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Samariter


Anlass für diese Seite war die Beschäftigung mit Apg 8,5ff (das Christentum gelangt nach Samaria). Ich kann und will RE und WiBiLex keine Konkurrenz machen. Mein Ziel war, das was mir für das Verständnis der biblischen Texte relevant erschien, zusammenzufassen und vor allem die biblischen Quellen zu nennen (die Verweise führen zum BibleServer, vorzugsweise zur Elberfelder Übersetzung). Daneben führe ich eine Handvoll Belegstellen aus Josephus an (die Verweise führen auf Buchscans der Loeb-Ausgabe auf Archive.org).

Meine Quellen:

Nordreich Israel


Karte Palästinas nach der Teilung von Salomos Reich: hellblau die Hauptstädte Jerusalem und Samaria, rot die neuen Heiligtümer Bethel und Dan, gelb Sichem.
Aus: Hurlbut, Jesse L[yman]: [The Rand-McNally] Bible Atlas. A manual of Biblical geography and history.- Überarb. Aufl.- Chicago: Rand, McNally & Co., 1910. S. 86 (Buchscan auf Archive.org).– Lizenz: vermutlich gemeinfrei.– Bearbeitung: ein paar Beschriftungen verschoben oder umgebrochen, farbige Markierungen hinzugefügt.

Als sich um 926 v.Chr. die nördlichen Stämme Israels vom davidisch-salomonischen Reich abspalten, da bemüht sich der König des neugegründeten Nordreichs, Jerobeam, sein Reich auch in religiöser Hinsicht vom Süden unabhängig zu machen. Dazu lässt er zwei Wallfahrtsheiligtümer errichten, eines in Bethel, eines in Dan, und darin jeweils ein goldenes Kalb (d.i. wohl einen Jungstier) aufstellen. Er setzt Nicht-Leviten als Priester ein und und lässt auch mehrere sog. Höhenheiligtümer bauen (1Kön 12,26-32).

Damit ist Jerobeam zwar nicht grundsätzlich von der Verehrung des Gottes Israels abgefallen, denn die Stierbilder sollen wohl JHWH versinnbildlichen. Aber die Errichtung neuer Heiligtümer bedeutet aus der Sicht späterer Rechtgläubigkeit einen Verstoß gegen das Gebot der Zentralisierung des Opferkults (Dtn 12,5-7.11.13f, vgl. Jos 22,9-34). Und die Stierbilder sind ein klarer Verstoß gegen das altbekannte Bilderverbot (Ex 20,4; 34,17). Das Abrutschen in den Baalskult ist vorprogrammmiert.

Die Nachfolger Jerobeams auf dem Thron halten anscheinend immer weniger an der Verehrung JHWHs fest. Das Nordreich liegt an einer wichtigen Handelsroute und hat dadurch Kontakt mit der Religiosität vor allem der Phönikier. Ahab (reg. 871-852) heiratet die tyrische Prinzessin Isebel. Er lässt in der Hauptstadt einen Baalstempel errichten und ein Bild der Aschera anfertigen (1Kön 16,29-33). Zugleich nennt er aber seine Söhne ʾAḥazjâ „Ja(hwe) hat ergriffen, hält fest“ (1Kön 22,52) und Jehôrām (Kurzform Jôrām) „Jahw(e) ist erhaben“ (2Kön 3,1). Diese religiöse Mehrgleisigkeit geißelt der Prophet Elia beim sog. Gottesurteil auf dem Berg Karmel mit den Worten: „Wie lange hinkt ihr (noch) auf beiden Seiten? Wenn JHWH der [wahre] Gott ist, geht ihm nach [d.h. dient ihm], wenn Baal, geht ihm nach.“ (1Kön 18,21).

Ahabs Vater, König Omri, hat um 876 v.Chr. eine neue Hauptstadt gegründet (1Kön 16,24): Samaria, hebr. שֹׁמְרוֺן Šōmerôn, später auf Aram. שָׁמְרַיִן Šāmerajin (nach Albright hyperkorrekt für -rēn), danach griech. Σαμάρεια Samáreia, lat. Samarīa. Nach der Stadt heißt bald auch das von ihr aus beherrschte Gebiet. (Vgl. die Stadt Salzburg und das gleichnamige Bundesland, dessen Hauptstadt die Stadt ist.)

