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Minoische Impressionen Kretas (2022)


Zum dritten Mal war ich eingeladen, an einer Bildungsreise nach Griechenland teilzunehmen, die von Prof. A. organisiert wurde. Die Reise war eigentlich schon für 2021 geplant gewesen, wurde dann aber coronabedingt wieder abgesagt. Heuer war die Situation besser, mit der Omikron-Variante hat das Deutsche Auswärtige Amt Anfang März 2022 alle Länder von der Liste der Hochrisikogebiete gestrichen, und Mitte März hat auch Griechenland die Online-Anmeldung (Passenger Locator Form) eingestellt. Weder bei der Einreise nach Deutschland (Flughafen München) noch der nach Griechenland hat sich jemand für unseren Impfstatus interessiert.

Für mich persönlich stand die Reise unter keinem so guten Stern. Anfang Februar zu Sturz gekommen (von wegen: Sport ist gesund), hatte ich einen Bruch des Hüftgelenks erlitten und war zu 6 Wochen Troglodytendasein verurteilt. Ich hatte dann genau drei Wochen Zeit, wieder ohne Krücken gehen zu lernen. Doch nach wenig mehr als zwei Wochen bekam ich eine Schleimbeutelentzündung im Knie. Die Ärzte im Krankenhaus gaben dann zwar grünes Licht für die Reise, aber ich sollte das Knie, soweit möglich, schonen.

Donnerstag, 7.4./ Freitag, 8.4.: Anreise und Hotel

Ursprünglich sollte der Flieger von München nach Heraklion (so der IATA-Name des Flughafens Iraklio „Nikos Kazantzakis“) am Nachmittag abheben. Aber dann wurde die Abflugzeit auf 06:25 geändert. Das bedeutet, man muss zwischen vier und halb fünf am Flughafen sein. Aber nachts gibt es keine brauchbaren Zugsverbindungen von Salzburg nach München. Und am Vorabend anreisen und dann nachts stundenlang alleine am Flughafen auf die Reisegruppe warten will ich nicht. Also nehme ich den letzten Zug von Salzburg nach Linz und in warte am Bahnhof Linz eineinhalb Stunden auf den Bus nach München. Der kommt Punkt ein Uhr. Die Fahrt geht zunächst zur Raststation Voralpenkreuz und zur Raststation Suben, wo jeweils weitere Teilnehmer zusteigen, dann zum Flughafen München. Die Federung des Busses ist längst hinüber, es rumpelt und kracht, dass an Schlafen kaum zu denken ist.

Trotz nachtschlafender Zeit ist am Flughafen um vier ein unglaublicher Betrieb. Etliche aus unserer Gruppe haben den Check-in bereits online erledigt. Der Rest, zu dem ich auch gehöre, begibt sich zu den Selbstbedienungsterminals. Von den vier oder fünf Terminals ist natürlich eines gerade außer Betrieb. Dann muss ein ein weiteres neu gestartet werden (aha, Windows). Die Benutzerführung ist von einem byzantinischen Beamten designt worden: Pässe mit dem Foto nach unten, Personalausweise mit dem Foto nach oben einlegen. Dann den IATA-Code des Zielflughafens eingeben (den weiß man ja wohl), viermal bestätigen, dann wird – nach ein paar Schrecksekunden – die Bordkarte ausgedruckt. Damit was weitergeht (ich pflege zu lesen, was ich da bestätige, und das kann dauern), steht an einem Terminal eine völlig genervte Mitarbeiterin des Flughafens, die diese Prozedur für die Anstehenden erledigt. Auch für mich. An einem weiteren Terminal muss man sich die Klebeschleifen für die Koffer ausdrucken, aufkleben und den Koffer auf ein Förderband hieven. Dann geht es durch die Sicherheitsschleuse.

Boarding geschieht gruppenweise. Auf der Bordkarte ist die Gruppe, zu der man gehört, aufgedruckt. Das ist alles völlig sinnfrei, denn im Zubringerbus steht man wieder zusammengedrängt wie die Sardinen. Der Flieger ist ziemlich voll. Auch hier ist Abstand halten nicht möglich. An Bord gibt es 0,3 l dänisches Mineralwasser. Wer Kaffee, ein Sandwich oder etwas Ähnliches will, muss bezahlen – mit Karte, denn Bargeld wird nicht genommen.

