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Citrus: eine Quellensammlung


Auf einem altem Kalenderblatt fand ich ein Rezept von Apicius, eine Vorspeise aus Marillen. Das lat. Wort für die Marille, praecoquium, war mir nicht geläufig und so recherchierte ich ein wenig im Internet. Dabei stieß ich auf  Dierbach, Johann Heinrich: Flora Apiciana. E. Beitr. z. näheren Kenntniss d. Nahrungsmittel d. alten Römer (Heidelberg, Leipzig: 1831). Angesichts von „§. 10. Citronen“ fragte ich mich, wie Zitrone, Orange & Co. eigentlich zu uns gekommen sind.

Die weitere Recherche ergab, dass die aktuellen Werke (soweit im Netz verfügbar) immer nur andere Sekundärliteratur zitieren. Kaum jemand scheint die Quellen wirklich zu kennen. Daher habe ich versucht, eine kleine Quellensammlung zusammenzustellen.

Dachte ich anfangs, dass es zu diesem Thema höchstens eine Handvoll antiker Texte gibt, stieß ich nach und nach auf allen möglichen Autoren, von denen im Studium nie die Rede war. Irgendwann musste ich daher einen Schlußstrich (alte Rechtschreibung aus ästhetischen Gründen) ziehen, auch wenn die Sammlung noch nicht vollständig ist. Ich wollte schließlich keine Dissertation schreiben.

Ich habe alle Texte selbst übersetzt. Wo mir eine dt. oder engl. Übers. zum Vergleich zugänglich war, nenne ich sie auch.

Meine Darstellung beruht im wesentlichen auf:

Arten und ihre Namen

Die Heimat der Zitrusfrüchte ist Südostasien (Südchina, Indochina, Nordindien). Sie brauchen warmes, wasserreiches Klima.

Zitrusfrüchte werden seit Jahrtausenden vom Menschen kultiviert. Daher sind die meisten der vom Menschen genutzten Arten Kreuzungen. Genuine Arten sind nach heutigem Kenntnisstand lt. Wikipedia ( Zitruspflanzen,  Citrus, und die Seiten zu den einzelnen Arten):


Verwandtschaftsverhältnisse der wichtigsten Zitrusfrüchte. Scora hielt 1975 die Zitrone allerdings für eine Kreuzung aus Zitronatzitrone und Limette, diese wiederum für eine Kreuzung aus Zitronatzitrone und Papeda.
Pampelmuse
Citrus maxima Merr., Syn. Citrus grandis L., Citrus decumana Murr.
engl. pomelo, shaddock, franz. la pamplemousse, ital. il pomelo, pummelo, pampaleone, neugr. η φράπα
Große grüngelbe Früchte, die in Ostasien gegessen werden.
Mandarine
Citrus reticulata Blanco, Syn. Citrus deliciosa Tenore, Citrus nobilis Andrews
engl. mandarin(e), franz. la mandarine, ital. il mandarino, neugr. το μανταρίνι
Als Obst gegessen, auch zur Saftherstellung.
Zitronatzitrone (Zedrate)
Citrus medica L.
engl. citron, franz. le cédrat, ital. il cedro, neugr. το κίτρο
Größer als die Zitrone, dicke Schale, wenig Fruchtfleisch, zur Herstellung von Zitronat.
Kumquat
Citrus japonica Thunb., von anderen als Vertreter einer eigenen Gattung Fortunella Swingle geführt
engl. kumquat, franz. le kumquat, ital. il kumquat, neugr. το κουμκουάτ
Klein, orange, süße Schale, saures Fruchtfleisch, als Obst, zur Dekoration, zur Herstellung von Marmelade und Likör.
sowie einige bei uns kaum bekannte Arten wie Ichang-Papeda (Citrus ichangensis Swingle)

Wissenschaftl. Bezeichnungen von Pflanzen bestehen aus dem binominalen Artnamen (Gattungsname + Artepitheton), gefolgt vom Kürzel des Wissenschaftlers, der die taxonomische Einordnung vorgenommen hat (z.B. L. = Carl von Linné (1707-1778)). Auf die Nennung eines allfälligen Erstbeschreibers (in Klammern), der aber anders zugeordnet hat (z.B. bei der Pampelmuse (Burm.) Merr.) verzichte ich, nicht zuletzt mangels adäquater Botanikkenntnisse. Für ein und dieselbe Pflanze gibt es oft mehrere Bezeichnungen, sog. Synonyme.

Kreuzungen sind hingegen wahrscheinlich:

Kreuzungen werden durch ein Multiplikationszeichen kenntlich gemacht. Das Fehlen eines solchen Zeichens ist aber noch keine Aussage über die Artenreinheit. Wie man an Citrus × aurantium sieht, haben alle Kreuzungen, die letztlich auf dieselben Eltern zurückgehen, auch denselben Namen.

Im Franz. wird fast immer unterschieden zwischen der Frucht (häufig f., s.o.) und dem Baum (immer m.): le pamplemoussier, le mandarinier, le cédratier, l’oranger, le bigaradier, le clémentinier, le citronnier, le bergamotier. Im Neugriech. ist die Frucht immer n. (s.o.), der Baum f.: η κιτριά, η πορτοκαλιά, η νεραντζιά, η λεμονιά, η περγαμοντιά. Im Ital. gibt es diese Unterscheidung nur bei der Orange: l’arancia immer die Frucht, l’arancio Baum, Frucht und Farbe. Es sei darauf hingewiesen, dass engl. citron die Zitronatzitrone bezeichnet, franz. citron aber die Zitrone.

Pomelo (im Engl. die Pampelmuse) ist im Dt. Handelsname für eine Kreuzung aus Pampelmuse und Grapefruit. Als Tangelos bezeichnet man Kreuzungen aus Mandarine und Grapefruit (oder Pampelmuse); hierher gehören z.B. Minneola und Ugli. Der engl. Begriff tangerine bezeichnet teils Mandarinen, teils eine Kreuzung aus Orange und Mandarine (ähnlich der Clementine). So weit, so verwirrend.

Die Mandarinen-Orangen-Hybriden (wofür es in der ital. Wikipedia den Terminus  Mandarancio gibt, im Engl. heißen sie  Tangor) werden in den entsprechenden englischen Wikipedia-Artikeln (Stand Feb. 2012) als Unterarten der Mandarine betrachtet. Abweichende Angaben zwischen deutsch- und englischsprachiger Wikipedia gibt es auch bei den Limetten. So werden die Gewöhnliche (oder Pers.) Limette (Citrus × latifolia Tanaka, engl. (Persian) lime) und die Echte (oder Mexikan.) Limette (Citrus × aurantifolia Swingle, engl. key lime) in der dt. Wikipedia als Kreuzungen aus Zitronatzitrone und Citrus micrantha beschrieben. In der engl. Wikipedia wird die Echte Limette ausdrücklich als Art angesehen, vermutl. auch die Gewöhnliche Limette. Umgekehrt wird die Kaffernlimette (Citrus hystrix DC., engl. kaffir lime) in der engl. Wikipedia Citrus × hystrix (also eine Hybride) geschrieben.

Eine gute allgemeinverständliche Beschreibung zum Aufbau der Frucht, zu Ernte und Nachbehandlung bietet das  Lebensmittellexikon, s.v. Zitrusfrüchte.

Indien

Allenthalben liest man, die älteste Erwähnung einer Zitrusfrucht sei die der Zitronatzitrone in der Vājasaneyi Saṃhitā, dem ältesten Teil des Weißen Yajurveda, in der Form jambila (Tolkowsky S. 23, Nicolosi S. 21 „or Jambira“, Wikipedia-Artikel Zitruspflanzen) oder jambhila (Scora S. 369). Doch niemand nennt einen Stellenbeleg; und so sehr ich auch suchte, ich fand diese Erwähnung nicht. Die Zitrone heißt auf Sanskrit जाम्बीर jāmbīra (Frucht) bzw. जम्बीर jambīra od. जम्भीर jambhīra od. जम्भल jambhala (Baum)1). Ich fand nur in 25,3 das Wort जाम्बील jāmbīla „Kniekehle, Kniescheibe“2). Der Vedenkommentator Mahīdhara (16. Jh.) schreibt nach Ausweis der Wörterbücher3), die Kniescheibe jāmbīla heiße so wegen ihrer Ähnlichkeit mit der Zitronatzitrone jāmbīra. Kann es also sein, dass der Kommentar mit dem kommentierten Text verwechselt wurde und die Zitrone in der VS in Wirklichkeit gar nicht vorkommt4)?


1) Sanskrit-Wörterbuch. Bearb. v. Otto Böhtlingk u. Rudolph Roth.- St. Petersburg, 1855.  online abfragbar über die  Cologne Digital Sanskrit Dictionaries.

2) Der Text von VS 25,3 kann online eingesehen werden bei TITUS Texts,  transkribiert oder  in Devanagari; die engl. Übers. von Ralph Griffith gibt es als  Digitalisat bei Sacred Texts, und als  Scan bei Archive.org.

3) Z.B. Macdonnell, A. A.; Keith, A. B.: Vedic Index of Names and Subjects. Bd. 1.- London, 1912. s.v. Jāmbila [S. 285],  bei Archive.org. Den Kommentar Mahīdharas habe ich nirgends gefunden.

4) Nicolosi verweist auf Tolkowsky, der beruft sich auf „Mr. Subrahmanya Sastri, Sanskrit Librarian of the National Siamese Library of Bangkok“ (S. 22, Fußnote 87). Niemand scheint sich jemals die Mühe gemacht zu haben, das zu verifizieren.


China

Ich kann natürlich kein Chines. Eine lesenswerte Darstellung der Syntax des Klassischen Chines. bietet der  Wikipedia-Art. Klassisches Chinesisch. Die extreme syntakt. Verknappung entspricht der unseres Sprichworts „Ende gut, alles gut“ (= Wenn das Ende gut ist, ...). Äußerst instruktiv fand ich: Kracke, Arthur: „Chinesisch als Gegenbild zu indogermanischen Sprachen“. Der Altsprachliche Unterricht, 4.5 (1960) 26-57. An Wörterbüchern habe ich benutzt:

Hochchines. oder Mandarin ist die heutige chines. Standardsprache (chines. trad. 普通話, simpl. 普通话 pǔtōnghuà „Allgemein-, Normalsprache“). Die Wikipedia-Sprachenleiste verwendet den Begriff 中文 zhōngwén „Chinaschrift“ (d.h. chines. Schriftsprache) i.Ggs. zu 文言 wényán „Schriftwort“ (d.h. Literatursprache, klass. Chines.).

Den Rang der ältesten schriftlichen Erwähnung einer Zitrusfrucht im Chines. weisen die meisten dem chines. Werk 禹貢 Yǔ gòng (W.-G. Yü-kung) „Die Tribute des Yu“ zu, einem Teil des 書經 Shūjīng (W.-G. Shu-ching, od. Shàngshū) „Buch der Urkunden“, „Buch der Geschichte“. Es handelt sich um eine Geographie Chinas mit seinen Provinzen und deren jeweiligen wirtschaftlichen Erträgen zur Zeit des Königs Yu, dem Begründer der Xià-(W.-G. Hsia-)Dynastie (nach der traditionellen Chronologie seit ca. 2200 v. Chr.). Doch ist die Historizität dieser Dynastie umstritten1) und der Text selber wohl erst im 4. oder 3. Jh. v. Chr. entstanden2).

Die heute übliche Transkription des Chines. ist Pinyin. In älteren Büchern findet man häufig die Transkription nach Wade-Giles (hier W.-G. abgekürzt), aber auch andere Transkriptionssysteme. Pinyin bezeichnet die vier Töne des Hochchines. mit ā á ǎ à, W.-G. mit a1 a2 a3 a4. Doch wird bei W.-G. fast immer, bei Pinyin nicht selten die Bezeichnung des Tones weggelassen.

Die Stelle (Yǔ gòng 1,6) lautet folgendermaßen3) (die chines. Zeichen verweisen auf den jeweiligen Wiktionary-Eintrag):

Huai(-Fluss) und Meer umgaben die Yang-Provinz. [...]
Die Inselbewohner (brachten) Graskleider; ihre Körbe (enthielten) Webbaumwolle, ihre Bündel Mandarinen und Pampelmusen, gestattet als Tribut.

Die fraglichen chines. Wörter sind 橘 (W.-G. chü, „orange, tangerine“) – das Wort bezeichnet im Hochchines. die Mandarine4) – und 柚 yòu, yóu (W.-G. yu, „pomelo, grapefruit“) – im Hochchines. die Pampelmuse5). Tolkowsky schreibt über das Shūjīng: „[...] mention is made of (oranges) and yu (shaddocks) [...]. is to this day the most common name for oranges in China.“ (S. 6 [...] erwähnt werden (Orangen) and yu (Pampelmusen) [...] ist bis auf den heutigen Tag in China die gebräuchlichste Bezeichnung für Orangen)6). Scora sieht darin „small mandarins and probably Yuzu“ (S. 369 kleine Mandarinen und wahrscheinlich Yuzu), Nicolosi „small sized mandarins and the kumquat (Fortunella)“ bzw. „the pummelo (Citrus grandis) and the ‘Yuzu’ (Citrus junos)“ (S. 20 kleine Mandarinen und die Kumquat bzw. die Pampelmuse und die Yuzu). Yuzu ist vermutlich eine Hybride aus Ichang-Papeda und Mandarine (Citrus ichangensis × Citrus reticulata, ehemals Citrus junos Siebold ex Tanaka)7).

Das 爾雅 Ěryǎ (W.-G. Erh-ya), engl. The Literary Expositor, eine Glossensammlung vermutl. aus dem 3. Jh. v. Chr.8), erwähnt und yòu ebenfalls: im 8. Buch (釋天 Shitian „Himmel erklären“), 139) bzw. im 14. Buch (釋木 Shimu „Bäume erklären“), 1410). Ich habe keine Übers. gefunden.

Das 周禮 Zhōu lǐ (W.-G. Chou-li), engl. Rites of the Zhou, ein Werk vermutl. des 3. Jh. v. Chr.11), sagt im 6. Buch (genannt 冬官考工記 Dōngguān Kǎogōngjì Winter Ministry with the Overseer of Public Work), 6 zur Orange12):

Überquert die Mandarine den Huai(-Fluss) und geht nordwärts, wird sie zur Bitterzitrone.

ist ganz offenbar eine süße Zitrusfucht; 枳 zhī bezeichnet im Hochchines. die Dreiblättrige Orange oder Bitterzitrone (Poncirus trifoliata Raf.)13). Sie hat kleine, runde, ungenießbare Früchte. Sie gehört nicht zur Gattung Citrus, ist aber eng mit ihr verwandt. Der Text will wohl besagen, dass die Mandarine nördlich des Huai nicht gedeiht oder zumindest Früchte von minderer Qualität hervorbringt.

Das 九章 Jiǔzhāng (W.-G. chiu-chang), dt. etwa „Neun Abschnitte“, engl. Nine Pieces, ist eine Gedichtsammlung, die dem Dichter Qū Yuán (W.-G. Ch’ü Yüan, ca. 340-278 v. Chr.)14) zugeschrieben wird. Sie ist Teil einer größeren Anthologie, des 楚辭 Chǔ cí (W.-G. Ch’u-tz’u) „Chu-Dichtung“ (Chu war ein Königreich in Südchina im 1. Jtsd. v. Chr.), die im 2. Jh. n.Chr. zusammengestellt wurde15). Darin findet sich das 18-zeilige Gedicht 橘頌 Júsòng (W.-G. chü-sung) „Mandarinenloblied, Hymne auf den Mandarinenbaum“16):

  Er ist der König der hervorragenden Bäume. Der Mandarinenbaum kam und akklimatisierte sich.
2 Er erhielt den Befehl, sich nicht wegzubewegen; er gedeiht (nur) im Südland.
  Er ist tief(verwurzelt), fest, schwer zu verpflanzen, von ganz einzigartiger Bestimmung.
4 Grüne Blätter, weiße Blüten: viele können sich daran erfreuen.
  ?? Zweige, spitze Dornen. Die runden Früchte werden in der Hand gerollt.
6 Grün und gelb sind miteinander vermischt, ein schönes Muster leuchtet.
  Herausragende Schönheit ist im Weiß, ähnelt [etwas, dem man vertrauen kann?].
8 ??. Er ist schön und ohne Makel.