Assyrische Provinz

722 v.Chr. erobern die Assyrer unter Salmanassar V. die Haupstadt Samaria (2Kön 17,6) und vollenden damit die Annexion des Nordreichs, von dem schon vorher unter Tiglat-Pileser Teile erobert worden sind (2Kön 15,29). Das Land wird zur assyrischen Provinz.

Ein fester Bestandteil der assyrischen Eroberungspolitik ist die Deportation unterworfener Völkerschaften (d.h. wohl ihrer Oberschicht). So werden die Einwohner von Samaria ins nordöstliche Mesopotamien und nach Medien deportiert. Im Gegenzug werden Völker aus anderen Teilen des Assyrerreichs nach Samaria umgesiedelt (2Kön 17,24); auch im 7 Jh. unter Asarhaddon (reg. 680-669) und Assurbanipal (reg. 669-631) werden noch Kolonisten ins Land gebracht (Esr 4,2. 9f). Es entsteht das israelitisch-heidnische Mischvolk der Samariter (hebr. שֹׁמְרֹנִים Šomronîm, nur 2Kön 17,29; griech. Σαμαρῖται Samarī́tai, lat. Samaritae), das im Prinzip an der bisherigen religiösen Mehrgleisigkeit festhält; nur dass zu den kanaanitischen Gottheiten Baal und Aschera jetzt weitere syrisch-mesopotamische Götter dazukommen (2Kön 17,29-33).

Die Gesamtbeurteilung der religiösen Praxis dieses Volkes fällt aus der Sicht der JHWH-treuen Geschichtsschreiber des Südens insgesamt ziemlich negativ aus: „Weder fürchten sie JHWH, noch tun sie nach ihren Satzungen und nach ihrem Recht und nach dem Gesetz und nach dem Gebot, das JHWH geboten hat den Söhnen Jakobs [...].“ (2Kön 17,34-41).

Auch dem Versuch Hiskias, des Königs des Südreichs Juda (reg. 725-697), die Israeliten des Nordreichs zu einer gesamtisraelitischen Passahfeier nach Jerusalem zu holen, ist nur mäßiger Erfolg beschieden (2Chr 30,5f. 10f). Für die Gläubigen des Südreichs ein Beweis, dass nur noch sie das Gottesvolk repräsentieren. Dennoch haben sich bei den Samaritern die israelitischen Wurzeln und die JHWH-Verehrung auf lange Frist durchgesetzt.

Persische Zeit

Das Südreich entgeht 701 ganz knapp der Eroberung durch die Assyrer, aber ein gutes Jahrhundert später wird Jerusalem 587 von den Babyloniern unter Nebukadnezar erobert und zerstört (2Kön 25,8-10). Die Oberschicht wird in zwei Wellen nach Babylonien deportiert (2Kön 24,14-16; 25,11f, sog. Babylonisches Exil).

Als die Perser den exilierten Juden 538 die Rückkehr nach Palästina und die Wiedererrichtung des Tempels in Jerusalem erlauben, wollen auch die Samariter, die sich als JHWH-Verehrer verstehen, beim Tempelbau mithelfen. Die Anführer und Sippenhäupter der Juden verweigern ihnen dies jedoch und damit auch die Kultgemeinschaft. (Die theologische Begründung liefert Hag 2,10-14: die kultische Unreinheit der Samariter würde sich auf Tempel und Opfer übertragen.) Die Samariter revanchieren sich, indem sie den Tempelbau nach Kräften torpedieren (Esr 4,1-5). Juden und JHWH-verehrende Samariter bleiben kultisch getrennt.

Dennoch gibt es immer wieder Verbindungen zwischen Juden und Samaritern. So ist etwa der Sohn des Hohenpriesters (nach Josephus sein Bruder) mit der Tochter des persischen Statthalters von Samaria, Sanballat I., verheiratet (Ios. ant.Iud. 11,302). Doch werden diese Verbindungen von den orthodoxen Juden heftig bekämpft, und Nehemia verjagt besagten Hohenpriestersohn deswegen aus Jerusalem (Neh 13,28). Es ist naheliegend, dass dieser nach Samaria zu seinem Schwiegervater geht. Aber nicht er allein: die Bekämpfung der Mischehen veranlasst auch etliche weitere Priester, ihm nach Samaria zu folgen (Ios. ant.Iud. 11,312). Ja Samaria wird geradezu zu einem Auffangbecken für JHWH-Verehrer, die mit den Vertretern der strikten Observanz in Juda in Konflikt geraten sind (Ios. ant.Iud. 11,346).

