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Modus, Status, Corpus


Anlass zu dieser Seite war der Umstand, dass die überwiegende Zahl meiner Entwicklerkollegen (als rühmliche Ausnahme sei Roman genannt) Stati als Mehrzahl für Status verwendet – etwas, bei dem sich dem gelernten Lateiner der Magen umdreht. Ursache dafür dürfte die falsche Analogie von Modus - Modi sein. Oder vielleicht auch die des Ital. lo stato - gli stati.

-us ist eine lat. Endung, die drei verschiedenen Deklinationen angehören kann. Allerdings hat das Dt. die lat. Pluralia nicht immer 1:1 übernommen. Lateinkenntnisse allein reichen hier nicht aus. Ich habe drei Wörterbücher konsultiert, sie werden durch die Siglen D (Duden), Ö (Österr. Wörterbuch) und W (Wahrig) bezeichnet. W- bedeutet, dass das Wort nicht im Wahrig enthalten ist, ÖW- entsprechend weder im Österr. Wörterbuch noch im Wahrig.

Die Wörterbücher haben sich schon vor Jahren der reinen Sprachdeskription verschrieben. Abgesehen von den amtlichen Regelungen beschreiben sie einfach, wie die Sprache von (mehr oder wenig gebildeten?) Sprechern (oder wohl eher Schreibern) verwendet wird. W z.B. basiert auf einer Datenbank, die Artikel des gehobenen Journalismus speichert. Doch ergibt sich hier ein Rückkopplungseffekt: wenn nämlich der Journalist nachschaut, wie es im W steht, und dieser wiederum einen so entstandenen Artikel zur Grundlage seiner Lemmata macht. Und was passiert, wenn Schriftliches (und sei es um des komischen Effekts willen) die vox populi wiedergibt? Doch selbst wenn zehntausend proletarische Großmütter Sätze wie „Schantall, mach ma' die Omma ein Eis!“ absondern, hat das nichts im Wörterbuch verloren. Und wenn zehntausend halbgebildete Autoren der Virus oder der Portikus schreiben, bleibt es einfach nur falsch. Ich gebe im Folgenden wieder, was in den Wörterbüchern steht, doch: Caveat lector!

Nach dem Vorbild des W habe ich bei einigen Wörtern die betonte Silbe durch Punkt (kurz) oder Strich (lang) unter dem Vokal bezeichnet.

o-Deklination

Diese Substantiva gehören im Lat. zu den Mask. der o-Dekl., ihr Pl. endet auf . Im Dt. endet der Pl. aber oft auf -usse oder -en oder ist gleich dem Sg.

