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Vulgata


Vetus Latina

Der Apostel Paulus schrieb seinen Brief an die Christen in Rom oder in Philippi (einer Stadt, die den dort gefundenen Inschriften zufolge überwiegend lateinischsprachig war) auf Griechisch. Er konnte also darauf bauen, dass die Mehrheit seiner Adressaten Griechisch verstand. Doch dürfte man spätestens im 2. Jh. begonnen haben, für die Christen des lateinischen Westens, die des Griechischen nicht mächtig waren, das griechische AT (die LXX), die Evangelien, die Paulusbriefe usw. ins Lateinische zu übersetzen.

Diese frühen Übersetzungen der Bibel ins Lateinische bezeichnet man heute als Vetus Latina „alte lateinische“ (erg. versio „Übersetzung“) oder auch als Itala „italische“.

Im 18. Jh. hat Pierre Sabatier diesen Text zusammen mit dem Text der Vulgata Sixto-Clementina (s.u.) in drei Bänden herausgegeben: Bd. 1: AT Gen-Hi (1743), Bd. 2: AT Ps-2Makk (1743), Bd. 3: NT (1751) (alle drei bei archive.org). Seit den 1950er Jahren werden die Texte neu herausgegeben von der Erzabtei Beuron (einzelne Faszikel auf archive.org verfügbar).

Hieronymus' Vulgata

Papst Damasus I. (reg. 366-384) beauftragte 382 Hieronymus (347-420) mit der Überarbeitung der vorhandenen lat. Übersetzungen des NT. 385 verließ Hieronymus Rom (Damasus war inzwischen gestorben) und siedelte sich schließlich in Bethlehem an. Dort machte er sich an die Neuübersetzung einiger Bücher des AT aus dem Griech. Seit 393 arbeitete er an der Übersetzung des ganzen AT aus dem Hebr. Diese Arbeit war 405 abgeschlossen. (Laut dem Wikipedia-Art. Vulgata hat Hieronymus aber nicht aus dem Hebr. übersetzt, sondern wieder nach der LXX bzw. nach der Hexapla des Origines, einer Art antiker Tusculum-Ausgabe. Das Ausmaß an Hebräischkenntnissen, die die Wissenschaft dem Hieronymus zugesteht, schwankt stark.)

Diese lat. Version fand zunächst nur langsam Verbreitung, war aber spätestens seit dem 9. Jh. und dann das ganze Mittelalter hindurch der allgemein verbreitete und verwendete Bibeltext. Daher auch sein Name Vulgata „allgemein verbreitete“.

Von den Psalmen gibt es zwei Versionen. Das Psalterium iuxta Hebraeos „Psalter nahe den Hebräern“ ist die (zumindest dem Namen nach) aus dem Hebr. übersetzte Version des atl. Buches der Psalmen. Das Psalterium Gallicanum „galli(kani)scher Psalter“ hingegen ist der Text der Vetus Latina, korrigiert nach der LXX (oder der Hexapla).

1969 erschien erstmals die von Robert Weber und Roger Gryson herausgegebene wissenschaftliche Ausgabe des Hieronymus-Textes. Die Online-Ausgabe auf bibelwissenschaft.de ist leider völlig interpunktionsfrei, was herkömmlichen editorischen Prinzipien eigentlich widerspricht. Eine weitere Online-Quelle ist die Vulgata, versio BBS von Mark Fuller bei der Bibliotheca Augustana.

Vulgata Sixto-Clementina

Die Reformation wandte sich bewusst wieder dem hebr. und griech. Urtext zu und machte ihn zur Grundlage ihrer Übersetzungen (Luther, Zürcher, Tyndale). Die katholische Kirche hielt jedoch an der Vulgata fest und erklärte sie im Konzil von Trient 1546 zur verbindlichen Textgrundlage. Papst Sixtus V. (reg. 1585-1590) veranlasste 1590 die Herausgabe einer verbesserten Vulgata, der sog. Sixtina. Diese wurde unter Papst Clemens VIII. (reg. 1592-1605) ab 1592 noch einmal überarbeitet. Das Ergebnis war die sog. (Sixto-)Clementina. Die Sixto-Clementina ist es auch, die im griech.-lat. Nestle/Aland, dem Novum Testamentum Graece et Latine abgedruckt ist (zumindest in der 22. Aufl, die bei mir im Regal steht).