Wir landen in Iraklio, niemand kontrolliert unsere Pässe oder unseren Impfstatus. Wir holen unser Gepäck und werden von einer etwas schrillen deutschen Reiseleiterin zu unserem Bus gelotst. Unser Busfahrer für diese Woche ist Jannis. Er wird uns die ganze Woche chauffieren und erweist sich als ruhiger, besonnener und rücksichtsvoller Fahrer, der beim Überholen keinerlei Risiko eingeht. Wir fahren gut 20 Minuten nach Chersónisos (genauer: Liménas Chersonísou) zu unserem Hotel und checken dort ein.

Das Palmera Beach Hotel ist architektonisch ein nicht besonders aufregender Kasten am Meer mit netten, gepflegten Zimmern. Mein Zimmer geht auf die Seitengasse. Wenn ich von meinem kleinen Balkon nach links schaue, kann ich zumindest einen schmalen Streifen Meer sehen. Ärgerlich ist, dass der Zimmersafe pro Tag 2,50 € extra kostet. Aber die 17,50 € für eine Woche leiste ich mir. Wie andere berichten, kostet auch die Inanspruchnahme der Spa-Einrichtungen extra. Einige der Teilnehmer berichten von nächtlichen Gelsenattacken im Zimmer. Sie haben offenbar den Fehler gemacht, abends die Balkontür offen zu lassen. Ich bin von den Blutsaugern verschont geblieben. Aber wer auf der sicheren Seite sein will, sollte einen Gelsenstecker mithaben. Zum Frühstück und zum Abendessen gibt es Buffet. Corona ist es wohl geschuldet, dass bei den Vorspeisen und den Desserts viele kleine Portionen vorab vorbereitet werden. Das Essen ist gut, zum Frühstück gibt es täglich frisch zubereitete Loukoumádes.

Heute ist Anreisetag, das offizielle Programm beginnt erst morgen. Daher hat Prof. A. für Interessierte für heute eine mehrstündige Wanderung vorbereitet. Mein konditioneller Status und mein Knie erlauben eine Teilnahme meinerseits leider nicht. Daher spaziere ich gemächlich durch den Ort. In der Hauptstraße, der Eleftherios-Venizelos-Straße, reiht sich ein Geschäft an das andere. Ich kaufe mir Mineralwasser (das Wasser im Hotel sollte man nicht trinken, wie die Hotelangestellten selbst empfehlen) und eine Tiropita. Es gibt im Westen des Ortes ein kleines abgesperrtes Ausgrabungsgelände. Was man hier sieht, dürfte aus römischer Zeit stammen. Entlang des Meeres ist eine Straße, in der sich Restaurant an Taverne, Café an Club reihen. Einige haben schon offen, einige sind noch zu, etliche sind gerade am Renovieren und Vorbereiten auf die Saisoneröffnung. Es gibt nur kurze Strandabschnitte, die sich zum Baden eigenen. Ich vermute, man kommt nicht unbedingt zum Baden hierher, sondern um wie wir ein günstiges Quartier zu nehmen und Tagesausflüge zu unternehmen; oder um abends Party zu machen und in einer excursio perpotationis von einem Lokal ins nächste zu fallen.

Samstag, 9.4.: Iraklio, Knossos


„Königliches Tafelservice“ (reich verzierte, polychrom bemalte Gefäße im Kamares-Stil) aus dem Palast von Phaistos, 1800-1700 v.Chr.

Radschlagender Pfau in den Westmagazinen des Palastes von Knossos.

Wir treffen unsere Reiseleiterin für diese Woche, Ouranía „Rania“ Smargiannáki, eine gebürtige Kreterin, die mit viel Engagement und erkennbarer Begeisterung über ihre Heimatinsel erzählt. Sie hat sich des aktuellen Stands archäologischer und historischer Forschung kundig gemacht. (Dass ich den Theorien über ein minoisches Matriarchat skeptisch gegenüberstehe, ist ein anderes Thema.) Eine Gruppe Lehrer zu führen ist Fluch und Segen zugleich. Wir sind hochgradig interessiert, zuverlässig, pünktlich. Aber wir haben einen Rotstift im Kopf und neigen zu Besserwisserei. (Ich sage wir, denn auch ich war mal Lehrer, wenn es auch schon lange her ist.)

