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Tachasch


Tachasch (hebr. תַּחַשׁ taḥaš) ist im AT Bezeichnung für eine Lederart, aus der die oberste Decke des Bundeszeltes (der Stiftshütte) bestand (Ex 26,14) und mit der die Gegenstände der Stiftshütte beim Transport zu bedecken waren (Num 4,5-14). In der Rev. 2017 der Lutherübersetzung ist das wiedergegeben mit „von feinem Leder“. Doch Luther hatte mit „von Dachsfellen“ übersetzt. Seltsamer sind da Schlachter: „von Seehundsfellen“ (Schlachter 2000: „aus Seekuhfellen“) und Menge: „von Seekuhhäuten“. Vollends seltsam wird es in der Elberfelder Übersetzung: „aus Häuten von Delfinen“, so auch die Gute Nachricht 1992: „aus Delphinenhäuten“. Da überrascht es nicht mehr, dass einige Übersetzungen ganz auf die Übersetzung verzichten, etwa Einheitsübersetzung: „aus Tahaschhäuten“, oder Zürcher Bibel: „aus Tachaschhäuten“. Selten so gelacht!

Gesenius' Artikel

Wilhelm Gesenius' Hebräisches Handwörterbuch hat in der 1. Aufl. (2. Bd. 1812) einen sehr ausführlichen, wenn auch noch etwas unsystematischen Artikel zum Lemma taḥaš (S. 1205f), den ich hier vollständig zitieren möchte. Ich habe mir erlaubt, fehlende Degeschim und griech. Akzente zu ergänzen, Akzent- und Druckfehler zu korrigieren und den langen Artikel in mehrere Absätze zu unterteilen.

תַּחַשׁ m. nur in der Verbindung עוֺר תַּחַשׁ Tachaschhaut oder Tachaschleder 4 Mos. 4, 6 ff. עוֺרוֺת תְּחָשִׁים Tachaschhäute 2 Mos. 25, 5. 26, 14. 35, 23, עוֺרוֺת הַתְּחָשִׁים 2 Mos. 39, 34, und bloss: תַּחַשׁ für: Tachaschleder 4 Mos. 4, 25. Ezech. 16, 10.

Die eigentliche Bedeutung des Wortes ist sehr zweifelhaft, und man hat es theils für den Namen eines Thieres, theils einer Farbe (wie תְּכֵלֶת ,שָׁנִי), theils einer Zubereitung des Leders (wie Corduan, Saffian) gehalten. Für das erste scheint mir die Construction zu sprechen, besonders der Gebrauch des Plurals, und 2 Mos. 39, 34, wo הַתְּחָשִׁים als Genitiv nachgesetzt ist (שָׁנִי und תְּכֵלֶת werden etwas anders construirt). Nur ist die Bestimmung des Thieres schwierig.

Mehrere hebr. Ausleger und die Talmudisten erklären es durch תלא אילן d. i. wahrsch. Wiesel, Marder, Gr. Venet. durch: πάρδαλις, and. z. B. Rabbi Salomo, dem die meisten Neuern folgen durch: Dachs (was sich bloss auf die Ähnlichkeit des Lautes gründet); im Arab. aber ist تخس und دخس der Delphin. Die Vergleichung des letzern wäre sehr passend, wenn Rau's und Faber's (Archäol. S. 115) Bemerkung, dass die Araber unter dem Namen des Delphin auch das Seehundgeschlecht begriffen hätten, gegründet wäre; bey den Griechen ist eine zuweilige Verwechselung beyder Thiere erwiesen (s. Beckmann ad Antigonum Carystium cap. 60), und wir hätten dann denselben Fall, wie bei רְאֵם, dass dasselbe Wort im Hebräischen eine ähnliche, aber verwandte, Thierart bezeichnete als im Arabischen.

Moser (hebr. Wörterb. u. d. W. תַּחַשׁ) will auch die LXX. als Zeugen für diese Erklärung anführen, weil ὑάκινθος, wodurch sie es übersetzen, beym Dioscorides (3, 85) eine delphini species bezeichne. Aber diesen Zeugen für die sonst schickliche Deutung werden wir gern aufgeben, da dort von einer Species delphinii, nicht delphini die Rede ist, wie M. wahrscheinlich im Stephanus falsch gelesen hat.

Gegen das Passende der Seehundshäute ist nichts Gegründetes einzuwenden, wohl aber gegen den Lamantin od. das Meerfräulein, welches J. D. Michaelis angenommen hat, dessen Haut dicker als Büffelhaut und hart wie Holz ist, was zu Ezech. a. a. O. ganz unpassend ist. –

Für eine Farbe des Leders nehmen es alle alte Übersetzungen, und zwar LXX. ὑακίνθινα. Aqu. Symm. ἰάνθινα. Chald. und Syr. ܣܳܣܓܽܘܢܳܐ ,סַסְגּוֹנָא d. i. wurmroth, carmesin (s. u. d. W. כַּרְמִיל S. 483), die arab. Verss. pelles nigrae, oder caeruleae.

Dieser Auctorität folgen Bochart (Hieroz. T. I. S. 989), Ödmann (verm. Sammlungen H. 3 S. 26), welcher letztere es von der dunkelblauen Farbe der Delphine ableiten will, und es kann nicht geleugnet werden, dass die Übereinstimmung der Verss. für eine Farbe ein bedeutendes Moment dafür abgäbe. Nur die Construction erregt noch einige Zweifel. –

Für eine Zubereitung des Leders, namentlich rothen Saffian erklärt sich A. Th. Hartmann (Hebräerinn Th. 3 S. 230), welches allerdings passend, aber durch die daselbst gegebene Argumentation keinesweges erwiesen ist.

Dass es Thiername, nicht Name einer Farbe oder Lederart sey, erhält auch ein kleines Gewicht dadurch, dass es 1 Mos. 22, 24 als Personenname vorkommt, was bey der ersten Annahme viel schicklicher ist.

