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Judasevangelium


Ich habe mich schon vor ein paar Jahren mit einigen der koptischen Evangelien – Thomasevangelium (ThomEv), Judasevangelium (EvJud), Evangelium der Maria – beschäftigt. Ich konnte aber der verquasten esoterischen Weltsicht der Gnostiker schon damals nicht viel abgewinnen. Ende Juni 2018 bin in unserer städtischen Bibliothek auf die DVD Das Judas-Evangelium von National Geographic gestoßen: lahmes Enactment, eine reißerischen Darstellung des neu entdeckten Evangeliums wie aus einem Roman von Philipp Vandenberg, ein hinterfragbares Bild des frühen Christentums. Dazu noch Elaine Pagels, die ich nicht gerade als ausgewogene Beurteilerin der Bibel einschätze. Käme nicht etwa auch Craig Evans mit seiner treffenden Einschätzung zu Wort, wäre die DVD vollends nur als Bierdeckel zu gebrauchen.

Irenäus, Adversus haereses

Irenäus, wohl aus Smyrna gebürtig, zweiter Bischof von Lugdunum (heute Lyon), verfasste um 180 n.Chr. eine in Griech. geschriebene Auseinandersetzung mit Irrlehren, insbesondere solcher gnostischer Natur (Adversus/ Contra haereses). Das Werk als Ganzes ist nur in lat. Übersetzung erhalten, Teile aber durch Zitate und Exzerpte bei griech. Autoren. Im letzten Kapitel des ersten Buches (1,31,1) schreibt Irenäus (ich gebe den griech. und lat. Text nach der Ausgabe von Mannucci wieder):

Ἄλλοι δέ, οὓϛ Καϊνοὺς ὀνoμάζουσι, καὶ τὸν Κάϊν φασὶν ἐκ τῆς ἄνωθεν αὐθεντίας λελυτρῶσθαι, Andere aber, die man Kainiter nennt, sagen, dass auch Kain von der höheren Macht erlöst worden sei. Alii autem rursus Cain a superiore principalitate dicunt, Andere aber wiederum sagen, Kain sei von höherem Vorzug (oder: stamme von höherer Macht1).
καὶ τὸν Ἠσαῦ, καὶ τὸν Κορέ, καὶ τοὺς Σοδομίτας, καὶ πάντας δὲ τοὺς τοιούτους, συγγενεῖς ἰδίους ὁμολογοῦσι. Und Esau, und Korach, und die Einwohner von Sodom und alle derartigen Leute anerkennen sie als ihre eigenen Verwandten. et Esau, et Core, et Sodomitas, et omnes tales cognatos suos confitentur; Und sie bekennen Esau und Korach und die Einwohner von Sodom und alle derartigen Leute als ihre Verwandten.
Καὶ τούτους ὑπὸ μὲν τοῦ ποιητοῦ μισηθῆναι, μηδεμίαν δὲ βλάβην εἰσδέξασθαι· Und diese seien zwar vom Schöpfer gehasst worden, hätten jedoch keinen Schaden erlitten. et propter hoc a factore impugnatos, neminem ex eis mala acceptasse2. Und deswegen seien sie vom Schöpfer bekämpft worden, niemand von ihnen habe Übles erlitten.
ἡ γὰρ σοφία ὅπερ εἶχεν ἐν αὐτοῖς, ἀνήρπασεν ἐξ αὐτῶν. Denn die Weisheit hat, was sie in sich hatten, von ihnen weggerissen. Sophia enim illud, quod proprium ex ea erat, abripiebat ex eis ad semetipsam. Denn die Weisheit, nahm das, was ihr Eigentum war, von ihnen zu sich selbst.
Καὶ τὸν προδότην δὲ Ἰούδαν μόνον ἐκ πάντων τῶν ἀποστόλων ταύτην ἐσχηκέναι τὴν γνῶσιν φασί, Und sie sagen, dass der Verräter Judas als einziger von allen Aposteln diese Erkenntnis gehabt habe Et haec Iudam proditorem diligenter cognovisse dicunt, Und sie sagen, dies habe der Verräter Judas umsichtig erkannt,
καὶ διὰ τοῦτο τὸ τῆς προδοσίας ἐνεργῆσαι μυστήριον. und dass er deshalb dieses Geheimnis des Verrats bewirkt habe. et solum prae caeteris cognoscentem veritatem, perfecisse proditionis mysterium: per quem et terrena et caelestia omnia dissoluta dicunt. und da er als einziger gegenüber den übrigen die Wahrheit erkannte, habe er das Geheimnis des Verrates vollendet. Durch ihn, sagen sie, sei alles Irdische und Himmlische aufgelöst (oder: losgelöst, befreit) worden.
Προφέρουσι δὲ αὐτοῦ καὶ εὐαγγέλιον, ὅπερ ἐκεῖνοι συντεθείκασι. Sie bringen auch sein Evangelium vor, das jene verfasst haben. Et confinctionem afferunt huiusmodi, Iudae Evangelium illud vocantes. Und sie bringen auch eine derartige Erdichtung vor, wobei sie jenes das Evangelium des Judas nennen.

