Michael Neuhold Homepage
Startseite > Biblica > Von Gottessöhnen, Helden und Riesen

Von Gottessöhnen, Helden und Riesen


Zwischen das Geschlechtsregister der Adamiten und die Sintfluterzählung schiebt sich ein rätselhaftes Stück Text, Gen 6,1-4:

1 Es geschah, dass die Menschheit anfing, zahlreich zu werden auf dem Erdboden; und ihnen wurden Töchter geboren.
2 Da sahen die Gottessöhne die Töchter des Menschen, dass sie schön waren. Und sie nahmen sich (als) Frauen von allen, welche sie auswählten.
3 Da sagte JHWH: nicht soll walten (? od. verweilen?) mein Hauch (Geist) im Menschen auf ewig wegen ihrer Vergehung (?); er ist Fleisch (od. statt wegen … Fleisch: da er auch Fleisch ist). Seine Tage sollen sein 120 Jahre.
4 Die Nephilim waren auf der Erde in jenen Tagen und auch später (noch), weil (als) die Gottessöhne zu den Töchtern des Menschen kamen, und sie ihnen (Kinder) gebaren. Dies sind die Helden in der Vorzeit, die Männer des Namens (d.h. berühmte Männer).

Gottessöhne


David Chester French, The Sons of God Saw the Daughters of Men That They Were Fair, 1918/1923.– Quelle: Wikimedia.– Urheber: Daderot, 2012.– Lizenz: CC0 1.0/ gemeinfrei.– Bearbeitung: beschnitten, verkleinert, Gradation, geschärft.

Bartholomäus Spranger, Jupiter und Antiope, um 1596. Zeus (lat. Jupiter) naht sich Antiope in Gestalt eines Satyrn. Jupiter und Antiope (auch: Nymphe und Satyr) war ein beliebtes Sujet der Malerei.– Quelle: Wikimedia.– Urheber: Kunsthistor. Museum Wien.– Lizenz: gemeinfrei.– Bearbeitung: aufgehellt, verkleinert.

Wer sind die Gottessöhne? Nach Hi 1,6; 2,1; 38,7 sind es offenbar Mitglieder des göttlichen Hofstaats oder Thronrats (wie er vorgestellt ist in der Prophezeiung Michas 1Kön 22,19f). In Hi 1,6 etwa heißt es:

Und es geschah eines Tages, da kamen die Gottessöhne, um hinzutreten vor JHWH, da kam auch der Widersacher (Satan) unter ihnen (od. in ihrer Mitte).

Es handelt sich also um Engelwesen (vgl. auch die „Söhne des Höchsten“ Ps 82,6 und die „Göttersöhne“ Ps 29,1; 89,7). Doch männliche Engel, die mit Frauen Sex haben und Kinder zeugen? Das erinnert doch sehr an heidnische Vorstellungen. An Zeus, der in zahllosen Affären mit sterblichen Frauen Halbgötter zeugt: mit Alkmene den Herakles, den griechischen Heros par excellence; mit Danae den Perseus; mit Kallisto den Arkas; mit Io den Epaphos, einen mythischen König Ägyptens; mit Antiope die Zwillinge Amphion und Zethos; mit Europa die drei Söhne Minos, Rhadamanthys und Sarpedon.

Im AT allerdings mutet so etwas auf den ersten Blick seltsam an. Doch scheinen 2Petr 2,4; Jud 6; vielleicht auch 1Kor 11,10 eine solche Vorstellung zu unterstützen. Das NT teilt hier die Sichtweise des zeitgenössischen Judentums, wie sie sich im sog. Buch der Wächter (3. Jh. v.Chr.?) äthHen 6-7 (dt. Übers. Emil Kautzsch, S. 238), findet, wo Gen 6,2 als Geschichte des Abfalls der Engel von Gott nacherzählt wird und es explizit heißt „die Engel, die Himmelssöhne“ (Himmel = Gott, wie Himmelreich = Reich Gottes). Derek Kidner verweist in seinem Genesis-Kommentar auf das ntl. Phänomen der Besessenheit und das Verlangen der Dämonen, nicht „körperlos“ zu sein (Mt 8,31 || Lk 8,31f; Mt 12,43-45).

