Michael Neuhold
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Lectio secunda


secúnda zweite engl. second; dt. Sekunde: "zweite" Unterteilung einer Stunde (nach der Minute); Sekund: zweites Intervall der Intervallehre

1.

[Text]

Das folgende stammt aus Plautus [1], Mostellaria (dt. etwa "Gespensterkomödie"), 717 f. Tranio ist ein schlitzohriger Sklave, der hier Simo, einen alten Herrn, etwas überschwenglich begrüßt. Simo grüßt höflich, aber knapp zurück.

(Tránio servus Simónem videt.) (Der Sklave Tranio sieht den Simo.)
Tranio: Di te ament plúrimum, Simo. Tranio: Die Götter mögen dich aufs höchste lieben, Simo.
Simo: Salvus sis, Tranio. Simo: Grüß dich, Tranio.
Tranio: Ut vales? Tranio: Wie geht es dir?
Simo: Non male. Quid agis? Simo: Nicht schlecht. Was treibst du?

[Vokabel]

(1/13) vide-t (er/sie/es) sieht
(1) di te ament die Götter mögen dich lieben
(2) plurimum sehr viel, am meisten
(3) ut wie (dieses Wort hat noch einige andere Bedeutungen)
(4) vále-o, valé-re gesund sein, stark sein, vermögen
vale-s du bist gesund, stark, wohlauf
(5) non nicht
(6) male schlecht, übel (Adv.)
(7) quid? was? (Nom. und Akk.)
(8) ag-o, ág-ere tun, (be)treiben
ag-is du tust, (be)treibst

[Grammatik]

Di te ament "die Götter mögen dich lieben" ist eine weitere Möglichkeit zu grüßen.

Nach dem Ergehen fragt man mit ut (oder quómodo) vales? wörtlich "wie bist du wohlauf?" = "wie geht es dir?", quid agis? wörtlich "was treibst du?" = "wie geht es dir?" (vgl. engl. How do you do?) oder valésne? "bist du wohlauf?" = "geht es dir gut?". Man antwortet darauf z.B. mit:

(9) (satis) bene (hinreichend) gut
(10) óptime bestens, sehr gut dt. Optimist: einer, der nur das beste erwartet
(6) male schlecht
(11) péssime sehr schlecht dt. Pessimist
(12) non (ita) male nicht (so) schlecht
(13) non (ita) bene nicht (so) gut

Dazu kann man noch valeo "mir geht es" setzen: bene "gut" oder bene valeo "mir geht es gut".

2.

[Text]

Ein freudiges Wiedersehen aus Terenz, Heautontimorúmenos (griech. "der sich selbst Bestrafende"), 404-408. Die Sprecher sind Bacchis, eine Hetäre (lat. méretrix), d.i. eine Prostituierte für gutsituierte Herren, ihre Freundin Antíphila (sprich [an'tifila] (traditionell) oder [an'tipila] (antikisierend) ) und Clínia, ein junger Mann aus gutem Hause, der in Antiphila verliebt ist (alles Griechen). Clinia steht mit Syrus, dem Sklaven seines Vaters, auf der Bühne, da treten Bacchis und Antiphila, ins Gespräch vertieft, auf.

(Antíphila Clíniam áspicit et stupéscit.) (Antiphila erblickt Klinia und erstarrt.)
Bacchis: Quid stupes, Antiphila? Bakchis: Warum bist du erstarrt?
Antiphila: Videóne Cliniam, an non? Antiphila: Sehe ich den Klinia oder nicht?
Bacchis: Quem vides? Bakchis: Wen siehst du?
Clinia: Salve, ánime mi. Klinia (zu Antiphila): Grüß dich, mein Herz.
Antiphila: O mi Clínia, salve. Antiphila: Oh mein Klinia, sei gegrüßt.
Clinia: Ut vales? Klinia: Wie geht es dir?
Antiphila: Salvum te venísse gáudeo. Antiphila: Ich freue mich, daß du wohlauf (zurück)gekommen bist. (Sie umarmen einander.)
Clinia: Teneóne te, Antiphila? Klinia: Halte ich dich (wirklich), Antiphila?

[Vokabel]

(7) quid? was? hier im Sinne von: warum? (vgl. dt. Was schaust du so?)
(14) an (in Wahlfragen: "A oder B?") oder
(1/13) vide-s du siehst
(15) ánimus Geist, Herz, Mut
(16) me-us ['me-us], me-a, me-um, Vok.Mask. mi mein
(17) te dich (Akk.) (vgl. 1)
te venisse daß du gekommen bist
(18) gáude-o, gaudé-re sich freuen franz. jouir
(19) téne-o, tené-re halten, festhalten franz. tenir

[Grammatik]

Wie wir sehen, heißt im Lat.:

Wo sind "ich, du, er, sie"? Sie stecken bereits im Verbum (genau wie im Italienischen). Man verwendet sie als Subjekt nur, wenn ein Nachdruck auf ihnen liegt: Ego bene valeo, quomodo tu vales? "*Mir* geht es gut, wie geht es *dir*?".

