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Rumpelstilzchen


Der Anlass für diese Seite war die Bewerbung meiner Tochter um Aufnahme an der FH. Das Thema der Bewerbungsarbeit lautete „Rumpelstilzchen“. Dass im selben Jahr (2010) auch „Shrek Forever After“ ins Kino gekommen ist, war ein zufälliges zeitliches Zusammentreffen. Ich habe den Film erst hinterher gesehen. Aber die Figur des Rumpelstilzchens ist sehr gut gemacht: kein hässlicher alter Zwerg, sondern ein verschlagener, machthungriger kleiner Mann (nein, ich rede hier nicht von einem europäischen Staatschef).

Die Geschichte

Der Text stammt von  Brüder Grimm: Kinder- und Haus-Märchen. Bd. 1, Große Ausg.- 7. Aufl.- Göttingen: Dieterich, 1857. S. 281-284. (Das Märchen trägt die Nummer 55, es wird daher oft als KHM 55 zitiert.) Reiche Anmerkungen zum Verständnis und Literaturhinweise bietet  The Annotated Rumpelstiltskin bei SurLaLune Fairy Tales.

Es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter.

Müller standen im Mittelalter am Rande der Gesellschaft. War ein Müller Besitzer der Mühle (Erbmüller), konnte er es durchaus zu Wohlstand bringen; war er hingegen nur Pächter, blieb er meist eher arm. Müller galten als unehrlich, man warf ihnen häufig Unterschlagung von Mahlgut vor - sei es zu Recht, sei es, weil man den Volumenschwund vom Getreide zum Mehl nicht verstand.

Man vgl. z.B. die Darstellung des Müllers in Goeffrey Chaucers Canterbury Tales, frg. 1, 560-563 (Text nach d. 2. Aufl. v. William Caxtons Ausg. 1483, 16r, als Scan einsehbar bei der  British Library):

He was a jangeler and a goliardeys Er war ein Schwätzer und ein Witzbold,
And that was most of synne and harlotryes und das war meist von Sünde und Unanständigkeiten.
Wel coude he stele corn and tolle thryes Gut konnte er Getreide stehlen und dreifach Mahlgeld einbehalten;
And that he hadde a thombe of gold, parde und dass er einen goldenen Daumen hatte, bei Gott.

Der goldene Daumen bezieht sich vermutlich auf das einträgliche Manipulieren der Waage beim Abwägen des Getreides.

Mühlen lagen normalerweise außerhalb der Siedlungen, entweder an einem Fluß (Wassermühle) oder auf freiem Feld (Windmühle). Nach dem Roman „Timeline“ von Michael Crichton durfte in Mühlen wegen der Gefahr einer Mehlstaubexplosion kein Licht angezündet werden; nach Sonnenuntergang muss es in der Mühle finster gewesen sein. Umso unheimlicher war das nächtliche Knarren der Mühlenmechanik. Da ließ sich über angebliches oder auch tatsächliches nächtliches Treiben gut munkeln. Mühlen galten nämlich als Orte freier Liebe und der Prostitution.

Nun traf es sich, daß er mit dem König zu sprechen kam, und um sich ein Ansehen zu geben, sagte er zu ihm „ich habe eine Tochter, die kann Stroh zu Gold spinnen.“

Unser Müller ist arm, kann also kein ausgemachter Gauner sein. Doch um sein fehlendes gesellschaftliches Ansehen auszugleichen, prahlt er mit seiner Tochter. Nicht jedoch mit ihrer Schönheit, sondern mit der außergewöhnlichen Fähigkeit, wertloses Stroh in wertvolles Edelmetall zu verwandeln. Dabei straft seine Armut diese Behauptung doch Lügen. Aber vielleicht ist das für ein Märchen schon zu viel an Logik verlangt. Will er seine Tochter dem König als Heiratskandidatin schmackhaft machen?

