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Rätselhafte Lieder


In frühen Jugendjahren verstand ich von den zumeist englischsprachigen Liedtexten nichts oder missverstand sie. (So glaubte ich lange Zeit in einem Lied rat race zu hören, während es wohl in Wahrheit red dress hieß.) Höchstens den Titel oder die catch phrase des Refrains verstand ich. Aber das war mir auch egal. Es ging um den Sound, die Melodie, den Schmiss.

Eines der ersten Lieder, bei denen ich mich fragte, was da eigentlich gesungen wird, war Leonard Cohens Suzanne („and Jesus was a sailor […] and he spent a long time watching from his lonely wooden tower“). Später stellte ich mir diese Frage auch bei Hotel California von den Eagles („they stab it with their steely knives, but they just can't kill the beast“).

Hier sind die Erkenntnisse zu einigen Liedtexten versammelt, mit denen ich mich in letzter Zeit auseinandergesetzt habe. Ich habe dazu eine deutsche Übersetzung der Texte zu geben versucht. Vermutlich ist schon das unautorisierte Übersetzen ein schwerer Rechtsverstoß. Daher habe ich davon abgesehen, den Originaltext danebenzustellen. Denn dann müsste ich schon mal meine Tasche für die Justizvollzugsanstalt packen.

Leonard Cohen, Hallelujah

Dieses Lied habe ich (wie vermutlich viele) zum ersten Mal in dem Film Shrek (2001) gehört, in der Version von John Cale. Das Original von Leonard Cohen (1934-2016) habe ich erst viel später gehört. Es wurde 1984 veröffentlicht. Es gibt unzählige Coverversionen, neben der bereits genannten von Cale haben etwa auch Jeff Buckley, Rufus Wainwright, Imogen Heap u.a. hörenswerte Interpretationen abgeliefert. Letztens hat auch unser Singkreis das Lied im Gottesdienst zum besten gegeben. Vermutlich inspiriert vom Refrain hat die Leiterin es als gottesdiensttauglich eingestuft.

Doch ist das wirklich ein religiöses Lied? Ist das viermalige Hallelujah des Refrains mehr als nur ein religiöses Versatzstück? Welche Textfassung soll man dazu überhaupt analysieren? Cohen hat bei Liveauftritten z.T. neue Strophen gesungen, die in der ursprünglichen Version nicht enthalten sind. Beginnen wir mit der Fassung von 1984.

1 Nun, ich habe gehört, es hat einen geheimen Akkord gegeben,
den David gespielt hat, und er hat dem Herrn gefallen.
Aber du machst dir nicht wirklich etwas aus Musik, oder?
Er geht so: die vierte [Tonstufe], die fünfte,
der Fall ins Moll [zugleich: der geringfügige Fall], der Aufstieg ins Dur [zugleich: der größere Aufstieg],
während der verblüffte König ein Halleluja komponierte.
Eine Anspielung auf König David, der ja auch als Psalmenkomponist gilt. Zugleich eine Erklärung der Tonführung: C (Tonika) - F (the fourth = Quart, Subdominante) - G (the fifth = Quint, Dominante) - Am (the minor fall) - F (the major lift). Doch das angesprochene Du ist an Musik offenbar gar nicht interessiert. Ein Reflex von Cohens persönlichen Erfahrungen?
Ref. Preist JaH(WeH)
2 Dein Glaube war stark, aber du brauchtest einen Beweis.
Du hast sie auf dem Dach baden gesehen.
Ihre Schönheit und das Mondlicht haben dich zu Fall gebracht.
Sie hat dich an einen Küchenstuhl gebunden.
Sie hat deinen Thron zerbrochen und dein Haar geschnitten.
Und von deinen Lippen hat sie das Halleluja herausgezogen.
Anspielung auf Davids Affäre mit Bathseba, aber auch auf Simson und Delila. Versagen und Untergang, verursacht durch die Schwäche von Männern angesichts der Schönheit von Frauen.
3 Du sagst, ich habe den Namen vergeblich genommen.
Ich kenne den Namen nicht einmal.
Aber wenn ich es getan habe, wirklich, was kümmert es dich?
In jedem Wort gibt es ein Auflodern von Licht.
Es spielt keine Rolle, welches du gehört hast:
das heilige oder das gebrochene Halleluja.
Könnte bei dem Juden Cohen (sein Name bedeutet auf Hebr. „Priester“) the name Anspielung auf hebr. ha-šem („der Name“, d.h. Jahwe, Gott) sein? Geht es um einen Beziehungskonflikt über Worte? Über Glaubensfragen?
4 Ich habe mein Bestes getan, es war nicht viel.
Ich konnte nicht fühlen, daher habe ich versucht zu berühren.
Ich habe die Wahrheit gesagt, ich bin nicht gekommen, um euch zum Narren zu halten.
Und auch wenn alles schief gelaufen ist,
werde ich vor dem Herrn des Gesangs stehen
mit nichts auf meiner Zunge als Halleluja.
Das Eingeständnis, dass Bemühungen nicht gefruchtet haben, Lebenskonzepte nicht aufgegangen, Beziehungen vermutlich in die Brüche gegangen sind. Kein Sündenbekenntnis, aber zum Schluss vielleicht so etwas wie ein Anflug von Dankbarkeit. Oder ist es doch nur Resignation?