1) s. principalitas bei Lewis/Short und Du Cange
2) emendavit Harvey, die Hss. haben: male acceptos „sei schlecht aufgenommen worden, sei negativ beurteilt worden“ o.ä.

Der böse Poiētēs „Macher, Schöpfer“ (sonst meist Demiurg genannt) und die gute Sophia „Weisheit“ sind widerstreitende gnostische Gottheiten, Kräfte oder Prinzipien. Der Brudermörder Kain (Gen 4,1-12), der Empörer Korach (Num 16), die sprichwörtlich bösen Sodomiten (Gen 19,1-25) und zuletzt der Verräter Judas: sie sind die eigentlichen Helden und Vorbilder der Kainiter. Der Verrat des Judas wird zum Mysterium erhöht, der Verräter zum einzigen unter den Aposteln, der die Wahrheit erkannt hat. Untermauert wird dies mit einem Evangelium des Judas. Diese Schrift muss auf Griech. geschrieben sein, ist aber nicht erhalten.

Textausgaben und Übersetzungen:

Codex Tchacos


Die ersten Zeilen des EvJud (S. 33 des Codex Tchacos).– Quelle: Wikimedia. Urheber: WolfgangRieger. Lizenz: Gemeinfrei. Bearbeitung: Verkleinerter Bildausschnitt.

Der Codex Tchacos ist ein in den 1970er Jahren in Mittelägypten gefundener Papyruscodex. Er stammt aus dem späten 3. oder frühen 4. Jh. und enthält mehrere im sahidischen Dialekt des Koptischen geschriebene gnostische Texte, darunter das sog. Evangelium des Judas (EvJud). (Ich verwende im folgenden die Kapitel- und Verszählung der dt. Ausgabe von Paigels/King. Die engl. von Kasser/Meyer/Wurst bietet nur die Seitenzählung des Codex.)

Der Text nennt sich am Anfang ⲡⲗⲟⲅⲟⲥ ⲉⲧϩⲏⲡ ⲛ̅ⲧⲁⲡⲟⲫⲁⲥⲓⲥ ⲛ̅ⲧⲁ ⲓ̈̅ⲏ̅ⲥ̅ ϣⲁϫⲉ ⲙⲛ̅ ⲓ̈ⲟⲩⲇⲁⲥ ⲡⲓⲥⲕⲁⲣⲓⲱⲧⲏⲥ pe-logos et-hēp en-te-apophasis enta Iēs(ous) šače men Ioudas pe-Iskariōtēs „das verborgene Wort der Darlegung, das Jesus mit Judas Iskariot redete“ und schließt mit dem Postskript ⲡⲉⲩⲁⲅⲅⲉⲗⲓⲟⲛ ⲛ̄ⲓ̈ⲟⲩⲇⲁⲥ pe-euangelion en-Ioudas „das Evangelium des Judas“. Ob diese Schrift identisch ist mit jenem Evangelium des Judas, das Irenäus nennt, ist angesichts der dürftigen Angaben bei Irenäus kaum mit Sicherheit zu sagen. Das EvJud ist jedenfalls einer ähnlichen gnostischen Weltanschauung entsprungen, wie jene, die Irenäus als Kainiter beschreibt.

Griech. ἀπόφασις apóphasis (von ἀποφαίνω apophaínō „aufzeigen, darlegen, bekannt machen“) bedeutet „Darlegung, Erklärung“. Es bezeichnet u.a. auch eine Form der Anzeige des Areopags (jmd. bei der Behörde bekannt machen).