Josephus verlegt diese Ereignisse allerdings in die Zeit Alexanders des Großen. Es scheint, dass er Sanballat I. mit Sanballat III. verwechselt.
Josephus nennt die Samariter meist Χουθαῖοι Khouthaíoi (=hebr. כּוּתִים Kûtîm) „Kutäer“, nach einer der Landschaften, aus denen unter den Assyrern Nicht-Israeliten ins Land gebracht wurden, nämlich hebr. כּוּת Kût oder כּוּתָה Kûtâ (heute Tell Ibrahim, nordöstlich von Babylon, rund 50 km südlich von Bagdad). Hinter dieser Bezeichnung steckt die Absicht, den Samaritern die israelitischen Wurzeln abzusprechen und sie als heidnisches Volk darzustellen.

Etwa um diese Zeit (2. Hälfte des 5. Jh.) beginnen die Samariter mit der Errichtung eines Heiligtums auf dem Berg Garizim bei Sichem. Der Garizim ist nach der samaritanischen Textfassung der Berg, auf dem die Israeliten nach dem Übergang über den Jordan nach Gottes Befehl Gedenksteine und einen Altar errichten und Opfer darbringen sollen (Dtn 27,4-7, vgl. Jos 8,30-32), und von dem her(ab) das Volk dann gesegnet werden soll (Dtn 27,12). Dieses Heiligtum entwickelt sich zum Kultzentrum der JHWH-verehrenden Samariter und somit zum samaritanischen Gegenstück zum Tempel in Jerusalem.

Manche Wissenschaftler halten Josephus' Datierung für den Bau des Tempels auf dem Garizim für korrekt. Er wäre demnach erst in der 2. Hälfte des 4. Jh. entstanden. Allerdings geht es dabei anscheinend mehr um die Datierung des Pentateuchs als des Garizimtempels (der den Pentateuch offenbar voraussetzt).

Im NT heißen die Samariter auf Lat. Samaritani. Danach nennt man heute in der wissenschaftlichen Diskussion die religiöse Gruppierung, deren Kultzentrum der Berg Garizim ist, Samaritaner, im Gegensatz zu den Bewohnern Samarias, den Samaritern (oder neuerdings Samariern, eine Wortschöpfung, die wir so dringend gebraucht haben wie einen Kropf). Allerdings gibt es für die Antike kaum einen Unterschied: die Samaritaner waren Samariter; und seit der Tempel auf dem Garizim stand, waren die Samariter Samaritaner. Die heutigen Samaritaner hingegen bezeichnen sich selbst als Israeliten.

Hellenistische Zeit

Auch Antiochus IV. Epiphanes hält das Heiligtum auf dem Garizim für ähnlich bedeutend wie jenes auf dem Zion und behandelt daher 167 v.Chr. beide gleich (2Makk 5,22f; 6,1f). Das Judentum hingegen äußert sich zum Teil sehr verächtlich über die Samariter (z.B. Sir 50,25f).

Als die Juden die Macht dazu haben, zerstören sie unter dem Hasmonäer Johannes Hyrkanos I. in zwei Kampagnen (um 128 v.Chr. und noch einmal etwa 20 Jahre später) zunächst das Heiligtum auf dem Garizim, dann auch die Städte Sichem und Samaria (Ios. ant.Iud. 13,255f). Münzfunde lassen darauf schließen, dass hasmonäische Truppen auf dem Berg stationiert sind. Die Samariter sollen wohl daran gehindert werden, den Garizim zu betreten. Als die Römer durch Pompeius 63 v.Chr. die Herrschaft in Palästina übernehmen, erlangen die Samariter ihre religiöse Autonomie zurück. Pompeius lässt die Stadt Samaria wieder aufbauen. Das Heiligtum auf dem Garizim aber wird nicht wiedererrichtet.

Die Wissenschaft ist heute der Ansicht, dass erst diese Zerstörung des Tempels auf dem Garizim zum definitiven Bruch zwischen Samaritern und Juden geführt hat.

Neutestamentliche Zeit

Herodes (der Große) lässt ab 27 v.Chr. die Stadt Samaria ausbauen und vergrößern und benennt sie zu Ehren des Kaisers Augustus um in Σεβαστή Sebastḗ „(die) Ehrwürdige, Kaiserliche“ (~ lat. Augusta).