Andererseits scheint Mt 22,30 einer solchen Vorstellung zu widersprechen. So sind alternative Erklärungen entstanden. Diese fassen die „Gottessöhne“ als fromme, gottesfürchtige Menschen; so wie in Dtn 14,1 die Israeliten angeredet werden mit: „ihr seid Söhne JHWHs, eures Gottes“ (ähnlich Dtn 32,5), und in Hos 2,1 mit „Söhne des lebendigen Gottes“ (vgl. auch Jes 1,2). Die Frauen wären dann „Töchter der übrigen Menschen“; so wie Jer 32,20 von „Israel und den (übrigen) Menschen“ geredet wird, wie Jes 43,4 Gott (andere) Menschen an Israels Statt hingeben will. Von einer Verbindung der frommen Sethiter mit den gottlosen Kainiterinnen wäre dann die Rede. Doch habe ich den Eindruck, dass damit unsere moderne Sichtweise dem antiken Autor als Aussageabsicht untergeschoben wird. Die Frage muss lauten, was der Autor mit dem Text sagen wollte, egal wie bizarr uns das erscheinen mag.

Der Targum Onkelos übersetzt „Söhne der Großen (od. Herren)“. Aram. רַבְרְבָא rabre bedeutet „groß“, als Substantiv „Großer, Fürst, Herr, Oberer“, nach Jacob Levys Wörterbuch auch „Engel“. Levy nennt als Belegstellen dafür Gen 3,5; 6,2 (s.o.); 33,10. Der hebr. Text hat aber an allen drei Stellen „Gott“. Levy verweist auf Maimonides (12. Jh. n.Chr), Lehrer der Unschlüssigen (More Nevuchim) 1,2. Da heißt es aber (dt. Übers. Adolf Weiß, S. 31): „[…] will ich sagen, daß jeder Kenner des Hebräischen weiß, daß das Wort אלהים (Elohim) homonym für Gott, für die Engel und für die Richter, welche die Staaten regieren, angewendet wird. Schon der Proselyte Onqelos hat dargelegt, und seine Darlegung ist auch die Wahrheit, nämlich daß die Worte: ‚Ihr werdet wie Elohim sein, indem ihr das Gute und das Böse erkennet‘ (Gen. 3,5), die letzterwähnte Bedeutung ausdrücken wollen. Er übersetzt: ‚Ihr werdet wie Fürsten sein‘.“

Irgendwo habe ich gelesen, dass im rabbinischen Judentum die Gottessöhne als Söhne von Herrschern interpretiert werden (z.B. bei Maimonides, s.o.), die Menschentöchter als Frauen niederen Standes. Doch habe ich dafür keinen Beleg gefunden. Schon im Midrasch Berešit rabba 26,5 (dt. Übers. August Wünsche, S. 117) wird die Ansicht des Rabbi Simeon ben Jochai zu Gen 6,2 referiert, der „Söhne der Richter“ übersetzte (weil an Stellen wie Ex 22,8 Gott im Sinne von Richter verstanden wurde?). Aber warum sollte Gott wegen dieser Mesalliancen einschreiten und dem Menschen eine Frist setzen? (Wobei unklar ist, ob das die Gnadenfrist bis zur Sintflut ist oder die maximale Lebenszeit des Menschen.)

Mein Eindruck: Der Autor der Genesis oder seine Quelle hat vorhandene mythologische Überlieferungen oder Begriffe (wie man sie etwa auch in ugarit. Texten findet) in sein theologisches Weltbild eingebaut. Da es auch für ihn undenkbar war, dass Gott JHWH selbst mit sterblichen Frauen Kinder gezeugt hat, konnten sich die Überlieferungen nur auf transzendente Wesen beziehen, die Gott untergeordnet sind. Ob man dabei soweit gehen soll wie Markus Risch, der sich fragt, ob die Gottessöhne Götter sind, „die als polytheistische Rudimente in die israelitische Religion eingegangen sind“, weiß ich nicht.

Helden der Vorzeit

Das Ergebnis dieser Verbindung sind offenbar mythische Helden der Vorzeit. Umstritten ist, ob sie identisch sind mit den Nephilim. Hermann Strack fasst die Konjunktion אֲשֶׁר ʾašær kausal und votiert für ersteres: „Die N. [Nephilim] sind Erzeugnis jener Ehen (‚weil‘).“ Friedrich Schröring übersetzt es temporal („auch nachdem“) und ist der Ansicht, dass zwischen Nephilim und Heroen „ein heftiger Kampf entbrannte, der […] schliesslich jedoch mit völliger Vernichtung der Nefilim endigte“.