Die restlichen zehn Verse preisen einen jungen Mann, der ähnlich hervorragende Eigenschaften hat wie der Mandarinenbaum. Hawkes übersetzt 橘 mit „orange“, identifiziert es aber mit der Mandarine17).

Scora behauptet, und yóu würden auch im 春秋 Chūnqiū (W.-G. Ch’un-ch’iu, Frühlings- und Herbstannalen), einer Chronik des Staates Lu für den Zeitraum 722-481 v. Chr., gerühmt18) – eine Stellenangabe liefert er nicht. Eine Volltextsuche beim Chinese Text Project19) hat keinen Treffer geliefert. Scora beruft sich für seine Aussagen zur chines. Literatur auf „Dr. Gene Anderson (Anthropology Department, University of California at Riverside)“ (S. 369, Fußnote 1).

Der Dichter 司馬相如 Sima Xiangru (W.-G. Ssu-ma Hsiang-ju, 179-117 v. Chr.)20) reüssierte mit der Gedichtform des Fu (meist mit „Ode, Rhapsodie“ übersetzt). Unter der Handvoll der von ihm erhaltenen Fus befindet sich auch 上林賦 Shànglínfù (W.-G. Shang-lin-fu) „Fu über den kaiserlichen Park“, eine elaborierte Aufzählung der Schönheiten dieses Parks. Darin heißt es21):

Ja, dazu
schwarze (Ju-)Mandarinen, sommergereift,
gelbe (Gan-)Mandarinen, Orangen, Còu, [...]

Die haben hier ein Attribut, das eigentlich nicht passt (eine spezielle Sorte?); 甘 gān („1. sweetness 2. sweet, tasty 3. accepting of something“) ist wohl vereinfachte Schreibung für gleichlautendes 柑. Erstmals (?) finden hier 橙 chéng Erwähnung, im Hochchines. die Bezeichnung für die Orange/Apfelsine6). Für còu konnte ich keine Übersetzung finden. Nicolosi deutet „Cheng (sour orange), Lu Chu (kumquat) and Huang Kan (yellow mandarin, probably including large mandarin-type fruits and oranges)“ (Cheng (Bitterorange), Lu Chu (Kumquat) und Huang Kan (S. 21 gelbe Mandarine, wahrscheinlich einschließlich großer Früchte vom Mandarinentyp und Orangen)22).

Die Frage der Datierung der zitierten Werk aus der Vor-Han-Zeit ist schwierig und umstritten. Aber soviel wird man sagen können: spätestens seit der Zeit der streitenden Reiche (戰國 Zhànguó, W.-G. Chan-kuo, 475/403-221 v. Chr.) kannten die Chinesen verschiedene Zitrusfrüchte: Mandarine (und/oder Kumquat?), Pampelmuse (od. Yuzu), Dreiblättrige Orange, seit der frühen Han-Zeit (beginnend 202 v. Chr.) auch Orange/Apfelsine (od. Pomeranze?). Die genaue Bestimmung der Art erscheint mir ein wenig divinatorisch. Die (Zitronat-)Zitrone lässt sich noch nicht ausmachen – vielleicht ein Indiz dafür, dass sie nicht aus China kommt, sondern aus Indien.

Die älteste Erwähnung der Zitronatzitrone im Chines., die in der Sekundärliteratur genannt wird, stammt aus dem 南方草木狀 Nánfāngcǎomùzhuàng (W.-G. Nan-fang ts’ao-mu chuang) „Abhandlung über Pflanzen und Bäume der Südregion“, ein Werk, das dem Gelehrten 嵇含 Jī Hán (W.-G. Chi Han, 263–306 n.Chr.) zugeschrieben wird, als Abfassungsdatum gilt das Jahr 30423). Doch ist der Originaltext verloren und die Authentizität der aus Zitaten hergestellten Rekonstruktion ist nicht unumstritten24). Darin heißt es25):

Die Zitronatzitrone hat die Form eines Kürbisses, die Schale ähnelt der Orange und ist goldfarben. Die Barbaren schätzen sie sehr. Sie hat einen äußerst wohlriechenden Duft. Das Fleisch ist sehr dick und weiß, wie bei Binse oder Rübe.

鉤緣子 gōuyuánzi ist das Wort, das hier nach allgemeiner Übereinstimmung die Zitronatzitrone bezeichnet – im Hochchines. heißt sie 香櫞 xiāngyuán26). Bemerkenswert ist, dass diese vermutl. älteste Erwähnung der Zitronatzitrone in der Heimat der Zitrusfrüchte über 600 Jahre jünger ist, als die erste Erwähnung in einem abendländ. Text (näml. bei Theophrast). Noch immer scheint sich die Zitrone, Hochchines. 檸檬 níngméng oder nur 檸 níng27) nicht im Gesichtskreis der chines. Kultur zu befinden.


1)  Wikipedia-Art. Xia-Dynastie

2) Der  Wikipedia-Art. Buch der Urkunden weiß es ganz genau: „um 221 v. d. Z.“ (also am Beginn der Qín-[W.-G. Ch’in-]Dynastie). Der engl.-sprachige  Wikipedia-Art. Classic of History sagt nur allgemein „the New Text chapters ‘are considered by most scholars to be authentic works of the 4th century BC or earlier.’“ (die Neutext-Kapitel [zu denen das Yǔ gòng gehört]‚ werden von den meisten Gelehrten für authentische Werke des 4. Jh. v. Chr. oder früher gehalten’. Zitat aus Merriam-Webster’s encyclopedia of literature). Die Frage der Datierung und Quellen der Texte ist seit Jahrhunderten Gegenstand von Kontroversen und wird anscheinend – wie die Frage der Evangeliendatierung – von weltanschaulichen Implikationen mitbestimmt.

3) Chines. Text nach der chines.-engl. „Interlinearversion“ von Walter Medhurst: Ancient China. The Shoo King, or the Historical Classic. Übers. v. W[alter] H[enry] Medhurst.- Shanghai: Mission Press, 1846. S. 97ff.  bei Archive.org.
Der engl. Text lautet:

The Hwae river and the sea formed the boundaries of Yâng-chow. [...] Der Huai-Fluss und das Meer bildeten die Grenzen von Yang-chow. [...]
The foreigners from the island (brought) grass-cloths; while their baskets (were supplied with) weaving cotton, †† and their bundles filled with smaller and larger oranges; which they were allowed to bring as tribute.* Die Fremden von den Inseln (brachten) Graskleider; während ihre Körbe (ausgestattet waren mit) Webbaumwolle und ihre Bündel gefüllt mit kleineren und größeren Orangen; diese durften sie als Tribut bringen.
†† [...] The foreigners from the south-eastern islands, brought grass-cloths for tribute, while they put the finer cotton into baskets. Die Fremden von den südöstlichen Inseln brachten Graskleider als Tribut, während sie die feinere Baumwolle in Körbe legten.
* Being “allowed to bring,” means that they were required to wait for the orders of the court before they brought their tribute; and that it was not the usual annual offering. Dass ihnen gestattet war zu bringen, bedeutet, dass sie auf die Anordnungen des Hofes warten mussten, bevor sie ihren Tribut brachten; und dass es nicht die übliche jährliche Gabe war.

Dieselbe Stelle lautet in der Übers. von James Legge:

The Hwâi and the sea formed (the boundaries of) Yang Kâu. [...] The wild people of the islands brought garments of grass, with silks woven in shell-patterns in their baskets. Their bundles contained small oranges and pummeloes,—rendered when specially required. Der Hwâi und das Meer bildeten (die Grenzen von) Yang Kâu. [...] Die wilden Einwohner der Inseln brachten Gewänder aus Gras, mit Seidenkleidern, die in Muschelmustern gewebt waren, in ihren Körben. Ihre Bündel enthielten kleine Orangen und Pampelmusen, die sie überbrachten, wenn sie besonders dazu aufgefordert wurden.

The Sacred Books of China: The Texts of Confucianism. Teil 1: The Shû King. The Religious Portions of the Shih King. The Hsiâo King. Übers. v. James Legge.- Oxford: Clarendon [Univ. Press], 1879. (The Sacred Books of the East, Bd. 3.) S. 67f. Legges Übers. ist einsehbar  als Digitalisat bei Sacred Texts und  als Scan bei Archive.org.
Auch das Chinese Text Project bietet den  chines. Text (mit der Übers. v. James Legge). Allerdings wird hier 鳥 „Vogel“ statt 島 „Insel“ gelesen – ein Fehler der OCR?

4)  Wikipedia-Art. 橘

5)  Wikipedia-Art. 柚子

6) Tolkowsky konnte sowenig Chines. wie ich. Der  chines. Wikipedia-Art. zur Orange nennt sie 橙 chéng. Die Online-Wörterbücher liefern 橙子 chéngzi (dass. mit dem Subst.-Suffix zi), 柳丁 liǔdīng ( HanDeDict, wenn man nach Apfelsine sucht, auch 甜橙 tiánchéng „Süßorange“) oder 柳橙 liǔchéng, 柑橘 gānjú ( LEO, ersteres kennt HanDeDict nicht, letzteres bezeichnet nach HanDeDict und Wikipedia eher die Zitrusfrucht im allgemeinen).

7)  Wikipedia-Art. Yuzu. Leider erklärt Scora nicht, wie er zu dieser Annahme kommt. Auch sonst schert er sich wenig, um die Angabe von Belegstellen. Im Hochchines. heißt die Yuzu offenbar 日本柚子 rìběn yòuzi:  Wikipedia-Art. 日本柚子.

8)  Wikipedia-Art. Erya,  Art. Erya bei Chinaknowledge

9)  chines. Text beim Chinese Text Project

10)  chines. Text beim Chinese Text Project

11)  Wikipedia-Art. Rites of Zhou,  Art. Zhouli bei Chinaknowledge

12)  Chines. Text beim Chinese Text Project. Édouard Biot übersetzt so:

Lorsque les orangers à fruits doux, passent la rivière Hoaï, et sont transplantés au nord, ils deviennent orangers à fruits aigres. Wenn die Orangenbäume mit süßen Früchten den Fluss Huai überschreiten und in den Norden verpflanzt werden, werden sie zu Orangenbäumen mit sauren Früchten.

Le Tcheou-Li ou Rites des Tcheou. Übers. v. Édouard Biot. Bd. 2.- Paris, 1851. S. 460 (in Biots Zählung 40,10). Biots Übers. ist  bei Google Books.

13)  Wikipedia-Art. 枳

14)  Wikipedia-Art. Jiu Zhang,  Wikipedia-Art. Qu Yuan

15)  Wikipedia-Art. Chuci

16)  chines. Text beim Chinese Text Project. Tolkowsky schreibt (S.7), dieses Gedicht finde sich im 離騷 Lísāo. Doch das Lísāo ist ein anderes Gedicht des Chǔ cí, das einzige, dessen Zuschreibung an Qū Yuán unbestritten ist ( Wikipedia-Art. Li Sao). Die Mandarine wird darin jedoch nicht erwähnt ( engl. Übers. des Lísāo).
Meine Übers. ist ein Stochern im Nebel. Trotz  ACTA,  SOPA & Co. zitiere ich hier daher die Übers. v. David Hawkes: The songs of the south. An ancient Chinese anthology of poems by Qu Yuan and other poets. Übers. v. David Hawkes.- Harmondsworth u.a.: Penguin Books, 1985. S. 178f.  bei Scribd:

  Fairest of all God’s trees, the orange came and settled here, Schönster aller Bäume Gottes, die Orange kam und ließ sich hier nieder,
2 Commanded by him not to move, but only grow in the South Country. Von ihm beauftragt, sich nicht zu bewegen, sondern nur zu wachsen im Südlichen Land.
  Deep-rooted, firm and hard to shift: showing in this its singleness of purpose; Tiefverwurzelt, stark und schwer zu verpflanzen: darin die Einzigartigkeit seines Zwecks zeigend;
4 Its leaves of green and pure white blossoms delight the eye of the beholder, Seine Blätter von Grün und seine reinen weißen Blüten erfreuen das Auge des Betrachters,
  And the thick branches and spines so sharp, and the fine round fruits, Und die dicken Zweige und die Dornen so scharf, und die ausgezeichneten runden Früchte,
6 Green ones with yellow intermingling to make a pattern of gleaming brightness, Grüne mit Gelben sich vermischend, um ein Muster von funkelnder Helligkeit zu erzeugen,
  Pure white beneath the rich-hued surface: a parable of virtuous living; Reines Weiß neben der farbenreichen Oberfläche: ein Gleichnis auf tugendhaftes Leben;
8 Its lusty growth to the gardener’s art respondent, producing beauty without blemish. Sein kräftiger Wuchs auf die Kunst des Gärtners reagierend, bringt hervor makellose Schönheit.

Anm.: Ich will die Übers. des ausgewiesenen Oxforder Sinologen nicht in Zweifel ziehen, nachvollziehen kann ich sie nicht immer.

17) „The ‘orange-tree’ of this poem is the citrus nobilis, which was traditionally supposed not to grow naturally anywhere north of the River Yangtze.“ (S. 178 Der ‚Orangenbaum‘ dieses Gedichtes ist die citrus nobilis, von der man traditionellerweise annahm, dass sie nirgendwo nördlich des Yangtze-Flusses wächst.)

18) „Confucius knew two kinds of citrus in the fifth century, the Yu and Chü, and Lu’s Spring and Autumn Annals of the third century B.C. mention the beauty of both.“ (S. 369 Konfuzius kannte im fünften Jahrhundert zwei Arten von Zitrusfrüchten, Yu und Chü, und die Frühlings- und Herbstannalen von Lu aus dem dritten Jahrhundert v. Chr. erwähnen die Schönheit beider.).

19)  春秋左傳 - Chun Qiu Zuo Zhuan, d.i. das Chūnqiū mit dem Kommentar von Zuǒ (W.-G. Tso). S. auch  Wikipedia-Art. Frühlings- und Herbstannalen.

20)  Wikipedia-Art. Sima Xiangru

21)  chines. Text bei Wikisource. David R. Knechtges übersetzt:

And then Und dann
Black kumquats that ripen in summer, schwarze Kumquat, die im Sommer reifen,
Yellow mandarins, coolie oranges, pomelos, gelbe Mandarinen, süße Orangen, Pampelmusen,

In: How to read Chinese poetry. A guided anthology. Hrsg. v. Zong-qi Cai.- New York: Columbia Univ. Press, 2008. S. 66 (in Knechtges’ Zählung V. 201f). teilweise einsehbar bei  Google Books.

22) Im Hochchines. heißt die Kumquat 金橘 jīnjú „Goldorange“ (s.  Wikipedia-Art. 金橘), die Bitterorange/Pomeranze 苦橙 kǔchéng (kǔ „bitter“, s.  Wikipedia-Art. 苦橙), nach LEO 酸橙 suānchéng.

23)  Wikipedia-Art. Nanfang caomu zhuang,  Art. Nanfang caomu zhuang bei Chinaknowledge.

24) s. Ma Tai-Loi 馬泰來: „The Authenticity of the Nan-Fang Ts’ao-mu Chuang 南方草木狀“. T’oung Pao, 64.4-5 (1978) 218-252.  bei JSTOR.