Im Gottesdienst wurden noch die zwei folgenden Strophen gesungen:

5 Schatz, ich bin vorher (schon) hier gewesen.
Ich habe dieses Zimmer gesehen und bin auf diesem Fußboden gegangen.
Ich habe früher allein gelebt, bevor ich dich kennengelernt habe.
Ich habe deine Flagge auf dem Marmorbogen gesehen.
Aber Liebe ist kein Siegesmarsch.
Sie [die Liebe – oder was sonst?] ist ein kaltes und ist ein gebrochenes Halleluja.
Geht es um das Abweisen von Besitzansprüchen des Partners, der das redende Ich als Siegesbeute ansieht? Marble Arch „Marmorbogen“ heißt auch ein neuzeitlicher Triumphbogen in London.
6 Vielleicht gibt es einen Gott droben.
Aber alles, was ich jemals von der Liebe gelernt habe,
war, wie ich auf jemanden schieße, der dich ausgestochen (oder: [mir] ausgespannt?) hat.
Und es ist kein Schrei, den du nachts hören kannst,
es ist nicht jemand, der das Licht gesehen hat.
Es ist ein kaltes und es ist ein gebrochenes Halleluja.
Die Existenz Gottes ist dem lyrischen Ich ungewiss. Die Liebe (zwischen Mann und Frau) ist ihm fragwürdig, weil sie zu Eifersucht und Mord führen kann.

Das Lied ist ein gebrochenes Halleluja, kein Lied über eine Gotteserfahrung oder den Glauben an Gott. Eher eines über die Erfahrung der Brüchigkeit und das Scheitern von Liebesbeziehungen und der Unverfügbarkeit eines gelungenen Lebens. Verpackt ist das in rätselhafte, andeutende Aussagen. Ich würde es nicht im Gottesdienst singen, wenn der Gottesdienst sich nicht explizit diesem Thema widmet. Und auch dann nur als Exempel für die Gefühlslage der Glaubenslosigkeit. In die zwar auch jeder Glaubende von Zeit zu Zeit geraten kann. Aber die er eben nicht kultivieren, sondern überwinden will.

Allgemeine Informationen und Interpretationen
Hallelujah (Leonard-Cohen-Lied). Wikipedia dt.
Hallelujah. Songlexikon
Text
A short history of "Hallelujah"
Fifteen 'Hallelujah' verses?

Cat Stevens, Lady D’Arbanville

Cat Stevens (geb. 1948), eigentlich Steven Demetre Georgiou, seit 1978 (nach seiner Konversion zum Islam) Yusuf Islam, veröffentlichte 1970 das Lied Lady D’Arbanville (auf dem Album Mona Bone Jakon und als Single).

Darin spricht der Sänger eine Frau an, die offenbar tief schläft, ja vielleicht bewußtlos ist. Wiederholt fallen Sätze wie:

Meine Dame D’Arbanville,
warum schläfst du so reglos?
Dein Herz scheint so still.
Warum atmest du so flach?
Du siehst heute nacht so kalt aus.
Deine Lippen fühlen sich an wie Winter.
Dein Haut ist weiß geworden.

Doch noch scheint er die Hoffnung zu haben, die Frau aufwecken zu können:

Ich werde dich morgen aufwecken,
und du wirst meine Stillung1) sein.
1) my fill, vielleicht wie in to drink one's fill „seinen Durst stillen“

Doch zum Schluss muss er zur Kenntnis nehmen, dass die geliebte Frau tot ist:

Ich habe dich geliebt, meine Dame,
obwohl du in deinem Grab liegst.
Ich werde immer bei dir sein,
diese Rose wird niemals sterben.

Tatsächlich gibt es die Frau dieses Namens: Patricia („Patti“) D’Arbanville (geb. 1951), Schauspielerin (Bilitis) und in den späten 60ern ein gefragtes Model. In dieser Zeit lernte Cat Stevens sie kennen und begann eine Beziehung zu ihr. Doch scheint sie immer wieder länger von London abwesend gewesen zu sein. Der Sänger hat die langdauernden Abwesenheiten der Geliebten so empfunden, als sei sie tot. Das Lied dürfte den Anfang vom Ende der Beziehung markieren.