Solche Helden erwähnt auch der Prophet Hesekiel in seiner Prophezeiung gegen Meschech und Tubal, Hes 32,27:

Und sie liegen nicht bei Helden,
  gefallen (hebr. nop̱elîm>) weg von Unbeschnittenen (? LXX: gefallen in der Vorzeit),
die hinabgestiegen sind ins Totenreich
  durch ihre Kriegsgeräte (od. auf ihren Kriegsgeräten).
Und man gab ihre Schwerter
  unter ihre Häupter,
und ihre Missetaten (? vermutl. zu lesen: ihre Schilde)
  waren auf ihren Gebeinen,
weil ein Schrecken von Helden
  im Land der Lebendigen (war).

Wir kennen die Sagen über die Helden der Vorzeit nicht. Doch mag sich in die Überlieferung über die Helden der Davidszeit (2Sam 21,15-22 s.o.; 23,8-23) das eine oder andere legendäre Element aus diesem Sagenkreis eingemengt haben.

Nephilim

Was bedeutet nun נְפִלִים nep̱ilîm „Nephilim“? Die LXX hat das Wort mit γίγαντες gígantes „Giganten“ übersetzt. Giganten sind in der griechischen Mythologie ein Geschlecht von schrecklichen Riesen, das gegen die olympischen Götter kämpft, aber von diesen besiegt wird. Daher geben praktisch alle dt. Übersetzungen das Wort mit „Riesen“ wieder. (Luther hatte noch mit „Tyrannen“ übersetzt, s. Ausg. v. 1545.)

Der Sg. נָפִיל nāp̱îl kommt im AT nicht vor. Im Aram. lautet er נְפִילָא nep̱îlâ.

Etymologisch wird das Wort meist von נפל npl „fallen“ abgeleitet. Doch in welchem Sinn?

Andere Etymologien:

Die Nephilim kommen nur noch ein zweites Mal vor. In Num 13,33 berichten die von ihrer Erkundungstour aus Kanaan zurückgekehrten Kundschafter:

Und wir haben dort die Nephilim gesehen, die Söhne Anaks, aus den Nephilim. Und wir waren in unseren Augen wie Heuschrecken, und so waren wir auch in ihren Augen.

Die Kundschafter übertreiben. Es ist fraglich, ob sie wirklich Nephilim gesehen haben. Aber jedenfalls kommen sie sich im Vergleich zu den Bewohnern Kanaans klein und schwach wie Insekten vor. Die Sohne Anaks, die Anakiter, sind nach Dtn 2,10. 21; 9,2 ein hochgewachsenes Volk. Nach Dtn 2,11 gelten sie als Refaïter (s.u.). Es ist somit klar, dass Nephilim große, starke, kampfestüchtige Männer sind. Kein Wunder, dass den Israeliten angesichts solcher „Riesen“ das Herz in die Hose fällt. Doch Josua und Kaleb vertreiben dann die Anakiter aus Kanaan. Sie sind also nicht unbesiegbar.

Rephaʾim

Die רְפָאִים rep̱āʾîm, Rephaʾim oder „Refaïter“, sind ein Stamm der vorisraelischen Bevölkerung Kanaans (Gen 14,5; 15,20; Dtn 2,11. 20; 3,11. 13; Jos 12,4; 13,12; 17,15). Nach Dtn 3,11 war das „Bett“ (d.h. Bahre, Sarkophag?) des Refaïters Og, des Königs von Baschan, 9 x 4 Ellen groß, das sind ca. 4,5 x 2 m. Beim Namen der Refaïter schwingt also auch mehr oder weniger stark der Begriff des Riesen mit, weshalb viele Übersetzungen es an einigen, wenn nicht allen Stellen auch so wiedergeben. Auch die LXX übersetzt es teils mit γίγαντες, teils als Eigenname Ραφαϊν Rhaphaïn. Die Refaïter sind wohl identisch mit den Söhnen Raphas, von denen nach 2Sam 21,15-22 einige durch die Kriegshelden Davids im Einzelkampf getötet werden. Unter ihnen wird auch Goliath aus Gath genannt, dessen Speerschaft wie ein Weberbaum war; während die Lanzenspitze des Jischbi 300 Schekel (ca. 3,5 kg) wog.