dt. Wort Bedeutung Herkunft Genitiv Plural
A̱bakus (W-) Rechenbrett, Deckplatte des Kapitells lat. ắbacus „Tisch(platte), Spiel-, Rechenbrett“ < griech. ἄβαξ ábax „Rechen-, Zeichen-, Spielbrett“ (Herleitung v. hebr. אָבָק ʾabaq „Staub“ ist laut Frisk semantisch willkürlich) Abakus Abaki, D a. Abakusse, Ö a. Abakus
Bonus (W-) Prämie, Rabatt, Gutschrift, Prämienermäßigung lat. Adj. „gut“ (über engl. Vermittlung) Bonus, Bonusses Boni, Bonus, Bonusse
Campus (W-) Universitätsgelände lat. „Feld, Ebene“ (über engl. Vermittlung) Campus Campus, D a. (ugs.) Campusse
Ẹxodus (W-) Auszug; 2. Buch Mose (AT) lat. exodus Titel des 2. Buchs Mose (das vom Auszug der Hebräer aus Ägypten erzählt) < griech. ἔξοδος éxodos „Ausgang, Auszug“ Exodus D kein Pl., Ö Exodusse
Glo̱bulus (W-) Arzneimittelkügelchen lat. „Kügelchen, Kloß, Pille“ (Demin. v. globus) Globulus Globuli
Globus verkleinerte Nachbildung der Erdkugel lat. „Kugel, Ball“ Globus, Globusses Globen, Globusse
Humus organ. Anteile des Bodens, fruchtbare Bodenschicht lat. „Boden, Erde“, fem.! Humus kein Pl.
Kaktus stachelige Pflanze aus der Familie der Cactaceae lat. cactus „Kardone, Spanische Artischocke“ (distelartige Pflanze) < griech. κάκτος káktos ds. Kaktus, a. (ugs.) Kaktusses Kakteen, a. (ugs.) Kaktusse
Krokus Pflanzengattung aus der Familie der Schwertliliengewächse lat. crocus od. crocum „Safran“ < griech. κρόκος krókos ds. Krokus Krokusse, (selten:) Krokus
Luftikus (W-) unzuverlässiger, oberflächlicher Mensch, Windbeutel latinisiert aus dt. Luft Luftikus, Luftikusses Luftikusse
Malus Abzug, Prämienerhöhung lat. Adj. „schlecht“ Malus, Malusses Malus, Malusse
Modus Verfahrensweise lat. „Maß; Art, Weise“ Modus Modi
Mu̱sikus Musikant lat. mū́sicus „Tonkünstler, Musiker“ Musikus Musizi, D a. Musikusse
O̱bolus (a. Ọ-) Beitrag, Spende lat. ŏ́bolus „Obolus“ (antike athen. Scheidemünze) < griech. ὀβολός obolós ds. Obolus Obolus, Obolusse
Organismus Gesamtsystem der Organe, Lebewesen moderne Bildung auf -ismus zu Organ < lat. órganum „Werkzeug, (Musik-)Instrument, Orgel“ < griech. ὄργανον órganon „Werkzeug, Instrument, Organ“ (über frz. Vermittlung) Organismus Organismen
Rhythmus gleichmäßig gegliederte Bewegung oder Abfolge in Tanz, Musik, Sprache und bildender Kunst, regelmäßiger Wechsel lat. „Ebenmaß, Rhythmus“ < griech. ῥυθμός rhythmós „Ebenmaß, Proportion, Takt“ Rhythmus Rhythmen
(das od. der) Virus infektiöses Partikel, nicht-zellulärer Erreger von Infektionskrankheiten lat. „Schleim, Gift“, neutr.! (über engl. Vermittlung?) Virus Viren
Zirkus artistische Darbietungen, Tierdressuren u.ä., meist in einem großen Zelt dargeboten lat. circus „Kreis; Rennbahn“ Zirkus, a. Zirkusses Zirkusse

Der Pl. von Abacus müsste eigentlich Abazi heißen (wie Musizi), tut er aber nicht.
Analog zu Organismus gibt es noch etliche weitere Bildungen auf -smus, Pl. (soweit vorhanden) -smen: Anglizismus, Orgasmus, Kataklysmus usw.
Nur D verzeichnet das Wort Krampus „Muskelkrampf“ (Gen. Krampus, Pl. Krampi). Habe ich nie zuvor gehört und ÖW kennen es nicht.
Der Pl. von modus lautet im Engl. übrigens modi, im Amerikan. auch moduses, selten -sses.

u-Deklination

Diese Subst. gehören im Lat. zu den Mask. der u-Dekl., Pl. auf -ūs. Im Lat. hat der Nom. Sg. kurzes u, Gen. Sg. und Nom. Pl. haben langes u. Im Dt. hat der Sg. immer kurzes, der Pl. hingegen korrekterweise langes u. Die Mehrzahl von Status lautet also Status; wer es ganz genau nehmen möchte, laut DW mit langem u. Allerdings klingt das für unsere Ohren seltsam, da das Dt. keine unbetonten Langvokale kennt. D weist die lange Aussprache für alle unten angeführten Wörter aus, W nur bei Status.