Nova Vulgata

Im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil veranlasste die katholische Kirche eine stilistische und textkritische Neubearbeitung der Vulgata. 1979 erschien die Nova Vulgata.

Textvergleich

Worin unterscheiden sich diese Vulgata-Ausgaben? Hier drei kurze Textvergleiche. Als erste Spalte ist die Vetus Latina beigegeben. Die Quellen:

Ich habe Groß-/Kleinschreibung und Interpunktion der Quellen unverändert übernommen, lediglich Ligaturen (&, æ, œ) habe ich aufgelöst. Dem Text von Weber/Gryson habe ich Interpunktion hinzugefügt.

Zunächst der Anfang des atl. Schöpungsberichtes, Gen 1,1-3:

Vetus Latina Hieronymus Sixto-Clementina Nova Vulgata
Sabatier (archive.org) Weber/Gryson (bibelwissenschaft.de) ibibles.net vatican.va
1 In principio fecit Deus coelum et terram. In principio creavit Deus caelum et terram. In principio creavit Deus caelum et terram. In principio creavit Deus caelum et terram.
2 Terra autem erat invisibilis et incomposita, et tenebrae erant super abyssum: terra autem erat inanis et vacua, et tenebrae super faciem abyssi Terra autem erat inanis et vacua, et tenebrae erant super faciem abyssi: Terra autem erat inanis et vacua, et tenebrae super faciem abyssi,
et Spiritus Dei superferebatur super aquam. et spiritus Dei ferebatur super aquas. et spiritus Dei ferebatur super aquas. et spiritus Dei ferebatur super aquas.
3 Et dixit Deus: Fiat lux. Et facta est lux. dixitque Deus: fiat lux! et facta est lux. Dixitque Deus: Fiat lux. Et facta est lux. Dixitque Deus: “Fiat lux”. Et facta est lux.

Die Vetus Latina ist ganz eindeutig eine Wiedergabe des LXX-Textes: V. 1 fecit = ἐποίησεν, V. 2 invisibilis et incomposita = ἀόρατος καὶ ἀκατασκεύαστος „unsichtbar und unbearbeitet (roh)“. Hebr. תֹּ֫הוּ tohû heißt „Wüste, Einöde; Leeres, Eitles, Nichtiges“ (בֹּ֫הוּ bohû „Leere“). Wie die LXX auf „unsichtbar“ kommt, leuchtet nicht recht ein. Vielleicht ist gemeint, dass es auf der Erde noch nichts zu sehen gab.

Die Sixto-Clementina wiederholt in V. 2 die Kopula (erant, im Hebr. steht keine Kopula an dieser Stelle); ansonsten haben die Vulgata-Versionen wortidenten Text.

Das Vaterunser, Mt 6,9b-13:

Vetus Latina Hieronymus Sixto-Clementina Nova Vulgata
Sabatier (archive.org) Weber/Gryson (bibelwissenschaft.de) ibibles.net vatican.va
9 Pater noster, qui es in coelis: sanctificetur nomen tuum, Pater noster, qui in caelis es, sanctificetur nomen tuum. Pater noster, qui es in caelis, sanctificetur nomen tuum. Pater noster, qui es in caelis, sanctificetur nomen tuum,
10 Adveniat regnum tuum. veniat regnum tuum. Adveniat regnum tuum; adveniat regnum tuum,
Fiat voluntas tua in coelo, et in terra. fiat voluntas tua, sicut in caelo et in terra. fiat voluntas tua, sicut in caelo et in terra. fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
11 Panem nostrum quotidianum da nobis hodie. panem nostrum supersubstantialem da nobis hodie. Panem nostrum supersubstantialem da nobis hodie, Panem nostrum supersubstantialem da nobis hodie;
12 Et dimitte nobis debita nostra, et dimitte nobis debita nostra, et dimitte nobis debita nostra, et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris. sicut et nos dimisimus debitoribus nostris. sicut et nos dimittimus debitoribus nostris. sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
13 Et ne passus nos fueris induci in tentationem. et ne inducas nos in temptationem, Et ne nos inducas in tentationem, et ne inducas nos in tentationem,
Sed libera nos a Malo. sed libera nos a malo. sed libera nos a malo. Amen. sed libera nos a Malo.