25) Wenn man Chines. könnte, wäre es vermutl. kein Problem, im Netz einen brauchbaren Text aufzuspüren. So war alles, was ich finden konnte: Wu Tê-Lin: „A commentary on Chi Han’s Nan Fang Ts’ao Mu Chuang“. Acta Botanica Sinica, 7.1 (1958) 27-37 (auf Chines.) ( herunterladbar beim Journal of Integrative Plant Biology). Zur Citrus medica auf S. 35. Eine Webseite, die vermutl. den gesuchten Text enthält, ist  南方草木状 _国学导航.
Die Seite  Citrus ID: Fact Sheet: Citrons paraphrasiert die Stelle folgendermaßen: „The citron has been grown since ancient times in China, but Chi Han, minister of state under the Emperor Hui Ti, in a work written about 300 A.D. (Nan fang ts’ao mu chuang) mentioned the arrival, in 284 A.D., as tribute to the Chinese Emperor, of 40 Chinese bushels of citrons from Ta-ch’in (a name usually meaning the Roman Empire). He stated: ‘…the Barbarians value the citron very highly. It is aromatic and its flesh is very thick and white…’ (Die Zitronatzitrone wurde seit alten Zeiten in China angebaut, aber Chi Han, Staatsminister unter Kaiser Hui Ti, erwähnt in einem um 300 n.Chr. geschriebenen Werk (Nan fang ts’ao mu chuang), die Ankunft, im Jahr 284 n.Chr., von 40 chinesischen Scheffel Zitronatzitronen aus Ta-ch’in (ein Name, der überlicherweise das Imperium Romanum bedeutet) als Tribut für den chinesischen Kaiser. Er legt dar: ‚… die Barbaren schätzen die Zitronatzitrone sehr hoch. Sie ist aromatisch und ihr Fleisch ist dick und weiß…‘).

26) Laut  LEO; der  chines. Wikepedia-Art. zur Zitronatzitrone heißt 枸櫞 jǔ​yuán, das kennen aber weder HanDeDict noch LEO, jedoch das MDBG, das noch 香泡樹 xiāng​pāo​shù beisteuert.

27)  Wikipedia-Art. 柠檬


Griechische Literatur

Die früheste Erwähnung einer Zitrusfrucht in einem abendländ. Text findet sich in Theophrasts (371-287 v. Chr.) Περὶ φυτῶν ἱστορία (Historia plantarum) „Pflanzenkunde“, vermutl. um 310 entstanden. Die Passage (4,4,2f) lautet1):

2 καὶ ἔοικεν ὅλως ὁ τόπος ὁ πρὸς ἀνατολὰς καὶ μεσημβρίαν ὥσπερ καὶ ζῶα καὶ φυτὰ φέρειν ἴδια παρὰ τοὺς ἄλλους· οἷον ἥ τε Μηδία χώρα καὶ Περσὶς ἄλλα τε ἔχει πλείω καὶ τὸ μῆλον τὸ Μηδικὸν ἢ τὸ Περσικὸν καλούμενον. ἔχει δὲ τὸ δένδρον τοῦτο φύλλον μὲν ὅμοιον καὶ σχεδὸν ἴσον τῷ τῆς ἀνδράχλης, ἀκάνθας δὲ οἵας ἄπιος ἢ ὀξυάκανθος, λείας δὲ καὶ ὀξείας σφόδρα καὶ ἰσχυράς· τὸ δὲ μῆλον οὐκ ἐσθίεται μέν, εὔοσμον δὲ πάνυ καὶ τὸ φύλλον τοῦ δένδρου· κἂν εἰς ἱμάτια τεθῇ τὸ μῆλον ἄκοπα διατηρεῖ. χρήσιμον δ’ ἐπειδὰν τύχῃ <τις> πεπωκὼς φάρμακον <θανάσιμον· δοθὲν γὰρ ἐν οἴνῳ διακόπτει τὴν κοιλίαν καὶ ἐξάγει τὸ φάρμακον·> καὶ πρὸς στόματος εὐωδίαν· ἐὰν γάρ τις ἑψήσῃ ἐν ζωμῷ, ἢ ἐν ἄλλῳ τινὶ τὸ ἔσωθεν τοῦ μήλου ἐκπιέσῃ εἰς τὸ στόμα καὶ καταροφήσῃ, ποιεῖ τὴν ὀσμὴν ἡδεῖαν. Und überhaupt scheint das Gebiet gegen Osten und Süden hin im Vergleich zu den anderen (Gebieten) ebenso eigentümliche Pflanzen wie Tiere hervorzubringen, wie das medische und persische Land unter vielen anderen auch den sog. Medischen oder Persischen Apfel hat. Dieser Baum hat ein Blatt, ähnlich und fast gleich dem des Östlichen Erdbeerbaumes (Arbutus andrachne), aber Stacheln wie die (Mandelblättrige) Birne (Pyrus amygdaliformis) oder der Feuerdorn (Pyracantha), (sie sind) aber glatt und sehr spitz und stark. Der Apfel wird nicht gegessen, ist aber sehr wohlriechend wie auch das Blatt des Baumes. Und wenn der Apfel in Kleider gelegt wird, bewahrt er sie vor Mottenfraß. Er ist auch nützlich, wenn einer zufällig tödliches Gift getrunken hat: in Wein gegeben durchbricht es die Tätigkeit des Magens und führt das Gift heraus. Und Wohlgeruch vom Mund: denn wenn man das Innere des Apfels in Suppe kocht oder in etwas anderem in den Mund herauspresst und hinunterschluckt, macht es den Geruch süß.
Mandelblättrige Birne: so die Vermutung Robert Constantins, mitgeteilt in Horts Apparat; ἄπιος bezeichnet sonst meist den gewöhnlichen Birnbaum (Pyrus communis), aber der hat m.W. keine Stacheln.
3 σπείρεται δὲ τοῦ ἦρος εἰς πρασιὰς ἐξαιρεθὲν τὸ σπέρμα διειργασμένας ἐπιμελῶς, εἶτα ἀρδεύεται διὰ τετάρτης ἢ πέμπτης ἡμέρας· ὅταν δὲ ἁδρὸν ᾖ, διαφυτεύεται πάλιν τοῦ ἔαρος εἰς χωρίον μαλακὸν καὶ ἔφυδρον καὶ οὐ λίαν λεπτόν· φιλεῖ γὰρ τὰ τοιαῦτα. φέρει δὲ τὰ μῆλα πᾶσαν ὥραν· τὰ μὲν γὰρ ἀφῄρηται τὰ δὲ ἀνθεῖ τὰ δὲ ἐκπέττει. τῶν δὲ ἀνθῶν ὅσα, ὥσπερ εἴπομεν, ἔχει καθάπερ ἠλακάτην ἐκ μέσου τιν’ ἐξέχουσαν, ταῦτά ἐστι γόνιμα, ὅσα δὲ μὴ ἄγονα. σπείρεται δὲ καὶ εἰς ὄστρακα διατετρημένα, καθάπερ καὶ οἱ φοίνικες. τοῦτο μὲν οὖν, ὥσπερ εἴρηται, περὶ τὴν Περσίδα καὶ τὴν Μηδίαν ἐστίν. Der herausgenommene Same wird im Frühling in sorgfältig bearbeitete Gartenbeete gesät, dann alle drei oder vier Tage bewässert. Wenn er herangewachsen ist, wird er wieder im Frühling umgepflanzt in weiches und bewässertes und nicht allzu feines Land; denn er liebt derartiges. Er trägt die Äpfel jede Jahreszeit; die einen nämlich sind abgenommen, die änderen blühen, die anderen reifen. Alle von den Blüten, die, wie wir sagten2), gleichsam eine aus der Mitte herausragende Spindel haben, die sind fruchtbar, alle die nicht, unfruchtbar. Er wird auch in durchlöcherte Töpfe gesät gleichwie auch die Dattelpalmen. Dies nun ist, wie gesagt, um Persien und Medien herum.
alle drei Tage: wörtl. „jeden vierten oder fünften Tag“, aber die Griechen zählten beide Randtage mit, die Olymp. Spiele finden δι’ ἔτους πέμπτου „jedes fünfte Jahr“ statt.
Spindel: der Stempel (Pistill) der Blüten

Nach allgemeiner Übereinstimmung beschreibt Theophrast hier die Zitronatzitrone. Diese ist spätestens im Zuge der Eroberungen Alexanders des Großen nach Griechenland gekommen. Doch lässt mich Theophrasts ausführliche Beschreibung der Verwendung der Frucht mutmaßen, dass sie den Griechen schon einige Jahrzehnte bekannt war. Ob sie tatsächlich in Medien und Persien schon länger kultiviert wurde, wie Theophrast behauptet, ist nicht ganz unumstritten.

Seltsam finde ich allerdings, dass Theophrast das Aussehen der Frucht mit keinem Wort beschreibt. Darf daraus der Schluss gezogen werden, dass er es bei seinen Lesern als bekannt voraussetzt?

Der aus Kilikien stammende griech. Arzt Dioskurides wirkte zur Zeit Neros als Militärarzt im kaiserl. Heer. In dieser Zeit (etwa zw. 50 und 70) schrieb er seine Arzneimittellehre Περὶ ὕλης ἰατρικῆς (De materia medica) „Über Heilstoff“3). Darin heißt es (1,166)4):

τὰ δὲ Μηδικὰ λεγόμενα ἢ Περσικὰ ἢ κεδρόμηλα, Ῥωμαιστὶ δὲ κίτρια, πᾶσι γνώριμα· φυτὸν γάρ ἐστι καρποφοροῦν δι’ ὅλου τοῦ ἔτους ἐπαλλήλως, αὐτὸ δὲ τὸ μῆλον ἐπίμηκες, ἐρρυτιδωμένον, χρυσίζουν τῇ χρόᾳ, εὐῶδες μετὰ βάρους, σπέρμα ἔχον ἀπίῳ ἐοικός. Die sogenannten Medischen oder Persischen oder Zedernäpfel, auf Latein aber Citria, allen bekannt: denn die Pflanze trägt das ganze Jahr hindurch kurz aufeinanderfolgend Früchte, der Apfel selbst ist länglich, gerunzelt, goldfarben, stark wohlriechend, hat einen der Birne ähnlichen Samen.
δύναμιν δὲ ἔχει ποθέντα ἐν οἴνῳ ἀντενεργεῖν θανασίμοις κοιλίαν τε ὑπάγειν, διάκλυσμά τέ ἐστι πρὸς εὐωδίαν στόματος τὸ ἀφέψημα καὶ ὁ χυλὸς αὐτῶν. βιβρώσκεται δὲ μάλιστα ὑπὸ γυναικῶν πρὸς τὴν κίσσαν· φυλάττειν δὲ καὶ ἱμάτια δοκεῖ ἄβρωτα ἐπιτιθέμενα κιβωτίοις. Sie haben die Kraft, in Wein getrunken, wirksam zu sein gegen Gifte und den Darm zu reinigen, und der Absud und ihr Saft ist eine Spülung zum Wohlgeruch des Mundes. Sie werden besonders von Frauen gegen die Essgelüste (in der Schwangerschaft) gegessen; sie scheinen auch Kleider unzerfressen zu erhalten, wenn sie auf Kästen gelegt werden.

Plutarch aus Chaironeia in Böotien lässt in seinen Συμποσιακά προβλήματα (Quaestiones convivales) „Streitfragen beim Gastmahl, Tischgespräche“ u.a. die Frage ventilieren, wie und warum neue Krankheiten entstehen. Eine Erklärung sind eine Änderung der Ernährungsgewohnheiten (8,733e)5):

Ἀλλὰ περὶ τὰ σιτία καὶ τὰ ὄψα καὶ τὰς ἄλλας διαίτας τοῦ σώματος ἐξαλλαγὴν, ὅση γέγονεν, οὐ παραλειπτέον· πολλὰ γὰρ τῶν ἀγεύστων καὶ ἀβρώτων πρότερον, ἥδιστα νῦν γέγονεν, ὥσπερ οἰνόμελι καὶ μήτρα· λέγουσι δὲ μηδὲ ἐγκέφαλον ἐσθίειν τοὺς παλαιούς· [...] σικύου δὲ, πέπονος καὶ μήλου Μηδικοῦ, καὶ πεπέρεως πολλοὺς ἴσμεν ἔτι τῶν πρεσβυτέρων γεύσασθαι μὴ δυναμένους. Aber wieviel Veränderung hinsichtlich der Speisen und der Zukost und der übrigen körperlichen Lebensweisen geschehen ist, darf nicht übergangen werden: denn viele der früher ungekosteten und ungenießbaren Dinge sind jetzt zu den wohlschmeckendsten geworden, wie Met und Gebärmutter. Man sagt, dass die Alten auch kein Hirn gegessen haben: [...] Wir kennen noch viele von den Älteren, die Gurke, Melone, Medischen Apfel und Pfeffer nicht essen können.

Daraus darf wohl der Schluss gezogen werden, dass zu Plutarchs Lebenszeit (ca. 45-125 n.Chr.) manche die Zitronatzitrone auch gegessen haben.

Athenaios von Naukratis lässt in seinen, vermutl. Anfang des 3. Jh. entstandenen, Δειπνοσοφισταί (wörtl. etwa „Gelehrte beim Mahl“ oder „Gelehrte des Essens = Feinschmecker“) gelehrte Männer bei einem Gastmahl über Gott und die Welt räsonnieren und dabei aus der griech. Literatur zitieren. Dabei kommt das Gespräch auch auf die Zitronatzitrone (3,83a-85c [Kap. 25-29])6):

