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Die Bibel: Rätsel der Geschichte


Die Bibel: Rätsel der Geschichte nennt sich eine 13teilige Doku-Reihe des ZDF History Channel. Doch statt arrivierte Bibelwissenschafter verschiedener theologischer Couleurs zu befragen, werden wissenschaftliche Außenseiterpositionen (manchmal auch aus der Kategorie Nonsens) reißerisch aufgeblasen zu „Entdeckungen“ oder „Enthüllungen“. Weil halt ein ehrliches „wir wissen es nicht“ zu langweilig ist. Dann lieber unwissenschaftlicher Humbug in Form einer unterhaltsamen Doku-Soap. Zum Schluss kommt dann meist ein Vertreter des biblischen Minimalismus zu Wort, der uns erklärt: unwahrscheinlich. Das Enactment ist schwach: dieselben Aufnahmen müssen für Mose und Noah herhalten, dieselben Reitersoldaten für das Heer des Pharao (auf Pferden reitende Beduinen!) und für das des Nebukadnezar.

1. Die Lemba und die Bundeslade (Tudor Parfitt)

Die Lemba, ein negrides (nicht-semitisches) Volk in Südafrika und Simbabwe, sind einer der verlorenen Stämme Israels? Ihre rituelle Kriegstrommel ist die Bundeslade der Israeliten? Das ist so grotesk, dass es sich nicht lohnt, sich groß damit auseinanderzusetzen.

Die verlorenen Stämme Israels sind nicht jene, die nicht aus dem Babylonischen Exil nicht zurückgekehrt sind, sondern die zehn Stämme des Nordreichs, die nach dessen Eroberung durch die Assyrer (722) durch die assyrische Deportationspolitik zum Verschwinden gebracht wurden. Ein Rest dieser Stämme sind die Samarit(an)er (ethnisch vermischt mit Völkern aus dem Osten des assyrischen Reiches, s. 2Kön 17,24).

Kann gut sein, dass sich in das genetische Material der Lemba auch ein paar Juden (aber wohl keine vorexilischen Israeliten) verirrt haben. Aber das macht sie noch nicht zu einem Stamm Israels. Am Anfang heißt es: „der verlorene Stamm des jüdischen Volkes“. Das ist schon ein Widerspruch in sich: die Juden sind einer der Stämme Israels. Den Autoren dieser Folge fehlte es offenbar an Hintergrundwissen, was der Unterschied zwischen Israeliten und Juden ist. (Dass Parfitt es weiß, davon gehe ich aus.)

Die Bundeslade ist spätestens seit der Zerstörung des Salomonischen Tempels durch Nebukadnezar (587) verschwunden (2Kön 25,9). Die angeblich in Aksum sich befindende Bundeslade (die aber niemand sehen darf) ist ebenso wie die Ngoma Lugundu der Lemba nichts als Mumpitz (so wie die vielfach vorgezeigten Grale). Das hebr. Wort für „Lade, Kasten“, אֲרוֺן ʾarôn, hat nichts mit „klingen, ein Geräusch machen“ zu tun, sondern mit akkad. arānu (nach dem Akkadisch-Lexikon von Black/George/Postgate: „chest, cashbox, coffin“). (Vgl. aram. אֲרוֺנָא ʾarônâ, אַרְנָא ʾarnâ „Kasten, Kiste“, syr. ܐܱܪܘܽܢܳܐ ʾarûnâ ds., pun. ארן „Schrein, Sarg“, arab. إِرَان ʾirân Steingass: „hearse“ [d.i. „Sarg, Totenbahre, Katafalk“], Davies: „wooden chest, esp. coffin“.)

2. Der heilige Gral (Tim Wallace-Murphy)

Der Gral ist eine Erfindung der spätmittelalterlichen Literatur, ein literarisches Motiv (s. meine ausführliche Seite zum Gral) – keine Legende. Leider ist so ziemlich alles, was hier dazu gesagt wird, Quatsch. Z.B. wurde die Verbindung des Grals mit Joseph von Arimathäa nicht erst vom Vulgata-Zyklus hergestellt, sie geht auf Robert de Boron zurück.