Wir beginnen die Woche mit der schwersten Kost: dem Archäologischen Museum von Iraklio (Kombiticket mit Knossos 20 €). Hier ist das erste und einzige Mal, dass wir unseren Impfstatus vorzeigen müssen. Das Museum zeigt eine weltweit einmalige Sammlung von Funden aus der minoischen Zeit: Stierkopfrhyton und Schnittervase, Bienenanhänger und Stiersprungfresko, Diskus von Phaistos und Linear-A-Täfelchen, und vieles andere mehr. Der Museumsshop ist wegen Personalmangel geschlossen.

Danach führt uns Rania durch die Dädalusstraße zum Morosini-Brunnen. Sie geht mit uns die Straße des 25. August hinunter, vorbei an der Markuskirche und der venezianischen Loggia (vor der ein Blutspendebus steht, der das Fotografieren des Gebäudes praktisch unmöglich macht) zur Titusbasilika. Die ist, auch zu Ranias Überraschung, eingerüstet und zugesperrt. Rania erklärt uns, wie wir zur Agios-Minas-Kirche und zu unserem Bus kommen. Dann haben wir „Freizeit“.

Ich schließe mich einer Gruppe um Prof. A. an. Wir defilieren die Straße des 25. Aug. zum venezianischen Hafen hinunter, biegen scharf links ab und setzen uns in ein Lokal. Hier bekommen wir einen vorgedruckten Zettel, auf dem wir ankreuzen müssen, was und wieviel wir haben wollen. Hat es hier schon öfter Streit darüber gegeben, was die Gäste wirklich bestellt haben? Der Wirt will es offenbar schwarz auf weiß haben.

Inzwischen ist es Nachmittag geworden und wir fahren mit dem Bus ca. eine halbe Stunde lang nach Knossos. Als wir aussteigen, ist es bedeckt und es sieht nach Regen aus, es bleibt aber trocken. Rania führt uns durch die geschichtsträchtigen Gemäuer, ein radschlagendes Pfauenmännchen zieht aber unsere ganze Aufmerksamkeit auf sich. Das sog. Piano mobile ist wieder zugänglich (im Gegensatz zu vor zwei Jahren), das Große Treppenhaus, die darüber erreichbaren Räume, wie die Megara des Königs und der Königin, und überhaupt fast die gesamte Osthälfte des Palastes ist es nicht. Rania zeigt uns den Unterschied zwischen kristallinem grauem und (durch Feuer) gebranntem weißem Gips. Die Führung endet am für mich nach wie vor mysteriösen „Theater“. Der Museumsshop ist geschlossen, mir bleibt nur, mich ich das Kafenío zu setzen und einen Ellinikós kafés zu ordern, ehe es wieder nach Chersonisos geht.

Arthur Evans hat den Komplex von Knossos mit dem griechischen Mythos von König Minos im Hinterkopf ausgegraben und die Anlage als eine Art bronzezeitlichen Buckingham Palace betrachtet. Nun war Knossos zwar ein administratives und religiöses Zentrum der Insel, aber der Palast eines Königs war es wohl eher nicht. Sicher gab es Amts- und Würdenträger, wie die Funde von filigran vergoldeten, zum Kampf unbrauchbaren Waffen, die wohl Amtsinsignien waren, nahelegen. Aber wie die Herrschaftshierarchie beschaffen war, wissen wir nicht. Die Frage, ob und in welchem Ausmaß die Minos-Sage überhaupt geschichtliche Erinnerungen an die späte Palastzeit enthält, wird unterschiedlich beantwortet.

Palmsonntag, 10.4.: Aptera, Chania


Hellenistisches Theater von Aptera.

Venezianischer Hafen von Chania, links die Janitscharenmoschee mit ihren rosaroten Kuppeln.

Heute ist früh aufstehen angesagt, denn es wird ein langer Tag. Wir fahren in den Westen der Insel, nach Chaniá. Der Weg führt vorbei am schneebedeckten Psilorítis (2456 m), dem höchsten Berg des Ida-Gebirges (und Kretas), vorbei an den ebenfalls schneebedeckten „Weißen Bergen“ (Léfka Óri) – deren Name allerdings nichts mit dem Schnee zu tun hat, sondern von dem hellen nackten Kalkstein herstammt. Der letzte Winter war hier lang (bis Ende März), kalt und niederschlagsreich. Deshalb liegt noch viel Schnee auf dem Gebirge.