Aber selbst wenn es sich um dieselbe Schrift handeln sollte, dann stammt ihr griech. Orignal aus der Mitte oder der zweiten Hälfte des 2. Jh. n.Chr. (wie wohl auch ThomEv und Ev d. Maria). Wenn man schon den kanonischen Evangelien, die um ein dreiviertel Jahrhundert älter sind, kaum historischen Wert zubilligt, was wollen wir dann aus gnostischen Schriften des 2. Jh. über Jesus und die Apostel erfahren? Das EvJud ist also belangvoll für das Studium der sethianischen Gnosis, aber für die Geschichte Jesu und seiner Jünger gibt es nichts her.

Jesus wird wie in allen gnostischen Evangelien, die ich kenne, als Lehrer und Gewährsmann der gnostischen Weltsicht dargestellt. Einer Weltsicht, die zu einem galiläischen Rabbi so wenig passt wie ein Fahrrad zu einem Fisch. Der fromme Jude, der der historische Jesus zweifelsohne war, hätte bei der Erwähnung der Barbelo (EvJud 2,23) mit Unverständnis oder heftiger Ablehnung reagiert. Seine Heilungen kommen nicht vor. Sein Leiden und Sterben sind heilsgeschichtlich bedeutungslos. Es geht ausschließlich um die „Erkenntnis“, die Jesus vermittelt.

Kopt. Ⲃⲁⲣⲃⲏⲗⲱ, griech. Βαρβηλώ Barbēlō ist eine Emanation der höchsten Gottheit, gleichsam ihr weiblicher Aspekt, das ihr eingeschriebene schöpferische Prinzip (das aber nicht an der Schöpfung beteiligt ist), eine Art Weltenmutter, eines der vielen abstrakten Konzepte der Gnosis. Die Schöpfung hingegen wird meist dem sog. Demiurgen (griech. für „Handwerker“) zugeschrieben, einer niederen, neidischen, den Menschen nicht wohlgesonnenen Gottheit, die auch den Namen Jaldabaoth trägt.

Judas ist im EvJud nicht so sehr einer der zwölf Jünger (der er historisch war, so auch EvJud 2,29), sondern er wird als der dreizehnte, der den zwölfen gegenübersteht, dargestellt (EvJud 5,3; 9,3.7.27). Jesus verlacht die Jünger (EvJud 2,3; 3,6; 9,3) und wirft ihnen vor, dass sie die Menschen in die Irre führen (EvJud 5). Judas jedoch wird von Jesus in der tieferen Wahrheit unterwiesen (EvJud 2,25f; 10,1ff). Man hat das Gefühl, eine Allegorie auf das Verhältnis von Kirche und Gnosis zu lesen. Und zweifelsohne ist die Schrift so gemeint: die übrigen Jünger als Repräsentanten des Main-Stream-Christentums verstehen Jesus nicht und gehen in die Irre; Judas als Repräsentant der Gnosis bekommt allein die tiefere Erkenntnis, die die Unsterblichkeit garantiert (EvJud 9,30).

Umstritten ist offenbar, welche Bewandtnis es damit hat, dass Jesus in EvJud 9,4 den Judas als „dreizehnten Daimon“ (ⲇⲁⲓⲙⲱⲛ) anspricht. Bei Kasser/Meyer/Wurst ist kopt. daimōn mit „spirit“ übersetzt, in Pagels dt. Ausgabe ist es (unter Rückgriff auf Plat. Tim. 90a) mit „Gott“ wiedergegeben. Doch heißt das Wort auch bei Platon „Geist“ (im Unterschied zu θεός theós „Gott“). Im ntl. Griech. bezeichnet das Wort die bösen, unreinen Geister, die Jesus austreibt. Und bei koptischen Texten muss man doch die christliche Terminologie stark mitdenken.