Das griech. ἐπιούσιος epioúsios in V. 11 ist ein hapax legomenon und wohl ein Neologismus des Evangelisten. Es kann verstanden werden als ἐπὶ τὴν οὖσαν epí tēn oúsan (erg. ἡμέραν hēméran) (von ἐπ-εῖναι ep-eínai „darauf-, daran-, da-, vorhanden sein“) „für den heutigen Tag“ (Rienecker, Schlüssel: „was für d. vorliegenden Tag bestimmt ist“). Dann wäre es eine inhaltliche Entsprechung zu dem hebr. Ausdruck דְּבַר־יֹום בְּיֹומֹו debar-jôm bejômô in Ex 16,4, den Gesenius mit „n. d. Erfordernisse eines jeglichen Tages“ wiedergibt (die Menge Manna, die die Israeliten jeden Tag außer am Sabbat sammeln sollen). Schirlitz versteht es ohne hēméran als „was vorhanden ist“ im Sinne von „hinreichend, genügend“.

Andere fassen es auf als ἐπὶ τὴν οὐσίαν epí tēn ousían „für das Dasein“ (Menge, Taschenwörterb. 36. Aufl.: „(zum Lebensunterhalt) nötig“). In diesem Sinne ist wohl auch die syr. Peschitta zu verstehen: ܠܰܚܡܳܐ ܕܤܽܘܢܩܳܢܰܢ laḥmâ de-sunqānan „Brot unseres Bedarfs”, d.i. „das Brot, das wir brauchen“. (Der curetonianische Mt hat, wenn ich richtig gelesen habe, ܐܰܡܺܝܢܳܐ amînâ „bleibend, immerwährend, ewig“.) Beide Auffassungen sind abgedeckt durch die vereinfachende, aber m.E. sachlich treffende Wiedergabe quotidianus „täglich“ der Vetus Latina. Ihr folgen auch die meisten dt. Übersetzungen.

Oder es wird zu ἡ ἐπ-ιοῦσα hē ep-ioúsa „der folgende Tag“ gestellt (von ἐπ-ιέναι ep-iénai „herankommen“), also „für den folgenden Tag“ (Pape: „bis zum folgenden Tag ausreichend“, dann wäre es inhaltlich identisch mit der ersten Auffassung). Die koptischen Übersetzungen verstehen es im Sinne von „zukünftig, für die Zukunft“: sahid. ⲉⲧ-ⲛⲏⲩ et-nēu „zukünftig“ (wörtl. „was kommt“, also dieselbe Analogie wie im Griech.), bohair. ⲛ̄ⲧⲉ ⲣⲁⲥϯ ente rasti „des morgigen Tages“. Aber Gott wird ja wohl darum gebeten, dass er jeden Tag das gibt, was für diesen Tag zum Leben gebraucht wird; kaum darum, dass er uns heute schon gibt, was wir erst morgen brauchen. (Allenfalls könnte man es verstehen als Bitte darum, dass Gott ein wenig mehr gibt, als nur das zum Überleben Allernotwendigste, dass Gott uns der Sorge für den morgigen Tag enthebt.) Auch die Bitte um ein „Zukunftsbrot“, d.i. ein endzeitliches Brot, das Gastmahl im Reich des Messias o.ä. vermag ich nicht zu sehen.

Die Vulgata übersetzt supersubstantialis, was Georges als „zum Lebensunterhalt notwendig“ versteht (ähnlich Lewis/Short: „necessary to support life“, dagegen Stowasser: „zukommend, betreffend; täglich“). Aber das ist wohl eher die Wiedergabe von ἐπιούσιος. Super-substantialis dürfte vielmehr „übernatürlich, geistlich“ o.ä. bedeuten. Und der Vers wird von katholischen Auslegern gern auf „das Brot des Lebens, den Leib Christi“ bezogen. Wie Hieronymus zu dieser Auffassung kommt, ist nicht klar, denn lat. super entspricht nicht dem griech. ἐπί. Angemerkt sei auch, dass Hieronymus ἐπιούσιος in Lk 11,3 mit cotidianus wiedergegeben hat. S. auch die ausführliche Diskussion dazu im engl. Wikipedia-Art. Epiousios.