dt. Wort Bedeutung Herkunft Genitiv Plural
Abọrtus Abgang (der Leibesfrucht), Fehlgeburt lat. „Fehlgeburt“ Abortus Abortus (D [-tuːs]), Ö a. Aborte
Ẹxitus Tod lat. „Ausgang; Ende, Ergebnis“ Exitus DW kein Pl., Ö Exitus
Flatus (ÖW-) Darmwind, Blähung, österr. Schas lat. „Blasen, Wehen, Wind“ Flatus Flatus [-tuːs]
Kasus Fall (bes. grammatikal.) lat. casus „Fall, Zufall“ Kasus Kasus (D [-suːs])
Lapsus Versehen, Fehler lat. „Gleiten, Sturz, Fehltritt“ Lapsus Lapsus (D [-suːs])
Passus (W-) Textabschnitt lat. „Schritt“ Passus Passus (D [-suːs])
(der od. die) Pọrtikus (ÖW-) Säulenhalle, von Säulen getragener Vorbau lat. pórticus „offene Halle, Säulengang“, fem.! Portikus Portikus [-kuːs], Portiken
Sexus (W-) biolog. Geschlecht, Geschlechtstrieb lat. „Geschlecht“ Sexus (selten:) Sexus (D [-suːs])
Sinus (W-) (mathemat.) Winkelfunktion; Hohlraum, Vertiefung in Geweben und Organen lat. „Krümmung, Bogen; Bucht; Gewandbausch, Busen“ Sinus Sinus (D [-nuːs]), Sinusse
Status Lage, Zustand lat. „Stehen, Stellung, Zustand“ Status Status (DW [-tuːs], D in älteren Aufl. a. Statusse)
Tịnnitus (W-) subjektiv wahrgenommenes Rauschen oder Pfeifen bei Erkrankungen des Innenohrs lat. tinnī́tus (Betonung auf vorletzter Silbe!) „Klingen, Geklinkel“ Tinnitus Ö kein Pl., D Tinnitus
Usus Brauch, Gewohnheit lat. „Gebrauch; Übung, Erfahrung“ Usus kein Pl.

In den D-Auflagen der 1930er und 1940er Jahre war anscheinend auch der Pl. Statusse erlaubt. Im Engl. ist statuses die häufigste Form (neben -sses und status).
W hat Abortus nicht, allerdings die Form Abort (Gen. -(e)s, Pl. -e, also gleichlautend mit dem Wort für Klosett).

Konsonantische Deklination

Diese Subst. gehören im Lat. zu den Neutra der Konsonant. Dekl., Pl. auf -a, aber mit Stammänderung, die nicht vorhersagbar ist.

dt. Wort Bedeutung Herkunft Genitiv Plural
das Corpus (a. Korpus) Sammlung von Texten, Gesamtwerk lat. corpus „Körper“ Corpus Cọrpora
der Korpus Körper (eines Möbelstücks, eines Musikinstruments, Jesu am Kruzifix) Korpus Korpusse
Genus grammatikal. Geschlecht des Nomens lat. „Geschlecht, Gattung, Art“ Genus Gẹnera
O̱pus (a. Ọ-) (künstler., wissenschaftl. usw.) Werk, Œuvre lat. ŏpus (kurzes o!) „Werk“ Opus O̱pera (od. Ọ-)
Tempus grammatikal. Zeit des Verbums lat. „Zeit“ Tempus Tẹmpora

D kennt auch noch die Korpus „Schriftgrad von 10 Punkt“ (Gen. Korpus, kein Pl.).

Sonstige

Ein paar Wörter sind nicht genuin lat.

dt. Wort Bedeutung Herkunft Genitiv Plural
Krampus strafender Begleiter des Nikolaus, Knecht Ruprecht v. Krampen „Spitzhacke“? Krampusses, a. Krampus Krampusse
Ọktopus (W-) achtarmiger Tintenfisch griech. ὀκτώπους oktṓpous, Gen. -ποδος -podos „achtfüßig“ Oktopus Oktopoden, D a. Oktopusse
(der od. das) Rebus (W-) Bilderrätsel (eigtl. aus der Heraldik stammendes Verfahren, Namen durch Bilder zu verdeutlichen) lat. Abl. Pl. „durch Dinge, Gegenstände“ (v. res „Sache, Ding“) Rebus Rebusse
Schampus Champagner, Sekt verkürzt aus Champagner? Schampus kein Pl.
Turnus regelmäßiger Wechsel, Abfolge mlat. < lat. tornus, -i „Dreh-, Drechseleisen“ Turnus, a. Turnusses Turnusse

Quellen:


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 3. Jan. 2017