Die Unterweisung, die Judas von Jesus erhält (EvJud 10-15), ist jene sattsam bekannte, krause Kosmologie aus Engeln (ⲁⲅⲅⲉⲗⲟⲥ angelos), Leuchtern (ⲫⲱⲥⲧⲏⲣ phōstēr), Reichen (ⲁⲓⲱⲛ aiōn), Himmeln (ⲟⲩⲣⲁⲛⲟⲥ ouranos), Firmamenten (ⲥⲧⲉⲣⲉⲱⲙⲁ stereōma) – übrigens alles griech. Fremdwörter – und Engelgestalten wie Autogenes (ⲁⲩⲧⲟⲅⲉⲛⲏⲥ „selbsterschaffen“), Adamas (ⲁⲇⲁⲙⲁⲥ), El (ⲏⲗ), Seth (ⲥⲏⲑ), Nebro (ⲛⲉⲃⲣⲱ), Saklas (ⲥⲁⲕⲗⲁⲥ) usw. usf. Es ist schwer, hier den Überblick zu bewahren; nicht nur wegen der Lücken im Text, sondern auch wegen des hermetischen Diskurses, der dieser Literatur eignet.

Aus dem Text wird nicht klar, warum Judas seinen Meister verraten hat. In EvJud 15,4 sagt Jesus zu Judas: „Der Mensch nämlich, der mich nährt: du wirst ihn opfern.“ Aber ist das wirklich als Aufforderung zum Verrat zu verstehen? Wozu musste Jesus überhaupt sterben? Der Tod Jesu hat für die Gnosis keine heilsgeschichtliche Bedeutung. Die Interpretation von Pagels/King zur Stelle: „Wie oben ausgeführt, ist dieses Opfer der Beweis dafür, daß das wahre geistige Wesen des Menschen nicht das Fleisch ist und vom Tod nicht bezwungen werden kann.“ (S. 167). Der Tod Jesu hat also bestenfalls Zeichencharakter, er wäre aber auch verzichtbar.

Quellen:

Das Evangelium des Verräters

Das Buch von Elaine Pagels und Karen King schafft es, den Eindruck zu erwecken, als habe das Main-Stream-Christentum bereits im 2. Jh. die christlichen Gnostiker verfolgt (S. 18). In Wahrheit war es die Kirche, die verfolgt wurde, während sich die Gnostiker mit den Machthabern nicht selten arrangierten. Pagels/King unterstellen Irenäus, es sei ihm und der Kirche um Konsolidierung der Macht gegangen. Dass es Menschen, die sich für die Kirche verantwortlich fühlten, vor allem darum ging, angesichts von Verfolgung hier und seltsamen Ansichten, die sich auf Jesus beriefen, dort zu definieren, was Christentum ist und was nicht, und so das Auseinanderfallen der Kirche zu verhindern, das kann sich das Autorinnenduo offenbar nicht vorstellen. Ich orte da einen Anflug von Antiklerikalismus.

Die Auseinandersetzung mit abweichenden und insbesondere gnostischen Lehren hat auch nicht mit Irenäus begonnen; sie begleitete vielmehr die christliche Theologie und Seelsorge fast von Beginn an, wie man etwa in der Abschiedsrede des Paulus vor den Ältesten von Ephesus (Apg 20,29f), in den ntl. Briefen (1Kor 2,6-8; 15,12; Kol 2,8; 1Tim 4,1-3; 6,20f; 2Tim 2,18; 1Joh 4,1-3; 2Joh 7-11; Jud 8) oder in den sog. Sendschreiben der Johannesapokalypse (Offb 2-3) sieht. Die ψευδώνυμος γνῶσις pseudṓnymos gnṓsis „zu Unrecht so genannte Erkenntnis“ (1Tim 6,20) war bereits mehr als hundert Jahre vor Irenäus ein Thema.

Pagels/King haben zwar keine Hemmung zu behaupten, die Evangelisten hätte manche Episode frei erfunden (S. 43). Aber die Geschichte vom Verrat können sie nicht ins Reich der Phantasie verweisen, ohne damit nicht auch ihr Judas-Evangelium zu de­s­a­vou­ie­ren. Ich sage „ihr“, denn die Parteinahme der Autorinnen für diese Schrift ist schon befremdlich.