Eigentümlich ist, dass dieser רָפָה (einmal in der Form רָפָא) Rāp̱â immer mit Artikel geschrieben wird, so als sei es kein Eigenname, sondern ein Appellativ. Möglicherweise liegt ein ähnlicher Fall vor wie Dtn 3,13 u.ö., wo „Stamm des Manasse“ soviel heißt wie „der Stamm der Manassiten“, der Eigenname also die Bedeutung eines Gentiliziums im Plural hat. Tatsächlich hat 1Chr 20,4 der masoretische Text „Söhne der Refaïter“. Oder es handelt sich um eine Vossianische Antonomasie, d.h. um einen ursprünglichen Eigennamen, der zum Appellativ geworden ist (wie im Dt. der Mäzen, der Krösus, der Casanova).

Daneben gibt es dasselbe Wort in der Bedeutung „Verstorbene, Totengeister“ (*Jes 14,9; 26,14. 19; Ps 88,11; Spr 2,18; 9,18; *21,16; *Hi 26,5; an den mit Asterisk bezeichneten Stellen hat die LXX allerdings γίγαντες). Es liegt nahe, einen Zusammenhang anzunehmen mit dem im Ugarit. bezeugten rpu͗ „vergöttlichter (d.h. nach dem Tod zu einer Gottheit gewordener) Vorfahre“. Ob das Wort etymologisch letztlich zu hebr. רפה rph „sinken, erschlaffen“ / רָפֶה rāp̱æ̂ „kraftlos, schlaff“ gehört, kann ich nicht sagen. Ein Zusammenhang mit ugarit. und hebr. rpʾ „heilen“ erscheint mir weniger wahrscheinlich.

Mir will scheinen, dass es sich bei den beiden Arten von Rephaʾim um eine zufällige Homonymie handelt. (Nicht alles, was sich ähnlich sieht, ist zwangsläufig verwandt.) Allerdings sehen das moderne Ausleger offenbar anders. Zu groß ist die Versuchung für Religionswissenschaftler, ob des Gleichklangs der Wörter eine Verbindung auch der ersten Art von Rephaʾim zum ugaritischen Totenkult herzustellen. Zumal sich dann gleich mit der Gleichung Rephaʾim „vergöttlichte Vorfahren“ = Nephilim = nop̱elîm „(im Kampf) Gefallene“ auch die Frage der Nephilim „erschlagen“ lässt. Aber was ist dann mit den Anakitern? Den Emitern? Alle „nothing else than the inhabitants of the netherworld transferred into a historical context“ (so Timo Veijola von den Rephaʾim, S. 70)? Da habe ich meine Zweifel.

Ungeklärt muss auch die Frage bleiben, welche Bewandtnis es mit dem Namen des Rephaʾim-Tals (hebr. עֵמֶק־רְפָאִים ʿemæq-rep̱āʾîm) südwestlich von Jerusalem hat (z.B. Jos 15,8; 17,5; 2Sam 5,18. 22; 23,13). Es wird wohl nach den Refaïtern benannt sein. Warum, ist jedoch unklar. Am nördlichen Ende des Tals liegt heute die gleichnamige Straße Emek Refaim.

Riesen


Ziemlich sicher eine Fälschung; der Arbeiter ist im Verhältnis zum Skelett zu dunkel. Bild eingebunden von ThoughtCo.: The Nephilim Skeletons Hoax.

Ein Dolmen bei Ǧuḥfijah (Johfiyeh), Bezirk Irbid, nördliches Jordanien.– Quelle: Wikimedia.– Urheber: Telfah ahmed, 2009.– Bearbeitung: beschnitten, verkleinert.– Lizenz: gemeinfrei.

Wenn es diese Riesen wirklich gegeben hat, wo sind ihre archäologischen Hinterlassenschaften? Scherzbolde, Scharlatane und Sensationsjournalisten publizieren immer wieder Bilder von angeblichen Skelettfunden riesiger Menschen. Doch nichts davon ist wissenschaftlich haltbar, alles Fakes und Hoaxes.

Gustaf Dalmans Entdeckung eines Dolmen in der Nähe von Amman, dessen Größe den Angaben in Dtn 3,11 annähernd entspricht, hat Anlass zu der Vermutung gegeben, dass aus der Existenz solcher neolithischer Megalithgräber auf die Riesen der Vorzeit rückgeschlossen wurde. So könnten nach Werner Keller die von Mose ausgesandten Kundschafter in Wahrheit solche Dolmen bei Hebron gesehen haben. (Ausgedehnte Dolmenfelder gibt es im Ostjordanland und in geringerem Umfang in Galiläa. Die Dolmen stammen überwiegend aus dem 4. und 3. Jahrtausend.)

