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Freitag, der 13.


Heute ist Freitag, der dreizehnte – unvermeidlich wird man von den Medien darauf hingewiesen. Bis zu dreimal im Jahr haben Journalisten die Gelegenheit, auf diesen Umstand aufmerksam zu machen. Und selten versäumen sie es. Dabei kann es keinen vernünftigen Zweifel daran geben, dass die zufällige Kombination aus einem bestimmten Wochentag und einer bestimmten Monatszahl im Gregorianischen Kalender keinen Einfluss auf unser Ergehen haben kann, dieser Umstand an Irrelevanz also kaum zu überbieten ist.

Ein Journalist des ORF hat also recherchiert, woher dieser seltsame Aberglaube kommt, und gelangt zu dem Ergebnis: „Freitag, der 13.“: Ursprung im Christentum. Da fragt man sich, wie lange die Recherche gedauert hat. Viel länger als die fünf Minuten, die man braucht, um den Wikipedia-Art. Freitag, der 13. zu lesen wird's wohl nicht gewesen sein. (Wenn es anders war, hätte der Autor es durch ein paar Fußnoten und Links auf Quellen kenntlich machen sollen. So entsteht der Eindruck, es werde nur nachgebetet, was auf Wikipedia steht.)

Ein Blick in ein Bibellexikon hätte gelehrt, dass die 13 in der Bibel überhaupt keine Rolle spielt. Und weder in meiner katholischen Umwelt noch in der evangelischen Kirche, der ich angehöre, ist die 13 positiv oder negativ besetzt. Judas war nicht der 13. Teilnehmer beim letzten Abendmahl: er war einer von 12 Jüngern Jesu, Jesus selbst war der 13. (Mt 26,20; Mk 14,17.20; Lk 22,3). Dass im Buch Ester am 13. Tag des ersten Monats das Gesetz erlassen wird, wonach am 13. des 12. Monats alle Juden umzubringen seien (Ester 3,12f), hat im Judentum nicht dazu geführt, dass der 13. ein Unglückstag wurde. Die Geschichte ging für die Juden schließlich positiv aus, und der 14. und 15. Adar wurden zum Feiertag erklärt (Purimfest, Ester 9,17-22).

Der einzige explizite Hinweis auf einen 13., der Unglück bringt, den ich finden konnte, ist ein dt. Märchen: Bei Dornröschen ist es die 13. Fee, die nicht eingeladen worden ist (da der König nur 12 goldene Teller hat), die den Fluch ausspricht (Text der 1. Aufl. der Kinder- und Hausmärchen (1812) bei Wikisource). Die Behauptung, der nordische Gott Loki habe als 13. Gast bei einem Gastmahl (Oegisdrecka?) Unglück oder Unfrieden gebracht, konnte ich nicht verifizieren (vgl. Text der Oegisdrecka in der Übers. v. K. J. Simrock bei Wikisource).

Die Wöchentlichen Anzeigen für das Fürstentum Ratzeburg, Nr. 51 (1869) vermelden den Tod des Londoners John Andrew Malketh, der den Beruf des 14. Teilnehmers (Quatorzième à table) ausgeübt hat und damit ziemlich reich geworden ist. Daraus würde folgen, dass es im 19. Jh. genug Leute gab, die glaubten, dass 13 Gäste bei einem Mahl Unglück bringen, und die bereit waren, für einen kurzfristig einspringenden 14. zu zahlen. Aber ob man aus so einer Nachricht weitreichende Schlüsse auf eine verbreitete Angst vor der 13 ziehen darf, wage ich zu bezweifeln. Es klingt eher nach einer Meldung aus dem Sommerloch. Wobei ich nicht generell bestreiten möchte, dass es diesen Aberglauben tatsächlich gab.

Wie die 13 zur ominösen Zahl wurde, ist leicht verständlich: sie ist die Zahl, die das Dutzend überschreitet, sie ist eins zu viel, sie ist die Störung der Ganzheit (12 Stunden sind ein Tag, 12 Monate ein Jahr). Das kann aber auch positiv konnotiert sein. Laut Wikipedia ist die 13 in Japan eine Glückszahl. (Wenn es hingegen 13 schlägt, passiert etwas Unerhörtes, denn die Uhr kennt nur 12 Stunden. Scherzhaft gesprochen: tertium decimum non datur.)