Dass Tim Wallace-Murphy hier den von Lincoln, Baigent und Leigh verzapften Käse mit den Tempelrittern wieder aufwärmt, und schließlich bei der Jungfrau Maria (wenigstens nicht bei Maria von Magdala) und bei den Freimaurern landet, zeigt, wie wenig das alles mit Wissenschaft zu tun hat. Diese Folge hätte man sich definitiv verkneifen sollen.

3. Turmbau zu Babel (David Rohl)

David Rohl ist immer gut für fragwürdige Theorien zur Genesis. Doch seine Gleichsetzung des biblischen Nimrod mit dem historisch nicht wirklich fassbaren (wahrscheinlich legendären) sumerischen Herrscher Enmerkar passt nicht zum biblischen Text: „Und der Anfang seines Reichs war Babel, Erech, Akkad und Kalne im Land Schin'ar. Von diesem Land zog er aus nach Assur. Und er baute Ninive, Rehobot-Ir, Kelach und Resen zwischen Ninive und Kelach: das ist die große Stadt.“ (Gen 10,10-12). Wahrscheinlicher liegt in Nimrod eine Erinnerung an einen akkadischen König wie Sargon von Akkad (24./23. Jh.), Naram-Sîn (23. Jh.) oder einen späteren mesopotamischen Herrscher vor. Rohl behauptet, Enmerkar und Nimrod seien ursprünglich derselbe Name: eNMeR-kar = NiMRo-d, das d sei wegen Verwechslung mit hebr. nimrod „wir empören uns, lehnen uns auf“ dazugekommen, kar sei eine Apposition mit der Bedeutung „Jäger“. Doch Namensklingklang, für den man alle Vokale und auch noch den einen oder anderen Konsonanten weglassen muss, ist lächerlich. Außerdem wurde Sumerisch bekanntlich mit Silbenzeichen geschrieben, die Vokale enthalten; Enmerkar wurde nie NMR geschrieben.

Der Name Enmerkars wird geschrieben en-me-kár (Weld-Blundell-Prisma, Weidner-Chronik / ABC19; ältere, defektive Schreibung) oder en-me-er-kár (Lugalbanda-Epos u.ö.; jüngere, plene Schreibung). Das in en-me-er-rù-kár (CBS 13981) ist vermutlich nur ein lapsus styli. (S. Jacobsen, Thorkild: The Sumerian King List.– Chicago: Univ. Press, 1939, 4. Ndr. 1973 (Assyriological Studies, 11). Fußn. 115, S. 86f.)
G. Selz setzt den Namen zusammen aus 1) sum. en „Herr“ (vgl. Götternamen wie En-ki, En-lil), 2) mir = ass. šibbu „Schlange“, uzzu „Zorn“, meḫû „Sturm“, und 3) kar (geschrieben kár-kár) = ass. napâḫu „aufflammen, aufleuchten“, nabâṭu „erglänzen, aufleuchten“. Selz schreibt: „Der Name Enmerkar dürfte demnach als ‚Der ‘Herr’ (ist/hat) eine leuchtende Riesenschlange‘ zu verstehen sein, was allerdings auch eine Sekundäretymologie, eine fälschlich so genannte Volksetymologie, sein könnte.“ (S. 265) (Allerdings frage ich mich, warum mir nicht mit dem dafür verfügbaren Zeichen 𒂇 geschrieben wird.) (Selz, Gebhard: „Irano-Sumerica“, in: Wiener Zeitschrift f. d. Kunde d. Morgenlandes 91 (2001), S. 259-267.)
Wie Rohl bei kar auf die Bedeutung „Jäger“ kommt, ist mir schleierhaft.

Weiters muss Rohl die Gleichsetzung von Babel in der Turmbaugeschichte mit Babylon in Frage stellen. Dazu behauptet er, dass die biblische Erzählung Babylon mit der sumerischen Stadt Eridu verwechselt habe, weil beide auf Sum. nunki (~ „Ort des Herrn“, d.i. des Gottes Enki/Ea) geheißen hätten. Der Turm von Babel sei eine begonnene, aber nicht zu Ende gebaute Zikkurat von Eridu. Nur dass Babylon auf Sum. ká diĝir-raki („Tor Gottes“, aber wohl volksetymologische Umbildung des tatsächlichen Namens) hieß. Einen Beleg dafür, dass auch Babylon Nunki genannt wurde, kann ich nicht finden. Das halte ich eher für eine Ad-hoc-Behauptung.