Vgl. dazu den noch etwas ausführlicheren Artikel in Gesenius' Thesaurus (Bd. 3, S. 1500f), wo noch eine innerhebräische Etymologie geboten wird: taḥaš als Kürzung aus תַּחֲשֶׁה taḥašæ̂ zum Verbum חשׁה ḥšh „untätig sein“ (von der Winterruhe der Dachse oder dem Ausruhen der Seehunde auf Sandbänken?).

Die alten Übersetzungen

Das Wort kommt einmal (Ez 16, 10) in Verbindung mit (offenbar luxuriösen) Frauenschuhen vor, sonst nur für die Verwendung bei der Stiftshütte. Die antiken Übersetzer haben es offenbar als Farbbezeichnung verstanden:

Die mittelalterlichen jüdischen Ausleger

Was für dieses Verständnis sprechen könnte ist, dass עוֺר תַּחַשׁ ʿôr taḥaš „Haut von Tachasch“ parallel zu בֶּגֶד תְּכֵלֶת bægæd tekelæt „Decke von Purpur“ (Num 4,9+10.11.12, ähnlich 4,6 בֶּגֶד־כְּלִיל תְּכֵלֶת „Decke ganz von Purpur“) oder בֶּגֶד תּוֺלַעַת שָׁנִי bægæd tôlaʿat šānî „Decke von Karmesin(wurm)“ (Num 4,8) steht.

Dagegen spricht, wie Gesenius zu Recht einwendet, die Wendung עֹרֹת הַתְּחָשִׁים „die Häute der Tachasche“ (Ex 39,34), in der Tachasch als Substantiv im Plural mit Artikel als Genitiv (d.h. als Rectum einer Constructusverbindung) konstruiert ist. (Man vergleiche die Konstruktion von Farbwörtern wie שָׁנִי šānî „Karmesinrot“ oder תְּכֵלֶת tekelæt „Purpurblau“).
Die genannten Farbwörter stehen teils allein, im Sinne von „Zeuge (Wolle etc.) in <Farbe>“, teils als Apposition, häufig im Genitiv. Und sie stehen in aller Regel im Singular. Ausnahmen: Jes 1,18 חֲטָאֵיכֶם כַּשָּׁנִים „eure Sünden wie (die) Karmesine“, der Plural ist hier vermutlich intensiv / amplifikativ, der Artikel ist dem Vergleich geschuldet: im Hebr. ist die Sache, mit der verglichen wird, in der Regel determiniert. (Im Dt. wird hier der Artikel nicht verwendet, daher habe ich ihn in der Übersetzung eingeklammert.) Spr 31,21 לָבֻשׁ שָׁנִים „in Karmesine gekleidet“ – falls hier nicht mit LXX und Vulg. zu lesen ist: שְׁנַיִם „zwei(fach), doppelt“.

Deshalb und wegen des parallelen עֹרֹת אֵילִם „Häute/Felle von Widdern“ (Ex 25,5; 26,14) bzw. עוֺרֹת הָאֵילִם „die Häute der Widder“ (Ex 39,34) haben die jüdischen Ausleger seit der Talmudzeit Tachasch mehrheitlich als Tier verstanden. Die bShab 2,3,1 [28a] (Bd. 1, S. 378, Z. 12ff in Goldschmidts Talmudausgabe) referiert im Zusammenhang mit der Verunreinigungsfähigkeit von Fellen den Tachasch (wobei Goldschmidt ihn mit „Seekuh“ wiedergibt): Rabbi Neḥemjâ sagt, dieser sei כְּמִין תְּלָא אִילָּן „ähnlich wie telâ ʾillān“ (Z. 17), das ist nach Goldschmidt und Dalman „Frettchen“, nach Jastrow „[hanging on the tree,] squirrel“ („Eichhörnchen“). Wobei sich diese Ähnlichkeit auf die Buntheit, nicht auf die Reinheit (der telâ ʾillān ist unrein) beziehen soll. Nach Rabbi Jôsef heißt der Tachasch deshalb auf aram. sasgônâ, weil er sich seiner vielen Farben freut (ששָׂשׂ בגוונין הרבה, Z. 20): das Wort sasgônâ wird also verstanden als Zusammensetzung aus שׂוּשׂ śûś „sich freuen, fröhlich sein“ und גַּוָּן gawwān, גַּוְנָא gawnâ „Farbe“.

Nach einer kurzen inhaltlichen Unterbrechung wird in 28b (S. 379, Z. 15ff bei Goldschmidt) der Faden wieder aufgenommen: Rabbi Meʾîr sagt, der Tachasch sei ein ganz eigenes Geschöpf gewesen; die Weisen hätten noch nicht entschieden, ob es eine Wildtier- oder ein Haustierart gewesen sei. Es habe ein Horn auf seiner Stirn gehabt. Es habe sich Mose gezeigt, der habe es für die Stiftshütte verwendet, und es sei wieder verschwunden. Vielleicht ist, so wird schließlich spekuliert, der Tachasch ein Wild wie das Einhorn (aber nicht mit ihm identisch?).