Von der Wortstellung in V. 9 und V. 13 und dem sachlich irrelevanten Unterschied zwischen veniat und adveniat in V. 10 abgesehen gibt es nur einen nennenswerten Unterschied: Hieronymus hat in V. 12 Perfekt dimisimus, er hat im Griech. offenbar den Aorist ἀφήκαμεν aphḗkamen gelesen (so etwa in den codd. Vaticanus und Sinaiticus). Dieser Lesart geben auch die neuzeitlichen Ausgaben des griech. Urtextes unisono den Vorzug. Die Sixto-Clementina dagegen übersetzt mit Präsens dimittimus, denn die damals maßgeblichen Textausgaben des griech. NT haben das Präsens ἀφίεμεν aphíemen (so in den Hss. des von Nestle sog. Koine-Textes, auch Byzantinischer Texttyp oder Mehrheitstext genannt). Unverständlicherweise folgt die Nova Vulgata hier weiterhin der Sixto-Clementina.

Das bekannte Wort Jesu in Joh 3,16 aus dem Gespräch mit Nikodemus:

Vetus Latina Hieronymus Sixto-Clementina Nova Vulgata
Sabatier (archive.org) Weber/Gryson (bibelwissenschaft.de) ibibles.net vatican.va
Sic enim dilexit Deus mundum, ut Filium suum unigenitum daret: sic enim dilexit Deus mundum, ut Filium suum unigenitum daret, Sic enim Deus dilexit mundum, ut Filium suum unigenitum daret: Sic enim dilexit Deus mundum, ut Filium suum unigenitum daret,
ut omnis qui credidit in eum, non pereat, sed habeat vitam aeternam. ut omnis, qui credit in eum, non pereat, sed habeat vitam aeternam. ut omnis qui credit in eum, non pereat, sed habeat vitam aeternam. ut omnis, qui credit in eum, non pereat, sed habeat vitam aeternam.

In der Vetus Latina nicht recht erklärbar ist das Perfekt credidit. Ansonsten kein Unterschied zur Vulgata.

Unterschied nur bei der Wortfolge im Hauptsatz (die Sixto-Clementina hat Subjekt–Prädikat); ansonsten wortident. Man sieht, dass sich die Vulgata-Versionen letztlich nur geringfügig unterscheiden.

Die Stelle mit dem Comma Johanneum, 1Joh 5,7f:

Vetus Latina Hieronymus Sixto-Clementina Nova Vulgata
Sabatier (archive.org) Weber/Gryson (bibelwissenschaft.de) ibibles.net vatican.va
tres sunt, qui testimonium perhibent in terra: aqua, sanguis, et caro: et hi tres in nobis sunt. quia tres sunt qui testimonium dant: Quoniam tres sunt, qui testimonium dant in caelo: Pater, Verbum, et Spiritus Sanctus: et hi tres unum sunt. Quia tres sunt, qui testificantur:
Et tres sunt, qui testimonium perhibent in coelo: Pater, Verbum, et Spiritus: et ii tres unum sunt. spiritus et aqua et sanguis; et tres unum sunt. Et tres sunt, qui testimonium dant in terra: spiritus, et aqua, et sanguis: et hi tres unum sunt. Spiritus et aqua et sanguis; et hi tres in unum sunt.

Die Situation bei der Vetus Latina ist unklar. Die Mehrheit der Textzeugen scheint das Comma (in leicht veränderter Form) zu haben, vielfach aber wohl von späterer Hand hinzugefügt. Und die Verse 7 und 8 sind in der Reihenfolge vertauscht.

Das Comma Johanneum (die oben fett ausgezeichneten Worte) taucht zwar bereits bei Kirchenvätern ab dem 4./5. Jh. auf, doch in Handschriften des griech. NT ist es erst sehr spät (14. Jh.?) bezeugt. Hieronymus kannte es offenbar nicht. Die Sixto-Clementina hat es aufgenommen, die Nova Vulgata wieder ausgeschieden. Im übrigen zeigt sich eine leichte Variation in der Wortwahl (quia vs. quoniam, testimonium dant vs. testificantur, tres vs. hi tres, unum sunt vs. in unum sunt).


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 20. Mai 2018