13 km Luftlinie südöstlich von Chania liegt oberhalb der Soúda-Bucht die Ausgrabung des antiken Áptera (4 €). Ich habe nie zuvor etwas von dieser Stadt gehört, dabei war sie seit minoischer Zeit eine bedeutende Hafen- und Handelsstadt. In römischer Zeit gelangte sie zu erneuter Blüte, weshalb römische Thermen, eine dreischiffige Zisterne und ein Theater, alles eingebettet in eine zu dieser Jahreszeit grünende und blühende Natur, die schönsten Sehenswürdigkeiten sind. Das türkische Kastell am Ende der Straße ist geschlossen, das aufgelassene Kloster aus dem 12. Jh. ist offen.

Wir fahren weiter nach Chania, der Bus lässt uns an der klassizistischen Markthalle, die derzeit gerade renoviert wird, aussteigen. Das an sich sehenswerte Museum wurde renoviert, es wurde aber noch nicht eröffnet, weil irgendein Politiker noch keine Zeit dafür hatte. Rania führt uns in die Altstadt: wir sehen das Minarett der Agios-Nikolaos-Kirche (das bei der Rückwidmung in eine Kirche nicht geschleift wurde) durch die Gassen blinzeln, sehen Häuser mit eleganten steinernen Torbögen und mit venezianischen Balkonen mit kunstvollen Konsolen. Wir passieren das katholische Rochuskirchlein und gehen ein Stück die Stadtmauer entlang. Wir besuchen die Hauptkirche (die auf OpenStreetMap Mitrópoli heißt, auf Google Maps Presentation of the Virgin Mary, auf Wikipedia.de Kathedrale der drei Märtyrer) und gelangen schließlich in den venezianischen Hafen mit der Janitscharenmoschee (Hassan-Pascha-Moschee) mit den rosaroten Kuppeln.

Ab jetzt haben wir zwei Stunden Freizeit, die Gruppe zerfällt, ich stehe plötzlich allein am El.-Venizelos-Platz. Ich habe keinen Plan B, und mein Baedeker liegt im Hotelzimmer. Etwas planlos gehe ich die Uferpromenade auf und ab, spaziere auf den Agios-Titos-Platz. Hier hat man zwar eine schöne Aussicht auf den Hafen, aber es weht eine dermaßen steife Brise, dass ich nur mit Mühe fotografieren kann. Malerisch sind die Reste des Klosters Santa Maria dei Miracoli. Schließlich wandere ich zur Mitropoli, um ein Gefühl dafür zu kriegen, wie lange ich (da ich noch nicht laufen darf) zum Bus brauchen werde. Schließlich finden wir uns alle wieder vor der Markthalle ein und wir treten die lange Heimreise an. Bei dieser haben wir die Sonne im Rücken und einen schönen Ausblick auf Natur des kretischen Frühlings.

Montag, 11.4.: Lasithi-Hochebene, Diktäische Grotte, Kloster Kera Kardiotissa


Stalagmiten und Stalaktiten sowie ein kleiner flacher See in der Diktäischen Grotte.

Venezianische Windmühlen am Pass zur Lasithi-Hochebene.

Kleine Kirche des Klosters Panagia Kera.

Es hat abgekühlt, der Himmel ist bedeckt, heute könnte es Regen geben.

Wir fahren, vorbei am Aposelémi-Stausee, der als Trinkwasserreservoir dient, zur Lasithi-Hochebene. Diese landwirtschaftlich genutzte, von Bergen umgebene Ebene wurde im 19. Jh. mit hunderten, wenn nicht tausenden metallenen Windrädern übersät, die als Wasserpumpen dienten. Wie allüberall wurden sie durch den mit fossilen Brennstoffen betriebenen Motor ersetzt. Wir fahren zum Dorf Psychró. Vom Parkplatz aus sind es noch 20 Minuten Fußmarsch bis zum Eingang der sog. Diktäischen Grotte, einer mehrere Stockwerke tiefen Höhle mit Stalagmiten und Stalaktiten, die seit minoischer Zeit als Kultstätte verwendet wurde. Ihren heutigen Namen hat sie nach jener Höhle im Dikte-Gebirge, in der Zeus, vor seinem Vater Kronos versteckt, aufgewachsen sein soll. Die Höhle ist mit einem Rundweg gut erschlossen und beleuchtet (6 €). Die Digitalfotos sind jedoch alle stark grünstichig. Hängt das mit der Beleuchtung zusammen? Zurück am Parkplatz werden wir in der Taverne Dictamus mit Joghurt mit Honig und frischen Erdbeeren verköstigt.