Im Jerusalemer Talmud werden für den Tachasch als Erklärung angeboten: Rabbi Jehûdâ sagt, es sei טיינין (nach Dalman = יַנְטִינוֺן = ἰάνθινον „veilchenfarbig“), der Name einer Farbe; Rabbi Neḥemjâ sagt, גלקטינין, das ist nach Dalman = גְּלַקְטִינוֺן = γαλάκτινον „milchfarben“, nach Jastrow = גַּלְאַקְסִינוֺן = γαλῆ Ἀξεινῶν „Wiesel der Ungastlichen“ (d.h. der Anwohner des Ungastlichen, d.i. Schwarzen Meeres), d.i. „Hermelin“ (eine doch etwas aufwendige Konjektur), nach der Übersetzung Schwabs (S. 33) γλαύκινον „blaugrau“; (andere) Rabbinen sagen, eine reine Tierart, und sie lebt in der Wüste. Im folgenden wird die Ansicht genannt, es sei ein reines Tier, das Gott extra für die Arbeiten an der Stiftshütte geschaffen habe und das hinterher wieder verschwunden sei. Rabbi Abûn sagt, es habe qæræš (lt. Dalman „Einhorn“) geheißen, Rabbi Hôšaʿjâ lehrt, dass es ein einziges Horn gehabt habe (s. jShab 2,3)
Zum Jerušalmi habe ich leider keine gedruckten Ausgabe, weder des Originaltextes noch einer dt. oder engl. Übersetzung gefunden, lediglich die frz. Übersetzung von Moïse Schwab. Ich verdanke den Hinweis auf diese Passage im Jerusalemer Talmud der Seite What was the Tachash Covering the Tabernacle?.

Der französische Rabbi Šlomô Jiṣḥaqî (Schlomo Jizchaki, 1040-1105), der meist mit einem Akronym Raschi genannt wird, schreibt in seinem Pentateuchkommentar zu Ex 25,5: „Tachaschtieren, eine Art Wild; es lebte nur damals und hatte viele Farben“ (so Bambergers Übersetzung, S. 226). Zu Ez 16,10 habe ich leider keine Übersetzung gefunden (die engl. Übersetzung bei Chabad unterschlägt leider die entscheidenden Worte). Raschis Kommentar lautet (Text von Sefaria):
:ואנעלך תחש. איקאלצייטוי״י טיישו״ן בלע״ז ויהיבית מסן דיקר ברגליכון
Das dürfte ungefähr so viel heißen wie: „und ich beschuhte dich mit Tachasch: auf Französisch e(t) je calce toy taisson; [Targum Jonathan:] und ich gab teure Schuhe an deine Füße“. Afrz. calcer = nfrz. chausser „mit Schuhen versehen, Schuhe anziehen“ (CNRTL s.v. chausser), taisson = blaireau „Dachs“ (Wiktionary s.v. taisson, CNRTL s.v. taisson).

Einmal ein ausgestorbenes Tier, einmal der Dachs: wie das zusammengeht, weiß ich auch nicht. Überdies kommt der Dachs (Meles meles) in Ägypten, Arabien und Palästina nicht vor. In Frage käme allenfalls der sog. Honigdachs (Mellivora capensis), ein entfernter Verwandter aus der Familie der Marder. Aber ob Raschi den gekannt hat, darf bezweifelt werden.
Der Namensklingklang, welchen Gesenius für die Übersetzung als Dachs verantwortlich macht, kann sich bei Raschi natürlich nicht auf das dt. Wort beziehen. Wie Ryssel (s.u.) vermutet, bezieht er sich auf das lat. Wort für den Dachs, taxus, von dem das frz. taisson herstammt.
Lat. taxus (auch taxō, -ōnis) ist nach Walde/Hofmann aus germ. *þahsa entlehnt. Dieses wird teils zu der Wurzel gezogen, die in aind. tákṣati „zimmern, verfertigen“, lat. texere „weben, flechten, bauen“, griech. τέκτων „Handwerker, Zimmermann“ steckt, teils auch zum Wort für „dick“.

Der ebenfalls französische Rabbi David Qimḥi (Kimchi, 1160-1235), auch bekannt unter dem Akronym Radaq, fasst in seinem Buch der Wurzeln (סֶפֶר הַשֳּׁרָשִׁים sæp̱ær haš-šorāšîm) genannten Hebräisch-Wörterbuch s.v. תחש (S. 410 ed. Biesenthal/Lebrecht) Targum und Talmud zusammen: der Tachasch war ein Tier zur Zeit Moses mit buntem Fell. Letzeres wird abgeleitet aus der aram. Bezeichnung śaśgônâ (Kimchi schreibt das Wort mit שׂ, statt mit ס) im Targum Onkelos (s.o.).

Auch die im sog. Graecus Venetus überlieferte griech. Übersetzung eines Juden des 14. Jh. versteht den Tachasch als Tier und übersetzt mit πάρδαλις párdalis „Panther“ (s. Ex 25,5 im Graecus Venetus ed. Gebhardt, S. 157).

Die neuzeitlichen Exegeten

Der Schweizer Naturforscher Conrad Gessner widmet im ersten Band seiner Tierkunde (S. 778f) (1551) ein Kapitel dem Dachs (lat. meles). Darin bezweifelt er, dass taḥaš der Dachs ist, weil dessen Fell weder geschmack- noch wertvoll ist (also nicht zu Ez 16,10 passt). Vielleicht sei der Schakal oder der Luchs gemeint. Ersterer (lat. thōs < griech. θώς) klingt auch lautlich ein wenig an den Tachasch an. (Was natürlich kein Argument ist, denn griech. thōs ist sowenig mit hebr. taḥaš verwandt wie lat. taxus oder dt. Dachs.)

