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Krethi und Plethi


So sagt man gelegentlich für „alle möglichen Leute“ (s. das Gedicht Krethi und Plethi von Kurt Tucholsky auf Textlog). Der Ausdruck stammt aus der Lutherbibel, es ist die Bezeichnung für eine stehende Söldnertruppe unter König David (2Sam 8,18; 15,18; 20,7.23 Qere; 1Kön 1,38.44; 1Chr 18,17). Da Benaja, der Anführer der Krethi und Plethi, Oberster von Davids Leibwache genannt wird (2Sam 23,23), betrachtet man die Krethi und Plethi üblicherweise als Davids Leibwache.

Luther wusste mit dem hebr. הַכְּרֵתִי וְהַפְּלֵתִי ha-kkeretî we-ha-ppeletî offenbar nichts anzufangen und gab die Wörter als Eigennamen wieder; wie übrigens auch die Septuaginta ὁ χερεθθι (a. χελεθθι, χεττι) καὶ ὁ φελεθθι (a. φελεττι, φελετθι) „der Cheretthi (Cheletthi, Chetti) und der Phelett(h)i“ übersetzt (Einzahl), die Vulgata Cherethi et Felethi (Mehrzahl). (Im Hebr. handelt es sich um kollektive Singulare, so wie man im Dt. sagt: „der Deutsche [Einzahl] trinkt im Jahr durchschnittlich 110 l Bier“.) Der Targum Jonathan hat וְקַשָתַיָא וְקַלָעַיָא we-qaššātajjâ we-qallāʿajjâ „Bogenschützen und Schleuderer“, was wohl ebenso ins Blaue geraten ist, wie in der Peschitta das ܚܺܐܪܷ̈ܐ ܘܦܳܠܚ̈ܶܐ ḥîrê we-palḥê „Freie und Diener“.

Gesenius verzeichnete in seinem Thesaurus die Wörter als nomina agentis, nämlich in der Bedeutung carnifex „Henker, Scharfrichter“ und cursor publicus „Läufer, Eilbote“. Ersteres leitet er von hebr. krt „abschneiden, fällen, ausrotten“ ab, letzteres von einer im Hebr. nicht belegten Wurzel plt, zu der er arab. فلت flt stellt, das Lane in seinem Arabischlexikon mit „escape, get away, go forth quickly“ u.ä. wiedergibt (was hebr. plṭ entspricht).

Caspari leitet Pletî von plṭ „entkommen“ (mit Assimilation des an das nachfolgende t von Kretî) ab und versteht es als „Überläufer“. Kretî hingegen bedeute – nach Halévy, séparé, expatrié „getrennt, heimatvertrieben“ – „der im Banne lebende, der keine Heimat hat“ (d.h. wohl der, wie von Gen 17,14; Ex 12,15; 31,14 u.a. für verschiedene religiöse Vergehen gefordert, ausgerottet [= verbannt?] wurde).

Den Etymologien Gesenius' und Casparis steht jedoch die Wortbildung entgegen: Nomina auf sind Nisbe, d.h. denominale Zugehörigkeitsnomina, meist Gentilizia (Völkernamen), wie z.B. פְּלִשְׁתִּי pelištî „Philister“, חִתִּי ḥittî „Hethiter“, מוֹאָבִי môʾabî „Moabiter“, יִשְׂרְאֵלִי jiśreʾelî „Israelit“, יְהוּדִי jehûdî „Judäer, Jude“, גִּתִּי gittî „Gatiter“, יְבוּסִי jebûsî „Jebusiter“ u.a. Keines der von Caspari genannten Gegenbeispiele verfängt hier: קַדְמוֹנִי qadmônî „östlich“ (zu קַדְמוֹן qadmôn „östlich“, קֶדֶם qædæm „Osten, Orient“), פְּלִילִי pelîlî Bed. unklar (viell. פְּלִילִים pelîlîm = Pl. v. פָּלִיל palîl zu lesen?), פְּנִימִי penîmî „innerer“ (zu פָּנִים panîm „Angesicht“, פְּנִ֫ימָה penîmâ „hinein, drinnen“), אֱוִלִי ʾæwilî „töricht, schlecht“ (zu אֱוִיל ʾæwîl „töricht, Tor“), רַגְלִי raglî „Fußgänger“ (zu רֶגֶל „Fuß, Bein“ rægæl) sind allesamt denominal.

Stellen wie 1 Sam 30,14 נֶגֶב הַכְּרֵתִי nægæb ha-kkeretî „das Südland des Kreti“ (das nach V.16 im oder nahe dem Philisterland liegt), Hes 25,16 עַל־פְּלִשְׁתִּים [...] אֶת־כְּרֵתִים ʿal-pelištîm [...] ʾæt-keretîm „gegen die Philister [...] die Kreter“, Zeph 2,5 גּוֹי כְּרֵתִים [...] אֶרֶץ פְּלִשְׁתִּים gôj keretîm [...] ʾæræṣ pelištîm „Volk der Kreter [...] Land der Philister“ legen nahe, dass auch Krethi und Plethi als Gentilizia zu verstehen sind, weshalb neuere Übersetzungen es als „die K(e)reter und die P(e)leter“ deuten.

Auch für Hes 30,5 אֶרֶץ הַבְּרִית ʾæræṣ ha-bberît „Land des Bundes“ wurde die Lesung אֶרֶץ הַכְּרֵתִי ʾæræṣ ha-kkeretî „Land des Kreti“ vorgeschlagen. Aber der überlieferte Text gibt einen guten Sinn, die Konjektur ist nicht notwendig.