25 ΚΙΤΡΙΟΝ. περὶ τούτου πολλὴ ζήτησις ἐνέπεσε τοῖς δειπνοσοφισταῖς, εἴ τίς ἐστιν αὐτοῦ μνήμη παρὰ τοῖς παλαιοῖς. Μυρτίλος μὲν γὰρ ἔφασκεν, ὥσπερ εἰς αἶγας ἡμᾶς ἀγρίας ἀποπέμπων τοὺς ζητοῦντας, Ἡγήσανδρον τὸν Δελφὸν ἐν τοῖς ὑπομνήμασιν αὐτοῦ μνημονεύειν, τῆς <δὲ> λέξεως τὰ νῦν οὐ μεμνῆσθαι. πρὸς ὃν ἀντιλέγων ὁ Πλούταρχος ἀλλὰ μὴν ἔγωγε, φησί, διορίζομαι μηδ’ ὅλως τὸν Ἡγήσανδρον τοῦτο εἰρηκέναι, δι’ αὐτὸ τοῦτ’ ἐξαναγνοῦς αὐτοῦ πάντα τὰ ὑπομνήματα, ἐπεὶ καὶ ἄλλος τις τῶν ἑταίρων τοῦτ’ ἔχειν οὕτω διεβεβαιοῦτο, ὁρμώμενος ἔκ τινων σχολικῶν ὑπομνημάτων ἀνδρὸς οὐκ ἀδόξου· ὥστε ὥρα σοι, φίλε Μυρτίλε, ἄλλον ζητεῖν μάρτυρα. ZITRONATZITRONE. Über diese gerieten die Gelehrten in eine lange Diskussion, ob es irgendeine Erwähnung über sie bei den Alten gibt. Denn Myrtilos sagte, als ob er uns Diskutierende zu den wilden Ziegen fortschickte, dass Hegesandros von Delphi7) sie in seinen Erinnerungen erwähnt, er sich aber an das Wort momentan nicht erinnert. Ihm widersprechend sagte Plutarch: „Aber ich stelle fest, dass Hegesandros diese überhaupt nicht genannt hat, da ich eben deshalb seine ganzen Erinnerungen durchgelesen habe, nachdem auch ein anderer der Gefährten versichert hat, dass sich dies so verhält, ausgehend von gewissen schulmäßigen Kommentaren eines nicht ruhmlosen Mannes; daher ist es Zeit für dich, Freund Myrtilos, einen anderen Zeugen zu suchen.“
Αἰμιλιανὸς δὲ ἔλεγεν Ἰόβαν τὸν Μαυρουσίων βασιλέα, ἄνδρα πολυμαθέστατον, ἐν τοῖς περὶ Λιβύης συγγράμμασι μνημονεύοντα τοῦ κιτρίου καλεῖσθαι φάσκειν αὐτὸ παρὰ τοῖς Λίβυσι μῆλον Ἑσπερικόν, ἀφ’ ὧν καὶ Ἡρακλέα κομίσαι εἰς τὴν Ἑλλάδα τὰ χρύσεα διὰ τὴν ἰδέαν λεγόμενα μῆλα. τὰ δὲ τῶν Ἑσπερίδων λεγόμενα μῆλα ὅτι ἐς τοὺς Διὸς καὶ Ἥρας λεγομένους γάμους ἀνῆκεν ἡ γῆ Ἀσκληπιάδης εἴρηκεν ἐν ἑξηκοστῷ Αἰγυπτιακῶν. Aemilianus aber sagte, dass Iuba, der König der Mauretanier8), ein äußerst kenntnisreicher Mann, in seinen Abhandlungen über Libyen die Zitronatzitrone erwähnt und sagt, sie werde Hesperischer (=Westlicher) Apfel genannt bei den Libyern, von denen auch Herakles die wegen ihres Aussehens golden genannten Äpfel nach Griechenland gebracht habe. Dass die Erde die sogenannten Äpfel der Hesperiden zu den sogenannten Hochzeiten des Zeus und der Hera hinaufgeschickt hat, sagt Asklepiades9) im 60. Buch der Aigyptiaka (Ägyptische Geschichte).
πρὸς τούτους ἀποβλέψας ὁ Δημόκριτος ἔφη· εἰ μέν τι τούτων Ἰόβας ἱστορεῖ, χαιρέτω Λιβυκαῖσι βίβλοις ἔτι τε ταῖς Ἄννωνος πλάναις. ἐγὼ δὲ τὸ μὲν ὄνομα οὔ φημι κεῖσθαι [τοῦ κιτρίου] παρὰ τοῖς παλαιοῖς τοῦτο, τὸ δὲ πρᾶγμα ὑπὸ τοῦ Ἐρεσίου Θεοφράστου οὕτως λεγόμενον ἐν τῇ περὶ φυτῶν ἱστορίᾳ ἀναγκάζει με ἐπὶ τῶν κιτρίων ἀκούειν τὰ σημαινόμενα. Diese anblickend sagte Demokritos: „Wenn Iuba etwas davon berichtet, soll er sich freuen an libyschen Büchern und den Verirrungen Hannos10). Ich aber bestreite, dass dieser Name [der Zitronatzitrone] bei den Alten vorkommt, die Sache aber, über die von Theophrast von Eresos in der Pflanzenkunde so gesprochen wird, nötigt mich, das Bezeichnete auf die Zitronatzitronen hin zu hören.
26 φησὶ γὰρ ὁ φιλόσοφος ἐν τῷ τετάρτῳ τῆς περὶ φυτῶν ἱστορίας οὕτως· [...] Denn der Philosoph sagt im vierten Buch der Pflanzenkunde folgendermaßen: [...]
Es folgt die Stelle, die oben aufgeführt ist.
ἐκ τούτων ἐγὼ κινούμενος, ὦ ἑταῖροι, ὧν φησιν ὁ Θεόφραστος περὶ χρόας, περὶ ὀδμῆς, περὶ φύλλων τὸ κιτρίον [εἶναι] λέγεσθαι πεπίστευκα, καὶ μηδεὶς ὑμῶν θαυμαζέτω εἴ φησιν μὴ ἐσθίεσθαι αὐτό, ὁπότε γε καὶ μέχρι τῶν κατὰ τοὺς πάππους ἡμῶν χρόνων οὐδεὶς ἤσθιεν, ἀλλ’ ὥς τι μέγα κειμήλιον ἀπετίθεντο ἐν ταῖς κιβωτοῖς μετὰ τῶν ἱματίων. Aufgrund dieser Dinge veranlasst, Gefährten, bin ich überzeugt, dass mit dem, was Theophrast sagt über Farbe, über Geruch, über Blätter, die Zitronatzitrone gemeint ist; und niemand von euch wundere sich, wenn er sagt, dass sie nicht gegessen wird, da ja bis auf die Zeiten unserer Großväter niemand sie aß, sondern sie wie eine große Kostbarkeit in den Truhen zusammen mit den Kleidern verwahrten.
27 ὅτι δ’ ὄντως ἐκ τῆς ἄνω χώρας ἐκείνης κατέβη εἰς τοὺς Ἕλληνας τὸ φυτὸν τοῦτο, ἔστιν εὑρεῖν λεγόμενον καὶ παρὰ τοῖς τῆς κωμῳδίας ποιηταῖς, οἳ καὶ περὶ μεγέθους αὐτῶν τι λέγοντες τῶν κιτρίων μνημονεύειν φαίνονται. Dass diese Pflanze aber wirklich aus jenem inneren Land (Persien) zu den Griechen herabgestiegen ist, kann man auch bei den Dichtern der Komödie gesagt finden, die, wenn sie auch über ihre Größe etwas sagen, die Zitronatzitronen zu erwähnen scheinen.
Ἀντιφάνης μὲν ἐν Βοιωτίῳ·
καὶ περὶ μὲν ὄψου γ’ ἠλίθιον τὸ καὶ λέγειν
ὥσπερ πρὸς ἀπλήστους. ἀλλὰ ταυτὶ λάμβανε,
παρθένε, τὰ μῆλα. Β. καλά γε. Α. καλὰ δῆτ’, ὦ θεοί·
νεωστὶ γὰρ τὸ σπέρμα τοῦτ’ ἀφιγμένον
εἰς τὰς Ἀθήνας ἐστὶ παρὰ τοῦ βασιλέως.
Β. παρ’ Ἑσπερίδων ᾤμην γε, νὴ τὴν Φωσφόρον,
φησὶν τὰ χρυσᾶ μῆλα ταῦτ’ εἶναι· τρία
μόνον ἐστίν. Α. ὀλίγον τὸ καλόν ἐστι πανταχοῦ
καὶ τίμιον.
Antiphanes [sagt] im Böotier11):
Athener. Und über Leckerbissen auch nur zu reden ist dumm,
wie zu Unersättlichen. Aber nimm diese
Äpfel, Jungfrau. Böotierin. (Sie sind) schön. A. Gewiss (sind sie) schön, o Götter;
denn erst jüngst ist dieser Same gelangt
nach Athen vom König.
B. Von den Hesperiden glaubte ich, bei der Lichtbringerin,
man sagt, dass dies die goldenen Äpfel sind; drei
nur gibt es. A. Wenig ist das Schöne überall
und wertvoll.
Ἔριφος δ’ ἐν Μελιβοίᾳ αὐτὰ ταῦτα τὰ ἰαμβεῖα προθεὶς ὡς ἴδια [τὰ τοῦ Ἀντιφάνους] ἐπιφέρει·
Β. παρ’ Ἑσπερίδων ᾤμην γε, νὴ τὴν Ἄρτεμιν,
φησὶν τὰ χρυσᾶ μῆλα ταῦτ’ εἶναι; τρία
μόνον ἐστίν. Α. ὀλίγον τὸ καλόν ἐστι πανταχοῦ
καὶ τίμιον. Β. τούτων μὲν ὀβολόν, εἰ πολύ,
τίθημι· λογιοῦμαι γάρ. Α. αὗται δὲ ῥόαι.
Β. ὡς εὐγενεῖς. Α. τὴν γὰρ Ἀφροδίτην ἐν Κύπρῳ
δένδρον φυτεῦσαι τοῦτό φασιν ἓν μόνον.
Β. Βερβεία πολυτίμητε· κᾆτα τρεῖς μόνας
καὶ τάσδ’ ἐκόμισας; Α. οὐ γὰρ εἶχον πλείονας.
Eriphos in der Meliboia12), nachdem er eben diese iambischen Verse [des Antiphanes] wie eigene vorangestellt hat, fügt er hinzu:
B.Von den Hesperiden glaubte ich, bei Artemis,
sagt man, dass dies die goldenen Äpfel sind? Drei
nur gibt es. A. Wenig ist das Schöne überall
und wertvoll. B. Für diese setze ich, wenn viel, einen Obolos
fest; denn ich werde (sie) berechnen. A. Das sind Granatäpfel.
B. Wie edel (sie sind). A. Denn Aphrodite soll auf Zypern
einzig diesen einen Baum gepflanzt haben.
B. Hochverehrte Berbeia! Und dann nur drei
und die hast du gebracht? A. Ich habe ja nicht mehr gehabt.
28 τούτοις εἴ τις ἀντιλέγειν ἔχει ὅτι μὴ τὸ νῦν κιτρίον λεγόμενον σημαίνεται, σαφέστερα μαρτύρια παρατιθέσθω· καίτοι καὶ Φαινίου τοῦ Ἐρεσίου ἔννοιαν ἡμῖν διδόντος μήποτε ἀπὸ τῆς κέδρου τὸ κεδρίον ὠνόμασται. καὶ γὰρ τὴν κέδρον φησὶν ἐν πέμπτῳ περὶ φυτῶν ἀκάνθας ἔχειν περὶ τὰ φύλλα. ὅτι δὲ τὸ αὐτὸ τοῦτο καὶ περὶ τὸ κιτρίον ἐστὶ παντὶ δῆλον. Wenn einer dem widersprechen kann, dass nicht das jetzt Zitronatzitrone genannte bezeichnet wird, soll er klarere Zeugnisse vorlegen; obwohl auch Phainios von Eresos13) uns die Überlegung mitteilt, ob nicht die Zedrate nach der Zeder benannt ist. Denn auch die Zeder habe, sagt er im fünften Buch über Pflanzen, Dornen um die Blätter. Dass eben dies aber auch bei der Zitronatzitrone der Fall ist, ist für jeden offensichtlich.
ὅτι δὲ καὶ προλαμβανόμενον τὸ κιτρίον πάσης τροφῆς ξηρᾶς τε καὶ ὑγρᾶς ἀντιφάρμακόν ἐστι παντὸς δηλητηρίου εὖ οἶδα, μαθὼν παρὰ πολίτου ἐμοῦ πιστευθέντος τὴν τῆς Αἰγύπτου ἀρχήν. Dass die Zitronatzitrone, wenn sie vor jeder trockenen und feuchten Nahrung genommen wird, ein Gegenmittel gegen jedes Gift ist, weiß ich wohl, nachdem ich es erfahren haben von meinem Mitbürger, der mit der Herrschaft über Ägypten betraut worden ist.
οὗτος κατεδίκασέ τινας γενέσθαι θηρίων βορὰν κακούργους εὑρεθέντας, καὶ ἔδει αὐτοὺς ἀποσίτοις ζῴοις παραβληθῆναι. εἰσιοῦσι δὲ αὐτοῖς εἰς τὸ τοῖς λῃσταῖς εἰς τιμωρίαν ἀποδεδειγμένον θέατρον κατὰ τὴν ὁδὸν κάπηλίς τις γυνὴ κατ’ ἔλεον ἔδωκεν οὗ μετὰ χεῖρας εἶχεν ἐσθίουσα κιτρίου, καὶ λαβόντες ἔφαγον καὶ μετ’ οὐ πολὺ παραβληθέντες πελωρίοις καὶ ἀγριωτάτοις ζῴοις ταῖς ἀσπίσι δηχθέντες οὐδὲν ἔπαθον. ἀπορία δὲ κατέσχε τὸν ἄρχοντα. καὶ τὸ τελευταῖον ἀνακρίνων τὸν αὐτοὺς φυλάττοντα στρατιώτην εἴ τι ἔφαγον ἢ ἔπιον, ὡς ἔμαθε [κατὰ τὸ αὐτὸν ἐξ ἀκεραίου] τὸ κιτρίον δεδομένον, τῇ ἐπιούσῃ τῶν ἡμερῶν τῷ μὲν πάλιν ἐκέλευσε δοθῆναι κιτρίου, τῷ δ’ οὔ· καὶ ὁ μὲν φαγὼν δηχθεὶς οὐδὲν ἔπαθεν, ὁ δὲ παραυτίκα πληγεὶς ἀπέθανε. δοκιμασθέντος οὖν διὰ πολλῶν τοῦ τοιούτου εὑρέθη τὸ κιτρίον ἀντιφάρμακον <ὂν> παντὸς δηλητηρίου φαρμάκου. Dieser verurteilte einige dazu, den Tieren zum Fraß vorgeworfen zu werden, nachdem sie als Verbrecher erkannt worden waren, und sie mussten hungrigen Tieren vorgeworfen werden. Als sie hineingingen in das Theater, das den Räubern zur Bestrafung bestimmt war, gab ihnen entlang des Weges eine Krämersfrau aus Mitleid von der Zitronatzitrone, die sie in den Händen hatte und aß; und sie nahmen sie und aßen sie und als sie nach kurzer Zeit riesigen und wildesten Tieren vorgeworfen und von Kobras gebissen wurden, erlitten sie keinen Schaden. Ratlosigkeit befiel den Herrscher. Und als er schließlich den Soldaten, der sie bewachte, ausfragte, ob sie etwas gegessen oder getrunken hatten, und er erfuhr, dass (ihnen) [in derselben Weise aufs neue] die Zitronatzitrone gegeben worden war, da befahl er am folgenden Tag, dass dem einen wieder von einer Zitronatzitrone gegeben wird, dem anderen nicht; und der eine, der gegessen hatte und gebissen wurde, erlitt nichts, der andere, als er verwundet wurde, starb augenblicklich. Nachdem man nun derartiges durch viele (Experimente) untersucht hatte, wurde gefunden, dass die Zitronatzitrone ein Gegenmittel gegen jedes Gift ist.
ἐὰν δέ τις ἐν μέλιτι Ἀττικῷ ὅλον κιτρίον ὡς ἔχει φύσεως συνεψήσῃ μετὰ τοῦ σπέρματος, διαλύεται μὲν ἐν τῷ μέλιτι, καὶ ὁ ἀπ’ αὐτοῦ λαμβάνων ἕωθεν δύο ἢ τρεῖς δακτύλους οὐδ’ ὁτιοῦν ὑπὸ φαρμάκου πείσεται.“ Wenn aber jemand eine ganze Zitronatzitrone möglichst naturbelassen in attischem Honig mit dem Samen zusammenkocht, löst sie sich im Honig auf, und wer von ihm bei Tagesanbruch zwei oder drei Fingerbreit nimmt, wird nicht das Geringste von einem Gift erleiden.
29 Als Beweis wird aus dem Geschichtswerk des Theopompos von Chios ein Beispiel für die den Schierling und Fingerhut neutralisierende Wirkung der Raute angeführt.
ταῦτ’ εἰπόντος τοῦ Δημοκρίτου θαυμάσαντες οἱ πολλοὶ τὴν τοῦ κιτρίου δύναμιν ἀπήσθιον ὡς μὴ πρότερον φαγόντες ἢ πιόντες τι. Πάμφιλος δ’ ἐν ταῖς Γλώσσαις Ῥωμαίους φησὶν αὐτὸ κίτρον καλεῖν. Nachdem Demokritos dies gesagt hatte, bewunderten die meisten die Kraft der Zitronatzitrone und bissen ab, als ob sie vorher nichts gegessen oder getrunken hätten. Pamphilos aber sagt in den Glossen14), dass die Römer sie citrus nennen.

Das spätantike griech. Wort für die Zitronatzitrone, κίτριον, ist eine Entlehnung aus dem  lat. citrus, citreus.

Die goldenen Äpfel der Hesperiden (d.h. der Töchter des Hesperos, d.i. des Abendsterns), die zu rauben eine der Aufgaben des Herakles war, wurden also schon seit der Spätantike mit Zitrusfrüchten gleichgesetzt. (In Anlehnung an diese Gleichsetzung führte Carl von Linné die Bezeichnung Hesperidium für die fleischige Frucht der Zitrusfrüchte ein15).) Doch kannten die Griechen vor dem 4. Jh. nach allem, was wir wissen, noch keine Zitrusfrüchte. Dass die mythischen Äpfel der Hesperiden Zitrusfrüchte waren, ist mehr als unwahrscheinlich. Die in den Zitaten aus der mittleren Komödien genannten Früchte könnten Zitrusfrüchte gewesen sein. Das Eriphos-Zitat wäre dann ein vortheophrastisches Zeugnis dafür, dass die Zitronatzitrone aus dem Perserreich nach Hellas gekommen ist.

Was die angebliche giftneutralisierende Wirkung der Zitronatzitrone betrifft, so muss vor Nachahmung dringend gewarnt werden.