Der französische Theologe und Naturforscher Samuel Bochart ist praktisch der einzige, der in der Neuzeit am Verständnis des Tachasch als Farbe festhält. In seinem Hierozoicon (überarb. Ausg., Sp. 985ff) (einem Werk über Tiere der Bibel, 1663) geht er ausführlich auf die verschiedenen Positionen ein. Er beruft sich dann auf die syr. Wiedergabe von Ex 26,14 und Ex 39,34, wo es heißt: ܡܫ̈ܟܐ ܕܕܟܪ̈ܐ ܕܐܣܦܝܢܝܩܐ܂ ܡܫ̈ܟܐ ܕܕܟܪ̈ܐ ܕܣܣܓܘܢܐ meškê de-dekrê de-ʾespajnîqâ, meškê de-dekrê de-sasgônâ „Häute von Widdern, von rotgefärbten, Häute von Widdern, von sasgona“; wo also sasgōnā kein Tier sein kann, weil dieses ja unmittelbar vorher genannt ist, sondern parallel zu ʾespajnīqā „rotgefärbt“ wohl ebenfalls eine Farbe sein muss. (Wieso allerdings gerade die syr. Übersetzung maßgeblich sein soll für die tatsächliche Bedeutung des Tachasch, erklärt Bochart nicht.) Gleichzeitig will er in syr. sasgōnā das griech. ὕσγινον hýsginon „rote Farbe (viell. Karmesin)“ erkennen und und kommt zum Schluss: „תחש non est Taxus, sed color hysginus aut hyacinthinus“ („taḥaš ist nicht der Dachs, sondern scharlachrote oder violette Farbe“). Das dem 20. Buch des Plinius zugeschriebene Zitat steht in Wahrheit im 21.

Der Bremer reformierte Theologe Theodor Hase trägt in der 8. Erörterung (S. 510ff) seiner (1731 anscheinend posthum erschienen) Sammlung von philologischen Erörterungen und Beobachtungen zusammen, was er in der Literatur an Informationen über den Manati findet (die Abb. dazu zeigt allerdings deutlich einen Dugong) und führt dann in der 9. Erörterung ab § 17 (S. 596ff) aus, dass und warum er auch den Tachasch für einen solchen hält und wieso taḥaš keine Farbbezeichnung sein kann. In § 27 dieser Dissertation (S. 604) verweist er auf das arab. Wort دخس, das er mit „tachasch vel Dachasch“ transkribiert (aber س kann nur s sein, nicht š), und das eigentlich den Delfin bezeichnet, das nach seiner Meinung aber angesichts der Ähnlichkeit von Delfin und Manati auch letzteren bezeichnet haben wird.
Die Rundschwanzseekuh (Gattung Trichechus), auch Manati oder mit dem frz. Wort Lamantin genannt, im Dt. auch Meerfräulein, kommt in der Alten Welt nur in Westafrika (Trichechus senegalensis) vor (s. Karte des Verbreitungsgebiets). Es wird also vielmehr die Gabelschwanzseekuh (Dugong dugon) gemeint sein, die auch im Roten Meer heimisch ist. Offenbar unterschied im 18. Jh. die Taxonomie noch nicht klar zwischen Trichechus und Dugong. Und dass die Nahostreisenden jener Zeit den Unterschied nicht kannten, ist ihnen in jedem Fall nachzusehen – auch mir war er vorher nicht bekannt.

Diese Etymologie sollte eine große Auswirkung zeitigen. Der Orientalist und reformierte Theologe Sebald Rau kaut in seiner Philologischen Erörterung über die Dinge, die zum Gebrauch der Stiftshütte aus Arabien geholt worden sind (ab S. 11) (1753) dieselben Argumente noch einmal durch, wiederholt den Verweis auf arab. „دَخَسٌ Delphinus ex Camuso“ (S. 14). (Camusus ist das Wörterbuch al-Qâmûs, ich habe den Eintrag aber nicht gefunden.) Rau kommt nach einer eher eigenwilligen Argumentation (nach dem Motto: es gibt keine Belege, aber es hindert auch nichts, anzunehmen, dass...) zu dem Schluss, dass es sich beim Tachasch um den Seehund handelte, der in Arabien zahlreich vorgekommen sei.

Das arab. Wort, von dem etymologische Verwandtschaft mit dem Tachasch vermutet wird, ist دُخَسٌ duḫasun „Delfin“. Es ist offenbar auch im modernen Arab. gebräuchlich (neben دلفين dulfîn und درفيل darfîl), s. PONS s.v. دخس, Wehr s.v. دخس (S. 273) und den Wikipedia-Art. دلفين.
Gesenius nennt auch eine Form تُخَسٌ tuḫasun. Johann Simonis teilt in seinem Lexicon manuale s.v. תַחַשׁ (S. 1065) auch die Quelle dieser Form mit: es ist das umfangreiche Lexicon Heptaglotton Sp. 3887 von Edmund Castell (oder Castle). Nach einer Liste von neun Wörtern mit der arab. Wurzel تخن tḫn liest man: „¶ تُخَسٌ 10 […] dec. Delphinus“.

Es erhebt sich aber die Frage, wie alt dieses Wort wirklich ist. Ich habe es weder bei al-Ǧawharî (auch Gauhar genannt, 10. Jh., sein Werk heißt aṣ-Ṣiḥḥaḥ), noch bei Fîrûzâbâdî (1329–1414, sein Werk heißt al-Qâmûs al-muḥîṭ „der umgebende Ozean“, in der lat. Literatur Camusus genannt) gefunden. Fündig geworden bin ich (wie ich glaube) bei ibn Manẓûr (1233-1311/12, Lisān al-ʿArab): Bd. 8, S. 180 der Ausg. von 1883/84, ab letzter Zeile (auch als Digitalisat bei baheth.info, der hellblau hinterlegte Text ist ibn Manzur, der gesuchte Eintrag ist in der viertletzten Zeile). (Gesenius' Thesaurus erwähnt auch noch den Naturhistoriker ad-Damīrī (1344/1349-1405); sein Werk Hayât-alhaiwân habe ich nicht gefunden.) Edward William Lanes Lexikon erwähnt das Wort im Lemma دُلْفِينٌ (B. 1, S. 905; auch als Digitalisat bei Perseus).
Die klassischen arab. Wörterbuch sortieren ihre Lemmata übrigens zuerst nach dem Endkonsonanten, dann nach dem restlichen Wortkörper. Die Liste Athen, Berlin, Oslo, Prag, Rom, Wien wird sortiert Pra-g, Ro-m, Athe-n, Berli-n, Wie-n, Osl-o.