Die Formen des Präsens Aktiv (Gegenwart Tätigkeitsform) lauten:

a-Konjugation e-Konj. Kons. Konj. i-Konj. esse
Infinitiv (Nennform)
Inf. amá-re (zu) lieben vidé-re ág-e-re vení-re es-se (zu) sein
Indikativ (Wirklichkeitsform)
1.P.Sg. am-o ich liebe víde-o ag-o véni-o s-u-m ich bin
2.P. ama-s du liebst vide-s ag-i-s veni-s es du bist
3.P. ama-t er/sie/es liebt vide-t ag-i-t veni-t es-t er/sie/es ist
1.P.Pl. amá-mus wir lieben vidé-mus ág-i-mus vení-mus s-u-mus wir sind
2.P. amá-tis ihr liebt vidé-tis ág-i-tis vení-tis es-tis ihr seid
3.P. ama-nt sie lieben vide-nt ag-u-nt véni-u-nt s-u-nt sie sind
Imperativ (Befehlsform)
Sg. ama! liebe! vide! ag-e! veni! es! sei!
Pl. amá-te! liebt! vidé-te! ág-i-te! vení-te! es-te! seid!

In der a-, e- und i-Konjugation endet der Verbalstamm auf den entsprechenden Vokal, in der Konsonantischen Konjugation auf einen Konsonanten. Die 1.P.Sg der a-Konj. amo ist kontrahiert (zusammengezogen) aus ama-o. In der Kons. Konj. wird zur Ausspracheerleichterung vor konsonantisch anlautende Endungen ein Bindevokal gesetzt: statt ag-re, ag-s, ag-nt sagt der Römer ag-e-re, ag-i-s, ag-u-nt. Die 3.P.Pl. der i-Konj. ist an die Kons. Konj. angeglichen: veni-u-nt mit (eigentlich nicht nötigem) Bindevokal. Die Wurzel von esse ist es-, viele Formen werden aber von einer verkürzten Wurzel s- (im Präs.Ind. mit Bindevokal -u-) gebildet.

Noch einmal sei daran erinnert, daß ein angehängtes -ne eine Frage bezeichnet: vídeo "ich sehe", videóne "sehe ich?", téneo "ich halte", teneóne "halte ich?", vidésne (öfter verkürzt zu viden) "siehst du?" usw.

[Sprechübung]

Exercitationes

1. Zwei Personen treffen sich und begrüßen sich. Übernimm die Rolle eines der beiden und fülle die Lücken.

a) Rufus et Tullia conveniunt.
Rufus: Salve, Tullia.
Tullia: ...
Rufus: Quomodo vales?
Tullia: (sehr gut) ...

b) Aulus et Publius.
Publius: Salvus sis, Aule.
Aulus: ...
Publius: Ut vales?
Aulus: (nicht so gut) ...

c) Claudia videt Tertia.
Claudia: Ave, Tertia.
Tertia: ...
Claudia: Valesne?
Tertia: (ja, mir geht's gut) ...

d) Discipuli vident Iesum.
Discipuli: Pax tecum, domine.
Iesus: ...

2. Jetzt übernimm die Rolle dessen, der zuerst grüßt.

a) Syrus servus et dominus.
Servus: ...
Dominus: Salve, Syre.
Servus: (wie geht's) ...
Dominus: Optime valeo. Quomodo tu vales?
Servus: (hinreichend gut) ...

b) Gaius (Iulius Caesar), Brutus.
Brutus: ...
Gaius: Salvus sis, Brute. Quid agis?
Brutus: (mir geht's gut, wie geht es dir) ...
Gaius: Satis bene valeo.

[Lösung]

Im folgenden wird jeweils eine mögliche (nicht unbedingt die einzig mögliche!) Lösung gegeben.

1.

a)
Rufus: Salve, Tullia.
Tullia: Salve, mi Rufe.
Rufus: Quomodo vales?
Tullia: Optime (valeo).

b)
Publius: Salvus sis, Aule.
Aulus: Salve, Publi.
Publius: Ut vales?
Aulus: Non ita bene (valeo).

c)
Claudia: Ave, Tertia.
Tertia: Ave, Claudia.
Claudia: Valesne?
Tertia: Ita, bene valeo.

d)
Discipuli: Pax tecum, domine.
Iesus: Pax vobis(cum).

2.

a)
Servus: Salvus sis, domine.
Dominus: Salve, Syre.
Servus: Ut vales?
Dominus: Optime valeo. Quomodo tu vales?
Servus: Satis bene (valeo).

b)
Brutus: Salveto, Gai.
Gaius: Salvus sis, Brute. Quid agis?
Brutus: Bene valeo. Ut tu vales?
Gaius: Satis bene valeo.

[Redewendung]

Dómine, quo vadis? Herr, wohin gehst du?
So fragt Petrus Jesus beim letzten Abendmahl, als dieser mit den Worten "Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen" seinen nahen Tod ankündigt (Joh. 13, 33.36). Nach einer mittelalterlichen Legende stellte Petrus dieselbe Frage, als er auf der Flucht vor der Christenverfolgung dem Herrn vor den Toren Roms begegnete. Auf die Antwort "Nach Rom, um mich ein zweites Mal kreuzigen zu lassen" soll Petrus umgekehrt sein, um den Märtyrertod zu sterben. Dies lieferte den Titel für den 1905 nobelpreisgekrönten Roman "Quo vadis" von Henryk Sienkiewicz.


Fußnoten

[1] T(itus) Máccius Plautus: ca. 250 - 184 v.Chr., stammte aus Umbrien. War in seiner Jugend wohl Schauspieler, dichtete viele fabulae palliatae (Komödien nach griechischer Vorlage), von denen 21 (z.T. mit Lücken) erhalten sind.


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 25. März 2017