Noch heute heißt der Ort arab. سبسطية‎‎ Sebasṭija, und man kann dort die Ruinen des antiken Sebaste / Samaria besichtigen.

Wenn Jesus von Galiläa nach Judäa oder zurück reiste, konnte er entweder den Umweg durch das Jordantal nehmen (z.B. Mt 19,1) oder die Direttissima durch Samaria. Dass letzteres mitunter problematisch war, berichtet Lk 9,51-56: weil Jesus und seine Jünger nach Jerusalem wollen, gewährt man ihnen in einem Dorf keine Unterkunft für die Nacht.

Auf einer solchen Reise mitten durch Samaria macht Jesus zur Mittagszeit Rast bei Sychar (in der Nähe des zerstörten Sichem und damit in Sichtweite des Garizim) und trifft am Jakobsbrunnen auf eine samaritische Frau. (Dass die Frau in der Mittagshitze zum Brunnen geht, wenn normalerweise niemand dort ist, verweist auf eine gesellschaftliche Außenseiterposition.) Jesus spricht die Frau an; es entspinnt sich ein Gespräch, in dem die Frau, um von ihren persönlichen Problemen abzulenken („fünf Männer hast du schon gehabt...“), die Frage auf den alten Streitpunkt bringt: „Unsere [samaritanischen] Väter haben auf diesem Berg [=Garizim] angebetet; und ihr [Juden] sagt, dass in Jerusalem der Ort ist, wo man anbeten muss.“ (Joh 4,20).

Die genaue Lage von Sychar ist nicht gesichert, vermutlich das heutige arab. عسكر ʿAskar. Der Brunnen ist noch erhalten und befindet sich heute in der Krypta der Kirche St. Fotini des griechisch-orthodoxen Klosters Bir Ya'qub in Nablus.

Die Beispielerzählung vom barmherzigen Samariter hat seine Pointe darin, dass der Priester und der Levit aus Jerusalem (vom richtigen Ort der Anbetung) kommen, aber vorbeigehen. Der Samariter jedoch (der nach jüdischer Anschauung Gott nicht am richtigen Ort verehrt) erbarmt sich und leistet tätige Hilfe (Lk 10,30-35).

Neben dem barmherzigen Samariter steht der dankbare Samariter. Jesus trifft im Grenzgebiet zwischen Galiläa und Samaria eine (offenbar ethnisch gemischte) Gruppe von zehn Aussätzigen und heilt sie. Nur einer kommt zu Jesus zurück, fällt vor ihm nieder und dankt ihm – und das ist ein Samariter (Lk 17,11-19).


Ausschnitt aus einer Seite einer alten samaritanischen Handschrift.
Aus: Barton, William E[leazar]: The Samaritan Pentateuch: The story of a survival among the sects.- Oberlin: The bibliotheca sacra co., 1903. S. 6 (Buchscan auf Archive.org).– Lizenz: vermutlich gemeinfrei.

Die Samaritaner anerkennen (wie die jüdischen Sadduzäer) nur den Pentateuch als heilige Schrift. Sie erwarten für die Endzeit eine dem jüdischen Messias vergleichbare Gestalt (weshalb die Samariterin am Jakobsbrunnen sagen kann: „Ich weiß, dass Messias kommt (der sogenannte Gesalbte); wenn jener kommt, wird er uns alles verkünden.“ Joh 4,25). Sie berufen sich dabei auf Dtn 18,18: „Einen Propheten wie dich [=Mose] lasse ich ihnen aus der Mitte ihrer Brüder aufstehen. Und ich werde meine Worte in seinen Mund geben. Und er wird zu ihnen alles reden, was ich ihm befehle.“ Vermutlich erst in späterer Zeit heißt diese Gestalt Taheb (wohl vom Part. von aram. תוב twb „zurückkehren“, also „Rückkehrer“, nach anderen „Wiederhersteller“).

Für ihr religiöses Schrifttum und den Pentateuch verwenden die Samaritaner bis heute die sog. samaritanische Schrift, die von der althebräischen Schrift abstammt. Dagegen verwenden die Juden seit dem Babylonischen Exil mehr und mehr die aramäische Schrift, aus der sich die hebräische Quadratschrift entwickelt. Gemeinsamer Vorfahr dieser Schriften ist die phönikische Schrift.