Johann David Michaelis, Theologe und Orientalist auch er, scheint etwas skeptisch und gibt der vom dänischen König finanzierten Forschungsreise nach Arabien (die dann 1761 begann) einen Katalog von Fragen mit auf den Weg (1762). Zwei davon beziehen sich auf den Tachasch, Frage 8 (S. 16f) „Was ist תחש?“ und Frage 37 (S. 112-118) „Vom Manati und dem hebräischen תחש. Wie auch von Sirenen“. Der einzige Überlebende der Expedition, Carsten Niebuhr, bestätigt in seiner Beschreibung von Arabien (S. 178) (1772), dass arab. دخس der Delfin ist. Darüber hinaus Erhellendes habe ich aber nicht gefunden.

Gesenius beruft sich auch auf die Archäologie der Hebräer (S. 115) (1773) des jung verstorbenen Orientalisten Johann Ernst Faber, wonach die Araber den Delfin vom Seehund (Phoca vitulina) nicht unterschieden hätten. (Darin sieht Gesenius eine Parallele zu hebr. רְאֵם reʾem, das „Wildstier, wilder Büffel“ o.ä. bedeutet, während das etymologisch entsprechende arab. Wort ريم rîm nach Wehr „Addax, Mendesantilope“ bezeichnet.)
Der vor allem als Ökonom bekannte Johann Beckmann schreibt in seiner kommentierten Ausgabe des Antigonos von Karystos, Kap. 60 (S. 109) (1791), dass die Alten unter dem Namen des Delphins auch Seekühe, Seehunde, ja sogar Haie begriffen hätten, und es daher kaum möglich sei, die Geschichten über Delphine auf eine einzige Tierart zu beziehen. Belege für diese Behauptung bietet er aber letztlich keine.

Der Seehund kommt laut Faber auch im Arabischen Meerbusen vor (Achäol. S. 109). Das aber steht im Widerspruch zu einer Karte des Verbreitungsgebiets, wonach in Europa der Seehund nur im Nordatlantik und in der Nordsee zu finden ist. Vermutlich meint Faber (obwohl er ausdrücklich „Phoca vitulina Linnaei“ schreibt), wie auch die von ihm zitierten antiken Quellen (Plin. nat. 2, 55 (56), § 146 vitulus; Suet. Aug. 90 vitulus marinus; Plut. mor. 664 C (quaest. conviv. 4,2,1) φώκη; 684 C (5,9,1) ds.) in Wirklichkeit die Mönchsrobbe (Monachus monachus) (Liddell/Scott s.v. φώκη: „seal, esp. Phoca monachus“). Diese ist im Mittelmeer heimisch, aber inzwischen stark vom Aussterben bedroht. (Den Hinweis auf die Mönchsrobbe verdanke ich Inge Hofmann, s.u.)

Der schwedische Theologe und Naturforscher Samuel Ödmann wendet ein (Vermischte Sammlungen, Heft 3, S. 26ff (1791)), dass es keine Beweise für Fabers Behauptung gibt, die Araber hätten Delfin und Seehund nicht unterschieden. Und dass Schuhe aus Seehundsfell (oder gar solche aus der extrem dicken Seekuhhaut) zum Festtagsgewand der Jüdin gehört haben sollen, ist ihm wenig glaubhaft. Er kommt zum Schluss, dass zwar der Anschluss an das arab. tuḫas etymologisch das Richtige treffe, bei den Israeliten aber nicht buchstäblich die Delfinhaut, sondern eine von ähnlicher, bläulicher Farbe bezeichnet habe.

Der französische Diplomat Balthasar de Monconys berichet von seiner Ägyptenreise, dass man mit Seekuhhaut Schilde bespannt und Schuhe besohlt (Eintrag zum 22. Mai 1647, S. 252f, Faber bietet die Passage in dt. Übersetzung). Er gibt aber zu, selber keinen Homme Marin, wie er das Tier nennt, gesehen zu haben. Dem amerikanischen Theologen Edward Robinson wurden auf dem Sinai Sandalen aus der Haut eines Fisches gezeigt, den die Araber Tûn nennen. Woher Robinson weiß, dass das Halicora Hemprichii (altes Syn. für Dugong dugon) ist, verrät er uns nicht (Eintrag zum 28. März 1838, S. 116).

Nur wenige Forscher sind gegen diesen Mainstream geschwommen. So etwa der Theologe Johann Simonis. Er erklärt in seiner Darstellung der Hebräischen Nominalformenbildung S. 529 (und noch einmal ausführlicher im Anhang S. 690ff) (1735) den Tachasch als mit der Formans t- gebildetes Nomen actionis. Die zugehörige Wortwurzel ḥšh/j findet er in äthiop. ሐሰየ ḥsj „abreiben“, Part. ሕሱይ ḥəsuj „abgerieben, durch Abreiben verfertigt“ (s. Lemma bei Dillmann Sp. 95). (Während hebr. חשׁה ḥšh, wie oben gesagt, „untätig sein“ bedeutet.) Taḥaš bedeutet demnach „Abreiben, Scheren der Haut“, in Ex 25,5 metonymisch (das so hergestellte) „Leder“. Hierzu stellt er auch arab. سحا (oder سخا?) „(Haut) abschaben, glätten“ (mit umgestellten Konsonanten) – das ich im Wörterbuch nicht finden kann. Davon wiederum soll pers.-arab. سِخْتِيَانٌ siḫtijânun „Corduan aus Ziegenhaut“ (Lane: „gegerbte Ziegenhaut, Marokkoleder, Saffian“, s. Lemma bei Lane) stammen. (Vgl. auch den bereits genannten Eintrag in Simonis' Lexicon manuale s.v. תַחַשׁ, S. 1065.)
In seiner knappen hebr.-lat. Vokabelliste S. 70 (1753) gibt Simonis taḥaš mit „corium corduanum“ („Corduanleder“) wieder. (Corduan und Saffian – auch Maroquin genannt – ist weiches, feinnarbiges, gefärbtes Leder, dessen Herstellung aufwendig ist und viel Knowhow erfordert.)

