab- "schlaff"), engl. sleep; ahd. slāfan, nhd. schlafen
got. skip (< idg. *skei- "schneiden"), engl. ship; ahd. scif, nhd. Schiff
got. itan (< idg. *ed-), engl. eat; ahd. ezzan, nhd. essen
got. tus (< idg. *ped-/*pod-), engl. foot; ahd. fuoz, nhd. Fuß
got. watō (< idg. *wodōr), engl. water; ahd. wazzar, nhd. Wasser
got. ik (< idg. *egom); ahd. ih, nhd. ich
engl. make (< idg. *mag- "kneten"); ahd. mahhōn, nhd. machen
got. miluks (< idg. *melg- "abwischen; melken"), engl. milk; ahd. miluh, nhd. Milch
þ > d
got. brōþar (< idg. *bhrā́ter s.o.), engl. brother; ahd. bruoder, nhd. Bruder
d > t
got. dags (< idg. *dhegwh- "brennen"), engl. day; ahd. tag, nhd. Tag
f > b
got. liufs (< idg. *leubh- "begehren"), engl. lief "gern"; ahd. liob, nhd. lieb
engl. wife (< idg. *weip- "drehen, sich bewegen"?); ahd. b, nhd. Weib

Diese Lautverschiebung hat ungefähr zwischen dem 6. und 8. Jh.n.Chr. stattgefunden.

Deutsch

Im Frankenreich der Karolinger wurden zwei Sprachen gesprochen, eine romanische im Westen (der Vorgänger des späteren Französisch), eine germanische (altfränk.) im Osten. Im Altfränk. hießen diese *walhisk ("welsch", d.h. romanisch) und *þeodisk ("zum Volk gehörig", < germ. *þiot "Volk"). Aus letzterem wurde ahd. diutisc, mhd. diut[i]sch, nhd. deutsch.

Jene Gruppe von Dialekten, die die zweite Lautverschiebung nicht mitmachten, wird Niederdeutsch genannt. Zum Niederdeutschen zählen die Sprache der mittelalterl. Hanse, das heutige Plattdeutsch und das Niederländische. Sprachgrenze ist nach manchen die  Benrather Linie (maken-machen-Grenze), nach anderen die im  Rheinischen Fächer weiter nördlich gelegene  Uerdinger Linie (ik-ich-Grenze). Daneben gibt es eine Gruppe von Dialekten, die diese Lautverschiebung nur teilweise mitmachten, das sog. Mitteldeutsche. Als südliche Sprachgrenze gilt die  Mainlinie (Appel-Apfel-Grenze, entspricht ungefähr dem Weißwurstäquator). Das Mitteldeutsche wird meist zum Hochdeutschen gerechnet, sodaß sich nach den einschlägigen Wikipedia-Artikeln folgende Verteilung ergibt (die jedoch nicht als erschöpfende Aufzählung zu verstehen ist):

Alt-, Mittel, Neuhochdeutsch

 Althochdeutsch (ca. 750-1050) war die Sprache der Karolinger und Ottonen. Es war dadurch gekennzeichnet, daß in Vorsilben und Endungen noch volltönende Vokale standen (boto=Bote, gisungan=gesungen usw.).

 Mittelhochdeutsch (ca. 1050-1500) war die Sprache der mittelalterlichen Klassiker wie Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Straßburg, Walther von der Vogelweide. Nebenvokale in unbetonten Silben werden zu e abgeschwächt (bote, gesungen).

Neuhochdeutsch ist das Hochdeutsch seit Beginn der Neuzeit, an deren Ausformung und Verbreitung die kaiserlichen Kanzleien der Luxemburger und Habsburger und Martin Luthers Bibelübersetzung wesentlichen Anteil hatten.

Nach anderen reicht das Mhd. nur bis 1350, gefolgt vom  Frühneuhochdeutschen (ca. 1360-1650). Das  Neuhochdeutsche beginnt dann erst im 17. Jh.

Die wichtigsten lautlichen Unterschiede zwischen Mhd. und Nhd. sind:


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 22. März 2017