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Jesu Salzworte


Neulich (2007) saß ich mit einem alten Bekannten, einem Theologen, im Linzer Posthof. Dabei konfrontierte er mich mit einigen seiner Hypothesen zu ntl. Texten, darunter auch zwei Worten Jesu, in denen es um Salz geht.

Mein Bekannter ist Adept einer Richtung (wiewohl er diese Einschätzung ablehnen würde), die versucht, dunklen Worten Jesu durch Rückübersetzung ins Aramäische einen neuen, plausibleren Sinn abzugewinnen. Das methodische Problem aus meiner Sicht: diese Übersetzungen sind allesamt hypothetisch.

Ich habe mir daraufhin die Salzworte Jesu angeschaut und zu verstehen versucht, worum es geht. Die Notwendigkeit einer Textkonjektur konnte ich dabei nicht erkennen. Ich gebe daher im folgenden mein Verständnis der entsprechenden Textpassagen wieder.

Salz war in der Antike wertvoll, es war unerlässlich als Speisewürze, als Konservierungsmittel zum Einpökeln von Fleisch und Fisch und in der Medizin wegen seiner antiseptischen Wirkung. Auch im Opferkult spielte es bei Juden wie Heiden eine Rolle.

Mk 9,49f

Bei Mk stehen Jesu Worte über das Salz in einer Wortassoziationskette. Jesus warnt zuerst vor der Verführung zum Abfall („wenn dich deine Hand (zu Sünde, Abfall) verführt, hau sie ab“) und sagt dabei von der Hölle: „wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht verlischt“. Feuer gibt das Stichwort für das folgende:

49 Denn jeder wird mit Feuer gesalzen werden.
50 Das Salz ist gut (od. etwas Gutes); wenn aber das Salz unsalzig wird, womit werdet ihr es würzen?
Habt Salz in (od. bei) euch und haltet Frieden untereinander.

Beim ersten Wort (V.49) geht die handschriftliche Überlieferung etwas durcheinander. Die Koine fügt hier „und jedes Opfer wird/soll mit Salz gesalzen werden“ (~ 3Mo 2,13) hinzu. Dabei handelt es sich wohl um eine Randglosse, einen erklärenden Zusatz eines Abschreibers oder Lesers. Das Wort begründet etwas („denn“). Im Anschluß an das vorhergehende soll damit vielleicht gesagt werden, daß jeder Jünger durch das Feuer der Versuchung, des Verzichts, des Opfers gehen muß, um dadurch geläutert, „haltbar gemacht“ zu werden.

Paul Haupt erklärt: „Salted with fire means seasoned by trials, hardened by afflictions.“ („Philological and Archeological Studies“, AJPh 45.3 (1924) 244). Salzen bedeutet hier soviel wie „abhärten, stählen, immunisieren“ (engl. to season heißt sowohl „würzen“, als auch „gewöhnen, abhärten“).

Das zweite Wort (V.50a) ist ohne Kontext schwer zu deuten. Versteht man es wie das erste im Zusammenhang von Jüngerschaft und Nachfolge, so ist es wohl am ehesten gemeint als Warnung an die Christen vor Lauheit.

Das dritte Wort (V.50b) ist in seinem zweiten Satz wohl ein Rückgriff auf den Streit der Jünger V.33-37. Was aber „habt Salz bei/in euch“ heißen soll, ist unklar. Ist es eine Aufforderung zu bedingungsloser Radikalität in der Nachfolge, zu „Power-Discipleship“?

Lk 14,34

Bei Lk steht das Salzwort im Anschluß an Jesu Worte über Nachfolge und Selbstverleugnung: „Keiner von euch, der nicht allem, was er hat, entsagt, kann mein Jünger sein.“

Das Salz ist nun etwas Gutes. Wenn aber auch das Salz fad wird, womit wird (es) (dann) gewürzt werden? Es ist weder für die Erde noch für den Mist geeignet, man wirft es hinaus. Wer Ohren hat zu hören, (der) höre!

Das griech. Verb μωραίνω bedeutet „dumm sein/machen“, im Pass. „~ werden“. Mit Bezug auf das Salz heißt dumm wohl soviel wie „fade, geschmacklos, kraftlos“.

Lukas bietet eine sprachlich tadellose Schlußfolgerung: Das Salz ist (normalerweise) etwas Gutes. Wenn es aber seine Kraft verliert, dann ist es völlig nutzlos. Aus den vorangegangenen Versen ist naheliegend, daß es um Jüngerschaft und Nachfolge geht. Christen, die lau geworden sind, die den „Geschmack der Nachfolge“ nicht mehr in sich tragen und weitergeben, sind nutzlos und werden verworfen werden.

Wie kann Salz seinen Geschmack, seine salzende Wirkung verlieren? Meines Erachtens gar nicht. Die Warnung vor Geschmacksverlust beschreibt einen Vorgang, der in der Bildhälfte des Vergleichs nicht eintreten kann.

Mt 5,13

Am bekanntesten ist dieses Wort in der Version des Mt aus der Bergpredigt:

Ihr seid das Salz der Erde. Wenn aber das Salz fad wird, womit wird (es) (dann) gesalzen werden? Es taugt zu nichts mehr, als, hinausgeworfen, von den Menschen niedergetreten zu werden.

Was bedeutet Salz der Welt? Es bedeutet, daß Christen die Erde vor dem moralischen Verfaulen bewahren. Die „Salzigkeit“ der Christen ist eine Aufgabe in und an dieser Welt.

Ohne Not will Eugen Drewermann hier lesen: „was wollt ihr damit salzen?“ Doch ist seine Argumentation weder sprachlich noch sachlich stichhaltig.


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 27. Mai 2016