Der König sprach zum Müller „das ist eine Kunst, die mir wohl gefällt, wenn deine Tochter so geschickt ist, wie du sagst, so bring sie Morgen in mein Schloß, da will ich sie auf die Probe stellen.“

Der (wie wir später erfahren werden) goldgierige König will eine Probe aufs Exempel, was die Tochter in eine schwierige Situation bringt. Vielleicht ahnt er auch, dass ihm der Müller etwas vorgeflunkert hat. Es ist nicht erkennbar, dass der Müller versucht hätte, zurückzurudern und seinen Schwindel einzugestehen. Die Tochter muss den Wahrheitsbeweis antreten.

Als nun das Mädchen zu ihm gebracht ward, führte er es in eine Kammer, die ganz voll Stroh lag, gab ihr Rad und Haspel und sprach „jetzt mache dich an die Arbeit, und wenn du diese Nacht durch bis morgen früh dieses Stroh nicht zu Gold versponnen hast, so mußt du sterben.“ Darauf schloß er die Kammer selbst zu, und sie blieb allein darin.

Der König behandelt die Müllerstochter nicht wie die Vertreterin einer hohen Kunst, sondern wie eine niedere Magd: sie wird in ein Zimmer gesperrt und muss dort binnen einer Nacht Stroh zu Gold spinnen, widrigenfalls sie hingerichtet wird. Gold oder Leben. Warum eigentlich in der Nacht? Vielleicht weil Spinnen eine nach vollbrachtem Tagwerk am Abend ausgeübte Tätigkeit war. (Vgl. das Sprichwort: Spinnen am Abend ist erquickend und labend.) Vielleicht auch, weil das Spinnen von Stroh zu Gold einer Art von Zauber bedurfte. Und Zauber und Hexenkunst wurden mit Vorliebe in der Nacht ausgeübt. Ein Spinnrad kennt wohl jeder, eine Haspel ist ein Gerät zum Aufwickeln des Garns.

Da saß nun die arme Müllerstochter und wußte um ihr Leben keinen Rath: sie verstand gar nichts davon, wie man Stroh zu Gold spinnen konnte, und ihre Angst ward immer größer, daß sie endlich zu weinen anfieng.

Erst jetzt erfahren wir definitiv, was wir schon nach den Worten „um sich ein Ansehen zu geben“ vermuten mussten: das Mädchen kann mitnichten Stroh in Gold verwandeln. Zu sagen, sie sei schön, aber doof, ist zu hart geurteilt. Aber auf jeden Fall ist sie ein durchschnittliches Mädchen, das über keine besonderen Fähigkeiten verfügt. Da sitzt es nun, mit einer unlösbaren Aufgabe betraut, den sicheren Tod vor Augen. Und ist dabei schuldlos an seiner Lage. Vom Vater verkauft, vom König verraten!

Da gieng auf einmal die Thüre auf, und trat ein kleines Männchen herein und sprach „guten Abend, Jungfer Müllerin, warum weint sie so sehr?“

Obwohl der König die Türe zugeschlossen hatte, kommt ein kleines Männchen herein. Vielleicht, aber nicht notwendigerweise ein Zwerg. Jedenfalls ein Wesen, das über übernatürliche Fähigkeiten verfügt. Und fragt das Mädchen nach dem Grund für seinen Kummer. Auf den ersten Blick also ein mitfühlendes Wesen, im Gegensatz zum König, der mitleidslos nur Gold sehen will, und zum Müller, der mit seiner dummen Prahlerei die Tochter in diese Lage gebracht hat.

„Ach,“ antwortete das Mädchen, „ich soll Stroh zu Gold spinnen, und verstehe das nicht.“ Sprach das Männchen „was gibst du mir, wenn ich dirs spinne?“ „Mein Halsband“ sagte das Mädchen.

Ein seltsamer Handel findet jetzt statt. Das Männchen bietet an, das Stroh in Gold zu verwandeln, möchte aber eine Gegenleistung. Die Müllerstochter bietet ihr Halsband an, ein vergleichsweise wertloses Stück Zierrat.

