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Alphabet


Etwa um 800 v. Chr. entwickelten die Griechen ihr Alphabet aus dem phönikischen. Dabei entwickelten sich in den einzelnen Stadtstaaten regional unterschiedliche Ausprägungen dieses Alphabets, die sich voneinander durch Anzahl, Form und Lautwert der Buchstaben unterschieden.

Im Lauf des 5. Jh. v. Chr. begann sich das ostgriechische Alphabet der ionischen Stadt Milet in Griechenland allgemein durchzusetzen. Mit dem Alexanderreich wurde dieses zu dem griechischen Alphabet. In diesem sind die erhaltenen Handschriften der griechischen Autoren geschrieben, in diesem werden heute ihre Texte gedruckt und dieses ist es, das heute im Neugriechischen verwendet wird.

Als das Altgriechische Bestandteil des westlichen Bildungskanons wurde, entbrannte unter den Gelehrten ein Streit darüber, wie man es aussprechen sollte. So wie die modernen Griechen selber, also neugriechisch? Prominenter Fürsprecher dafür war Johannes Reuchlin (1455-1522); dann hätten aber die Schafe (griech. βῆ βῆ) [vi vi] blöken müssen statt [bæ bæ]. Oder antikisierend (d.h. in der Praxis an der Aussprache griech. Fremdwörter orientiert, z.B. dt. Demo-kratie [demo], nicht [ðimɔ])? Dafür machte sich Erasmus von Rotterdam (ca. 1465-1536) stark - und setzte sich durch (außer in Griechenland).

Das milesische Alphabet

Buchstabe Name Lautwert andere Formen in Inschriften
Αα alpha a
Ββ beta b
Γγ gamma g, vor γ, κ χ und ξ ng (wie in Klang)
Δδ delta d
Εε e psilon geschlossenes e, kurz oder lang, später nur kurz
Ζζ zeta ts oder ds, in manchen Dialekten viell. auch sd
Ηη eta westgriech. h, ostgriech. langes offenes e (wie in Käse)
Θθ theta th
Ιι iota i
Κκ kappa k
Λλ lambda l
Μμ my m
Νν ny n
Ξξ xi im Westgriech. nicht verwendet, ostgriech. ks
Οο o mikron geschlossenes o, kurz oder lang, später nur kurz  
Ππ pi p
Ρρ rho r
Σσ, am Wort-
ende ς
sigma s
Ττ tau t
Υυ y psilon u, im Att. ü
Φφ phi ph, wir sprechen heute f
Χχ chi westgriech. ks, ostgriech. kh, wir sprechen heute wie dt. ch
Ψψ psi westgriech. kh, ostgriech. ps
Ωω o mega langes offenes o

Die Namen der Buchstaben sind Verballhornungen der phönikischen Buchstabennamen: alf "Rind", bet "Haus", giml "Kamel", dalt "Tür" usw.

Einige Alphabete hatten kein Φ und kein Χ, sie schrieben stattdessen ΠΗ bzw. ΚΗ (Η war in diesen Alphabeten natürlich h). Andere hatten kein Ψ und kein Ξ, sie schrieben stattdessen ΦΣ (oder ΠΣ) bzw. ΧΣ (oder ΚΣ).

Einige Buchstaben, die man auf Inschriften findet, die es aber im milesischen Alphabet nicht gibt, sind:

Buchstabe Name Lautwert andere Formen in Inschriften
Ϝ digamma w wie in engl. water
Ϙ, Ϟ qoppa k vor υ und ο
Μ san s (Alphabete mit San haben i.A. kein Sigma)

Diphthonge

Diphthong Lautwert
αι ai
αυ au
ει ursprl. e-i, später langes geschlossenes e (wie in Esel), wir sprechen heute wieder e-i (manche auch ai)
ευ e-u, wir sprechen o-i (wie in heute)
οι oi
ου ursprl. o-u, später langes geschlossenes o (wie in Ofen), zuletzt langes u

Die Diphthonge ᾱι, ηι, ωι wurden früh monophthongiert, d.h. das i ist in der Aussprache geschwunden. In der Schrift wird dies dadurch angedeutet, daß das Iota etwas kleiner unter den Vokal gesetzt wird (Iota subscriptum): ᾳ ῃ ῳ. Bei großem Anfangsbuchstaben wird das Iota meist neben den Vokal gesetzt (Iota adscriptum), die Stellung des Spiritus zeigt aber, daß es sich um keinen Diphthong handelt: Ἅιδης [hades]. Iota sub-/adscriptum wird bei der alphabetischen Einordnung im Wörterbuch ignoriert.

Spiritus (Hauchzeichen)

Für den Laut h gab es im milesischen Alphabet kein Zeichen, da der Laut in diesem Dialekt nicht vorkam. Um in der Schrift andeuten zu können, daß ein vokalischer Anlaut behaucht ist (d.h. mit h davor zu sprechen), wurde ein (aus der linken Hälfte des Η) entwickeltes Zeichen verwendet, der sog. spiritus asper (rauher Rauch). Er wird bei Großbuchstaben vor, bei Kleinbuchstaben über das Zeichen geschrieben. Bei Diphthongen wird er über den zweiten Vokal gesetzt. Wörter, die mit Rho beginnen, tragen immer einen spiritus asper.
ὁ / Ὁ [ho] - οἱ / Οἱ [hoi] - [rh]

Das spiegelverkehrte Zeichen, der spiritus lenis (sanfter Hauch), wird verwendet, um einen unbehauchten Anlaut zu kennzeichnen.
ὀ / Ὀ [o] - οἰ / Οἰ [oi]

Akzente

Das Altgriechische hatte einen musikalischen Akzent, d.h. daß der Ton anstieg oder absank. Es gibt drei Akzentzeichen, die wir heute aber unterschiedslos einfach als Druckakzent aussprechen:

Akut
ursprl. steigender Ton, steht rechts neben dem Spiritus
ά ἄ ἅ Ἄ Ἅ
Gravis
ursprl. fallender Ton, steht rechts neben dem Spiritus
ὰ ἂ ἃ Ἂ Ἃ
Zirkumflex
ursprl. steigender und dann fallender Ton, steht über dem Spiritus; kann nur auf langen Vokalen und auf Diphthongen stehen, nur auf der letzten oder vorletzten Silbe, auf der vorletzten nur, wenn die letzte Silbe kurz ist.
ᾶ ἆ ἇ Ἆ Ἇ

Sonstige Zeichen

Apostroph
Zeichen für den Ausfall eines kurzen Endvokals
ἀπό > ἀπʼ
Koronis
Zeichen für die Verschmelzung zweier Wörter, Form und Stellung wie Spiritus lenis
τὰ ἄλλα > τἆλλα
Trema (Diairesis)
zeigt an, daß zwei Vokale nicht als Diphthong, sondern getrennt zu sprechen sind
πραΰς [pra-ys], nicht [praus]
Fragezeichen (Erotimatiko)
sieht aus wie unser Strichpunkt
Hochpunkt (Ano teleia)
ein Punkt in der Mitte der Zeile, entspricht unserem Strichpunkt und Doppelpunkt
Punkt und Beistrich
wie im Deutschen, ein Rufzeichen gibt es nicht
Dexia und aristeri keraia
zeigen an, daß Buchstaben als Zahlzeichen verwendet werden (es gab keine eigenen Zeichen für Ziffern)
αʹ = 1, ͵α = 1000

Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Änderung: 9. März 2011