Text
Lady d'Arbanville Lyrics
Patricia D’Arbanville
Patti D'Arbanville. Wikipedia engl.
Lady D'Arbanville. Wikipedia engl.

Procol Harum, A Whiter Shade of Pale

Der Name der Band Procol Harum sieht zwar ein wenig Lateinisch aus, ist es aber nicht wirklich. Wo der Name herkommt, darüber gibt es viele Spekulationen, aber nichts Sicheres. Häufig wird kolpiert, es sei der Name einer Katze – als ob das etwas erklären würde.

1967 erschien der Song, dessen Titel auf Deutsch wörtlich so viel bedeutet wie „eine weißere Schattierung von Blass“, oder etwas salopper ausgedrückt „eine Spur blasser“. Der Text beschreibt ein Paar (das lyrische Ich ist der Mann), das einen Abend miteinander verbringt, tanzt, trinkt, Karten spielt (oder ist das nur eine Metapher?) und schließlich im Bett landet. Man sollte in die lose Abfolge vom Gedankenfetzen und Assoziationen nicht allzuviel hineingeheimnissen. Vielfach ist es Wortgeklingel, von dem gilt, was Morgenstern vom ästhetischen Wiesel schreibt: „Das raffinierte Tier tat's um des Reimes willen.“

1 Wir hüpften den leichten Fandango,
schlugen Räder durch den Saal.
Ich fühlte mich irgendwie (od. ziemlich) seekrank,
aber die Menge rief nach mehr.
Der Raum summte immer stärker,
während die Zimmerdecke wegflog.
Als wir nach einem weiteren Drink riefen,
brachte der Kellner ein Tablett.
Fandango ist ein spanischer Tanz, dem ähnlich wie dem Tango sexuell stimulierende Wirkung zugeschrieben wird. Literaturspezialisten sehen hier einen Anklang an eine Gedichtzeile von John Milton: „trip it as you go / on the light fantastic toe“, die im Engl. auch zur Redewendung wurde: to trip the light fantastic heißt soviel wie „eine kesse Sohle aufs Parkett legen“.
Ref. Und so geschah es, dass später,
als der Müller seine Geschichte erzählte,
dass ihr Gesicht, zuerst einfach gespenstisch,
eine Spur blasser wurde.
Vielleicht Anspielung auf The Miller's Tale, die zweite Erzählung in Geoffrey Chaucers Canterbury Tales.
2 Sie sagte: „Es gibt keinen Grund,
und die Wahrheit ist klar zu sehen.“
Aber ich streifte durch meine Spielkarten
und hätte sie nicht sein lassen
eine von sechzehn Vestalischen Jungfrauen,
die zur Küste aufbrachen.
Und obwohl meine Augen offen waren,
hätten sie genausogut geschlossen sein können.
Vestalinnen waren die zur Jungfräulichkeit verpflichteten römischen Priesterinnen der Göttin Vesta (Göttin des Herdfeuers).

Den Quellen zufolge wurden bei Konzerten noch zwei weitere Strophen gesungen, die das Bild abrunden.

3 Sie sagte: „Ich bin zu Hause auf Landurlaub“,
obwohl wir in Wahrheit auf See waren.
Daher nahm ich sie am Spiegel,
und nötigte sie zuzustimmen,
indem ich sagte: „Du musst die Nixe sein,
die Neptun übers Ohr gehauen hat.“
Aber sie lächelte mir so traurig zu,
dass mein Ärger sofort erstarb.
4 Wenn Musik die Nahrung der Liebe ist,
dann ist Lachen ihre Königin.
Und ebenso, wenn hinten vorne ist,
dann ist Schmutz in Wahrheit sauber.
Mein Mund, bis dahin wie Pappkarton,
schien geradewegs durch meinen Kopf zu rutschen.
So sturztauchten wir schnurstracks rasch
und attackierten den Grund des Ozeans (wörtl.: das Ozeanbett).
„If music be the food of love, play on“ ist der Anfang von Shakespeares Theaterstück Twelfth Night (dt. meist unter dem Titel Was ihr wollt).
Sturz- oder schnelltauchen ist, was ein U-Boot macht, wenn es ganz schnell von der Wasseroberfläche verschwinden muss.
Die letzte Zeile scheint bewusst zweideutig: für „Meeresboden, -grund“ steht im Engl. ocean bed.
Zum Bandnamen
The Mysterious Case of the Vanishing Cat: in Search of the Real Procol Harum
Text
The words of 'A Whiter Shade of Pale'
Excerpt from 'Lives of the Great Songs'
A Whiter Shade of Pale. Wikipedia dt.

Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 1. Dez. 2021