Das Männchen nahm das Halsband, setzte sich vor das Rädchen, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll. Dann steckte es eine andere auf, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war auch die zweite voll: und so giengs fort bis zum Morgen, da war alles Stroh versponnen, und alle Spulen waren voll Gold.

Das Männchen nimmt an und spinnt tatsächlich das Stroh zu Gold. Seltsam ist der Umstand, dass ein männliches Wesen spinnen kann (spinnen ist Frauenarbeit); es hat etwas von einer Hexe. Und wozu will jemand, der Stroh in Gold verwandeln kann, ein wertloses Halsband? Beziehung herzustellen? Macht und Kontrolle ausüben? Oder der Müllerstochter schrittweise alle Optionen aus der Hand nehmen, bis sie sagen muss „Ich habe nichts mehr, das ich geben könnte“ und das Männchen seine eigentliche Forderung stellen kann?

Bei Sonnenaufgang kam schon der König und als er das Gold erblickte, erstaunte er und freute sich, aber sein Herz ward nur noch goldgieriger. Er ließ die Müllerstochter in eine andere Kammer voll Stroh bringen, die noch viel größer war, und befahl ihr das auch in einer Nacht zu spinnen, wenn ihr das Leben lieb wäre.

Die Müllerstochter ist gerettet. Doch nur für einen Tag. Denn der König ist nicht einfach überzeugt, dass der Müller seine Tochter zu Recht gepriesen hat, sondern er wird noch gieriger und verlangt neuerlich nach Gold, nach noch viel mehr Gold.

Das Mädchen wußte sich nicht zu helfen und weinte, da gieng abermals die Thüre auf, und das kleine Männchen erschien und sprach „was gibst du mir, wenn ich dir das Stroh zu Gold spinne?“ „Meinen Ring von dem Finger“ antwortete das Mädchen. Das Männchen nahm den Ring, fieng wieder an zu schnurren mit dem Rade und hatte bis zum Morgen alles Stroh zu glänzendem Gold gesponnen.

Wieder erscheint das seltsame Männchen, das im Palast scheinbar ungehindert aus- und eingehen kann, und bietet der Müllerstochter an, sie zu retten. Der Preis ist schon ein bisschen höher. Denn ein Ring ist wesentlich persönlicher als ein Halsband (man denke an Ehering, Siegelring usw.). Wieder rettet das Männchen der Müllerstochter um einen doch geringen Preis das Leben.

Der König freute sich über die Maßen bei dem Anblick, war aber noch immer nicht Goldes satt, sondern ließ die Müllerstochter in eine noch größere Kammer voll Stroh bringen und sprach „die mußt du noch in dieser Nacht verspinnen: gelingt dirs aber, so sollst du meine Gemahlin werden.“ „Wenns auch eine Müllerstochter ist,“ dachte er, „eine reichere Frau finde ich in der ganzen Welt nicht.“

Der König hat immer noch nicht genug und die Müllerstochter muss noch einmal noch mehr Gold herstellen. Doch diesmal winkt als Lohn die Ehe mit dem König. Was passiert, falls es der Müllerstochter nicht gelingt, alles Stroh in einer Nacht zu verspinnen, wird nicht ausdrücklich gesagt. Dass die Ehe mit einem Mann, der die Zukünftige nur um ihres (potentiellen) Reichtums willen schätzt, kein Lohn, eher eine Strafe ist, kommt hier wohl nicht in den Blick. Im Märchen ist für eine Müllerstochter die Ehe mit dem König immer ein märchenhafter sozialer Aufstieg.