Ähnliches gilt vom Freitag. Dass Jesus (nach den synoptischen Evangelien, z.B. Mk 15,42) an einem Freitag gekreuzigt wurde, hat mitnichten bewirkt, dass dieser Tag im Christentum negativ besetzt war. Schon deshalb nicht, weil Jesu Kreuzestod heilgeschichtlich positiv gesehen wird: durch ihn sind wir erlöst (z.B. Röm 5,6-10; 1Petr 3,18; Hebr 9,28). (Auf Engl. heißt der Karfreitag daher auch meist Good Friday, was von den meisten Etymologen auf eine christl. Nebenbedeutung von good als „heilig“ zurückgeführt wird, so z.B. der Eintrag Good Friday im Online Etymology Dictionary.) Dass Eva an einem Freitag in die verbotene Frucht gebissen haben soll, habe ich nie zuvor gehört. Ein Volksglaube kann das nicht sein. Und schon gar nicht glaubt das irgendein ernstzunehmender „biblical scholar“, wie der National-Geographic-Artikel Friday the 13th Phobia Rooted in Ancient History weismachen will. Den Glauben, dass Abel an einem Freitag, den 13. erschlagen wurde, halte ich für frei erfunden.

„Was freitags wird begonnen, hat nie ein gut’ End’ genommen“ gilt auch in meiner Firma, zumindest für Inbetriebnahmen in der IT. Aber nicht aus Aberglauben, sondern weil (in einem 7x24-Stunden-Betrieb) am Wochenende niemand da ist, der allfällige negative Seiteneffekte beheben könnte. Auch wichtige Meetings wird niemand auf einen Freitag setzen, wo alle schon von einer arbeitsreichen Woche ausgelaugt sind und die Entscheidungsfreude erlahmt ist.

Das charakterisiert den Freitag auch im jüd.-christl. Bereich: es ist der Tag der Vorbereitung auf den Ruhetag. Wer die Verpflichtung zur Arbeitsruhe am Sabbat ernst nahm, wird am Freitag keine größeren Angelegenheiten begonnen haben, sondern damit bis zum Sonntag (dem ersten Arbeitstag) gewartet haben. Das hat nichts mit Aberglauben zu tun, sondern hat einfach praktische Gründe.

Eine reine Spekulation meinerseits ist, dass sich in Bereichen mit einer Fünftagewoche negative Ereignisse am Tag vor dem Wochenende besonders tief ins Gedächtnis eingraben – man hat zwei Tage Zeit darüber nachzudenken, kann aber nichts unternehmen. Vielleicht gibt es deshalb so viele Schwarze Freitage (s. Auflistung bei Wikipedia Schwarzer Freitag). Der Zusammenbruch der Börsen im Okt. 1929 begann eigentlich schon am Mittwoch, dem 23. Der schwärzeste Tag war der darauffolgende Dienstag, der 29 (s. a. den Wikipedia-Art. Schwarzer Donnerstag). Aber im kollektiven Sprachgedächtnis blieb hauptsächlich der Schwarze Freitag hängen.

Das Christentum hat m.E. gar nichts mit diesem Aberglauben zu tun. Woher kommt also dieser seltsame Glaube? Mit der Verhaftung der Tempelritter am 13. Okt. 1307 (wie etwa Dan Brown im Da Vinci Code behaupten lässt) hat es auch nichts zu tun. Dieser Tag war ein Freitag im damals gültigen Julianischen Kalender, nach dem heute gültigen Gregorianischen Kalender wäre es zurückgerechnet ein Donnerstag gewesen. Aber es gibt kaum Hinweise auf diesen Aberglauben vor dem 20. Jh. Nebenbei bemerkt: ich kenne niemanden, der das ernsthaft glaubt. Die Zahl der Ärzte, die Paraskeuedekatriaphobie (-skave- ist schlicht falsch, der Freitag heißt auf griech. paraskeue, allenfalls mag man neugriech. -skevi- transkribieren) als medizinische Diagnose gelten lassen, dürfte gering sein.

Die erste literarische Erwähnung dürfte der Roman Friday, the Thirteenth von Thomas W. Lawson (1907) sein (Text als e-book beim Projekt Gutenberg). Doch Lawson wird diesen Aberglauben nicht selbst erfunden haben. Woher er also letztlich stammt, wissen wir nicht. Populär geworden ist er bei uns offenbar erst in der 2. Hälfte des 20. Jh. durch Zeitungen und Zeitschriften, die nicht müde wurden und werden, auf diesen Tag hinzuweisen, wenn wieder mal Sauregurkenzeit ist und niemand ein Ufo gesichtet hat oder die ORF-Religion-Redaktion nichts über den Papst zu berichten hat (s. den Art. Freitag, der 13. - als „Unglückstag" frei erfunden des Humanistischen Pressedienstes).

Es darf jeder gern anderer Meinung sein. Aber dann sollte er oder sie ein paar handfeste Quellenbelege liefern, nicht einfach irgendwas nachplappern oder freihändig behaupten.


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 21. März 2017