Beim Rückweg halten wir auf der Passhöhe des Weinrebenpasses (Selí Ampélou, 900 m) am Nordeingang der Hochebene. Hier wurden in venezianischer Zeit insgesamt 27 Windmühlen mit fester, nicht schwenkbarer Flügelwelle zum Mahlen von Getreide errichtet. Sie sind heute verfallen, zwei oder drei davon hat man aber restauriert. Der Platz ist gut gewählt, denn hier oben weht ein orkanartiger Wind.

Weiter geht es zum Nonnenkloster der Panagia Kera (so steht es auf dem Schild vor dem Kloster) oder der Kardiotissa Kera (so steht es auf der Eintrittskarte, 2 €). Das Kloster hat ein kleines Kirchlein, in dem man bei Renovierungsarbeiten Fresken aus dem 14. Jh. entdeckt hat – die man aber nicht fotografieren darf. Hier befindet sich auch die Ikone, die der frommen Überlieferung nach dreimal von Osmanen gestohlen wurde, aber jedesmal wieder heimgeflogen ist; beim letzten Mal samt der Steinsäule, an die sie gekettet war und die daher im Hof vor der Kirche steht.

Letzte Station des offiziellen Programms ist ein Abstecher nach Krási. Hier steht eine mehrere Jahrhunderte alte Platane mit einem Stammumfang von über 14 m. Während wir zum Bus zurückgehen, beginnt es zu tröpfeln. Es regnet auf der Fahrt nach Chersonisos ein wenig, aber je näher wir der Küste kommen, desto mehr hellt es wieder auf.

Wir sind heute früh zurück beim Hotel. Was tun mit dem angebrochenen Nachmittag? Einer Anregung Ranias folgend spaziere ich von der Venizelos-Straße aus die Straße neben der Ethniki Trapeza hoch zum Dorf Koutouloufári (ca. 20 Minuten). Von dort gehe ich noch weiter zum Nachbardorf Piskopianó (15 Minuten). Am Ortsende drehe ich um und kehre zum Hotel zurück. Inzwischen ist es fast wolkenlos geworden.

Dienstag, 12.4.: Gortyn, Phaistos, Matala


Odeon von Gortyn (1. Jh. v.Chr), der Boden der Orchestra ist ausgelegt mit schwarzem und weißem Marmor. In der Halle aus Ziegelsteinen hinter der Cavea sind die Tafeln mit dem Stadtrecht aus dorischer Zeit.

Westhof des Palastes von Phaistos, der gequert wird vom Prozessionsweg (links). An der Stützmauer sind die (Sitz-)Stufen des sog. Theaterbereichs.

Bucht von Matala: Sandstrand und Felshöhlen.

Kirchlein Agios Nikolaos am Strand von Chersonisos.

Heute wollen wir in den Süden Kretas. Hier ist die Küste nur an wenigen Stellen zum Baden oder zum Ankern geeignet, daher ist der Süden deutlich dünner besiedelt als der Norden Kretas.

Die erste Station ist Gortyn (6 €). Rania führt uns zu vier Sehenswürdigkeiten: Zuerst die Ruinen der frühchristlichen Agios-Titos-Basilika, benannt nach dem Empfänger des neutestamentlichen Briefes an Titus, der als erster Bischof Kretas gilt. Dann das Odeon, Zeuge der Zeit der Römer, die Gortyn zur Inselhauptstadt gemacht hatten. Dann die berühmte Inschrift mit dem Stadtrecht der dorischen Stadt aus der Zeit um 500 v.Chr. Zuletzt eine immergrüne Platane, unter der Zeus mit der aus Phönikien entführten Europa den Minos gezeugt haben soll. Von den Ruinen westlich (Theater, Akropolis) und südlich (Isis-Serapis-Heiligtum, Apollontempel, Prätorium) des umzäunten Geländes sehen wir allerdings nichts.