Als das Mädchen allein war, kam das Männlein zum drittenmal wieder und sprach „was gibst du mir, wenn ich dir noch diesmal das Stroh spinne?“ „Ich habe nichts mehr, das ich geben könnte“ antwortete das Mädchen.“ So versprich mir, wenn du Königin wirst, dein erstes Kind.“ „Wer weiß wie das noch geht“ dachte die Müllerstochter und wußte sich auch in der Noth nicht anders zu helfen; sie versprach also dem Männchen was es verlangte, und das Männchen spann dafür noch einmal das Stroh zu Gold.

Wieder erscheint das Männchen und bietet seine Hilfe an. Doch diesmal ist der Preis enorm gestiegen. Da das Mädchen nichts mehr anzubieten hat, möchte das Männchen das erstgeborene Kind, wenn die Müllerstochter Königin geworden ist. War das Männchen bisher nur seltsam, aber letztlich hilfsbereit, so kommt jetzt etwas anderes hinzu: die Forderung nach dem Kind macht es unheimlich. Wozu will es das Kind? Um es ermangels eigener Kinder an Kindes Statt anzunehmen und großzuziehen? Oder zu etwas Diabolischem? Die Müllerstochter, der zu diesem Zeitpunkt die eigene Zukunft (wird sie wirklich Königin werden?) fraglich erscheinen muss, willigt in ihrer Not schließlich ein.

Und als am Morgen der König kam und alles fand wie er gewünscht hatte, so hielt er Hochzeit mit ihr, und die schöne Müllerstochter ward eine Königin.

Der König hält Wort und heiratet die schöne junge Frau. Wenn auch keine Liebesheirat, so doch für die Müllerstochter ein Happy End. Was passieren würde, wenn der König neuerlich Gold sehen möchte, darf im Märchen wohl nicht gefragt werden.

Über ein Jahr brachte sie ein schönes Kind zur Welt und dachte gar nicht mehr an das Männchen: da trat es plötzlich in ihre Kammer und sprach „nun gib mir was du versprochen hast.“

Ab hier kehrt sich alles um. War der König bisher der Feind, der das Leben der Müllerstochter bedrohte, das kleine Männchen dagegen der Helfer, der sie rettete, so ist der König nunmehr Ehemann (und somit Beschützer), das Männchen dagegen der Feind mit einer ungeheuerlichen Forderung.

Die Königin erschrack und bot dem Männchen alle Reichthümer des Königreichs an, wenn es ihr das Kind lassen wollte: aber das Männchen sprach „nein, etwas lebendes ist mir lieber als alle Schätze der Welt.“

Einerseits könnte man sagen: ein Deal ist ein Deal - darauf beruft sich das Männchen. Andererseits ist ein menschliches Leben unverkäuflich (oder sollte es sein) und somit ist die Gültigkeit einer solchen Abmachung fraglich. Die Königin versucht die Forderung mit allen Mitteln abzuwenden. Allein was soll jemand, der jederzeit einen Haufen Gold herstellen kann, mit Reichtümern oder Schätzen? Er will etwas, was er nicht selbst herstellen kann - ein Kind. (Im Gegensatz zum König, dem vor allem Gold am Herzen liegt.)

Da fieng die Königin so an zu jammern und zu weinen, daß das Männchen Mitleiden mit ihr hatte: „drei Tage will ich dir Zeit lassen,“ sprach er, „wenn du bis dahin meinen Namen weißt, so sollst du dein Kind behalten.“

Wieder hat das Männchen Mitleid und gewährt zumindest einen Aufschub von drei Tagen. Kann die Königin bis dahin seinen Namen erraten, darf sie ihr Kind behalten. Der Name gibt Macht und Kontrolle über eine Person oder Sache. Was für uns namenlos ist, entzieht sich unserer Verfügungsgewalt.

Nun besann sich die Königin die ganze Nacht über auf alle Namen, die sie jemals gehört hatte, und schickte einen Boten über Land, der sollte sich erkundigen weit und breit was es sonst noch für Namen gäbe.

Namen müssen her. Übrigens sind alle Protagonisten in unserem Märchen namenlos. Dabei ist es durchaus nicht unüblich, dass Märchenfiguren, insbes. weiblichen, Namen beigelegt werden (man denke an Schneewittchen, Rapunzel, Aschenputtel), aber eben auch nicht notwendig.