Der Theologe und Orientalist Anton Theodor Hartmann in seiner Studie über die Mode bei den Hebräerinnen (S. 230ff) (1810) wiederum hält Tachasch für roten Saffian. Doch wie auch Gesenius empfindet, sind Hartmanns Argumente nicht sonderlich zwingend.

In diesem Sinne hatte es übrigens schon Martin Luther bei der Wiedergabe von Ez 16,10 verstanden: „semische Schuch“, d.h. Schuhe aus Chamoisleder. Darauf beruft sich etwa auch der reformierte Theologe Conrad Mel in seinem zweiten Antiquarius sacer S. 32: „(calceos) ex corio praeparato et tincto“ („(Schuhe) aus zubereitetem (=gegerbtem?) und gefärbtem Leder“) und noch einmal Antiqu. sacer S. 169f (1719): „de corio praeparato, atque colore hyacinthino tincto“ („von zubereitetem und violett gefärbtem Leder“).

Assyrisches Intermezzo

Der berühmte Assyriologe Friedrich Delitzsch kritisiert in seinen Prolegomena eines neuen hebräisch-aramäischen Wörterbuchs zum Alten Testament (1886) die Arabischhörigkeit des Geseniusschen Wörterbuchs in der (zu seiner Zeit aktuellen) 8. und 9. Aufl. (S. 22ff). (Man ist allerdings versucht, Delitzsch dasselbe in seinem Verhältnis zum Assyrischen vorzuwerfen.) Ab S. 77 widmet er sich dem Tachasch, für den der Gesenius ja ebenfalls eine arab. Etymologie bietet. Delitzsch bringt stattdessen das assyr. taḫšu (êlippê mašak taḫšê „Schiffe aus Tachasch-Haut“) ins Spiel. In Analogie zu den im 19. Jh. auf dem Euphrat verwendeten Fähren mit aufgeblasenen Hammelhäuten, schlägt er vor, taḫšû als Nisbe zu taḫšu zu verstehen, das er wiederum als „Hammel“ deutet.

Delitzschs Artikel zu taḫšû in seinem Assyrischen Handwörterbuch (1896) (S. 705, von mir wieder in kleinere Abschnitte unterteilt):

taḫšû? (gabšû?) mit Determ. SU d. i. mašak wahrscheinl. Hammelhaut (wenn taḫšû zu lesen, wohl sicher herzuleiten von einem Subst. taḫšu Hammel, vgl. hebr. תַּחַשׁ und s. meine Prolegomena, S. 78).

100 mašak taḫ-šú-úpl Hammelhäute Str. II. 928, 1.
ina elippê ša êpušûni elippê ša mašaktaḫ-ši-e ... überschritt ich den Euphrat Asurn. III 34,
den Euphrat bei Hochwasser ina elippê mašaktaḫ-ši-e lû êbir III 64 (statt taḫ soll eine Var. ga bieten),
ganz ähnlich Salm. Mo. Obv. 36. Rev. 82. 16 (i-na elippê šá mašaktaḫ-ši-e),
ina elippê mašaktaḫ-ši-e arkêšunu lû aṣbat (verfolgte ich sie) Rev. 77.

Auch taḫ-ši-a geschr.: i-na elippê mašaktaḫ-ši-a Purâta lû êbir Tig. V 57.
K. 4395 Col. V 17: amêl z/a-rib/p mašaktaḫ-ši-a.

In fast allen Beispielen ist also vom Überqueren „auf Schiffen aus (Hammel-?)Häuten“ die Rede.

James Craig gibt in seiner Übersetzung (1887) des Kurkh-Monolithen (eine Inschrift Salmanassers III., bei Delitzsch als Salm. Mo. abgekürzt) ass. êlippê (ša) mašak taḫ-ši-ê (I 36 = S. 206f, II 16 = S. 210f II 77, II 82 = S. 218f) mit „ships of lamb-skins“ wieder.

Der Assyriologe und Delitzsch-Schüler Paul Haupt wendet in der Hesekielausgabe der von ihm herausgegeben Edition des hebr. Textes der atl. Bücher (1899) in der Anmerkung zu Ez 16,10 (S. 65) ein, dass das zugrundeliegende Wort für den Hammel selber nirgends belegt ist: „The combination of תחש with Assyr. taxšû [genauer wohl: taxšu] ‘sheep’ is impossible. There is no Assyrian word taxšû. Instead of taxšû we must read gabšû (cf. Del. HW 194a and 705a), and this word does not mean sheep but inflated skin either of sheep (Assyr. immeru) or of goats (Assyr. enzu). Gabšû is derived from gabšu ‘mass, fulness, inflation’, just as maxrû ‘first’ from maxru ‘front,’ קדמיא from קדם; […]“. („Die Verbindung von taḥaš mit ass. taḫšû ‚Schaf‘ ist unmöglich. Es gibt kein assyrisches Wort taḫšû. Statt taḫšû müssen wir gabšû lesen […], und dieses Wort bedeutet nicht Schaf, sondern aufgeblasene Haut, entweder von Schafen (ass. immeru) oder von Ziegen (ass. enzu). Gabšû ist abgeleitet von gabšu ‚Masse, Fülle, Aufblähung‘, gerade wie maḫrû ‚erster‘ von maḫru ‚Vorderseite‘, qadmai [‚erster‘] von qædæm [‚Vorderseite, Vorzeit‘]; […]“) Also aufgeblasene Schafs- oder Ziegenhaut. Das wäre zwar von Delitzsch' Vermutung hinsichtlich der Bedeutung des Wortes nicht allzu weit entfernt. Aber die ass. Etymologie von taḥaš löste sich damit in Luft auf. (Allerdings ist gabšu genaugenommen ein Adjektiv „dicht, massenhaft, gewaltig“; das Substantiv, auf das sich Haupt bezieht, heißt gibšu, selten gubšu.)