Auch im Dt. heißen die Dolmen „Hünengräber“ (Hüne = Riese, wobei ihre Funktion als Gräber nicht gesichert ist). Saxo Grammaticus (12. Jh. n.Chr.) sagt in der Vorrede seiner Geschichte der Dänen:

1 Danicam vero regionem giganteo quondam cultu exercitam eximiae magnitudinis saxa veterum bustis ac specubus affixa testantur. Dass das dänische Gebiet einst durch die Bearbeitung von Riesen bestellt wurde, bezeugen die außerordentlich großen Felsen, die an den Grabmälern und Höhlen der Alten befestigt sind.
2 Quod si quis vi monstruosa patratum ambigat, quorundam montium excelsa suspiciat dicatque, si callet, quis eorum verticibus cautes tantae granditatis invexerit. Wenn aber jemand bezweifelt, dass es durch ungeheuerliche Kraft vollbracht worden ist, blicke er empor auf die Höhen gewisser Berge und sage, wenn er es weiß, wer Felsen solcher Größe auf ihre Gipfel gebracht hat.

Vgl. auch die Übers. von Paul Herrmann, S. 12f. Saxo schließt also von der Größe der Steine auf die Größe und Kraft der Erbauer.

Man darf wohl annehmen, dass sich in den Riesen des AT zwei Dinge vermischt haben: historische Erfahrungen mit hünenhaften Einzelkämpfern à la Goliath einerseits und legendenhafte Überlieferungen von den einstigen Bewohnern des gelobten Landes, auf deren Größe aus den Dolmen geschlossen wurde, andererseits. Die Riesen der historischen Zeit können so groß nicht gewesen sein, wenn es den Israeliten unter Josua gelungen ist, sie auszurotten, und die Kämpfer der Davidszeit ihre rephaïtischen Gegenspieler besiegen konnten. (Dass für viele Theologen der gesamte Heptateuch samt den Samuel-Büchern aus historischer Sicht reine Schimäre ist, steht auf einem anderen Blatt.)

Quellen:

Anhang 1: Wie groß können Menschen werden?

Sind Riesen, d.h. Hominiden von 4, 5 oder 6 Metern Größe physiologisch überhaupt möglich? Einfache Antwort: nein.

Die Oberfläche wächst mit dem Quadrat der Länge, das Volumen mit der Kubatur. Verdoppelt man den Radius einer Kugel, vervierfacht sich die Oberfläche und verachtfacht sich das Volumen.

Die Sauerstoffmenge, die die Lungen aufnehmen können, ist abhängig von der Oberfläche des Lungengewebes. Die Sauerstoffmenge, die der Körper benötigt, ist aber abhängig vom Körpervolumen. Dasselbe gilt für die Aufnahme von Nährstoffen über das Verdauungssystem. Dasselbe gilt für die Körpertemperatur. Deshalb haben kleine Tiere ein viel größeres Problem mit der Aufrechterhaltung der Körpertemperatur als große. (Wird ein Lebewesen auf ein Zehntel seiner ursprünglichen Größe verkleinert, wird die Oberfläche, die Wärme abstrahlt, auf ein Hundertstel reduziert, das Volumen aber, das für Stoffwechselarbeit zur Verfügung steht, auf ein Tausendstel. Der Stoffwechsel müsste daher deutlich beschleunigt werden. Das Lebewesen müsste in Relation zu seinem Körpergewicht viel mehr essen und trinken.)

Die verfügbar Muskelleistung wächst mit dem Querschnitt des Muskels, also mit dem Quadrat der Körpergröße. Die benötigte Muskelleistung aber (etwa beim Stiegensteigen) ist proportional zum Körpervolumen. Dasselbe gilt von der Belastbarkeit von Knochen: sie ist proportional zum Querschnitt und nimmt mit dem Quadrat der Körpergröße zu. Die Belastung, die Knochen aushalten müssen, ist aber proportional zum Volumen und nimmt mit der Kubatur der Körpergröße zu. Irgendwann brechen die Knochen durch das eigene Körpergewicht. Sehr schwere Lebewesen müssen entweder wie Wale im Meer leben, um mit dieser Körpermasse überleben zu können, oder sie müssen dickere Knochen und damit einen massigeren, elefantenhafteren Körperbau entwickeln und auch eine andere Körperhaltung, die die auftretenden Kräfte anders verteilt.