Dabei wird Kreter als eine seltenere Bezeichnung für die Philister, viell. auch für die Bewohner einer Stadt im Philistergebiet angesehen. Ob damit wirklich die Bewohner der Insel Kreta gemeint sind, ist umstritten. Aber so hat es wohl die Septuaginta bei Hes 25,16 (Κρῆτας) und Zeph 2,5 (πάροικοι Κρητῶν) verstanden (während in 1Sam 30,14 nur ein sinnfreies Χολθι, v.l. χελθει, χερηθει, χορρ(ε)ι, „Cholthi, Chelthei usw.“ steht). Nach Dtn 2,23; Am 9,7; Jer 47,4 galt Kaftor (= vermutl. Kreta) als Herkunftsgebiet der Philister. Vgl. Tac.hist. 5,2: Iudaeos Creta insula profugus novissima Libyae insedisse memorant [...] „Man berichtet, dass die Judäer, von der Insel Kreta flüchtig, den äußersten Rand Libyens besiedelten [...]“ – Erinnerung an den sog. Seevölkersturm und daran, dass die Küstenbewohner Palästinas von Kreta stammen? Jedenfalls scheinen die Kreter im Philisterland oder knapp südlich davon gewohnt zu haben.

Wegen der genannten Stellen, in denen die Kreter neben den Philistern genannt werden, liegt es nahe zu vermuten, dass Pleter die Philister sind. Es müsste sich dann um eine Reimbildung mit unetymologischer Ausstoßung des š handeln. Beispiele für solche lautliche Analogiebildungen aus den semit. Sprachen liefert Brockelmann; einige weitere teilt Caspari mit.

Einige Beispiele seien hier aufgeführt. Allerdings ist im Einzelfall die Etymologie ungeklärt, weshalb unklar ist, wie treffend das jeweilige Beispiel ist.

Schon 1727 hatte Lakemacher die Ansicht geäußert, bei den Krethi und Plethi handle es sich um Philister, wobei die Krethi, aus Kreta kommend (daher der Name), die Gegend um Gaza besiedelt hätten, die Plethi das restliche Philisterland.

Gesenius wendet gegen die Synonymie von Kretî und Pletî ein, dass der Ausdruck dann einem Engländer und Britten vergleichbar wäre. Aber vermutlich wäre Österreicher und Deutsche eine bessere Analogie: benachbart, verwandt, gleiche Sprache, aber doch nicht dasselbe.

Schult verweist auf eine punische Votivinschrift, in der der Stifter als ḥnbʿl bn bʿlḥnʾ hpltj „Hannibaal, Sohn des Baalhanno, der Pltj“ bezeichnet wird. Sollte hpltj tatsächlich dem atl. Pletî entsprechen, wäre eine Gleichsetzung mit den Philistern widerlegt: Hannibaal war seinem und seines Vaters Namen nach ein Punier (Phönizier), kein Philister. Aber auch das sagt uns leider nicht, was ein Pletî ist. Möglicherweise jemand aus der Stadt Plt. Aber wo lag das? Vielleicht aber hatte das Wort in der Zwischenzeit eine appellativische Bedeutung angenommen (s.u. zu den Karern).

Ungeachtet der Etymologie mag Caspari mit seiner Einschätzung, bei Davids Leibwache handelte es sich um Personen, die sich in ihrer Heimat nicht mehr blicken lassen durften, recht haben: „andrerseits kommen sie nur durch David wieder zu einer menschenwürdigen Existenz; also ist zu erwarten, daß sie ihm mit einer Art von Hundetreue ergeben sind“ (vgl. den Gathiter Ittai 2Sam 15,21; s.a. 1Sam 27,12). Nach 1Sam 22,2 sammelte David bereits in der Zeit, als er vor Saul auf der Flucht war, eine Truppe „aus Entrechteten und Gescheiterten“ (Stuttgarter Erklärungsbibel). Gesenius hingegen urteilte: sed parum profecto credibile est, Davidem corporis custodes ex illa gente Hebraeis tantopere et invisa et infesta elegisse „aber es ist sicher zu wenig glaubhaft, dass David seine Leibwächter aus jenem den Hebräern so sehr verhassten und feindseligen Volk ausgewählt habe“.

Ähnlich umstritten ist הַכָּרִי ha-kkarî „die Karer“ (2Sam 20,23 Ketib), zweimal in der Wendung הַכָּרִי וְהָרָצִים ha-kkarî we-ha-raṣîm (2Kön 11,4.19), von der Einheitsübersetzung mit „die Karer und Läufer“, von der revidierten Lutherübersetzung mit „die Garde und die Leibwache“ wiedergegeben. Letztere (רָץ Part. v. רוּץ „laufen“) sind nach Wolfgang Zwickel die Soldaten, die neben dem Streitwagen des Königs mitlaufen und seit Rehabeam die Leibwache stellen. Sind die Karî (krj) nur eine Korruptel der Kretî (krtj)? Oder hat sich das Gentilizium „Karer“ (d.h. Söldner aus dem südwestl. Kleinasien) zum Appellativ entwickelt, wie die Schweizer (Gardisten) des Vatikans?

Beispiele für die appellativische Verwendung von Herkunftsbezeichnungen gibt es auch im Dt.: Philister „engstirniger, ungebildeter Mensch, Spießbürger“; österr. Russ(e) „grobe, unsensible (aber auch nicht wehleidige) Person“.

Wir sagen heute Hinz und Kunz, d.i. Heinrich und Konrad, zwei (im Hochmittelalter) alltägliche Vornamen, die für Allerweltsmenschen, Durchschnittstypen, „Otto Normalverbraucher“ und „Lieschen Müller“ stehen (s. den Wikipedia-Art. Hinz und Kunz, Lessings Gedicht Hinz und Kunz auf Wikisource).

Quellen:


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 13. Okt. 2016