Das Christentum hat nach der Apg schon früh die Samariter erreicht: nachdem nach der Steinigung des Stephanus eine erste Christenverfolgung in Jerusalem anhebt, zerstreuen sich die Christen (zumindest die griechischsprachigen). Philippus kommt in eine Stadt Samarias (welche wird nicht gesagt) und verkündigt Christus; und offenbar werden viele Menschen gläubig (Apg 8,5.8).

Nach V. 5 kommt Philippus „in die Stadt Samarias“ (εἰς τὴν πόλιν τῆς Σαμαρείας), so die Haupthandschriften cod. Vaticanus, Alexandrinus und Sinaiticus. Das wird wohl die Hauptstadt sein, die zu dieser Zeit Sebaste heißt. Offenbar mag Lukas diesen (den Kaiser verherrlichenden) Namen nicht und lässt ihn daher ungesagt. Nach Th. Zahns Kommentar ist die Stadt hingegen Sichem (das aber m.W. zu dieser Zeit nicht mehr existierte). Cod. Ephraemi, Bezae Cantabrigiensis und die Handschriften der sog. Koine lassen den Artikel τὴν weg, die sahidische und bohairische Übers. haben den unbestimmten Artikel, Philippus kommt also „in eine Stadt Samarias“. Dann wäre der Name für die Leser nicht viel mehr als „irgend eine sinnlose Buchstabenverbindung“ (Zahn) und Lukas nennt ihn deshalb nicht.

Römische und christliche Zeit

72 n.Chr. gründet Kaiser Vespasian in der Nähe des früheren Sichem die Stadt Flavia Neapolis (das heutige arab. نابلس Nāb(u)lus). Unter Kaiser Hadrian (reg. 117-138 n.Chr.) wird für die Bewohner von Neapolis auf dem Garizim ein Zeustempel errichtet. Es ist vermutlich dieser Tempel, der auf Münzen aus der Zeit des Antoninus Pius (reg. 138-161 n.Chr.) abgebildet ist.

Ende des 5. Jh. entsteht auf dem Garizim eine christliche Kirche. Als Kaiser Justinian 529 die Religion der Samaritaner verbietet, kommt es zum Aufstand der Samaritaner, der zunächst sehr erfolgreich ist, aber 531 von Justinian blutig niedergeschlagen wird. 533 lässt Justinian dann eine Festung auf dem Garizim zum Schutz der Kirche errichten.

Die Zahl der Samaritaner sinkt in Folge durch die Islamisierung Palästinas und die strenge Endogamie (Samaritaner dürfen nur untereinander heiraten) bis zum Ende des 1. Weltkriegs auf rund 150. Sie erholt sich dann aber durch die Erlaubnis, auch Juden zu heiraten, leicht, beträgt aber heute noch deutlich unter 1000.

Im Gegensatz zum heutigen Judentum haben die Samaritaner immer noch einen Hohenpriester. Sie sind bekannt dafür, dass sie das Passahfest auf dem Garizim unter freiem Himmel feiern und dabei Schafe schlachten.

Geographie


Reliefkarte von Ebal, Garizim und dem antiken Sichem.
Quelle: Maps for Free / Relief Map.– Urheber: Hans Braxmeier, OpenStreetMap contributors, SRTM bei USGS u.a.– Lizenz: Creative Commons CC0.– Bearbeitung: aufgehellt, Markierungen und Beschriftungen hinzugefügt.

Zwischen den Höhenrücken des Garizim im Süden und des Ebal im Norden verläuft von NW nach SO ein Tal, in dem sich heute Nablus ausbreitet. Das biblische Sichem wird am östlichen Ausgang des Tales vermutet. Zumindest befindet sich dort der Archäologische Park Tell Balāṭa mit den ausgegrabenen Überresten einer in die Bronzezeit zurückreichenden Siedlung. Es gibt andere Lokalisierungsvorschläge; man lasse sich aber nicht durch die Tatsache täuschen, dass Nablus auf israelischen Karten als שְׁכֶם Šeḵæm (engl. Shechem, Shkhem) verzeichnet ist. (Ungefähr so wie auf griechischen Karten der Türkei Istanbul immer noch Konstantinopel heißt.)

Nur einen guten halben km südöstlich des Archäologischen Parks ist der Jakobsbrunnen. Askar (das mutmaßliche Sychar) liegt rund 2 km östlich des Parks, Sebasṭija (die antike Stadt Samaria / Sebaste) 10 km nordwestlich.


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 28. Okt. 2017