Die Fallgeschwindigkeit und die kinetische Energie beim Aufprall sind abhängig von der Masse und damit letztlich proportional zum Volumen. Eine Maus, die 10 m tief fällt, hat kein Problem, ein Elefant hingegen ist mausetot. Große Lebewesen haben also ein viel größeres Verletzungsrisiko bei Stürzen.

Bei steigender Größe muss die Pumpleistung des Herzens bzw. der Blutdruck zunehmen, damit das Blut die Schwerkraft überwindet und bis ins Hirn kommt. Dazu wieder braucht es, wie das Beispiel der Giraffe zeigt, andere Blutgefäße, die diesen Blutdruck aushalten, und ein Ventilsystem, das einen plötzlichen Blutdruckabfall verhindert, wenn man sich niederbeugt.

Michael LaBarbera erklärt diese Dinge wissenschaftlich belastbar und sehr vergnüglich an Hand von Monsterfilmen.

Wie groß können Menschen also werden? Wir wissen es nicht definitiv, aber vermutlich ist 3 m eine ziemlich harte obere Grenze. Der größte Mann, dessen Körpergröße wissenschaftlich verbürgt ist, war 2,72 m groß und er wurde gerade einmal 22 Jahre alt (Robert Wadlow).

Anhang 2: Alfred Boissier, A propos des Nephilîm

A propos des Nephilîm
par Alfred Boissier.
Dans Z.A.T.W. (1910 p. 35) j'ai cherché à établir que Gilgameš était un membre de la famille des nephilîm c. à d. un géant comme le Nemrod de la Genèse. Je n'avais pu donner aucune explication du terme hébreu que les Septante ont rendu par γίγαντες. Je crois pouvoir rattacher maintenant nephilîm à napâlu dont l'idéogramme [zwei Keilschriftzeichen] a été expliqué ainsi par Meissner S.A.I. 3025. Cette restitution napâ[lu] s'impose et napâlu correspond à gabâru et les nephilîm sont des gibbôrim et les gibbôrim sont des fils d'Anaq c. à d. des mârê emuqî. Cette épithète de gabgál est donnée à Ningirsu le vaillant, le fort (Gudea B 9, 27), ce dieu, dans lequel M. Heuzey a reconnu avec sa perspicacité habituelle l'Hercule par excellence (Les origines orientales p. 34 et catalogue des antiquités chaldéennes p. 24). N'est-ce pas Ningirsu qui donne à Eannatum une taille immense (Stèle des Vautours, restitution matérielle par Heuzey et Thureau-Dangin (Paris 1909 p. 45) afin que sa présence seule sur le champ de bataille inspire la terreur à l'ennemi? Et n'est-ce pas comme l'a fait remarquer M. Heuzey, la force qu'exprima avant tout l'art babylonien? De l'union des dieux et des filles des hommes naissent des géants; dans le temple de Jupiter Belus à Babylone il y avait — au dire d'Hérodote — une chapelle où la divinité passait la nuit avec une femme du pays. Après tout, c'est la manière la plus simple d'expliquer l'origine de ces nephilîm, héros renommés dès les temps anciens. (Genèse 6, 4.)
Anlässlich der Nephilîm
von Alfred Boissier.
In Z.A.T.W. [Zeitschrift Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft] (1910 S. 35) habe ich zu beweisen versucht, dass Gilgamesch ein Mitglied der Familie der Nephilim war, d.h. ein Riese wie der Nimrod der Genesis. Ich hatte keine Erklärung geben können für den hebräischen Ausdruck, den die Septuaginta mit gígantes wiedergegeben hat. Ich glaube jetzt die nephilîm mit napâlu verbinden zu können, dessen Ideogramm GAB/DUH-IG/GÁL [MesZL: 298, 136] von Meissner S.A.I. [Seltene Assyrische Ideogramme] 3025 so erklärt worden ist. Diese Wiederherstellung als napâ[lu] drängt sich auf und napâlu [„niederreißen, zerstören“?] entspricht gabâru [= gabbâru „stark“?], und die nephilîm sind gibbôrim [hebr. „Krieger, Helden“] und die gibbôrim sind die Söhne Anaks, d.h. mârê emuqî [„Söhne der Kraft“]. Dieses Attribut gabgál [sum. gaba-g̃ál (so Halloran) „Stärke“?] wird Ningirsu, dem tapferen, dem starken (Gudea B 9, 27), gegeben, diesem Gott, in dem M. Heuzey mit seinem gewohnten Scharfblick den Herakles schlechthin erkannt hat (Die orientalischen Ursprünge S. 34 und Katalog der chaldäischen Altertümer S. 24). Ist es nicht Ningirsu [sumerische Gottheit], der dem Eannatum [König von Lagasch, 25. Jh. v.Chr.] eine riesige Körpergröße gibt (Geierstele, materielle Wiederherstellung durch Heuzey und Thureau-Dangin, Paris 1909 S. 45), damit allein seine Anwesenheit auf dem Schlachtfeld dem Feind Schrecken einflößt? Und ist es nicht, wie M. Heuzey bemerkt hat, die Kraft, die die babylonische Kunst vor allem ausdrückt? Aus der Vereinigung der Götter und der Töchter der Menschen werden die Riesen geboren; im Tempel des Jupier Belus in Babylon gab es – nach den Worten Herodots [1,181,5] – eine Kapelle, wo die Gottheit die Nacht mit einer Frau des Landes verbrachte. Nach allem ist dies die einfachste Art, den Ursprung dieser Nephilim zu erklären, berühmter Helden seit den alten Zeiten. (Genesis 6,4.)