4. Die zehn Plagen (John Marr vs. Siro Trevisanato)

Den Versuch, die zehn ägyptischen Plagen mit natürlichen Ursachen zu erklären, haben auch schon andere unternommen.

Bibel Marr Trevisanato
1. Wasser wird zu Blut Algenblüte Asche aus dem Ausbruch des Vulkans von Thera
2. Frösche verlassen das von den Algen vergiftete Wasser verlassen das durch die Vulkanasche vergiftete und übersäuerte Wasser
3. Stechmücken (KJV „lice“) Stechmücken (Vermehrung wegen der an Land verendeten Frösche)
4. Stechfliegen Stable fly (Stomoxys calcitrans, ebenso wegen der Frösche)
5. Viehpest durch Stechmücken übertragene Krankheiten, insbes. Blauzungenkrankheit, Afrikanische Pferdepest Pflanzenfresser sterben wegen des durch die toxische Vulkanasche sauren und giftigen Grases
6. blasige Geschwüre durch Stechmücken verursachte bakterielle Infektionen (Rotz, auch Mürde genannt) Schwefelsäureverätzungen (Regen mit Schwefelsäure)
7. Hagel nicht ungewöhnliches meteorologisches Ereignis Niederschlag infolge des Vulkanausbruchs
8. Heuschrecken kommt in Ägypten immer wieder vor starke Ausbreitung wegen der erhöhten Feuchtigkeit nach den Niederschlägen
9. Finsternis Sandsturm Aschewolke einer zweiten Eruption des Vulkans
10. Tod der Erstgeburt Vergiftung durch Schimmelpilze (Mykotoxine) im Getreide ägyptische Menschenopfer

Wie stichhaltig die Thesen im einzelnen sind, kann ich nicht beurteilen. Doch Menschenopfer als Erklärung für die zehnte Plage (Tod der Erstgeburt) steht im Widerspruch zum Bibeltext (die Hebräer machen an ihren Schwellen ein Erkennungszeichen, damit der Todesengel vorübergeht). Und warum bleiben die Israeliten von den Mykotoxinen verschont? Vielleicht muss man nicht für alles eine natürliche Erklärung finden.

„Ob die Plagen auf Naturereignissen oder Gott beruhen, wird wohl weiterhin ein Geheimnis bleiben.“ Das ist oberflächliches Blabla, denn ersteres schließt letzteres ja nicht aus.

5. Der Fall Jerichos (Bryant Wood)

Ein Klassiker der modernen Bibelkritik. John Garstang war bei seinen Ausgrabungen in den 1930er Jahren zu dem Schluss gekommen, die Mauern Jerichos seien um 1400 v.Chr. zerstört worden, was zur Frühdatierung des Exodus passen würde. Kathleen Kenyon aber kam bei ihren Grabungen in den 1950er Jahren zu dem Ergebnis, dass die Mauern schon um 1550 zerstört worden waren und Jericho zur Zeit der angeblichen Eroberung durch Josua gar nicht bewohnt war. Es gab dort für ihn nichts zu erobern. Daher wird die Historizität der Landnahme insgesamt bestritten. Das ist bis heute Stand der Wissenschaft.

Kathleen Kenyons Ruf ist dermaßen unantastbar, dass sich 40 Jahre lang anscheinend niemand traute, sich des Themas erneut anzunehmen. Insofern sind Woods Arbeiten ein mutiges Unterfangen. Und es steht Aussage gegen Aussage: Garstang gegen Kenyon. Wood nun kommt zu dem Schluss, dass Garstang die Keramik, die er ausgegraben hat, korrekt datiert hat; und dass Kenyon ihre Keramik hauptsächlich danach datiert hat, was sie nicht gefunden hat. Für den Laien ist natürlich unmöglich zu beurteilen, wer hier recht hat.