Natürlich hat Rania uns die ersten Verse des Titusbriefes vorgelesen, die in dem berühmten Diktum gipfeln: „einer von ihnen, ihr eigener Prophet, hat gesagt: Kreter (sind) immer Lügner, böse Tiere, fäule Bäuche“ (Tit 1,12).

Dann geht es weiter zum minoischen Palast von Phaistos (8 €), dem zweitgrößten nach Knossos. Er liegt auf einer Anhöhe inmitten der fruchtbaren Mesará-Ebene. Von hier hat man auch einen schönen Blick auf des Ida-Gebirge. Der Palast hat drei große gepflasterte Höfe, die üblichen umfangreichen Vorratsräume, eine Treppenanlage, die wie in Knossos als „Theater“ interpretiert wird, und prunkvoll geschmückte Räume, die als „Königliche Gemächer“ bezeichnet werden.

Wir fahren weiter an die Küste nach Mátala. Hier soll Zeus in Stiergestalt mit der geraubten Europa an Land gegangen sein. Bekannter ist Matala für seine Hippiekommune, die hier in den 60er Jahren florierte. Auch Matala ist eben erst dabei, aus dem Winterschlaf zu erwachen und sich auf die Sommersaison vorzubereiten. Der Ort hat eine nette Bucht mit Standstrand und natürlich den großen Standsteinfelsen mit den berühmten Höhlen. Man findet im Ortskern keine großen Hotels im Stile des Palmera Beach, stattdessen wird ein gewisser Hippie-Stil gepflegt. Mir ist das zu gewollt und zu touristisch, aber einigen der Damen scheint es zu gefallen. Vielleicht bin ich einfach nicht in der richtigen Stimmung dafür. Übrigens gibt es dem Vernehmen nach eine rege Kulturszene. Wir essen hier im Restaurant Pétra & Vótsalo auf einer Terrasse direkt am Meer zu Mittag. Nach einem Bummel durch den Ort geht es wieder zurück nach Chersonisos.

Da bis zum Abendessen noch etwas Zeit bleibt, geht ich zur Hauptstraße und kaufe ein paar Mitbringsel. Anschließend spaziere ich zum Kirchlein Agios Nikolaos, das auf einem Felsen im Meer steht, inmitten eines wuchernden Teppichs von gelb blühendem Ginster.

Mittwoch, 13.4.: Margarites, Eleftherna, Arkadi, Rethymno


Bronzeschild mit Löwenkopfprotome (9./8. Jh. v.Chr) im Museum von Eleftherna (daneben verkleinerte Nachzeichnung des Reliefs auf dem Schild).

Kirche des Klosters Arkadi.

Schon im Schatten des Spätnachmittags (links): Rimondi-Brunnen in Rethymno.

Heute fahren wir wieder in den Westen. Erste Station ist das Dorf Margarítes, in dem es noch einige traditionelle Töpfereien gibt. Wir besuchen die Kerameion genannte Werkstatt von Giórgis Dalamvélas und Mariníki Maniá. Hier erklären und zeigen uns die Besitzer einige der Besonderheiten der traditionellen Töpferei (etwa das Glätten der Gefäßoberfläche mit einem Stein oder dass der lokale Ton auch ohne Glasieren wasserdicht ist) und führen ein paar ihrer Produkte vor (z.B. Pythagoreische Becher oder Scherzkrüge, aus denen man nur trinken kann, indem man ein bestimmtes Loch zuhält). Die Damen kaufen anschließend reichlich ein, und das Verpacken der zerbrechlichen Ware dauert geraume Zeit. Anschließend spazieren wir die Straße weiter, an einer der Kirchen des Ortes vorbei, bis zu unserem Bus.

Wir fahren zum Museum von Eléftherna, das die (eigentlich nicht eben zahlreichen) Funde des Grabungsgeländes des antiken Eleutherna aufwendig aufbereitet austellt. Zu sagen, hier wurde aus einer Mücke ein Elefant gemacht, ist zu hart, aber ein eigenes Museum nur für Eleutherna (6 €) erscheint mir doch als Overkill. Anschließend verfügen wir uns in die Taverna Eleuthir in Eleftherna, wo wir an kleinen Tischen auf grünem Rasen Kalitsoúnia (Teigtäschchen, gefüllt mit Weichkäse aus Schafs- und Ziegenmolke und Kräutern) mit Honig und kretischen Rakí (Tresterbrand, auch Tsikoudiá genannt) verkosten, ich bestelle noch einen Ellinikos kafes dazu. Ein Unbekannter an einem unserer Tische entpuppt sich als unser Busfahrer ohne FFP2-Maske.