Anhang 3: Joüon Paul, Notes de lexicographie hébraïque

Le sens primitif de פלא n'expliquerait-il pas le mot נפילים « géants », dont l'étymologie est si discutée ? (2). Plusieurs auteurs avaient pensé à פלא en lui supposant le sens de séparation : les נפילים seraient des separati, d'où distincti, insignes(?). Mais quoi de plus naturel que d'appeler les géants « les grands, les hauts » ? Le mot pourrait être une déformation de נפלאים, peut-être sous l'influence d'une étymologie populaire. Peut-être aussi a-t-il existé une racine נפל apparentée à פלא.
***
En résumé, la racine פלא a pour sens primitif, ou du moins premier, être haut, élevé, grand. De ce sens premier dérivent directement l'idée de difficile, impossible et celle de merveilleux, miraculeux.
Au point de vue chronologique, on trouve la racine à tous les stades de la langue. Comme on la rencontre surtout en poésie et dans la prose élevée, il est probable que l'usage lui avait donné une nuance plus ou moins emphatique. Souvent elle représente un sens intensif par rapport à גבהּ ou גדל.
Würde der ursprüngliche Sinn von פלא nicht das Wort נפילים „Riesen“ erklären, dessen Etymologie Gegenstand der Diskussion war? (2). Mehrere Autoren hatten an פלא gedacht, wobei sie ihm den Sinn von Trennung unterstellten: die נפילים wären die separati [„getrennte“], woraus distincti [„unterschiedene“], insignes [„hervorstechende, ausgezeichnete“] (?). Aber was gibt es Natürlicheres als die Riesen „die Großen, die Hohen“ zu nennen? Das Wort könnte eine Verformung von נפלאים sein, vielleicht unter dem Einfluss einer Volksetymologie. Vielleicht hat es auch eine Wurzel נפל gegeben, die פלא geähnelt hat.
***
Zusammengefasst hat die Wurzel פלא als ursprünglichen oder zumindest ersten Sinn hoch, erhöht, groß sein. Von diesem ersten Sinn rühren direkt die Vorstellung des Schwierigen, Unmöglichen und jene des Wunderbaren, Übernatürlichen her.
Aus chronologischer Sicht findet man die Wurzel in allen (Entwicklungs-?)Stadien der Sprache. Da man ihr vor allem in Dichtung und in der gehobenen Prosa begegnet, ist es wahrscheinlich, dass ihr der Gebrauch eine mehr oder weniger emphatische (Bedeutungs-?)Schattierung gegeben hatte. Oft zeigt sie im Vergleich zu גבהּ [„hoch“] oder גדל [„groß“] einen intensiven Sinn.

(2) Voir König : Lehrgebaeude, II, 135.—Boissier (OLZ, 1910, p. 196) rapproche assyr. napālu, synonyme de gabāru, donc nefilīm = gibborīm.

(2) Siehe König: Lehrgebäude, II, 135.— Boissier (OLZ [Orientalistische Literaturzeitung], 1910, S. 196) rückt assyr. napālu heran, synonym mit gabāru, daher nefilīm = gibborīm [„Starke, Helden“].

Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 27. Jan. 2019