Michael Neuhold
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Lectio tertia


tértia dritte ['tertsia] oder ['tertia] dt. Terz: drittes Intervall; Terzett: Musikgruppe aus drei Musikern

1.

[Text]

Marcus et Claudia in ripa sedent. Markus und Claudia sitzen am Ufer.
Claudia: Salve. Quod nomen tibi est? Claudia: Hallo! Wie heißt du?
Marcus: Marcus. Et tibi? Markus: Markus. Und du?
Claudia: Mihi nomen est Claudia. Claudia: Ich heiße Claudia.

[Vokabel]

(1) in (+Abl. wo?) in, an, auf; (+Akk. wohin?) zu, nach, gegen
(2) ripa (Fluß-)Ufer
(3) séde-o, sedé-re sitzen
(4) qui? quae? quod? adjekt. Fragepronomen: welcher,? was für ein?
quod? welches?, was für ein? (Neutr.)
(5) nomen Name
(6) tibi dir (Dat.) (s. 2/17)
(7) mihi mir (Dat.)

[Grammatik]

Für "ich heiße" sagt man im Lateinischen meist mihi nomen est (wörtl. "mir ist der Name"), für "du heißt" tibi nomen ist (wörtl. "dir ist der Name").

2.

[Text]

Lydus ist ein Paedagógus, das ist ein Sklave, der die kleinen Söhne seines Herrn in der Öffentlichkeit zu begleiten und ihnen gutes Benehmen beizubringen hatte. Doch Lydus' Schützling Pistoclérus ist inzwischen ein junger Mann und verliebt in eine Hetäre. Pistoclerus' Freund Mnesílochus, eben erst aus Ephesus zurückgekommen, erkundigt sich nach dieser Frau, die nach Lydus' Ansicht den Pistoclerus verdorben hat (Plautus, Bacchides [die Bakchisse (weil es darin zwei Hetären namens Bakchis gibt)], 472 f.):

Mnesilochus: Ubi ea múlier hábitat? Mnesilochus: Wo wohnt diese Frau?
Lydus: Hic. Lydus [auf das gegenüberliegende Haus zeigend]: Hier.
Mnesilochus: Unde est? Mnesilochus: Von wo ist sie?
Lydus: Ex Samo. Lydus: Aus Samos.
Mnesilochus: Quae vocátur? Mnesilochus: Wie heißt sie?
Lydus: Bacchis. Lydus: Bakchis.

Das ist für Mnesilochus ein Schlag ins Gesicht, denn er hat sich in Ephesus in eine Hetäre aus Samos verliebt, die Bacchis heißt, aber dann nach Athen übersiedelt ist. Aber wie gesagt: es gibt ja zwei Bakchisse.

[Vokabel]

(8) ubi wo?
(9) ea Fem. von is (1/17) diese, sie
(10) múlier Frau
(11) hábit-o, habitá-re wohnen, bewohnen
(12) hîc (langes i) hier
(13) unde? woher? von wo?
(14) e, ex (+Abl.) von, aus
(4) quae? welche? was für eine? (Fem.)
(15) voc-o, vocá-re rufen, nennen
vocá-tur (er/sie/es) wird gerufen, wird genannt

[Grammatik]

Eine andere Möglichkeit, nach dem Namen zu Fragen, ist qui vocaris, bzw. an eine Frau gerichtet quae vocaris (wörtl. "(als) welcher/welche wirst du gerufen?"). Die Antwort könnte X vocor "ich werde X gerufen" lauten. Die Endungen -or, -ris, -tur sind Passiv.

Die Frage nach der Herkunft lautet unde es? "woher bist du?" oder unde venis? "woher kommst du?". Die Antwort lautet (sum/venio) e(x) ... "(ich bin/komme) aus ...". Die Präposition e, ex steht immer mit dem Ablativ und hat zwei Formen: e steht nur vor Konsonanten, das häufigere ex vor Vokalen und Konsonanten:

ex Áustria aus Österreich
e Germánia aus Deutschland
ex Helvétia aus der Schweiz
ex Itália aus Italien
e Británnia aus England
e Francogállia aus Frankreich

Bei Städtenamen steht auf die Frage "woher?" der Ablativ ohne Präposition:

Viénna aus Wien
Iuvávo aus Salzburg
Aenipontáno aus Innsbruck
Léntia aus Linz
Monáchio aus München
Colónia Agrippinénsi aus Köln

Kulturkunde

Römische Personennamen

In klassischer Zeit hatten die freien männlichen Römer meist drei Namen: praenómen (Vorname), nomen gentíle (Sippen-, Clanname) und cognómen (Beiname). Das praenomen wählten die Eltern, das nomen gentile wurde vom Vater auf die Kinder vererbt. Das cognomen wurde meist ebenfalls als Familienname vererbt, oft traten zur Unterscheidung noch weitere Beinamen hinzu.