Als am andern Tag das Männchen kam, fieng sie an mit Caspar, Melchior, Balzer, und sagte alle Namen, die sie wußte, nach der Reihe her, aber bei jedem sprach das Männlein „so heiß ich nicht.“

Offenbar darf die Königin so oft raten, wie sie möchte. Sie fängt mit Namen an, die zwar nicht alltäglich, aber auch nicht unbekannt sind: Caspar, Melchior und Balthasar sind die traditionellen Namen der heiligen drei Könige. Aber mit keinem Namen trifft die Königin das Richtige.

Den zweiten Tag ließ sie in der Nachbarschaft herumfragen wie die Leute da genannt würden, und sagte dem Männlein die ungewöhnlichsten und seltsamsten Namen vor, „heißt du vielleicht Rippenbiest oder Hammelswade oder Schnürbein?“ aber es antwortete immer „so heiß ich nicht.“

Die Namen werden immer ungewöhnlicher, um nicht zu sagen abstruser - kein Mensch heißt Rippenbiest oder Hammelswade. Aber ist das Männchen überhaupt ein Mensch?

Den dritten Tag kam der Bote wieder zurück und erzählte „neue Namen habe ich keinen einzigen finden können, aber wie ich an einen hohen Berg um die Waldecke kam, wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen, so sah ich da ein kleines Haus, und vor dem Haus brannte ein Feuer, und um das Feuer sprang ein gar zu lächerliches Männchen, hüpfte auf einem Bein und schrie
„heute back ich, morgen brau ich,
übermorgen hol ich der Königin ihr Kind;
ach, wie gut ist daß niemand weiß
daß ich Rumpelstilzchen heiß!“

Der Bote, der ausgeschickt worden war, um weitere Namen zu finden, hat das Männchen bei einem seltsamen Ritual beobachtet. Das Männchen wohnt einsam am Fuße eines hohen Berges, in einem kleinen Haus. Einbeinig um das Feuer hüpfend hat es seinen Namen hinausgeschrieen. Rumpelstilzchen bedeutet laut Etymologie-Duden „rumpelnder Kobold, Poltergeist“ (ein Stilz ist angeblich ein Hinkender). Das beschreibt zumindest recht gut, was das Männchen da tut. Der aus im wesentlichen (mit Ausnahme der zweiten Zeile) trochäischen Vierhebern bestehende Vierzeiler besagt, dass das Männchen voller Vorfreude Vorbereitungen für ein Festmahl trifft.

Da könnt ihr denken wie die Königin froh war, als sie den Namen hörte, und als bald hernach das Männlein herein trat und fragte „nun, Frau Königin, wie heiß ich?“ fragte sie erst „heißest du Kunz?“ „Nein.“ „Heißest du Heinz?“ „Nein.“ „Heißt du etwa Rumpelstilzchen?“

Die Königin kostet ihre neue Situation aus, indem sie dem Männchen zuerst ganz gewöhnliche Namen wie Kunz (=Konrad) und Heinz (=Heinrich) sagt, um es dann mit dem richtigen Namen zu überrumpeln (Wortspiel beabsichtigt).

„Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt“ schrie das Männlein und stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, daß es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wuth den linken Fuß mit beiden Händen und riß sich selbst mitten entzwei.

Das Männchen ist um seinen Lohn gebracht (aber ein Deal ist ein Deal). Darüber gerät es in großen Zorn und wirft der Königin vor, mit dem Teufel im Bunde zu stehen, also mit unfairen Mitteln zu kämpfen. Das Männchen zerreißt sich selbst in zwei Stücke und verschwindet somit aus dieser Welt.