Der griech. Arzt Galenos (lat. Aelius od. Claudius Galenus, 2. Jh. n.Chr.) hinterließ ein umfangreiches Œuvre, darunter auch 11 Bücher Περὶ τῆς τῶν ἁπλῶν φαρμάκων κράσεως καὶ δυνάμεως (De simplicium medicamentorum temperamentis ac facultatibus) „Über die Mischung und Wirkung der einfachen Arzneien“. Darin ist ein Kapitel (7,12,19) der Zitronatzitrone gewidmet16).

[Περὶ μηλέας Μηδικῆς.] Μηλέα Μηδική. ταύτης ὁ καρπὸς οὐκέτι μῆλον Μηδικὸν, ἀλλὰ κιτρίον ὑπὸ πάντων ὀνομάζεται, κατὰ μὲν τὸ σπέρμα τὴν ὀξεῖαν ποιότητα καὶ ξηραντικὴν δύναμιν ἐπικρατοῦσαν ἔχον, ὡς τῆς τρίτης εἶναι τάξεως ἀπὸ τῶν ξηραινόντων τε καὶ ψυχόντων· κατὰ δὲ τὸν φλοιὸν ξηραινούσης κᾀνταῦθα μετείληφε κράσεως, ἀλλ’ οὐκ ὀλίγον ἐχούσης τὸ δριμὺ, διὸ καὶ ξηραίνει τοῦτο κατὰ δευτέραν ἀπόστασιν. οὐ μὴν ψυχρόν γ’ ἐστὶν, ἀλλ’ ἤτοι σύμμετρον ἢ βραχύ τι κατωτέρω. ἡ δὲ σὰρξ αὐτοῦ παχύχυμός τέ ἐστι καὶ φλεγματικὴ καὶ ψυχρά· αὐτὴ μὲν γὰρ ἐσθίεται καθάπερ καὶ ὁ φλοιός. τὸ δὲ σπέρμα πᾶν ἄβρωτον, τό θ’ ὑγρὸν καὶ ὀξῶδες, ὑπὲρ οὗ πρώτου διείλεγμαι, καὶ ὁ ἐν αὐτῷ πυρὴν εὑρισκόμενος, ὅσπερ ὄντως ἐστὶ σπέρμα, πικρὸς δ’ οὗτός ἐστι καὶ δηλονότι διαφορητικὸς καὶ ξηραντικὸς, κατὰ τὴν δευτέραν που τάξιν ἀφεστηκὼς τῶν συμμέτρων. καὶ τὰ φύλλα δὲ ξηραντικῆς τέ ἐστι καὶ διαφορητικῆς δυνάμεως. [Über den Medischen Apfelbaum.] Medischer Apfelbaum. Dessen Frucht wird von allen nicht mehr Medischer Apfel, sondern Kitrion genannt. Nach dem Samen hat er scharfe Beschaffenheit und vorherrschende trocknende Wirkung, sodass er zur dritten Klasse der austrocknenden und kühlenden (Stoffe) gehört. Nach der Schale hat er dann auch Anteil an der austrocknenden Mischung, die aber nicht wenig das Herbe hat, deshalb trocknet er entsprechend der zweiten Apostasis. Allerdings ist er nicht kühl, sondern mittel oder ein wenig darunter. Sein Fleisch ist dicksaftig und reich an Schleim und kühl; es selbst wird nämlich gegessen, gleichwie auch die Schale. Der Same ist ganz ungenießbar, feucht und essigartig, worüber ich als erstes gesprochen habe; und der Kern, der in ihm gefunden wird, der wahrhaftig Same ist, der ist bitter und natürlich auflösend und trocknend, nach der zweiten Klasse sich von den mittleren (Stoffen) entfernend. Auch die Blätter haben trocknende und auflösende Wirkung.
Apostasis: „Abstand, Trennung, Abfall“, keine Ahnung, was das im Kontext bedeuten soll.
auflösend: nach LSJ „discutient“; viell. auch schweißfördernd (LSJ: „promoting perspiration“) oder abführend (Pape: „zum [...] Abführen geschickt“).

Ich gebe zu: ich habe kein Wort verstanden. Schon damals hatten Ärzte ihre eigene Terminologie, die nur den Eingeweihten zugänglich war.


1) Griech. Text nach: Theophrastus. Enquiry into plants and minor works on odours and weather signs. Hrsg. u. übers. v. Arthur Hort. Bd. 1.- London: Heinemann, 1916 (The Loeb classical library) S. 310-312.  bei Archive.org.

2) Theophr.h.plant. 1,13,4 (Ausg. v. A. Hort, S. 94,  bei Archive.org):

φασὶ δὲ καὶ τῆς μηλέας τῆς Μηδικῆς ὅσα μὲν ἔχει τῶν ἀνθῶν ὥσπερ ἠλακάτην τινὰ πεφυκυῖαν ἐκ μέσου ταῦτ’ εἶναι γόνιμα, ὅσα δὲ μὴ ἔχει ταῦτ’ ἄγονα. Man sagt auch, dass beim Medischen Apfel alle von den Blüten, die etwas wie eine aus der Mitte gewachsene Spindel haben, die sind fruchtbar, alle die nicht, die (sind) unfruchtbar.

3)  Wikipedia-Art. Pedanios Dioscurides

4) Griech. Text nach: Pedanii Dioscuridis Anazarbei De materia medica libri quinque. Hrsg. v. Max Wellmann. Bd. 1: Libri 1 et 2.- Berlin: Weidmann, 1907. S. 109.  bei Archive.org. Wellmanns Ausg. verwendet eine andere Zählung, bei ihm findet sich der Abschnitt unter 1,115,5.
Dt. Übers.: Des Pedanios Dioskurides aus Anazarbos Arzneimittellehre in fünf Büchern. Übers. u. mit Erkl. v. Julius Berendes.- Stuttgart: Enke, 1902.  als Scan bei Archive.org oder  als Digitalisat bei PharmaWiki.

5) Griech. Text nach: Plutarchi Chaeronensis scripta moralia. Hrsg. u. ins Lat. übers. v. Friedrich Dübner. Bd. 2.- Paris: Didot, 1841.  bei Google Books.
Dt. Übers.: Plutarchs Moralische Abhandlungen. Übers. v. Johann Friedrich Salomon Kaltwasser. Bd. 6.- Frankfurt a.M.: Hermann, ca. 1795.  bei Archive.org.

6) Griech. Text nach: Athenaei Naucratitae Dipnosophistarum libri XV. Hrsg. v. Georg Kaibel. Bd. 1.- Leipzip: Teubner, 1887.  bei Archive.org.
Engl. Übers.: The Deipnosophists or Banquet of the Learned of Athnenaeus. Übers. v. C. D. Yonge. Bd. 1.- London: Bohn, 1854. S. 139ff.  bei Archive.org.

7) Hegesandros’ „Erinnerungen“ (Hypomnemata) waren offenbar eine Anekdotensammlung, über die wir hauptsächlich durch die Zitate bei Athenaios unterrichtet sind.

8) Iuba II., Sohn des Königs von Numidien, kam nach Cäsars Sieg über seinen Vater in der Schlacht bei Thapsus (46 v. Chr.) nach Rom und wurde dort erzogen. Von Augustus wurde er nach 25 v. Chr. als König von Mauretanien eingesetzt. Er hatte gelehrte und schriftstellerische Interessen. S.  Wikipedia-Art. Juba II.

9) Vermutl. Asklepiades von Mendes (im Nildelta), wohl augusteische Zeit.

10) Gemeint ist wohl Hanno der Seefahrer, ein karthagischer Admiral, dessen Reisebericht über eine Fahrt entlang der afrikan. Westküste bis in den Golf von Guinea (viell. bis Gabun) ca. 470 v. Chr. in vielem den antiken geograph. Vorstellungen widersprach (z.B. dass der Küstenverlauf nach längerer Fahrt ostwärts wieder auf Süden drehte oder dass die Sonne ihre Lage von der linken auf die rechte Schiffsseite änderte).  Wikipedia-Art. Hanno der Seefahrer.

11) Einer der bedeutendsten Dichter der mittleren Komödie. Über 200 Stücke sind uns namentlich bekannt.  Wikipedia-Art. Antiphanes.

12) Ein anderer Dichter der mittleren Komödie, von dem aber nur noch drei Stücktitel überliefert sind.  Der Neue Pauly: Eriphos.

13) Stammte aus der gleichen Ortschaft der Insel Lesbos wie Theophrast, war etwa gleich alt und wie dieser ein Schüler des Aristoteles.  Wikipedia-Art. Phainias von Eresos.

14) Wohl Pamphilos von Alexandria, Grammatiker und Lexigograph des 1. Jh. n.Chr.  Wikipedia-Art. Pamphilos von Alexandria. Glossen sind Worterklärungen, das Werk war ein Wörterbuch.

15)  Wikipedia-Art. Hesperidium

16) Griech. Text nach: Claudii Galeni Opera omnia. Hrsg. v. Karl Gottlob Kühn. Bd. 12.- Leipzig: Knobloch, 1826. S. 77.  bei Archive.org, bessere Scans hat allerdings die  Bibliothèque Interuniversitaire de Médecine. Zu Galen gibt es nach wie vor keine krit. Gesamtausg. und nur wenig dt. Übersetzungen. Zum vorliegenden Werk fand ich einzig die lat. Übers. des Niederländers Theodoricus Gerardus Gaudanus (d.h. aus Gouda, erstmals Paris 1530), die (mit geringfügigen Änderungen) auch der Ausg. v. Kühn beigegeben ist.


Römische Literatur

Vergil in seinem Lehrgedicht Georgica „Landwirtschaft“ (verfasst in den Dreißiger Jahren des letzten vorchristl. Jh.) zum Thema, dass unterschiedliche Länder unterschiedliche Früchte hervorbringen (2,126-135)1):

Media fert tristis sucos tardumque saporem Medien bringt hervor die bitteren Säfte und den nachhaltigen Geschmack
felicis mali, quo non praesentius ullum, des gesegneten Apfels, keine wirksamere Hilfe als diese,
pocula si quando saevae infecere novercae, wenn einmal wütende Stiefmütter Becher vergiftet haben,
[miscueruntque herbas et non innoxia verba,] [und haben Kräuter hineingemischt und nicht unschädliche Worte,]
130 auxilium venit ac membris agit atra venena. kommt und vertreibt aus den Gliedern die schwarzen Gifte.
ipsa ingens arbos faciemque simillima lauro, Der Baum selbst ist riesig und sein Aussehen dem Lorbeer sehr ähnlich,
et, si non alium late iactaret odorem, und, würde er nicht einen anderen Duft weithin verbreiten,
laurus erat: folia haud ullis labentia ventis, wäre er Lorbeer: die Blätter durch keine Winde fallend,
flos ad prima tenax; animas et olentia Medi die Blüte besonders festsitzend; die Meder fördern den Atem und riechende
135 ora fovent illo et senibus medicantur anhelis. Münder damit und heilen kurzatmige Greise.

Der Apfel, den Medien hervorbringt, ist ziemlich sicher der Medische Apfel Theophrasts. Nach Italien dürfte er, wie von Theophrast beschrieben, als Topfpflanze gekommen sein. Den Begriff citrus finden wir z.B. in Servius’ Kommentar zur Stelle 2,126 (Ende 4. Jh.)2):

apud Medos nascitur quaedam arbor, ferens mala, quae medica vocantur: quam per periphrasin ostendit, eius supprimens nomen. hanc plerique citrum volunt; quod negat Apuleius in libris, quos de arboribus scripsit, et docet longe aliud esse genus arboris. Bei den Medern wächst ein bestimmter Baum, der Äpfel trägt, die medisch genannt werden: diesen beschreibt er (Vergil) durch Umschreibung, wobei er seinen Namen verschweigt. Die meisten behaupten, dies sei die Citrus (Zitronatzitrone); das bestreitet Apuleius in den Büchern, die er über Bäume geschrieben hat, und lehrt ausführlich, dass es sich um eine andere Baumart handle.

Das lat. citrus bezeichnete ursprl. wohl aromatische Zypressengewächse wie den Sandarakbaum (Tetraclinis articulata (Vahl) Mast., Syn. Thuja articulata Vahl, Callitris quadrivalvis Rich.) oder den Morgenländischen Lebensbaum (Platycladus orientalis (L.) Franco, Syn. Thuja orientalis L.). Deren wohlriechendes Holz war bei reichen Römern sehr beliebt für Möbel3). Das Wort selber kommt (wohl durch etrusk. Vermittlung) von griech. κέδρος „Wacholder“ (Juniperus L., ebenfalls ein Zypressengewächs), später „Zeder“ (Cedrus Trew, ein Kieferngewächs), das später noch einmal als lat. cedrus entlehnt wurde.

In Petronius’ Cena Trimalchionis „Gastmahl des Trimalchio“, einer der erhaltenen Episoden aus dem satirischen Roman Satyricon aus der Zeit Kaiser Neros, heißt es an einer Stelle über Trimalchios unglaublichen Reichtum (38,1)4):

nec est quod putes illum quicquam emere. omnia domi nascuntur: lana, credrae, piper; lacte gallinaceum si quaesieris, invenies. Und es gibt nichts, wovon du glauben könntest, dass jener etwas kauft. Alles wird zu Hause produziert: Wolle, ??, Pfeffer; wenn du Hühnermilch suchst, wirst du sie finden.

Das unverständliche credrae wurde verschiedentlich emendiert, so von Bücheler in cedrae „Zedern“, von Jacobs in citrea „Zitronatzitronen“. Letzteres scheint sich in den Textausgaben durchgesetzt zu haben.

Plinius der Ältere schreibt in seiner Naturalis Historia „Naturgeschichte“ (im Jahr 77 n.Chr. dem Prinzen Titus überreicht) (12,15f)5):

15 Malus Assyria, quam alii Medicam vocant, venenis medetur. folium eius est unedonis intercurrentibus spinis. pomum ipsum alias non manditur, odore praecellit foliorum quoque, qui transit in vestes una conditus arcetque animalium noxia. arbor ipsa omnibus horis pomifera est, aliis cadentibus, aliis maturescentibus, aliis vero subnascentibus. Der Assyrische Apfelbaum, den andere den Medischen nennen, heilt von Giften. Sein Blatt ist das eines Erdbeerbaumes (Arbutus unedo) mit dazwischenlaufenden Rippen. Die Frucht selbst wird sonst nicht gegessen, er zeichnet sich durch den Geruch auch der Blätter aus, der auf die Kleider übergeht, wenn er zusammen (damit) aufbewahrt wurde, und die schädlichen unter den Tieren abwehrt. Der Baum selbst ist zu allen Jahreszeiten fruchttragend, da die einen abfallen, andere reif werden, andere aber nachwachsen.
16 temptavere gentes transferre ad sese propter remedii praestantiam fictilibus in vasis, dato per cavernas radicibus spiramento, qualiter omnia transitura longius seri aptissime transferrique meminisse conveniet, ut semel quaeque dicantur. sed nisi apud Medos et in Perside nasci noluit. haec est cuius grana Parthorum proceres incoquere diximus esculentis commendandi halitus gratia. nec alia arbor laudatur in Medis. Völker haben versucht, ihn wegen der Vorzüglichkeit als Heilmittel in Tongefäßen zu sich zu bringen, wobei man den Wurzeln durch Löcher Atem gab, wie es sich ziemen wird, daran zu denken, dass alle Pflanzen, die länger transportiert werden, aufs geeignetste aneinandergereiht und transportiert werden, damit einmal alles gesagt wird. Aber außer bei den Medern und in Persien wollte er nicht wachsen. Dieser ist es, von dem wir gesagt haben6), dass die Vornehmsten der Parther seine Kerne in den Speisen mitkochen, um den Atem angenehm zu machen. Kein anderer Baum wird bei den Medern (mehr) gelobt.

Auch sonst erwähnt Plinius die Zitronatzitrone öfters, meist unter der Bezeichnung citrea (erg. malus, der Baum) od. citreum (erg. malum, die Frucht)7).