Nächste Station ist das Kloster Arkadi, eine Art kretisches Nationalheiligtum, Symbol für Freiheitskampf und Selbstaufopferung, gemäß dem griechischen Wahlspruch „Freiheit oder Tod“. (Arkadi war administratives Zentrum des Aufstands von 1866. Als im Nov. 1866 ein großes osmanisches Heer das Kloster angriff, zogen sich die Griechen in das Pulvermagazin zurück und sprengten sich in die Luft, um den Angreifern nicht lebend in die Hände zu fallen.) Das Kloster ist heute eine Mischung aus Denkmal für den kretischen Freiheitskampf und klösterliches Leben des 19. Jh. (3 €). Sehenswert sind die tonnengewölbten Hallen, die Arkaden und Gänge und die Klosterkirche mit der für Griechenland ungewöhnlichen Renaissancefassade allemal.

Weiter geht's an die Küste nach Réthymno. Der Bus parkt am großen Parkplatz am Hafen. Wir sind nur wenige Schritte vom alten venezianischen Hafen mit seiner Hafenmauer und dem Leuchtturm entfernt. Von dort führt uns Rania vorbei an der venezianischen Loggia (die jetzt als Schauraum für originalgetreue Kopien antiker Artefakte verwendet wird) zur ehemaligen Kirche des Hl. Franziskus, die momentan als vorübergehender Ausstellungsort des archäologischen Museums dient (der jetzt kurz vor vier bereits geschlossen hat). Durch einen Torbogen treten wir auf den großen Platz vor der Neratzé-Moschee. Wir gehen um die Moschee herum zum Minarett auf der Nordseite, von dort zum venezianischen Rimondi-Brunnen.

Ab hier haben wir Freizeit, diesmal bin ich vorbereitet, ich habe meinen Baedeker dabei. Ich gehe zur Kirche der vier Märtyrer (Tessáron Martýron). Doch es gibt nicht allzuviel zu sehen, drinnen darf man nicht fotografieren. Ich gehe weiter zu Hauptkirche (wieder eine Darstellung der Gottesmutter). Sehr groß, sehr modern, naja. Weiter zur katholischen Kirche des Hl. Antonius von Padua. Interessant sind die Gassen mit den z.T. noch venezianischen, gelegentlich osmanischen Fassaden. Ich gehe zur Festung hoch. Inzwischen ist es Viertel vor fünf. Letzter Einlass war um halb fünf, um fünf wird zugemacht. Na prima. Also gehe ich runter zum venezianischen Hafen, die Hafenmauer entlang zum Leuchtturm. Ein paar Fotos hier, ein paar Fotos da. Dann zurück zum Bus. Zum Glück steht dort ein Dixi-Klo (das schon lange nicht mehr gewartet wurde), denn bis Chersonisos hätte ich es nicht mehr ausgehalten.

Gründonnerstag, 14.4.: Malia, Spinalonga, Agios Nikolaos


Schräg zum Palastgrundriss eingebautes mutmaßliches Heiligtum der mykenischen Zeit im Palast von Malia.

Venezianische Festungsbauten auf Spinalonga vom Boot aus: i.Vgr. Donato-Bastion (dahinter ist der Friedhof der Leprakolonie), darüber Demi-lune Moceniga.

Für die erste Etappe des heutigen Tages haben wir nicht weit zu fahren, es ist der minoische Palast von Mália (6 €). Die Mauerreste reichen kaum bis in Brusthöhe, die französischen Archäologen haben es sich verkniffen, Rekonstruktionen in Beton vorzunehmen. Dennoch sind die typischen Merkmale – Prozessionsweg, Vorratsräume, Pithoi, Zentralhof, „Theater“ – klar erkennbar. An einer Stelle vermeint man zu sehen, wie die Mykener Umbauten durchgeführt haben. Nur hier gibt es den rätselhaften Kernos, eine große Scheibe mit 32 kleinen Vertiefungen (und einer etwas größeren) am Rand und einer großen in der Mitte: Opferstein? Spielbrett? Sonnenuhr? Auf dem Friedhof 500 m nördlich des Palastes (zu dem wir aber nicht gehen) wurde der berühmte Bienenanhänger gefunden.