Deutungen

Die Deutungen dieser Geschichte sind zahlreich. Im Aarne-Thompson-Index gehört sie zum Typ 500 (Der Name des übernatürlichen Helfers). Rumpelstilzchen heißt in anderen europäischen Sprachen teils recht ähnlich (engl. Rumpelstiltskin, niederländ. Repelsteeltje), teils auch ganz anders (ital. Tremotino, franz. u.a. Outroupistache, hebr. Uz Li Guz Li). In anderen Versionen der Geschichte im Engl. ist der Helfer, dessen Forderung nur durch Erraten des Namens abgewiesen werden kann, der schwarze Gnom  Tom Tit Tot oder die Waldfee  Whuppity Stoorie (beide Links verweisen auf SurLaLune Fairy Tales).

Die tiefenpsychologischen Interpretationen sehen im Müller und im König Repräsentanten eines männlichen Prinzips, von dem die Tochter in unangemessener Weise bestimmt wird. Rumpelstilzchen ist dann entweder ein Symbol für die namenlosen Mächte, an die die Tochter dadurch gebunden ist (und die erst durch ihre Benennung überwunden werden). Oder es ist jene erdverbundene Kraft, die die Tochter zu ihrer Weiblichkeit finden lässt (wodurch es dann überflüssig wird und verschwindet).

Eine eher hanebüchene Interpretation ist die der amerikanischen Kinderbuch- und Fantasy-Autorin Jane Yolen,  zitiert auf SurLaLune Fairy Tales: „Dies ist eine antisemitische Erzählung. Kleiner Mann, seltsamer Name, lebt weit weg von den Hallen der Macht, ist ein Geldwechsler, und die alte Blutrituallüge [Anm.: weil er das Kind will].“ (Und was muss man machen, um den Geldwechsler wieder loszuwerden? Hebräische Namen aussprechen lernen?)

Meine eher simple Interpretation ist folgende. In einer Notsituation taucht eine hilfsbereite Person auf. Wir nehmen ihre Hilfe dankbar in Anspruch, lassen uns vielleicht auch zu unbedachten Versprechungen hinreißen, wie wir uns erkenntlich zu zeigen gedenken. Aber wenn die Not verbei ist, erweist sich der einstige Helfer als Quälgeist. Er erwartet grenzenlose Dankbarkeit, Anrecht auf Teilhabe an unserer Zeit, unseren Beziehungen usw. und die Einlösung eventueller Versprechen. Diesen Quälgeist wird man nur los, indem man ihn beim Namen nennt, d.h. indem man ihm sagt, dass alle Dankbarkeit ihre Grenzen hat und dass er zu einem Quälgeist geworden ist und man seine Forderungen nicht erfüllen wird. Meist wird der Quälgeist im Zorn scheiden und auf Nimmerwiedersehen aus unserem Leben verschwinden.

Man kann die Moral natürlich auch umdrehen: Man soll auch in aussichtsloser Lage nicht auf Forderungen eingehen, die man am Zahltag dann bitter bereuen würde. Aber ein Märchen hat keine Moral, es konfrontiert uns mit Archetypen.

Cartoons

Cartoons, in denen Rumpelstilzchen vorkommt, beziehen ihren Witz z.T. aus dem Namen, z.T. aus seiner Fähigkeit, Gold machen zu können. (Einige Links sind inzwischen tot, und ich habe die Cartoons auch über die Bildersuche nicht wiedergefunden. Diese sind mit ✝ gekennzeichnet.)

Bilder

Wenn man nach Bildern zu Rumpelstilzchen bzw. seinem engl. Pendant sucht, stößt man neben den zu erwartenden Abbildungen, wie DVD-Covers für Märchenverfilmungen und Kinderbuchillustrationen auf zwei Dinge: Die Rumpelstilzchenfigur aus dem Film  Shrek Forever After (2010) (eine durchaus gelungene Interpretation, wie mir scheint) und das an Freddie Krueger gemahnende Ekelpaket aus dem Horrorfilm  Rumpelstiltskin (1995).


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 18. Nov. 2018