Rutilius Taurus Aemilianus Palladius, ein Schriftsteller des 4.Jh.8), widmet in seinem Opus Agriculturae „Werk der Landwirtschaft“ einen Abschnitt der Zitronatzitrone (4,10,11-18)9). Da es von Palladius anscheinend keine dt. Übers. gibt, sei die Passage trotz ihrer Länge hier vollständig wiedergegeben:

11 DE CITREO. Mense martio citri arbor multis modis seritur, semine, ramo, talea, clava. amat terram rarioris naturae, caelum calidum umoremque continuum. si granis velis serere, ita facies. terram in duos pedes fodies, cinerem miscebis, breves areas facies, ut utrimque per canales aqua discurrat. in his areis palmarem scrobem manibus aperies et tria grana deorsum verso acumine iuncta constitues et obruta cotidie rigabis. citius procedent, si beneficio aquae tepentis utaris. ÜBER DIE ZITRONATZITRONE. Im März wird der Zitronatzitronenbaum auf viele Arten gesät, durch Samen, Zweig, Setzling, Propfreis. Er liebt Erde von ziemlich lockerer Beschaffenheit, warmes Wetter und dauernde Feuchtigkeit. Wenn man ihn aus Kernen säen möchte, macht man es folgendermaßen: man gräbt die Erde auf zwei Fuß (tief?) auf, mischt Asche dazu, macht kurze Beete, damit das Wasser auf beiden Seiten durch Rinnen auseinanderläuft. In diesen Beeten gräbt man mit den Händen eine ein Handbreit große Grube und und legt drei Kerne mit nach unten gedrehter Spitze nebeneinander hinein, bedeckt sie und gießt sie täglich. Sie werden schneller wachsen, wenn man die Wohltat lauwarmen Wassers verwendet.
12 Natis germinibus semper proxima herba runcetur. potest hinc trima planta transferri. si ramum velis ponere, non amplius sesquipedem debebis inmergere, ne putrescat. clava seri commodius est, quae sit manubrii crassitudine, longitudine cubitali, ex utraque parte levigata, nodis et aculeis recisis, sed integra summitate gemmarum, per quas spes futuri germinis intumescat. Wenn die Knospen (heraus)gewachsen sind, wird immer der nächststehende Spross ausgejätet. Die Pflanze kann von hier umgepflanzt werden, wenn sie drei Jahre ist. Wenn man einen Zweig einsetzen möchte, darf man ihn nicht weiter als anderthalb Fuß (tief) versenken, damit er nicht verfault. Bequemer ist es, wenn ein Propfreis gepflanzt wird, das die Dicke eines Stiels haben soll, die Länge einer Elle, auf beiden Seiten geglättet, Knoten und Stacheln abgeschnitten, aber eine unversehrte Spitze der Triebe, durch die die Hoffnung auf eine künftige Knospe wächst.
13 Diligentiores et fimo bubulo adlinunt utrimque, quod summum est, vel marina alga vestiunt vel argilla subacta partis utriusque extrema cooperiunt atque ita in pastinato solo deponunt. talea et gracilior et brevior esse potest: quae similiter ut clava mergetur. sed talea palmis duobus supersit: clava omnis obruitur. in spatio non desiderat intervalla maiora. aliis arboribus non debet adnecti. Die Umsichtigeren bestreichen ihn auch auf beiden Seiten mit Rindermist, was das beste ist, oder umgeben ihn mit Seetang oder bedecken die Enden beider Seiten mit aufgelockertem Mergel und setzen ihn so in behacktem Boden ein. Ein Setzling kann sowohl dünner als auch kürzer sein: er wird ähnlich wie ein Propfreis versenkt. Aber der Setzling soll zwei Handbreit herausschauen: das Propfreis wird zur Gänze eingegraben. Beim Platzbedarf verlangt er keine größeren Abstände. Mit anderen Bäumen darf er nicht verbunden werden.
was am besten ist: oder “bestreichen, was am höchsten ist“, d.h. den obersten Teil der Pflanze.
14 Calidis locis, sed inriguis et maritimis maxime gaudet, quibus umor exundat. sed si quis hoc genus, ut in regione frigida nutriatur, extorquet, loco vel parietibus munito vel in meridianam partem verso disponat hanc arborem. sed hibernis mensibus tectum stramine velet agresti: ubi aestas refulserit, aeri arbor nuda et secura reddatur. Warme, aber bewässerte und am Meer gelegene Orte, an denen Feuchtigkeit im Überfluss vorhanden ist, mag er am meisten. Aber wenn jemand diese Art quält, dass er sie in einer kalten Gegend wachsen lässt, soll er diesen Baum an einem Ort aufstellen, der entweder durch Wände geschützt ist oder nach südlicher Richtung zu liegt. Aber in den Wintermonaten soll er das Dach mit Stroh vom Feld bedecken: sobald der Sommer erstrahlt, soll der Baum unbedeckt und ungeschützt wieder der Luft ausgesetzt werden.
15 Talea sive clava eius calidissimis regionibus et per autumnum ponitur: frigidissimis iulio et augusto positas et cotidianis rigationibus animatas ipse usque ad poma et magna incrementa perduxi. citreum iuvari creditur, si cucurbitae vicinis locis serantur: quarum vites etiam conbustae utilem citri arboribus cinerem praebent. gaudent adsidua fossione. hinc proveniunt poma maiora. Sein Setzling oder Propfreis wird in sehr warmen Gebieten im Verlauf des Herbstes gesetzt: in sehr kalten habe ich selbst welche, im Juli und August gesetzt und durch tägliches Gießen belebt, bis zu Früchten und großem Wachstum hingeführt. Man glaubt, dass es dem Zitronatzitronenbaum hilft, wenn Kürbisse an benachbarten Orten geplanzt werden: deren Ranken bieten auch, wenn sie verbrannt werden, eine für die Bäume der Zitronatzitrone nützliche Asche. Sie freuen sich über unablässiges Umgraben. Dadurch wachsen größere Früchte.
16 Nisi quae arida sunt, rarissime debemus abscidere. inseritur mense aprili locis calidis, maio frigidis, non sub cortice, sed fisso trunco circa ipsas radices. inseritur et piro, ut quidam, et moro, sed insiti surculi qualo desuper omnino muniendi sunt vel fictili vasculo. adserit Martialis apud Assyrios pomis hanc arborem non carere: quod ego in Sardinia territorio Neapolitano in fundis meis conperi, quibus solum et caelum tepidum est, umor exundans, per gradus quosdam sibi semper poma succedere, cum maturis se acerba substituant, acerborum vero aetatem florentia consequantur, orbem quemdam continuae fecunditatis sibi ministrante natura. Außer das, was trocken ist, müssen wir sehr selten etwas abschneiden. Er wird im Monat April an warmen Orten eingepfropft, im Mai an kalten, nicht unter die Rinde, sondern mit gespaltetem Stamm nahe den Wurzeln selber. Er wird sowohl auf den Birnbaum, wie manche (es machen/ behaupten), als auch auf den Maulbeerbaum gepfropft, aber die eingepfropften Reiser müssen von oben gänzlich mit einem Körbchen oder einem kleinen Tongefäß geschützt werden. Martialis 10) behauptet, dass dieser Baum bei den Assyrern nicht der Früchte entbehre. Das habe ich auf Sardinien, auf dem Territorium von Neapel, auf meinen Landgütern erfahren, die einen warmen Boden und warmes Wetter haben und reichlich Feuchtigkeit, dass über gewisse Stufen ihm immer Früchte nachwachsen, indem sich noch unreife an die Stelle von reifen setzen, Blüten aber dem Stadium der unreifen nachfolgen, wobei die Natur eine Art Kreislauf dauernder Fruchtbarkeit betreibt.
Man würde erwarten, dass Paladius sagt: die reifen Früchte folgen den unreifen, das Stadium der unreifen den Blüten – und so übersetzt es auch Owen („when the sour fruit is succeeded by that which is ripe, and the blossom by the sour fruit“). Und das ist zweifellos der Sinn des Satzes, auch wenn Palladius es andersherum formuliert.
17 Feruntur acres medullas mutare dulcibus, si per triduum mulsa aqua semina ponenda macerentur vel ovillo lacte, quod praestat. aliqui mense februario truncum obliquo foramine ab imo terebrant, ita ut altera parte non exeat: ex hoc umorem fluere permittunt, donec poma formentur: tunc foramen luto replent: sic, quod est medium, fieri dulce confirmant. Man sagt, dass bitteres Mark (Fruchtfleisch?) sich in süßes verwandelt, wenn man die einzusetzenden Samen für drei Tage in Honigwasser oder Schafmilch, was besser ist, einweicht. Einige bohren im Monat Februar ein schräges Loch unten in den Stamm, sodaß es nicht auf der anderen Seite austritt. Aus diesem lassen sie Flüssigkeit fließen, bis sich Früchte bilden. Dann füllen sie das Loch wieder mit Lehm. So, behaupten sie, werde, was in der Mitte ist, süß.
18 Citreum et in arbore potest per totum annum propemodum custodiri: melius, si vasculis quibuscumque claudatur. si velis legere atque servare, nocte luna latente debebis cum ramis foliatis carpere et secreta disponere. alii singula vasis singulis claudunt vel gypso adlinunt et opaco loco ordinata custodiunt. plerique in cedri scobe vel straminibus minutis vel in paleis tecta servant. Die Zitronatzitrone kann fast das ganze Jahr auch auf dem Baum aufbewahrt werden; besser, wenn sie in irgendwelchen Gefäßen eingeschlossen wird. Wenn man sie einsammeln und aufbewahren möchte, muss man sie nachts, wenn der Mond nicht sichtbar ist (=bei Neumond?), mit den Zweigen, an denen noch die Blätter sind, pflücken und abgeschieden ablegen. Andere schließen sie einzeln in einzelnen Gefäßen ein oder bestreichen sie mit Gips und bewahren sie geordnet an einem schattigen Ort auf. Die meisten bewahren sie in Sägespäne der Zeder oder mit zerkleinertem Stroh oder Streu bedeckt auf.

Das bei Apicius verwendete citrium ist nach den Wörterbüchern eine Gurken- oder Kürbisart.


1) Lat. Text nach: P. Vergili Maronis Opera. Hrsg. v. R. A. B. Mynors.- Oxford: Univ. Press, 1980. (Oxford Classical Texts).  bei The Latin Library.
Die dt. Übers. von Johann Heinrich Voß  bei Projekt Gutenberg-DE.

2) Lat. Text nach: Servii Grammatici qui feruntur in Vergilii carmina commentarii. Hrsg. v. Georg Thilo u. Hermann Hagen. Bd. 3?- Leipzig: Teubner, ?  beim Perseus Project.

3) Plin.nat. 13,91-95: Mauri, quibus plurima arbor citri et mensarum insania „die Mauren, die sehr viele Zitrusbäume haben und den Wahnsinn der Tische“
Sen.tranq. 9,6: armaria e citro „Bücherregale aus Zitrus(holz)“
Petr. 119,28: Afris eruta terris | citrea mensa „aus afrikanischen Ländern herausgerissener | Zitrus(holz)tisch“
Hierher gehört wohl auch Plin.nat. 23,88: Cupressinum oleum eosdem effectus habet quos myrteum, item citreum. „Das Zypressenöl hat die gleichen Wirkungen wie das Myrtenöl, desgleichen das Zitronenöl.“

4) Lat. Text nach: Petronius, Cena Trimalchionis. Lat.-dt. v. Konrad Müller u. Wilhelm Ehlers. 20.-22. Tsd.- München: Dt. Taschenbuch Verl., 1988 (Lizenzausg. d. Tusculum-Ausg. des Satyricon. 2. Aufl.- München: Heimeran, 1978). sowie:
Petronii Cena Trimalchionis. Hrsg., übers. u.m. erkl. Anm. v. Ludwig Friedländer.- Leipzig: Hirzel, 1891.  bei Archive.org.

5) Lat. Text nach: C. Plini Secundi Naturalis Historiae Libri XXXVII. Hrsg. v. Karl Mayhoff. Bd. 2: Libri VII-XV.- Leipzig: Teubner, 1875.  bei Archive.org oder als  Digitalisat bei Bibliotheca Augustana. Im Web ist auch eine, allerdings schon ziemlich angejahrte dt. Übers. zu finden: Plinius, Naturgeschichte. Übers. v. Johann Daniel Denso.- Rostock, Greifswald: Rösen, 1764.  bei Google Books.

6) Nämlich Plin.nat. 11,278 zum Thema Giftigkeit des Atems bei Tieren und Mundgeruch bei Menschen ( bei Archive.org):

Parthorum populis haec praecipue et a iuventa propter indiscretos cibos, namque et vino faetent ora nimio. sed sibi proceres medentur grano Assyrii mali, cuius est suavitas praecipua, in esculenta addito. Besonders bei den Völkern der Parther, und von Jugend auf, wegen der ununterschiedenen Speisen, denn auch vom allzuvielen Wein stinken ihre Münder. Aber die Vornehmsten heilen sich durch den Kern des Assyrischen Apfels, dessen Süße außerordentlich ist, indem er in die Speisen hinzugefügt wird.

7) Es folgen einige Beispiele.

Plin.nat. 13,103 ( bei Archive.org):

Alia est arbor eodem nomine, malum ferens exsecratum aliquis odore et amaritudine, aliis expetitum, domus etiam decorans, nec dicenda verbosius. Es gibt einen anderen Baum gleichen Namens (Citrus), der einen Apfel trägt, welcher für manche abscheulich ist wegen des Geruchs und der Bitterkeit, bei anderen begehrt, der auch das Haus schmückt [wohl der Baum, nicht der Apfel], über den nicht weitschweifiger geredet werden soll.

Plin.nat. 15,47 ( bei Archive.org):

Malorum plura sunt genera. de citreis cum sua arbore diximus, Medica autem Graeci vocant patriae nomine. Es gibt mehrere Arten von Äpfeln. Über die Zitronatzitronen mit ihrem Baum haben wir (schon) gesprochen, Medische (Äpfel) aber nennen sie die Griechen mit dem Namen ihrer Heimat.

Plin.nat 16,107 ( bei Archive.org):

Citreae et iuniperus et ilex anniferae habentur, novusque fructus in his cum annotino pendet. Zitronatzitronenbäume, Wacholder und Steineiche werden für ganzjährig tragend gehalten, und die neue Frucht hängt an diesen zusammen mit der vom Vorjahr.

Plin.nat. 17,64 ( bei Archive.org):

Citrea grano et propagine, sorba semine et a radice planta et avolsione proveniunt, sed illa in calidis, sorba in frigidis et umidis. Zitronatzitronen wachsen hervor aus Kern und Ableger, Speierlinge auch aus Setzling von der Wurzel und abgerissenen Zweig, aber jene an warmen, Speierlinge an kalten und feuchten Orten.

Plin.nat. 23,105 ( bei Archive.org):

Citrea contra venenum in vino bibuntur vel ipsa vel semen. faciunt oris suavitatem decocto eorum colluti aut suco expresso. horum semen edendum praecipiunt in malacia praegnatibus, ipsa vero contra infirmitatem stomachi, sed non nisi ex aceto facile manduntur. Zitronatzitronen werden in Wein gegen Gift getrunken, entweder sie selbst oder der Samen. Sie machen Annehmlichkeit des Mundes, der mit ihrem Sud ausgespült worden ist oder mit ausgepresstem Saft. Man schreibt vor, dass die Schwangeren deren Samen bei Appetitlosigkeit essen sollen, sie selbst aber werden gegen Magenschwäche, aber nicht leicht außer aus Essig gegessen.

8)  Wikipedia-Art. Palladius und ausführlicher in Schanz-Hosius, Geschichte der röm. Literatur, Bd. 4.1, S. 189ff.  bei Google Books.

9) Lat. Text nach: Palladii Rutilii Tauri Aemiliani viri inlustris Opus agriculturae. Hrsg. v. J. C. Schmitt.- Leipzig:Teubner, 1898.  bei Archive.org, als elektron. Text auch  bei ForumRomanum.org.
Engl. Übers.: The fourteen books of Palladius Rutilius Taurus Aemilianus, on Agriculture. Übers. v. T[homas] Owen.- London, 1807.  bei Google Books.