Wir fahren weiter zur Bucht von Eloúnda. In diesem Ort logiert laut Rania die Prominenz. Wir fahren nur durch und halten im 4 bis 5 km weiter nördlich gelegenen Pláka. Wir steigen in ein Boot und fahren eine Viertelstunde zur einstigen Leproseninsel Spinalonga (offiziell Kalydón). Wir umrunden die Insel auf der Nordseite, fahren die Ostseite entlang und legen schließlich im Süden an (8 €). Vom Meer aus sieht man vor allem die Festungsbauten der Venezianer aus dem 16. und 17. Jh. Auf der Insel selber sieht man die Häuser der Bewohner der venezianischen und osmanischen Zeit (seit 1715), aber auch ein paar Betonbauten und Artefakte aus der Zeit der Leprakolonie (1904-1957). Den Versuch, die Festung zu erklimmen, muss ich allerdings kniebedingt abbrechen.

Nachdem wir wieder zurück in Plaka sind, betreten wir ein am Hafen gelegenes Restaurant und nehmen ein mehrgängiges Menü zu uns. (Ich habe den Eindruck, dass Bootsfahrt nach Spinalonga und anschließendes Essen ein Standardarrangement für Reisegruppen sind.) Meeresfrüchte sind nicht so mein Ding, und die Damen, mit denen ich am Tisch sitze, sind nicht unglücklich darüber, meinen Anteil an Oktopus und Muscheln verzehren zu dürfen.

Die letzte Station unserer Reise wird das Städtchen Agios Nikolaos. Ein Alleinstellungsmerkmal ist der nur 70 m vom Hafenbecken entfernte (und mit diesem inzwischen durch einen Kanal verbundene) Voulisméni-See, der ungewöhnlich tief ist (164 m laut Baedeker, 64 m laut griech. Wikipedia), sodass die lokale Saga annahm, er sei grundlos. Jetzt haben wir Freizeit. Eine kleine Gruppe umrundet den See, dafür geht es bergauf. Von oberhalb des Sees hat man einen schönen Ausblick. Anschließend schlendere ich durch die Straßen auf der anderen Seeseite, kaufe ein paar Mitbringsel und setze mich schließlich zu einigen von unserer Gruppe in ein Café direkt am See auf einen letzten Ellinikos kafes. (Ich bestelle ihn immer glykó „süß“, aber hier ist er so widerlich süß, dass ich den Verdacht habe, die nehmen Süßstoff.) Wir gehen zurück zum Bus und zum letzten Mal geht es zurück nach Chersonisos.

Baedeker Kreta. Text: Klaus Bötig, m. Beitr. v. […].­– 15. Aufl. Ostfildern: MairDumont, 2020. Das Werk ist gespickt mit Druckfehlern und/oder Irrtümern. Die 164 m (statt 64 m) sind nur ein Beispiel dafür. „Wer viel hinlangt, der langt auch schon mal daneben“, singt Reinhard Mey. Ich will nur sagen, dass auch Angaben in renommierten Reiseführern nicht unbesehen geglaubt werden dürfen.

Karfreitag, 15.4.: Heimreise

Frühstücken, auschecken, zur Hauptstraße hochgehen und auf den Bus warten; zum Flughafen fahren, anstellen zum Check-in; einchecken, Sicherheitskontrolle, auf das Boarding warten; boarding, Platz nehmen im Flieger. Kurz vor elf Uhr hebt der Flieger ab, um Viertel vor eins landen wir in München. Während wir auf das Gepäck warten, verabschiede ich mich von den anderen Mitgliedern der Reisegruppe, denn ich werde nicht mit zurück nach Linz fahren. Mein Koffer kommt als einer der ersten, ich hieve ihn vom Band und eile zum Ausgang und hinunter zum Bahnhof der S-Bahn. Ich erwische die S8 noch und kann so in München Ost den Zug der BRB nach Salzburg nehmen.


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 11. Mai 2022