Ohne hier auf die tendenziösen Verdrehungen von Pagels/King im Detail einzugehen: Den Kampf um die Deutungshoheit der christlichen Botschaft, den Pagels/King bereits den kanonischen Evangelien unterstellen (S. 51-55), mussten in Wahrheit erst die gnostischen Schriften führen. Denn sie mussten begründen, warum nicht die in der frühen Kirche unbestrittenen „Säulen“, wie Jakobus, Petrus oder Johannes (vgl. Gal 2,9), sondern Thomas, Maria (welche auch immer) oder gar Judas die Kenner, und zwar die einzigen, der wahren Botschaft Jesu sein sollen.

Die Invektiven gegen die Jünger, die der Autor des EvJud Jesus in den Mund legt, sind nach Pagels/King im Zorn des Autors gegen die Kirchenführer und -lehrer begründet, weil sie in einer Zeit der Verfolgung das Martyrium verherrlichten, ja zur Christenpflicht erklärten und so den Tod vieler Gläubiger verschuldeten. Mir ist nicht recht klar, wo man das herauslesen kann (vielleicht aus EvJud 5,4?). Mein Eindruck ist, dass hier ein Apostat gegen die Glaubensgemeinschaft anschreibt, von der er sich abgewandt hat. (So wie Ex-Raucher meist die militantesten Nichtraucher sind.)

Auch der Ansicht von Pagels/King, hier ringe eine gleichberechtigte Spielart des Christentums mit der Kernkirche um das richtige Verständnis der christlichen Botschaft, kann ich nicht beitreten. In Wahrheit haben wir hier eine Spielart der Gnosis vor uns, die Jesus (gegen alle historische Wahrscheinlichkeit) als Gewährsmann für ihre Weltsicht in Anspruch nimmt und die Sicht der Kirche (z.B. zu den Themen Schöpfung, Erlösung, Auferstehung) als vollkommen irrig darstellt.

Die Motive des Verräters

Die Evangelien

    
Mutmaßlicher Silberling: Tyrischer Schekel 79/78 v.Chr. (von der Ausstellung Die Bibel und das liebe Geld, gezeigt in der Bibelwelt Salzburg, 2017). Von der Umschrift ist noch ein Teil lesbar: [Τ]ΥΡΟΥ ΙΕ[ΡΑΣ] // ΚΑΙ ΑΣ[Υ]ΛΟΥ „von Tyros, der heiligen // und unverletzlichen“.

„Judas, verrätst du den Menschensohn mit einem Kuss?“ (Lk 22,48) Ausschnitt aus einem Mosaik in der Kirche der Nationen am Fuß des Ölbergs.

Judas hat sich nach Mt 27,3-8 nur wenige Stunden nach dem Kuss, mit dem er seinen Meister verraten hatte, erhängt. Nach Apg 1,16-20 ist er offenbar durch einen schweren Sturz ums Leben gekommen, hatte aber vorher noch Zeit gehabt, sich von seinem Judaslohn einen Acker zu kaufen. Doch hat er auch hier seinen ehemaligen Meister nur um wenige Wochen überlebt. Er ist jedenfalls der Nachwelt eine Erklärung für sein Handeln schuldig geblieben. Auch die Evangelisten konnten darüber nur Vermutungen anstellen.

Wenn Lk 22,3 und Joh 13,27 berichten, der Satan sei in Judas gefahren (und Joh 13,2 sagt, der Satan habe Judas den Verrat ins Herz gegeben), so ist das der Versuch einer theologischen Erklärung für etwas, das ob seiner Ungeheuerlichkeit auf menschlicher Ebene unerklärlich zu sein scheint. „Für Lukas steht hinter dem Verrat durch Judas mehr und anderes als nur menschliches Versagen und menschliche Bosheit […]“ (Stuttgarter Erklärungsbibel zu Lk 22,3). Das enthebt zwar jeder Spekulation über die Motive, denn der Satan braucht keine Motivation für das Böse; er ist das Böse in Person. Doch wir fragen uns natürlich trotzdem, ob es für den Verrat nicht auch eine menschlich nachvollziehbare Motivation gibt.