10) Natürlich nicht der Epigrammatiker M. Valerius Martialis, sondern Q. Gargilius Martialis, Verfasser eines Werks über Gartenbau (3. Jh.?).


Römische Kunst


Zitronen auf einem Mosaik in der Kirche Santa Costanza?- Urheber: Wikipedia-User Pitichinaccio.- Quelle:  Wikipedia.- Lizenz: GFDL, CC BY-SA 3.0, CC BY-SA 2.5, CC BY-SA 2.0, CC BY-SA 1.0.- Bearbeitung: Ausschnitt, gedreht und stark aufgehellt.

Manche Archäologen wollen auf Wandmalereien und Mosaiken aus der Kaiserzeit Zitronen oder andere Zitrusfrüchte erkennen. Jashemski/Meyer/Ricciardi führen an1):

Häufig werden in diesem Zusammenhang auch die Mosaiken der Kirche Santa Costanza in Rom (330 n.Chr. unter Kaiser Konstantin ursprl. als Mausoleum für seine Tochter Constantia erbaut)3) genannt. Wenn man die Mosaiken betrachtet4), kann man Weintrauben, Birnen und Granatäpfel ziemlich sicher, Feigen noch mit einiger Wahrscheinlichkeit ausmachen. Alles andere ist eher unklar. Da könnten Zitronen und Orangen darunter sein.

Es überrascht, dass eine kulinarisch und landwirtschaftlich so bedeutende Frucht wie die Zitrone literarisch keinen Niederschlag gefunden hat. Der Behauptung Tolkowskis, dass die Römer unter citrus, citrea usw. eben auch Zitrone, Orange, Pampelmuse usw. subsumiert hätten5), kann ich nicht beipflichten: soweit die Beschreibungen eine bestimmte Frucht erkennen lassen, handelt es sich wohl immer um die Zitronatzitrone.

Wenn es sich bei den dargestellten Früchten tatsächlich um Zitronen handelt, so ziehe ich daraus den Schluss, dass gartenbautechnisch interessierte Römer die Zitrone gekannt und sie vielleicht auch erfolgreich im Garten gehalten haben. Dass es einen Anbau in landwirtschaftlich relevantem Umfang gegeben hat, kann ich mir nicht vorstellen. Zum Vergleich: in Salzburg bin ich jahrelang gelegentlich an einem  Feigenbaum vorbeigegangen (vor dem Haus Glanhofen 1, 47°47'58.09"N/13°0'19.42"E,  bei Google Maps, der Baum wurde Ende 2012 entfernt), aber es gibt am Alpennordrand keine Feigenproduktion.

Vielleicht sollte man in Betracht ziehen, dass die Abbildungen Zitronatzitronen zeigen. Bei kaum einer Zitrusfrucht findet man eine derartige breite Varietät von Früchten:


1) Jashemski, Wilhelmina F.; Meyer, Frederick G.; Ricciardi, Massimo: Plants: Evidence from Wall Paintings, Mosaics, Sculpture, Plant Remains, Graffiti, Inscriptions, and Ancient Authors. In: The Natural History of Pompeii. Hrsg. v. Wilhelmina Feemster Jashemski u. Frederick G. Meyer.- Cambridge: Univ. Press, 2002. Der Abschnitt über die Zitrone ist  bei Google Books.

2)  Wikipedia-Art. Casa dei Cubicoli floreali,  House of the Orchard

3)  Wikipedia-Art. Santa Costanza

4) Z.B. bei  SquinchPix, der Seite  Santa Costanza von Bill Storage, oder der Seite  Images of Santa Costanza von Mary Ann Sullivan.

5) Quellenangabe muss ich noch nachliefern.

Judentum

Lev 23,39-44 enthält Anweisungen zur Feier des jüd. Laubhüttenfestes (hebr. Sukkot). In V. 40 heißt es1):

וּלְקַחְתֶּם לָכֶם בַּיּוֹם הָרִאשׁוֹן פְּרִי עֵץ הָדָר כַּפֹּת תְּמָרִים וַעֲנַף עֵץ־עָבֹת וְעַרְבֵי־נָחַל וּשְׂמַחְתֶּם לִפְנֵי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם שִׁבְעַת יָמִים׃ Und ihr sollt euch am ersten Tag nehmen eine Frucht eines prächtigen Baumes, Palmwedel und einen Zweig eines dicht belaubten Baumes und (von) Bachpappeln. Und ihr sollt euch freuen vor dem Herrn, eurem Gott, sieben Tage.

עַרְבֵי־נָחַל wird meist mit „Bachweiden“ übersetzt. Nach Gesenius bezeichnet es aber nicht die Trauerweide (Salix babylonica L., die heißt auf hebr. צַפְצָפָה), sondern die Euphratpappel (Populus euphratica Olivier).

Die Frucht wird in Lev 23,40 beschrieben als פְּרִי עֵץ הָדָר (in engl. Texten transkribiert als Pri Etz Hadar), wörtl. etwa „Frucht von Baum von Pracht, Prachtbaumfrucht“. Goldschmidt übersetzt es in seiner Talmudausgabe mit „prächtige Baumfrucht“, d.h. die Frucht soll prächtig sein – so übersetzen es auch die Septuaginta (καρπὸν ξύλου ὡραῖον), Menge („schöne Baumfrüchte“), die Gute Nachricht („die schönsten Früchte eurer Bäume“), die Einheitsübers. („schöne Baumfrüchte“); m.E. soll nicht die Frucht, sondern der Baum prächtig sein – so verstehen es auch die Vulgata (fructus arboris pulcherrimae), die Lutherübers. („Früchte von schönen Bäumen“), die King James („the boughs of goodly trees“, allerdings bedeutet bough „Ast, Zweig“). Das Wort הָדָר hadar kommt auch sonst öfter im AT vor und bedeutet „Schmuck, Pracht“ (von Dingen, z.B. Hes 16,14; Jes 35,2a) bzw. „Herrlichkeit, Hoheit“ (von Gott und Menschen, z.B. Jes 35,2b; 53,2). Hadar ist auch die moderne hebr. Bezeichnung der Gattung Citrus.

Der Talmud identifiziert die Frucht als Zitronatzitrone (אֶתְרוֹג‎‎ etrog2)), als Palme wird eine Dattelpalme (לוּלָב lulav) verwendet, als dicht belaubter Baum die Myrte (הֲדַס hadass), als viertes die Weide (עֲרָבָה aravah). Die Zweige werden zu einem Strauß gebunden, der nach dem größten Zweig Lulav genannt wird. Zusammen mit der Frucht ergibt das die vier Arten (hebr. אַרְבַּעַת הַמִּינִים arba'at ha-minim, arba minim). Diese werden an Sukkot zeremoniell geschwungen oder geschüttelt.

Auch die Juden dürften die Zitronatzitrone nicht vor dem Babylon. Exil gekannt haben. 2010 wurde bei Grabungen in Ramat Rahel, einem Kibbuz am Südrand von Jerusalem, eine ausgedehnte Gartenanlage mit künstl. Bewässerung ausgegraben. In aus pers. Zeit (5./4. Jh.) stammenden Putzschichten der Bewässerungskanäle wurden verschiedene Pollen entdeckt, darunter auch solche der Zitronatzitrone3). Dies dürfte das älteste Vorkommen der Zitronatzitrone in Israel sein und deckt sich ungefähr mit dem Auftauchen dieser Gattung in Griechenland.

Welche Frucht vorher verwendet wurde, ist offenbar unbekannt. Leider gibt auch die Beschreibung eines nachexil. Laubhüttenfestes in Neh 8,13-18 keinen Hinweis.

Tolkowsky liest הַדָּר haddar (Artikel + dar) und behauptet, dar sei die Zeder, die Frucht daher ein Zedernzapfen4). Orthodoxe Juden führen die Tradition der Verwendung der Zitronatzitrone auf die Zeit zurück, in der das jüd. Gesetz gegeben wurde – also auf die Zeit Moses – und unternehmen allerlei argumentative Klimmzüge, um zu begründen, warum die Frucht nur eine Zitronatzitrone sein könne und warum es immer schon eine Zitronatzitrone gewesen sei5).

Der jüdische Historiker Flavius Josephus beschreibt in seinen Antiquitates Iudaicae „Jüdische Altertümer“ (erschienen 94 n.Chr.) jüd. Opfer- und Festriten, darunter auch die für das Laubhüttenfest (3,10,4 = 3,244f), und berichtet später von einem Vorfall, der sich ereignete, als Alexander Jannäus (König von Juda und Hoherpriester 103–76 v. Chr.) das Opfer für das Laubhüttenfest vollziehen wollte (13,13,5 = 13,372)6).

ὅταν πατρίδων ἐπιτύχοιεν, παραγινομένους εἰς ἐκείνην τὴν πόλιν, ἣν διὰ τὸν ναὸν μητρόπολιν ἕξουσιν, ἐφ’ ἡμέρας ὀκτὼ ἑορτὴν ἄγοντας ὁλοκαυτεῖν τε καὶ θύειν τῷ θεῷ τότε χαριστήρια, φέροντας ἐν ταῖς χερσὶν εἰρεσιώνην μυρσίνης καὶ ἰτέας σὺν κράδῃ φοίνικος πεποιημένην τοῦ μήλου τοῦ τῆς περσέας προσόντος. Wenn sie ihre Heimatgebiete erlangt hätten, sollten sie in jene Stadt kommen, die sie wegen des Tempels als Hauptstadt haben werden, acht Tage lang ein Fest feiern und dann Gott Brandopfer und Dankopfer darbringen und in den Händen einen Zweig tragen, gemacht aus Myrte und Weide mit einem Dattelpalmenzweig, wobei der Apfel der Persea dabei ist.
Ἀλέξανδρος δὲ τῶν οἰκείων πρὸς αὐτὸν στασιασάντων, ἐπανέστη γὰρ αὐτῷ τὸ ἔθνος ἑορτῆς ἀγομένης καὶ ἑστῶτος αὐτοῦ ἐπὶ τοῦ βωμοῦ καὶ θύειν μέλλοντος κιτρίοις αὐτὸν ἔβαλλον, νόμου ὄντος παρὰ τοῖς Ἰουδαίοις ἐν τῇ σκηνοπηγίᾳ ἔχειν ἕκαστον θύρσους ἐκ φοινίκων καὶ κιτρίων, δεδηλώκαμεν δὲ καὶ ταύτα ἐν ἄλλοις. Alexander aber, da sich seine Landsleute gegen ihn auflehnten, denn das Volk erhob sich gegen ihn, als ein Fest gefeiert wurde, und als er am Altar stand und im Begriff war zu opfern, bewarfen sie ihn mit Zitronatzitronen7), da es Gesetz ist bei den Juden, dass beim Laubhüttenfest jeder Thyrsosstäbe aus Dattelpalmen und aus Zitronatzitronen habe, das haben wir auch an anderer Stelle aufgezeigt.

Persea ist ein ägypt. Baum, den Theophrast h.plant. 4,2,5 beschreibt und der meist mit Mimusops schimperi (Syn. Mimusops laurifolia) identifiziert wird (die Früchte sehen angeblich wie kleine Avocados aus). Im Supplement des Liddell-Scott-Jones wird sie mit Cordia myxa gleichgesetzt. Glaubte Josephus, die Zitronatzitrone sei die Frucht des Perseabaumes? Die Behauptung, der Lulav (Josephus verwendet hier einen Begriff aus dem Dionysoskult: Thyrsos) habe auch aus Zweigen des Zitronatzitronenbaumes bestanden, dürfte nur eine sprachl. Ungenauigkeit sein (man hätte Akk. κιτρίους erwartet), aber der Satz ist ohnehin ein Anakoluth (es gibt kein Präd. zu Ἀλέξανδρος δὲ).


Lulav und Etrog, Relief in der Synagoge von Ostia antica. Urheber: Wikipedia-User Setreset.- Quelle:  Wikipedia.- Lizenz: CC BY-SA 3.0, GFDL 1.2.- Bearbeitung: Ausschnitt, verkleinert, normalisiert.

Etrog und Lulav, Silberschekel. Urheber: Classical Numismatic Group, Inc., http://www.cngcoins.com.- Quelle:  Wikipedia.- Lizenz: GFDL 1.2, CC BY-SA 3.0.- Bearbeitung: Ausschnitt, geringfügig verkleinert.

Der Etrog ist schon in der Antike zu einem wichtigen Symbol des Judentums geworden, das auf jüd. Münzen und auf Mosaiken in Synagogen abgebildet wird. Warum das so ist, ist nicht recht klar. An Beispielen habe ich im Netz gefunden:

Die Regeln für einen für Sokkot geeigneten Etrog (in aschkenas. Aussprache Esrog, jidd. Esrig) sind Legion und das Auswählen eines Etrogs ist eine Wissenschaft. Der Baum darf nicht veredelt oder durch Kreuzung verändert sein. Die Frucht muss makel- und fleckenlos sein usw.8)

Traditionell verwendeten europ. Juden Etrogim aus Kalabrien (Zitronatzitrone Diamante, benannt nach der gleichnamigen kalabres. Stadt, hebr. Yanova Esrog, benannt nach der Stadt Genua, über die der Handel offenbar gelaufen ist). Im 19. Jh. begannen Zitronatzitronen von den Ionischen Inseln und der gegenüberliegenden Festlandküste (Griech. Zitronatzitrone, hebr. Etrog Korfu) den Markt zu dominieren. Gegen Ende des 19. Jh. bauten arab. Bauern in Palästina lokale Sorten der Zitronatzitrone an und vermarkteten sie als Baladi (= arab. بلدي‎ „einheimisch“, hebr. Etrog haPalestini). Heute versorgt Israel den eigenen Markt und auch viele Juden in der Diaspora. Jemenit. Juden bevorzugen die Jemenit. Zitronatzitrone (hebr. Etrog Teimani), nordafrikan. Juden (und mit ihnen manche Aschkenasen in Europa und den USA) die Marokkan. Zitronatzitrone (hebr. Etrog Meruqanei).9)


1) Hebr. Text nach der BHS (Stuttgart 1977),  online bei der Dt. Bibelges.

2) Aram. אתרוג od. תרוג, syr. ܐܰܛܪܽܘܓܳܐ ʾaṭruggā od. ܛܪܽܘܓܳܐ ṭruggā; zur Herkunft des Wortes sagt das  CAL s.v. trwg: „This is a widespread culture word of uncertain original etymology“.
Klein, Ernest: A Comprehensive Etymological Dictionary of the Hebrew Language for Readers of English.- Jerusalem: Carta, 1987. s.v. אֶתְרוֹג‎‎: „A loan word from Pers. turnuj, whence also Arab. turunj, utrunj, utrujj.“ — pers. ترنج turunǧ heute „Bergamotte“ (s.  Wikipedia-Art. ترنج), im MA viell. „Zitrone, Zitronatzitrone“; arab. ترنج turunǧ, أترج ʾutruǧǧ od. أترنج ʾutrunǧ „Zitronatzitrone“ (s. Wehr, Hans: A Dictionary of Modern Written Arabic. Bearb. v. J. Milton Cowan.- 4. Aufl.- Wiesbaden, Harrassowitz, 1979.  s.v. utrujj,  s.v. turunj bei Google Books).

3)  Der Palastgarten von Ramat Rachel »erblüht« wieder (Archäologie Online),  Fossilized Pollen Unlocks Secrets of Ancient Royal Garden (Science Daily),  Jerusalem dig uncovers earliest evidence of local cultivation of etrogs (Haaretz).

4) Hesperides S. 52f. Allerdings gibt es keinen Beleg für dieses Wort. Bei einem gut verständlichen Text ein nicht belegtes Wort zu konjizieren, kann aus philologischer Sicht wenig Anspruch auf Glaubwürdigkeit erheben.

5) Z.B.  Why can’t I use a lemon instead of an etrog? S. a. das nächste Kap.