Aber die Radiokarbondatierung des gefundenen Getreides (1550 ± 110 J. laut Film) ist ein gewichtiges Argument, das man nicht so mir nichts dir nichts vom Tisch wischen kann, wie Wood das tut. Vielleicht hatte Kenyon mit ihrer Datierung doch recht. Und die Datierung der Landnahme auf 1400 v.Chr. ist nur eine von zwei Möglichkeiten.

Ein Nebenaspekt dieses Themas ist die Identifikation eines Ortes, den Ramses II. während seiner dritten syrischen Kampagne angegriffen hat, äg. J(w)rḥj. Der polnische Ägyptologe Grdseloff hatte diesen mit Jericho (hebr. יְרֵחוֺ Jereḥô oder יְרִחוֺ bzw. יְרִיחוֺ Jeriḥô) gleichgesetzt. (Grdseloff, Bernhard: „Édôm, après les sources égyptiennes“, in: Revue d’histoire juive d’Égypte 1 (1947) S. 69-99.) Sprachliche Einwände, wie sie etwa von dem deutsch-amerikanischen Theologen und Archäologen Horn vorgebracht wurden, gehen meist von der seltsamen Annahme aus, antike Völker hätten sich um eine möglichst korrekte Wiedergabe fremdsprachiger Ortsnamen bemüht bzw. gehorchten abweichende Formen immer strengen Lautgesetzen. (Horn, S[iegfried] H[erbert]: „Jericho in a Topographical List of Ramesses II“, in: Journal of Near Eastern Studies 12 (1953), S. 201-203.) Dass die Lautung fremdsprachiger Ortsnamen aber oft anderen Regeln folgt, hat der renommierte Gräzist Latacz in anderem Zusammenhang an Beispielen wie it. Milano - dt. Mailand, slow. Ljubljana - dt. Laibach gezeigt. (Latacz, Joachim: Troia und Homer. D. Weg zur Lösung e. alten Rätsels.– 6., aktual. u. erw. Aufl. Leipzig: Koehler & Amelang, 2010. S. 138, 373.) Es müssen andere Indizien hinzutreten, um eine Indentifikation wahrscheinlich zu machen. Oder um sie zu widerlegen: es würde auch helfen, wenn es einen anderen spätbronzezeitlichen Ort gäbe, den wir mit größerer Wahrscheinlichkeit als Jwrḥj identifizieren könnten. Da Indizien weder in die eine noch in die andere Richtung vorhanden sind, wird Grdseloffs Gleichsetzung hauptsächlich deshalb abgelehnt, weil sie im Widerspruch zu Kenyons (und übrigens auch zu Garstangs) Ausgrabungsergebnissen steht.

6. Salomos Tempel

Dass es überhaupt eines archäologischen Beweises für die Existenz des Salomonischen Tempels bedarf, ist schon eigenartig. Aber eine Inschrift, aus der hervorgeht, dass der Tempel unter König Joas (Ende 9. Jh.) renoviert wurde, wäre natürliche eine Sensation. Dass das Gericht in Israel keine eindeutigen Beweise dafür fand, dass diese sog. Joastafel eine Fälschung ist, ist bemerkenswert, besonders wenn dann ein deutscher Alttestamentler in einer großen deutschen Zeitung darüber schwadroniert, die Tafel sei eine mittelmäßige Fälschung. (Als ob nicht auch ein antiker Steinmetz Fehler machen würde.) Für manche Leute wäre es nachgerade eine Katastrophe, wenn diese Tafel echt wäre.

Was gegen die Echtheit der Tafel spricht, sind die nicht vorhandenen Fundumstände. Die Tafel taucht aus dem Nichts auf, ohne jeden Fundkontext. Das macht die Sache mehr als verdächtig. Bis wir also glaubwürdige Hinweise darauf haben, wo die Tafel herstammt, sollten wir davon ausgehen, dass sie nicht echt ist.