Joh 12,6 stellt Judas als geldgierig dar und behauptet, er sei ein Dieb gewesen. Demnach könnte Geldgier das Motiv gewesen sein. In Mt 26,15 fragt Judas von sich aus die Hohenpriester, was sie ihm für den Verrat zu bezahlen bereit sind. Nun sind dreißig Silberlinge zwar auch Geld. Vermutlich sind Tyrische Schekel gemeint, das wären 120 Denare, das ist nicht ganz der Halbjahresverdienst eines einfachen Arbeiters (s. Geld in der Bibel). Ein Online-Artikel der Welt aus dem Jahr 2010 kommt auf etwas mehr, nämlich rund 10.000 Euro. Aber für einen so flagranten Verrat ist das wiederum zu billig. Und die Summe erinnert verdächtig an Ex 21,32 (Schadenersatz für einen zu Tode gekommenen Sklaven eines anderen) und Sach 11,12 (der Lohn, den der Prophet für seine Hirtendienste erhalten hat). Wenn sie denn historisch ist, kann das Geld kaum mehr als ein Incentive gewesen sein.

Die Reaktion des Judas auf Jesu Verurteilung zum Tod (Mt 27,3f) könnte nahelegen, dass Judas nicht mit dieser Verurteilung gerechnet hat und sie auch nicht von ihm beabsichtigt war. Was hat er dann aber erwartet, was die Hohenpriester mit Jesus tun würden?

Neuzeitliche Literatur

In Friedrich Gottlieb Klopstocks (1724-1803) hexametrischem Versepos Der Messias (die ersten drei Gesänge erschienen 1748) redet Satan dem Judas in einem Traumgesicht ein (3,576ff), dass Jesus die übrigen Jünger bevorzuge und dass er mit der Errichtung seines messianischen Reiches im Verzug sei; wenn Judas ihn verrate, sei Jesus gezwungen sein Reich sogleich aufzurichten und Judas werde endlich seinen Anteil erhalten.

Der Argentinier Jorge Luis Borges (1899-1986) verfasste einen 1944 veröffentlichten Text, der die Form eines theologischen Artikels über die Thesen des (fiktiven) schwedischen Theologen Nils Runeberg hat. Dieser stellt in seinem Buch Christus und Judas die These auf, der freiwilligen Selbsterniedrigung Gottes, der in Jesus Mensch wurde, entsprach die freiwillige Selbsterniedrigung des Judas, der zum Verräter wurde, „das schlimmste Vergehen, das die Niedertracht erträgt“ (el peor delito que la infamia soporta). In einer zweiten Version des Buches, die auch auf Deutsch unter dem Titel Der heimliche Heiland erschienen ist, versteigt Runeberg sich sogar zu der These, Fleischwerdung bedeutete nicht nur, dass Gott Mensch wurde, sondern dass er der verruchteste der Menschen wurde: Judas von Iskariot.

Nikos Kazantzakis veröffentlichte 1955 seinen Roman Die letzte Versuchung. Martin Scorsese brachte ihn 1988 als Film in die Kinos (mit Willem Dafoe als Jesus, Harvey Keitel als Judas, David Bowie als Pontius Pilatus). Sowohl Buch als auch Film riefen heftige Ablehnung von kirchlicher Seite hervor. Denn im Roman haben die Protagonisten mit ihren ntl. Vorbildern kaum mehr als den Namen und den Beruf gemeinsam. Jesus ist ein Epileptiker mit ausgeprägter Paranoia; er trägt nicht die Sünde der Welt, sondern er fühlt sich an Sünden anderer schuldig. Maria Magdalena ist eine Nymphomanin, die aus ihrer Neigung einen Beruf gemacht hat und Sex-Arbeiterin geworden ist. Usw. Judas nun ist ein Zelot, ständig hin- und hergerissen zwischen Zweifel und der Hoffnung, Jesus sei doch der Messias, der die Römer vernichten werde. Als Jesus erkennt, dass die Erneuerung der Welt nur durch seinen Tod kommen kann, trägt er Judas auf, ihn an die Hohenpriester zu verraten. Denn er ist als einziger der Jünger stark und mutig genug dazu.

In Oskar Werners (1922-1984) Regiearbeit von 1958, die auf einem französischen Theaterstück basiert, glaubt Judas, Jesus habe seine Göttlichkeit vergessen, und will ihn zwingen, sich dieser wieder zu erinnern und endlich sein Reich aufzurichten. Doch das erwartete Wunder passiert nicht. Judas erhängt sich, bevor ihn die Nachricht von der Auferstehung erreicht.