6) Griech. Text nach: Flavii Iosephi opera. Hrsg. u. m. krit. App. v. Benedikt Niese. Bd. 1.- Berlin: Weidmann, 1887.  bei Archive.org; Bd. 3. 1892.  bei Archive.org.
Dt. Übers.: Die jüdischen Alterthümer des Flavius Josephus. Übers. u. m. Anm. vers. v. K[onrad] Martin. Bd. 1.- Köln: Bachem, 1852. S. 182.  bei Google Books, hier hat der Übersetzer allerdings den Text nicht ganz verstanden: „und Zweige von Myrthen, Weiden, Palmen und Pfirsichbäumen (sic!) in den Händen tragen“; Bd. 2. 1893. S. 183.  bei Google Books.
Besser macht es der engl. Übersetzer: The works of Flavius Josephus. Übers. v. William Whiston. Bd. 1.- New York: Lovell, Coryell & Co, o.J.  bei Archive.org: „with the addition of the pomecitron“, Bd. 2.- London: Bell, 1889.  bei Archive.org.

7) Einen ähnlichen wenn nicht denselben Vorgang beschreibt der Talmud im Traktat Sukkah 48b.
Hebr. Text nach: Der Babylonische Talmud. Mit Einschluss d. vollstaendigen Misnah. Hrsg. v. Lazarus Goldschmidt. Bd. 3.- Berlin: Calvary & Co, 1899. S. 134.  bei Archive.org.

ולמנסך אומר לו הגבה ידך שפעם אחד נסך אחד על גבי רגליו ורגמוהו כל העם באתרוגיהן׃ Zu dem Ausgießenden sagt man: hebe deine Hand hoch. Denn einmal goß einer auf seine Fußrücken, und das ganze Volk steinigte ihn mit ihren Etrogim.

8) s. Sukkah 34b ff. Im bereits genannten 3. Bd. von Goldschmidts Talmudausg. S. 95ff.  bei Archive.org.

9) Dies ist eine Zusammenfassung aus den engl. Wikipedia-Artikeln  Diamante citron,  Greek citron,  Balady citron,  Yemenite citron,  Maroccan citron.


Ägypten

Der franz. Ägyptologe Victor Loret (1859-1946) behauptet in seinem Werk zur ägypt. Flora der Pharaonenzeit 1):

“J’ai étudié très longuement la question dans une étude sur le Cédratier dans l’antiquité. Il résulte de cette étude, à laquelle je renvoie le lecteur, que le Cédrat parait avoir été connu des Hébreux, dès le temps de Moïse, sous le nom de Hadar; que l’arbre semble avoir été importé d’Asie en Égypte à l’époque de la XVIIIe dynastie; que rien encore ne nous permet d’en déterminer le nom hiéroglyphique; enfin, que ses noms coptes, Ghitré, Djedjré, Kétri et Kithri, dérivent bien certainement d’un ancien nom égyptien et que, par conséquent, κίτρον et citrum, et, par suite, nos mots Cédrat et Citron, dérivent du nom que portait le Cédrat chez les anciens Égyptiens.“
(Ich habe die Frage in einer Studie über den Zitronatzitronenbaum in der Antike sehr ausführlich untersucht. Aus dieser Studie, auf die ich den Leser verweise, ergibt sich, dass die Zitronatzitrone den Hebräern offenbar seit der Zeit Moses, unter dem Namen Hadar, bekannt gewesen ist; dass der Baum aus Asien nach Ägypten eingeführt worden zu sein scheint in der Zeit der 18. Dynastie [16.-14. Jh. v. Chr.]; dass uns noch nichts erlaubt, seinen hieroglyphischen Namen zu bestimmen; dass schließlich seine koptischen Namen Ghitre, Djedjre, Ketri und Kithri ziemlich sicher abstammen von einem antiken ägyptischen Namen und dass folglich κίτρον und citrum und in weiterer Folge unsere Wörter Cedrate (Zitronatzitrone) und Zitrone abstammen von der Bezeichnung, die die Zitronatzitrone bei den alten Ägyptern trug.)

Ich würde dafür votieren, dass kopt. ϭⲓⲧⲣⲉ – unter dieser Form findet man es in Crums Coptic Dictionary2), ⲕⲓⲧⲣⲉ, ⲕⲉⲧⲣⲓ, ⲕⲓⲑⲣⲓ sind Nebenformen – „bien certainement“ von griech. κίτρον herstammt und nicht umgekehrt. (Kopt. ϫⲉϫⲣⲉ ist nach Crum „sorrel“, d.i. Sauerampfer Rumex acetosa L.). Aus diesem Grunde wird man wohl auch kein entsprechendes hieroglyphisches Wort finden: als die Zitronatzitrone nach Ägypten gelangte (wohl im Hellenismus), war das Schreiben in Hieroglyphen im Aussterben begriffen.

Die von Crum genannten Belegstellen waren mir zum Teil nicht erreichbar, zum Teil bieten sie nur Einzelwörter ohne Kontext3). Ich teile daher hier nur zwei Beispiele mit.

Aus der Korrespondenz des Bischofs Pisentius (kopt. Pesunthios) von Koptos (568/69-632) (Brief eines Kallinikos an den Bischof)4):

ⲉⲓⲥ ϣⲟⲙⲛⲧ ⲛⲕⲓⲧⲣⲁ ⲙⲛ ⲟⲩϩⲉⲣⲙⲁⲛ ⲁⲩⲱ ⲟⲩϣⲏⲙ ⲛⲗⲁⲭⲁⲛⲟⲛ ⲁⲓⲧⲉⲛⲟⲟⲩϥ ⲛⲧⲉⲧⲛⲙⲛⲧϫⲟⲉⲓⲥ Siehe, drei Zitronatzitronen und ein Granatapfel und ein bisschen Gemüse, ich habe es Eurer Herrschaft geschickt.

Aus dem Leben des Apa Onophrios, geschrieben um 1000 (Onophrios kommt zu einem Brunnen und bewundert die Bäume dort)5):

ⲁⲩⲱ ⲟⲛ ⲟⲩⲛ̄ ϩⲉⲛⲃⲛ̄ⲛⲉ ⲛ̄ϩⲏⲧⲟⲩ ⲉⲩⲟⲧⲡ̄ ⲛ̄ⲕⲁⲣⲡⲟⲥ · ⲙⲛ̄ ϩⲉⲛⲕⲓⲧⲣⲉ ⲁⲩⲱ ϩⲛϩⲣ̄ⲙⲁⲛ · ⲙⲛ̄ ϩⲉⲛⲕⲛ̄ⲧⲉ · ⲙⲛ̄ ϩⲉⲛϫⲙ̄ⲡⲉϩ · ⲙⲛ̄ ϩⲉⲛⲉⲗⲟⲟⲩⲗⲉ · ⲁⲩⲱ ϩⲉⲛⲇⲟⲣⲁⲕⲓⲟⲛ · ⲙⲛ̄ ϩⲉⲛⲕⲓⲥⲙⲁ · ⲙⲛ̄ ϩⲉⲛ ⲕⲉ ϣⲏⲛ ⲉⲩϣⲉϣ ⲥϯ ⲛⲟⲩϥⲉ ⲉ ⲃⲟⲗ · Und da waren auch Dattelpalmen unter ihnen (den Bäumen beim Brunnen), die beladen waren mit Früchten, und Zitronatzitronen- und Granatapfelbäume und Feigenbäume und Apfelbäume und Weinreben und Dorakion und Kisma und andere Bäume, die Wohlgeruch verbreiteten.

Die datierbaren Belege sind allesamt vergleichsweise spät, stammen aus der Zeit kurz vor dem Beginn der Ausbreitung des islam. Reiches oder der Zeit danach. Bleibt die Frage nach der von orthodox-jüd. Quellen gebetsmühlenartig ins Treffen geführten Identifikation von Zitronatzitronen in den Reliefs an den Wänden des sog. Botanischen Gartens von Karnak durch Victor Loret6).

Ich konnte der besagten Abbildungen nicht habhaft werden, kann also die Plausibilität der Identifizierung nicht beurteilen. Sie wird von manchen bestritten7), von der aktuellsten Analyse der Abbildungen des Botanischen Gartens8) anscheinend nicht erwähnt. Doch nach allem, was wir sonst wissen, ist eine Kultivierung der Zitronatzitrone durch die Ägypter Mitte des 2. Jtsd. v. Chr. historisch äußerst unwahrscheinlich. Wenn Ägypter und Juden die Zitronatzitrone wirklich so lange kannten und verwendeten, wieso dauerte es dann über 1000 Jahre bis sie ihren Weg nach Griechenland fand? Das glaube, wer es glauben mag.


1) Loret, Victor: La flore pharaonique d’après les documents hiérogylphiques et les spécimens découverts dans les tombes.- 2. durchges. u. erw. Aufl.- Paris: Leroux, 1892. S. 101f.  bei Archive.org. S.a. Loret, Victor: „Sur l’arbre Narou“. Recueil de travaux relatifs à la philologie et à l’archéologie égyptiennes et assyriennes, 15 (1893) 102.  bei Google Books.
Das Werk, auf das Loret verweist, war mir nicht zugänglich: Loret, Victor: Le cédratier dans l’antiquité.- 1891.

2)  S. 834 (ϭⲓⲧⲣⲉ-ϭⲱⲧϩ) als GIF bei Metalog,  das Lexikon abfragen bei Tyndale.

3) ST 345 = Short texts from Coptic ostraca and papyri. Hrsg. v. W[alter] E[wing] Crum.- Oxford: Univ. Press 1921. S. 91.  bei Archive.org: Z. 14 ϭⲓⲧⲣⲉ ⲛⲁ[. Über Zeit und Herkunft heißt es im Vorwort: „The great majority of the texts come from Thebes [...] Most of them, no doubt, may be assigned as usual to the sixth or seventh centuries [...].“ (Die große Mehrheit der Texte kommt von Theben [...] Die meisten von ihnen dürfen ohne Zweifel wie üblich dem sechsten or siebten Jahrhundert zugewiesen werden [...].)

K 178 = Kircher, Athanasius: Lingua Aegyptiaca restituta.- Rom, 1644.  bei Google Books: ⲟⲩⲕⲉⲧⲣⲓ Citria malus, mala citrina (in einer Vokabelliste, Kircher hat seine Information vermutl. nicht aus Texten, sondern von Gewährsmännern seiner Zeit).

Nicht im Web gefunden habe ich:

4) RE 9,156 = Revillout, Eugène: "Textes coptes extraits de la correspondance de St Pésunthius évêque de Coptos et des plusieurs documents analogues (juridiques et économiques)". Revue Égyptologique, 9 (1900) 156.  bei Archive.org (kopt. Text u. franz. Übers.).

5) BMar 219 = Coptic martyrdoms etc. in the dialect of upper Egypt. Hrsg. u. übers. v. E. A. Wallis Budge. Bd. 1.- 1914. Kopt. Text S. 219.  bei Archive.org .
Engl. Übers. S. 469.  bei Archive.org.
Zwar nicht wortgleich, aber inhaltlich identisch in der Geschichte von der Wüstenreise eines ägypt. Mönchs, Rec 6,185 = Amélineau, E.: „Voyage d’un moine égyptien dans le désert“. Recueil de travaux relatifs à la philologie et à l’archéologie égyptiennes et assyriennes, 6 (1885) 185.  bei Archive.org.

6) So auch der engl. Wikipedia-Artikel  Citron (Vers. vom 12.01.2012): „It is considered that the Jews brought it [the citron] in The Exodus from Egypt, where the Egyptologist and archaeologist Victor Loret found it depicted on the walls of the botanical garden at the Karnak Temple, which dates back to the time of Thutmosis III.“ (Man nimmt an, dass die Juden sie [die Zitronatzitrone] beim Auszug aus Ägypten mitbrachten, wo der Ägyptologe und Archäologe Victor Loret sie abgebildet fand an den Wänden des Botanischen Gartens im Tempel von Karnak, der zurückgeht auf die Zeit Thutmosis’ III. [15. Jh. v. Chr.])
Der Botanische Garten ist eine Halle hinter der Festhalle Thutmosis’ III., s.  Wikipedia-Art. Botanical garden of Thutmosis III.

7) Löw, Immanuel; Löw, Moses: Die Flora der Juden. Bd. 3.- 1924.  rudimentär durchsuchbar bei Google Books.

8) Beaux, Nathalie: Le cabinet de curiosités de Thoutmosis III: plantes et animaux du «Jardin botanique» de Karnak.- Leuven: Peeters, 1990. (Orientalia Lovaniensia Analecta, 36).  teilweise einsehbar bei Google Books.


Die weitere Geschichte

Das folgende basiert auf dem  Wikipedia-Art. Zitruspflanzen, die Etymologien auf dem Etymologie-Duden, dessen Angaben jetzt auch (allerdings in geringerer Ausführlichkeit) über den  Duden online zugänglich sind.

Falls die Römer bereits Zitronen und Pomeranzen oder Orangen kannten, dürfte mit dem Ende der Antike diese Kenntnis jedenfalls in Europa wieder verschwunden sein.

Die Zitrone ist im Frühmittelalter durch die Araber nach Südeuropa gekommen. Das zeigt sich auch an dem Namen engl. lemon, dt. Limone (in Österreich allerdings ungebräuchlich). Dies kommt von arab. ‏ليمون‎ laimūn, lēmūn „Zitrone“1). Das dt. Wort Zitrone kommt von ital. citrone (heute dafür allerdings limone)(vgl. auch franz. citron), dieses ist eine Bildung mit Augmentativsuffix von lat. citrus. Im Engl. bezeichnet citron allerdings die Zitronatzitrone.

Der Name der Zitronatzitrone ital. cedro, franz. cédrat, dt. Zedrat (wohl beides von ital. cedrata) geht auf lat. citrus zurück, das homonyme ital. cedro „Zeder“ dagegen auf gleichbed. lat. cedrus. Ital. cedrata bezeichnet heute  ein alkoholfreies Getränk und einen Kuchen.

Die Bitterorange haben im 10. Jh. ebenfalls die Araber nach Nordafrika und Spanien gebracht. Das arab. نارنج nāranǧ „Bitterorange“2) wurde zu span. naranja (heute allerdings Bezeichnung der süßen Orange), neugr. νεράντζι, lat. (pomum) aurantium (vermutl. verstanden als pomum aureum „goldener Apfel“), ital. pomarancia (heute allerdings arancio amaro). Letzteres ist Ursprung des dt. Namens Pomeranze. Das franz. bigarade hängt viell. mit bigarré „bunt(scheckig)“ (von unklarer Herkunft) zusammen.

Die süße Orange ist im 16. Jh. durch die Portugiesen eingeführt worden. Der dt. Name Orange (älter Orangenapfel) stammt vom franz. (pomme d’) orange, dieses vom bereits erwähnten arab. nāranǧ. Das o- im Anlaut ist viell. volksetymolog. nach franz. or „Gold“ gebildet, ital. dagegen heißt es arancia, span. naranja. Weil es die Portugiesen waren, die diese Frucht nach Europa brachten, heißt sie neugr. πορτοκάλι (von ital. Portogallo „Portugal“), arab. برتقال burtuqāl3). Das norddt. Apfelsine kommt von niederländ. appelsina „Chinaapfel“ (heute allerdings Sinaasappel).

Pampelmuse und Mandarine sind erst im 19. Jh. in Europa eingeführt worden. Pampelmuse kommt von franz. pamplemousse < niederländ. pompelmoes < tamil. bambolmas. Die Mandarine ist vermutl. nach dem Mandarin, einem hohen chines. Beamten der Kaiserzeit, benannt (dt. Mandarine < franz. mandarine < span. (naranja) mandarina), viell. weil sie zu Beginn als erlesene Zitrusfrucht galt. (Der Mandarin kommt vermutl. aus portug. mandarim, dieses über das Malayische aus Sanskrit mantrin „Ratgeber, Minister“.)


1) < pers. limun; Wehr, Hans: A dictionary of modern written Arabic. Bearb. v. J. Milton Cowan.- 4. Aufl.- Wiesbaden: Harrassowitz, 1979. s.v. laimūn  bei Google Books

2) < pers. nārinǧ from Skt. naranga-s "orange tree," of uncertain origin; Wehr, s.v. naranj  bei Google Books

3) Wehr, s.v. burtuqāl  bei Google Books


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 22. Mai 2016