7. Das gelobte Land (Colin Humphreys)

Die Exodusroute nachzuzeichnen ist leider nicht wirklich möglich. Humphreys Version ist ein netter Versuch. Aber zündende Argumente für die Lokalisierung des Schilfmeers oder des Berges Sinai hat m.E. auch er nicht zu bieten. Die Gleichsetzung des Sinai mit dem Vulkanberg al-Bedr (Hala l-Badr) ist auch nicht neu, schon der österreichisch-tschechische Orientalist und Theologie Alois Musil hat sie 1911 vorgeschlagen. Der Gedanke, dass die Feuer- und Wolkensäule vulkanische Aktivität beschreibt, ist auch schon von anerkannten Theologen wie Martin Noth und Hermann Gunkel geäußert worden.

„Es gibt keine archäologischen Spuren des Exodus“ – ein Argumentum e silentio als Totschlagargument. Aber es gibt auch keine archäologischen Spuren der Varusschlacht. In hundert Jahren wird es auch keine materiellen Hinweise auf meine Existenz mehr geben. Wird das dann beweisen, dass ich nie existiert habe? Leider ist es beim Exodus gerade die arrivierte Bibelwissenschaft, die durch argumentefreie Ignoranz glänzt: „Geht uns am Arsch vorbei“, sagt daher sinngemäß die Spezialistin für Biblical Distortions of Historical Realities Francesca Stavrakopoulou am Schluss.

Wörtlich sagt Stavrakopoulou: „Der pseudowissenschaftliche Versuch, aus dem Berg Sinai einen Vulkan zu machen, ist für die Bibelforschung bedeutungslos. Die Idee, das Erscheinen eines Gottes mit Feuer und Rauch anzukündigen, ist im historischen Nahen Osten weit verbreitet gewesen. Der Berg Sinai muss kein Vulkan gewesen sein.“ – Wieso der Versuch pseudowissenschaftlich sein soll, ist unklar. Denn wie bereits gesagt, ist er auch schon von anerkannten Theologen unternommen worden. Offenbar hält Stavrakopoulou Feuer und Rauch für ein literarisches Motiv ohne realen Hintergrund. Aber näherliegend ist doch die Annahme, dass man in der Antike beeindruckende und beängstigende Naturphänomene wie Erdbeben und Vulkanismus als Wirken und Auftreten Gottes verstanden hat. Der Sinai muss kein Vulkan gewesen sein, aber er könnte.

8. Das Jakobskissen (Adrian Gilbert)

Der Stein, auf dem Jakob sein Haupt gebettet hatte, während er im Traum die Himmelsleiter sah (Gen 28,11-19), soll auf abenteuerlichen Wegen von Israel nach Irland und dann nach Schottland gelangt sein. Von dort ist er 1296 in die Westminster Abbey gebracht und Teil des englischen Krönungsstuhls geworden. 1996 haben die Schotten diesen sog. Stone of Scone (sprich [skuːn], Scone war einst der Krönungsort der schottischen Könige) zurückerhalten.

Aber wozu hätte sich jemand in Israel die Mühe machen sollen, einen ollen 152 kg schweren Gedenkstein (hebr. מַצֵּבָה maṣṣebâ, Gen 28,18) wegzuschleppen? Sei es nun der Prophet Jeremia gewesen oder der Stamm Dan auf der Flucht vor den Assyrern. Jeremia ist ja nicht freiwillig nach Ägypten gegangen, er wurde gegen seinen Willen dorthin verschleppt (Jer 43,4-7). Und er hätte für einen Kultstein sicher kein Verständnis gehabt: Verehrung von Steinmalen ist heidnische Praxis. Der Stamm Dan lebte vor seinem Untergang nördlich von Galiläa. Die Daniten hätten auf ihrer Flucht nicht erst einen Sandsteinblock aus dem über 150 km entfernten Bethel geholt.

Die Geschichte ist (wie Jesus in Indien) als Schwachsinn zu klassifizieren. Auch eine Folge, auf die man so besser verzichtet hätte. Besser wäre es gewesen, die ideologischen Hintergründe auszuleuchten, wie es zu dieser Identifikation des Stone of Scone mit dem Jakobskissen gekommen ist (einen kurzen Hinweis gab es ja: British-Israel World Federation, die Briten als auserwähltes Volk Gottes).