Nicht zugänglich war mir: Schonfield, Hugh Joseph: The Passover Plot. 1965. Schonfields Verschwörungstheorie kam 1976 als Spielfilm auf die Kinoleinwand (mit Zalman King als Jesus, Scott Wilson als Judas, Donald Pleasence als Pontius Pilatus).

Walter Jens (1923-2013) schrieb 1975 einen Roman, in dem ein Franziskanerpater die Heiligsprechung des Judas beantragt. Denn Judas habe im Gehorsam Gott gegenüber und mit Jesu Einverständnis diesen Verrat geübt, damit Jesus seinen stellvertretenden Tod am Kreuz zur Erlösung der Menschheit sterben konnte. Ohne Judas gäbe es keine Erlösung.

Etwas mehr als zehn Jahre später schrieb Jens die Argumente zugunsten des Judas in einen Verteidigungsmonolog des Judas um. In einer Fernsehproduktion von 1988 sprach Bruno Ganz diese Apologie. Nicht ganz zwanzig Jahre danach griff Ben Becker den Stoff wieder auf und machte ein Remake. Im Vergleich zu Bruno Ganz ist Beckers Darstellung emotional stark überhitzt. (Vor wem verteidigt sich Judas da mit verzweifeltem Geschrei und Weinen?)

Lindner schält in fiktiven Interviews mit den vier Evangelisten folgenden Gang der Ereignisse heraus: Da sich Jesus von Anhängern wie Gegnern als politischer Messias missverstanden fühlte, beschloss er ein drastisches Zeichen des Machtverzichts zu setzen, nämlich auf möglichst spektakuläre Weise hingerichtet zu werden: in Jerusalem, zur Passahzeit, von den Römer gekreuzigt. Dazu brauchte er einen Helfer, der sich den Behörden als Verräter andiente: Judas. Judas war also ein Komplize in einer von Jesus ins Werk gesetzten Inszenierung; der treueste Jünger Jesu und vermutlich der einzige, der ihn verstand.

Lindner hebt ständig darauf ab, dass das Handeln des Judas immer nur als übergeben, ausliefern (griech. παραδίδωμι paradídōmi „übergeben, ausliefern; preisgeben, verraten“) bezeichnet wird und dass nur Lk 6,15 den Judas einen Verräter (griech. προδότης prodótēs „Verräter, Ausreißer“) nennt. (Man könnte Apg 1,16 hinzufügen, wo Petrus ihn als ὁδηγός hodēgós „Wegweiser, Führer“ derer, die Jesus festnahmen, tituliert.) Doch kann ich nicht erkennen, inwiefern das einen sachlichen Unterschied ausmachen soll.

Bei Amos Oz ist Judas ein treuer und ergebener Jünger, der Jesus überredet, sich in Jerusalem kreuzigen zu lassen, und mit Mühe alles so einfädelt, dass Jesus zu Pessach, gleichsam zur Prime-Time des Judentums ans Kreuz geschlagen wird. Doch zum großen Schrecken Jesu und Judas’, kann Jesus nicht vom Kreuz steigen. Er stirbt, und Judas bleibt mit der furchtbaren Erkenntnis zurück, dass Jesus doch nur ein Mensch war und dass er, Judas, an seinem Tod schuld ist.

In seinem Zwischenruf beurteilt Oz die Erzählung vom Verrat des Judas von seiner antisemitschen Wirkungsgeschichte her. Nur: dass diese Wirkungen schrecklich waren, beweist noch nicht, dass die Geschichte historisch falsch ist. Man muss schon Antisemit sein, um die Juden für die Tat des Judas verantwortlich zu machen. Niemand wird m.E. erst durch die Lektüre dieser Geschichte zum Antisemiten. Nach welchen christlichen Quellen Judas ein reicher Großgrundbesitzer gewesen sein soll, und wo er gelesen hat, dass dreißig Silberlinge nur etwa 600 Euro wert gewesen sein sollen (annähernd das Zehnfache dürfte der mitteleuropäischen Realität näher kommen), teilt Oz nicht mit.