Die Römer waren nicht sonderlich einfallsreich beim Erfinden von Vornamen: es gab nicht einmal 20 männliche Vornamen, drei davon sind eigentlich Zahlwörter und zwei (Kaeso, Mamercus) wurden so gut wie nie verwendet.

A. = Aulus App. = Appius C. = Gaius
Cn. = Gnaeus D(ec). = Décimus (der Zehnte) K. = Kaeso
L. = Lúcius M. = Marcus M'. = Mánius
Mam. = Mamercus N(um). = Numérius P. = Públius
Q. = Quintus (der Fünfte) Ser. = Sérvius S(ex). = Sextus (der Sechste)
Sp. = Spúrius T. = Titus Ti(b). = Tibérius

Man beachte, daß Gaius und Gnaeus mit C, nicht mit G abgekürzt werden. Dies ist darauf zurückzuführen, daß diese Abkürzungen aus einer Zeit stammen, als es für den harten (c, gesprochen [k]) und den weichen (g) Gaumenlaut nur ein gemeinsames Zeichen gab: C. Erst später wurde zur Unterscheidung beim g an das C noch ein diakritisches Strichlein gesetzt, daraus wurde der Buchstabe G.

Die Beinamen hatten meist spöttische Bedeutung: Crispus "Krauskopf", Cicero "Kichererbse", Naso "Nase", Longus "Langer", Crassus "Fettwanst".

Angeredet hat man sich im Familien- und Freundeskreis vermutlich mit dem praenomen, sonst mit dem nomen gentile oder dem cognomen.

Frauen hatten kein praenomen, sie erhielten das nomen gentile ihres Vaters mit weiblicher Endung (Iúlia, Cornélia, Lucrétia, Cláudia) und meist auch sein cognomen. Bei mehreren Töchtern trat zur Unterscheidung ein Zusatz wie maior "die ältere", minor "die jüngere", tertia "die dritte" zum Namen.

Im persönlichen Umgang hat man die Frauen und Mädchen vermutlich mit Spitz- oder Kosenamen angeredet. So sehen wir etwa aus der Liebesdichtung, daß Catull Lesbia zu seiner Clodia sagte, Tibull Delia zu seiner Plania, Properz Cynthia zu Hostia.

Sklaven, die ja oft Kriegsgefangene waren, trugen meist ausländische Vornamen. Dazu kam das nomen gentile (und oft auch das praenomen) ihres Besitzers im Genetiv: Apollónius Auréli (Luci) "Apollonius des (Lucius) Aurelius (Sklave)".

Die Figuren der römischen Komödie nach griechischem Vorbild (der fábula palliáta, d.h. "Stück im Pállium" [Pallium ist ein Mantel nach Vorbild des griech. Himátion]) sind Griechen. Ihre Namensgebung gehorcht daher anderen Gesetzen. Die Griechen hatten nur einen Namen und setzten, wo es zur Unterscheidung nötig war, den Namen des Vaters im Genetiv und/oder ein Adjektiv, das die Stadt oder den Gau ihrer Herkunft bezeichnete: Périkles (Xanthíppu) (Athenáios) "Perikles (des Xanthippos (Sohn),) ((der) Athener)".
Die Namen der Sklaven waren nicht selten Herkunftsadjektive, da Sklaven ja meist Kriegsgefangene, in hellenistischer Zeit aus dem Osten des Alexanderreiches, waren: Lydus "Lyder", Syrus "Syrer" usw.

[Redewendung]

Nomen est omen. Der Name ist Vorbedeutung.
D.h. der Name sagt etwas über das Wesen seines Trägers aus. Der Ausspruch geht zurück auf Plautus' nomen atque omen "Name und (zugleich) Vorbedeutung".


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 25. März 2017