9. Die Teilung des Roten Meeres (Bob Cornuke vs. Carl Drews)

Die Stelle, wo Gott das „Rote Meer“ (genauer das Schilfmeer) geteilt hat, wird hier von dem Ex-Polizisten Bob Cornuke an der Straße von Tiran verortet, von dem Softwareentwickler Carl Drews am Ostufer des Manzala-Sees im Nildelta. Beide sind sicher, ihre Version der Ereignisse bewiesen zu haben. Drews spricht Wahres aus, wenn er sagt, dass wir trotz der vielen Ortsnamen, die die Exoduserzählung nennt, ärgerlicherweise keine Ahnung haben, wo sich die Ereignisse abgespielt haben.

Der Minimalist Eric Cline wird nicht müde zu betonen, dass die Suche nach dem Ort des Durchquerungswunders sinnlos ist. Weil das Wunder nicht stattgefunden hat. Aber auch wenn man den Troianischen Krieg für nicht historisch hält, ist es nicht sinnlos zu fragen, wo Troia lag. Die akademische Welt war im 19. Jh. der Meinung, eine Suche nach Troia sei sinnlos. Bis Schliemann es ausgegraben hat.

10. Die Suche nach Sodom (Steven Collins, Leen Ritmeyer)

Nicht im südlichen Becken des Toten Meeres sucht Collins Sodom (und Gomorrha), sondern im „Umkreis (hebr. כִּכָּר kikkār) des Jordan“ (Gen 13,10f; 19,25. 28f), und das heißt für ihn: nördlich des Toten Meeres. Daher beginnt er 2005 Tall el-Hammam (Jordanien) auszugraben. Er findet eine große bronzezeitliche Stadt, die ca. im 17. Jh. v.Chr. zerstört wurde – durch eine Luftdetonation, einen in der Atmosphäre verpufften großen Meteoriten, wie Collins auf Grund glasierter Tonscherben glaubt.

Der Regen von Schwefel und Feuer (der auf Sodom niedergang) klingt für mich eher nach vulkanischer Aktivität als nach einer einzigen gigantischen Detonation. Aber vielleicht hat der Erzähler auch nur von der Wirkung auf die Ursache geschlossen. Die Frage der Lokalisierung bleibt m.E. ungelöst. Denn wegen Gen 14,2f. 8 wird Sodom traditionellerweise verortet im „Tal Siddim, das ist [jetzt?] das Salzmeer“. Und das vermutet man in südlichen Becken des Toten Meeres. Vielleicht gibt es dafür auch eine alternative Erklärung. Aber das hat mir in Collins Ausführungen gefehlt.

11. Der Stab des Mose (Graham Phillips)

Mose identisch mit dem ägyptischen General Thutmose? Das Grab des Mose in Petra? Der Stab des (Thut-)Mose im Museum in Birmingham?

Nach Dtn 34,6 wurde Mose in Moab begraben, am Nordostende des Toten Meeres, aber die Lage seines Grabes blieb unbekannt. Dass das Grab des Mose ganz in der Nähe des Grabes seines Bruders Aaron liegen soll, steht daher im Widerspruch zur Bibel. Aaron starb nach Num 20,28; Num 33,38; Dnt 32,50 auf dem Berg Hor. Dessen Identifikation mit dem Dschebel (en-Nebi) Hārūn bei Petra passt ebenfalls nicht zum Bibeltext: die Edomiter verweigerten den Israeliten den Duchzug durch ihr Gebiet. Der Hor muss sich also wohl an der Westgrenze des Edomitergebiets befinden (vorausgesetzt, die traditionelle Lokalisierung von Kadesch-Barnea im südlichen Negev ist richtig) (Num 20,23; Num 33,37). (Nach Dnt 10,6 starb Aaron an einem Ort namens Moser und wurde dort begraben.) Wieso פְּעוֺר Peʿôr „Schlange“ heißen soll, ist auch unerklärt. Vielmehr ist es der Name einer kanaanitischen Gottheit (vielleicht von פער pʿr „[den Mund] aufsperren“).