Einwände

Judas, der durch den Verrat die Sache seines Meisters vorantreiben will, ist eine seit Klopstock immer wieder vorgetragene These. Während aber bei Klopstock Judas das noch aus gekränkter Eitelkeit und Besitzgier tut, handelt er bei Puget/Bost (1956) uneigennützig im vermeintlichen Interesse Jesu. Bei Kazantzakis mutiert der Verräter zu einem Komplizen Jesu, der im Auftrag seines Meisters handelt. Und wird zuletzt bei Oz zu einer Art Chefideologen, der Jesus dazu überredet, sich kreuzigen zu lassen; Jesus ist also nur noch Handlanger des Judas.

Gegen diese Thesen gibt es aber Einwände:

Der Verrat des Judas war nicht heilsnotwendig. Gott hat diese Tat gebraucht, um sein heilsgeschichtliches Ziel zu erreichen. Aber der allmächtige Gott hätte auch andere Mittel und Wege gehabt, um geschehen zu lassen, was geschehen musste.

„Was gab es denn zu verraten?“ – Jesus tagsüber im Tempel festzunehmen barg die Gefahr eines Tumults, Jesus hatte ja auch Anhänger (vgl. Mt 26,4f; Mk 14,1f). Und gerade an Pessach sahen die Römer mit Argusaugen zu und übten Null-Toleranz. Das kam also nicht in Frage. Es musste unauffällig, also nachts geschehen (Lk 22,6). Dazu musste man den exakten Aufenthaltsort Jesu kennen. Es gab von Jesus keine Geheimdienstakten oder Dossiers, wie Jens seinen Judas sagen lässt. Und man brauchte, da es noch keine Fahndungsfotos gab, eine definitive Identifikation Jesu.

Bekanntlich bestreitet der Koran, dass Jesus gekreuzigt wurde, „sondern er/es wurde ihnen (d.h. für sie, in ihren Augen) ähnlich gemacht“ (Sure 4,157: وَلَكِن شُبِّهَ لَهُمْ wa-lākin šubbiha lahum; Goldschmidt übersetzt: „nur ähnlich schien er ihnen“). Dies wird meist so verstanden, dass an Stelle von Jesus jemand anderer gekreuzigt wurde, der ihm ähnlich sah. Spätere Koranauslegung identifizierte diesen jemand mit Judas Iskarioth.

Aber Jesus hat doch selbst den Judas aufgefordert: „Was du tust, tue rasch!“ (Joh 13,27). – Nach der Darstellung des Joh wusste Jesus, dass und von wem er verraten werden würde; und er war darüber erschüttert (V. 21). Er fordert Judas zur Entscheidung auf: Wenn du es tun willst, tue es gleich – oder lass es! Das bedeutet keineswegs, dass Jesus das selber so eingefädelt hat. Andernfalls hätte er nicht erschüttert zu sein brauchen.

Wenn Judas ein Dieb war, wieso hat Jesus dann gerade ihm die gemeinsame Kasse übertragen? Gutes Argument. Der Vorwurf des Joh klingt ein wenig nach Ad-hoc-Begründung für die Kritik des Judas an der Verschwendung des teuren Salböls, einer Kritik, die nach den anderen Evangelien aber von den Jüngern insgesamt geübt wurde, nicht nur von Judas. Vielleicht gibt Joh aber auch nur eine Tradition wieder, deren Richtigkeit schon damals schwer nachprüfbar war.

Manche Ausleger (z.B. Meiser) halten überhaupt die Existenz des γλωσσόκομον „(Geld-)Behälter, Kästchen“ (Joh 12,6) für fraglich. Aber auch Jesus und seine Jünger mussten sich vermutlich hin und wieder etwas kaufen (Joh 13,29).

Hat Jesus den Judas in sein Verderben laufen lassen, ohne ihn zu warnen? Schwer zu sagen. Aber Judas gehörte zum innersten Kreis von Jesu Anhängerschaft. Welche Warnung hätte da noch fruchten können? Das ist deshalb nicht zu beantworten, weil wir Judas’ Motive nicht kennen.

Aus einer Zitrone kann man nicht mehr Saft quetschen, als in ihr drin ist. Wenn es doch gelingt, ist klar, dass das nicht alles Zitronensaft sein kann, sondern dass da noch was „dazugerutscht“ sein muss. Ebenso kann man aus einer Quelle nicht mehr Information quetschen, als sie enthält. Wo es doch gelingt, ist klar, dass ein gut Teil Spekulation sein muss.


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 16. Dez. 2018