Die britischen Orientalisten E. A. Wallis Budge / Leonard King übersetzen (1902) in den Annalen des Assurnasirpal ass. (iṣu)elippê(pl) ša (mašku) taḫ-ši-e einmal (III 34 = S. 355) mit „vessels made of skins“, einmal (ohne ša, III 64 = S. 365) mit „ships built of skins“. Haben sie taḫšu für ein Synonym von mašku gehalten? Oder haben sie auf die Übersetzung eines Wortes unsicherer Bedeutung verzichtet?

Der kath. Theologe und Orientalist Vojtěch (Adalbert) Šanda stellt im gleichen Jahr in einem Aufsatz (S. 207) den Tachasch wie Delitzsch zum assyr. taḫšû: „תחשׁ wird darum ein häufig vorkommendes Thier bezeichnen, vielleicht eine besondere Spielart von Ziege oder Schaf?“

Und noch William Hinke im Glossar des New Boundary Stone (S. 318) (1907) teilt offenbar die etymologische Zuordnung Delitzsch': „taḫšû, ram (Hebr. תַּחַשׁ)“.

Das Chicago Assyrian Dictionary liest (1959) du8-ši-e und ordnet das Wort unter dušû ein. Dessen Bedeutung: „1. (a precious stone of characteristic color), 2. leather dyed and tanned the color of d.-stone, 3. (inflated) goat (or sheep) skin, 4. (a color)“. Die von Delitzsch zitierten Stellen werden unter der 3. Bedeutung aufgeführt. Dušû ist demnach ein Edelstein von gelber oder oranger Farbe, aber dann auch Bezeichnung für Ziegenleder, das durch spezielle Bearbeitung diese Farbe bekommt. Und zuletzt einfach Bezeichnung für jene Ziegen- oder Schafhäute, aus denen die Assyrer ihre Schlauchboote gemacht haben: „Since only the hides of goats (and sheep) were treated in this way, the term dušû came, in the inscriptions of Tigl. I, Asn. and Shalm. III, to refer to the skins of these animals when inflated to make rafts buoyant.“ („Da nur die Häute von Ziegen (und Schafen) auf diese Weise behandelt wurden, entwickelte sich der Begriff dušû in den Inschriften Tiglat-Pilesers I., Assurnasirpals und Salmanassers III. dahin, dass er sich auf die Häute dieser Tiere bezog, wenn sie aufgeblasen wurden, um Flösse schwimmend zu machen.“) Damit ist zwar Delitzsch' Vermutung hinsichtlich der Bedeutung des Wortes mehr oder weniger bestätigt. Aber die ass. Etymologie von taḥaš bleibt fraglich. (Nach dem akkadischen Wörterbuch von Black/George/Postgate kommt das Wort im älteren Babylonischen auch in der Form duḫšûm vor.)

Ein bisschen Ägyptisch

In späteren Auflagen ist der Artikel im Gesenius immer weiter gekürzt worden. Der Hinweis auf die antiken Übersetzungen wurde schließlich ebenso weggelassen wie der auf das arab. Wort für den Delfin. In der 14. Aufl. (Leipzig: Vogel, 1905) gibt es neben Verweisen auf die Literatur nur noch eine vermutungsweise ägypt. Etymologie. Der eingedampfte Artikel zu taḥaš (S. 801):

תַּ֫חַשׁ i. p. תָּֽחַשׁ, pl. תְּחָשִׁים — in d. Vb. עוֺר תַּחַשׁ Tachaschhaut Nu 4 6. 8. 10-12. 14, pl. עֹרֹת תְּחָשִׁים Tachaschhäute Ex 25 5. 26 14. 35 7. 23. 36 19, עֹרֹת הַתְּחָשִׁים 39 34, u. in ders. Bed. bloß תַּחַשׁ Nu 4 25. Ez 16 10 (n. welcher Stelle Schuhe daraus bereitet w.);

vgl. Dillm.-Ryssel zu Ex 25 5; Del., Pro. 77 ff. Haupt, SBOT zu Ez 16 10. Šanda, ZKT 26 207; n. Bondi, Ägyptiaca 1 ff., d. äg. tḥs weichgegerbtes Leder.†

Der ursprünglich von August Knobel verfasste Exoduskommentar, in 2. Aufl. von August Dillmann bearbeitet, in 3. Aufl. (1897) von (Karl) Victor Ryssel (S. 307f), fasst noch einmal die verschiedenen bisher genannten Positionen zusammen und stellt richtig fest, dass weder Dachs noch Seehund so weit südlich vorkommen. Der Kommentar kennt bereits den Unterschied zwischen Manati und Dugong und hält letzteres für das wahrscheinlichste. (Vgl. auch Dillmann zu Num 4, S. 22.)

Delitzsch' assyr. Etymologie, Šandas Zustimmung und Haupts Ablehnung sind oben bereits besprochen.

Der Orientalist Jonas Bondi zitiert in einem Aufsatz (1897) ägyptische Texte, die das Wort ṯḥś enthalten, das er im Kontext als „Leder“ versteht, vor allem wegen des Zeichens F26 (F26, ein Ziegenbalg), das er offenbar als Determinativ auffasst. Das Wörterbuch von Erman/Grapow kennt ṯḥś (Bd. 5, S. 396) nur als Verbum „(ein Fell, Leder) recken o.ä. (über einem Gestell)“. Dieses Wort hält Bondi für den Ursprung des hebr. taḥaš und konjiziert für das AT die Bedeutung „ägyptisches Leder“, die besonders für Ez 16,10 gut passt. So ansprechend allerdings diese Deutung sein mag, leidet sie doch unter derselben grammatikalischen Unebenheit („die Häute der ägyptischen Leder“?) wie die Auffassung als Farbbezeichnung .