Einen Thutmosis, Verwalter des Pharao Amenhotep IV. (uns besser bekannt als Echnaton) kann ich nicht finden. Meint Phillips den Kronprinzen Thutmosis, den älteren, aber früh verstorbenen Bruder Echnatons? 1360 v.Chr. hat noch Echnatons Vater Amenophis III. regiert. Vielleicht ist dessen unterägyptischer Wesir Thutmosis gemeint? Und wieso soll er mit dem Hebräer Mose identisch sein? (Außer weil Phillips diese Gleichsetzung braucht.)

„Viele Bibelgelehrte sind sich einig, dass er [scil. der Exodus] Mitte des 14. Jh. v.Chr. stattfand.“ Ich kenne keinen. Die meisten Gelehrten, die sich noch trauen, an die Historizität des Exodus zu glauben, halten wegen Ex 1,11 Ramses II. für den Pharao der Unterdrückung und datieren den Exodus ins 13. Jh. Andere datieren wegen 1Kön 6,1 den Exodus auf Mitte 15. Jh. (Pharao Thutmosis III.). Was spricht für einen Exodus im 14. Jh.?

Hier hat sich ein sensationslüsterner Autor (der ja auch schon Camelot, das Grab König Arthurs, den Heiligen Gral und das Grab der Jungfrau Maria entdeckt haben will) einfach was aus den Fingern gesogen (bzw. dem Ergebnis nach zu schließen, aus einer anderen Körperregion).

12. Das Turiner Grabtuch (Giulio Fanti)

Es gibt einige gute Gründe, das Tuch für echt zu halten (keine Farbpigmente, die roten Flecken sind echtes Blut). Wieder einmal ist es die Radiokarbondatierung, die allen anderen Argumenten widerspricht: 1260-1390 (nach der Wikipediaseite Turiner Grabtuch: Oxford 1200 / Zürich 1274 / Arizona 1304). Dies stimmt zumindest mit der ersten historischen Bezeugung des Tuchs im 14. Jh. überein.

Bei Reliquien bin ich als Protestant natürlich von Haus aus skeptisch. In der Sache kann ich wenig sagen. Wer das Grabtuch für authentisch halten will, möge das tun.

13. Die biblische Sintflut (William Ryan, Walter Pitman)

Die Sintfluterzählung findet sich auch in einigen sumerisch-akkadischen Texten, z.B. Königslisten, Atra(m)ḫasis-Epos, Gilgamesch-Epos. Daher wurde lange Zeit gelehrt, die Geschichte gründe in einer poetischen Verdichtung mehrerer größerer Überschwemmungen in Mesopotamien. Seit kurzem scheint es en vogue zu behaupten, sie beruhe auf dem Einbruch des Mittelmeers in das Becken des Schwarzen Meeres im 6. Jt. v.Chr.

Der Wassereinbruch in das Schwarzmeerbecken war zwar für die Anwohner eine Katastrophe. Allerdings stieg der Wasserspiegel nicht so schnell, dass sich die Menschen nicht in Sicherheit hätten bringen können. Aber ihre Häuser und Äcker waren verloren. Ob das allerdings jenes Ereignis war, dass sich in der Bibel als Sintfluterzählung niedergeschlagen hat, halte ich für nur mäßig wahrscheinlich. Niemand musste ein Schiff bauen, um zu überleben. Sintfluterzählungen gibt es auch bei indigenen Völkern in Amerika. Wenn diese auf einem historischen Ereignis beruhen sollen, muss es über 10.000 Jahre her sein. Denn damals wurde die Landbrücke zwischen Asien und Amerika, die heutige Beringstraße, unterbrochen.

Dass das Ufer des einstigen Süßwassersees im Schwarzmeerbecken der Garten Eden gewesen sein soll, ist reine Spekulation (s. meine Seite zu Eden). Ryans Argumentation ist eher assoziativ: Der Paradiesfluss Pischon floss durch ein goldreiches Land; in der Nekropole von Warna an der bulgarischen Schwarzmeerküste wurde viel Gold gefunden: passt alles zusammen. Aber „mit ein bisschen Phantasie“, wie Ryan sagt, ist kein wissenschaftliches Argument.


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 1. Feb. 2017