Die (vormals in Wien lehrende) Afrikanistin und Fachfrau für Meroitistik Inge Hofmann stellt in einem Artikel (1978) die Frage „Welches Tier lieferte die biblischen Tachasch-Felle?“. Ihre Antwort lautet: die Mittelmeermönchsrobbe. Hofmann zitiert dazu antike Belegstellen, in denen hauptsächlich diese Robbe gemeint ist:

Wieso die Robbe kein unreines Tier sein soll, habe ich nicht verstanden. Hofmann geht allerdings davon aus, dass die Stiftshütte eine reine Erfindung der Exilszeit ohne jeden historischen Hintergrund ist. Robbenfelle hätten die Juden im Babylonischen Exil kennengelernt.

Mit der Erklärung des Namens macht Hofmann ein neues Fass auf. Sie geht von der Verwendung des Taḥaš als Personenname aus: so heißt einer der Söhne Nahors (Gen 22,24). Diesen fasst sie als Namen einer Region und setzt ihn gleich mit jenem nordsyrischen Gebiet, das z.B. in der Siegesstele Amenophis' II. im Tempel von Amada als „Bezirk von T(j)ḫśj“ belegt ist. In den El-Amarna-Tafeln ist der Name keilschriftlich überliefert als Táḫ-ši (EA 189, rev. 12, ed. Knudtzon S. 712), s. Alan Gardiners Ausführungen in seinen Ancient Egyptian Onomastica, Nr. 258 (S. 150*-152*). Dieses Gebiet habe möglicherweise als Zwischenhändler für Robbenfälle fungiert. So seien diese zu ihrem Namen gekommen. (So wie man eine gewisse Sorte Rosinen Korinthen nennt.) – Eine Menge Vielleichts und unbelegbarer Annahmen. Ein Toponym aus dem Neuen Reich soll etliche Jahrhunderte später als Bezeichnung der Robbenfelle gedient haben. Wieso gerade Robbenfelle? Zwischenhandel wäre auch mit Häuten von Pferden, Krokodilen, Steinböcken oder sonst was möglich.

Im Jahr 2000 hat die britische Orientalistin Stephanie Dalley einen Artikel veröffentlicht, in dem sie sich offenbar (ich habe den Artikel nicht gelesen) für einen etymologischen Zusammenhang zwischen taḥaš und du(ḫ)šû ausspricht und das Wort als die Technik, Leder durch Aufnähen von Fayenceperlen zu verzieren, deutet. Dass allerdings die äußersten, Wind und Wetter ausgesetzten Planen eines großen Zeltes mit dieser aufwendigen und vermutlich auch empfindlichen Technik verziert werden sollen, kommt mir (wie gesagt, ohne Kenntnis des Artikels) unwahrscheinlich vor.

Meine Meinung

Ich glaube, dass ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehne, wenn ich behaupte, dass wir auch heute nicht wissen, was ein Tachasch ist. Gegen eine Farbe oder eine Machart des Leders spricht die Grammatik. Sprachlich wird man eher an ein Tier denken, von dessen Haut die Rede ist. Dachs oder Seehund verbieten sich von selbst. Aber auch Seekuh oder Delfin sind doch eher abstrus. Es geht nicht um ein paar Ledersohlen für Sandalen, sondern um die Bedeckung eines großen Zeltes. Bei der bekannten geringen Affinität der Israeliten für See und Seefahrt kann ich mir schwer vorstellen, woher sie solche Mengen von Häuten eines Meeresbewohners hätten nehmen sollen. Überdies handelt es sich um unreine Tiere, deren Verwendung für die Stiftshütte hochgradig unwahrscheinlich ist. Dabei gehe ich davon aus, dass die Stiftshütte keine Fiktion ist, sondern Erinnerung an ein transportables Heiligtum, das in der Frühzeit Israels tatsächlich existiert hat.

Dass auch modernen Übersetzern nicht klar ist, was für ein Unsinn Delfinhäute sind, ist schon erstaunlich. Ich bin geneigt, Šanda zuzustimmen („eine besondere Spielart von Ziege oder Schaf“), auch wenn die Etymologie bis heute im Dunkeln bleibt.

Literatur

Buchscans

Onlinequellen

Anhang

Lemma taḥaš in Wilhelm Gesenius' Hebräischem Wörterbuch, 9. Aufl. (Leipzig: Vogel, 1883):

תַּחַשׁ m. nur in der Verbindung עוֺר תַּחַשׁ Tachaschhaut Nu 4, 6 ff. Pl. עוֺרוֺת תְּחָשִׁים Tachaschhäute Ex 25, 5. 26, 14. 35, 23, mit dem Art. הַתְּחָשִׁים 39, 34, und in derselben Bdtg. bloss תַּחַשׁ Nu 4, 25. Ez 16, 10 (nach welcher Stelle Schuhe daraus bereitet werden).†
Die alten Überss. (LXX. ὑακίνθινα, Aqu. Symm. ἰάνθινα. Chald. u. Syr. rubra), denen Bochart (Hieroz I, 989) folgt, verstehen eine blaue Farbe des Leders nach blosser Vermutung.
Die Verbindung עוֺרוֺת הַתְּחָשִׁים spricht vielmehr für die Annahme der Talmudisten und hebr. Ausleger, dass תַּחַשׁ das Tier bedeute, von dessen Häuten die Rede ist. Die ersten beschreiben dieses (Schabbath 28a) als dem Marder (תלא אילן) ähnlich, und Raschi zu Ez. a. a. O., dem Luther folgt, versteht den Dachs.
Allein der Vergleich mit ar. تُخَس und دُخَس Delphin legt es näher, den Seehund zu verstehen.   S. Thes. p. 1500 f. Levisohn, Zoologie des Talmud S. 95–98.

Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 28. Dez. 2017