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Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr


Ich glaube, die Lektüre des Buches Wörter auf Wanderschaft von Heinrich Scheffler (Pfullingen, 1987), das beim Stichwort „Kamel“ wieder zum notorischen Seil gelangte, war der Auslöser dafür, dass ich in einem kurzen Dokument die Sachlage (und natürlich meine Sicht der Dinge) beschrieb. Beim Wiederdurchlesen und -denken bin ich auf den Wikipediaartikel  Gleichnis vom Nadelöhr gestoßen. Der damalige Bearbeitungsstand (11. Nov. 2008) war eine krude Mischung aus Ungenauigkeiten, Missverständnissen und definitiv falschen Behauptungen. Daher habe ich beschlossen, diese Seite zu einer Quellensammlung auszubauen. Inzwischen wurde der Wikipediaartikel erfreulicherweise umgearbeitet und die Ergebnisse der Bibelwissenschaft fanden Berücksichtigung.

Der Youtube-Clip  The Camel and Needle: Did Scholars Mistranslate Jesus's Famous Saying? von ReligionForBreakfast bietet eine gute Darstellung des Problems und hat mich veranlasst, diese Seite neu zu überarbeiten, umzustrukturieren und Links zu aktualisieren.

Die syrischen und arabischen Passagen habe ich wiedergegeben, so gut ich es vermochte. Ich bin beider Sprachen kaum mächtig. Überhaupt empfehle ich, auch mir nichts unbesehen zu glauben. Daher habe ich reichlich Verweise auf die Quellen beigegeben.

Hinsichtlich des Urheberrechts hoffe ich, es durch das Zitieren einzelner Lemmata oder kurzer Passagen nicht verletzt zu haben. Bei einem Gutteil der Texte sollten auf Grund des Alters Urheberrechtsansprüche ohnehin erloschen sein. Sollte dennoch jemand seine Rechte verletzt sehen, möge er mich umgehend darauf hinweisen.

Für diese Seite benötigt man Schriftarten für Altgriechisch, Syrisch, Arabisch, Koptisch und Armenisch. Der dauernde Wechsel der Schriftrichtung in Lexikonartikeln führt im Browser zu Darstellungsproblemen, die ich bisher nicht ganz gelöst habe.

Das Problem

„Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt“, sagt Jesus einmal (Mt 19,24; Mk 10,25; Lk 18,25). Im griech. Text steht das Wort kamēlos (mit Eta), das im NT (wie das hebr. gamal im AT) immer das einhöckerige Kamel bezeichnet, das wir Dromedar nennen (camelus dromedarius). (Das zweihöckerige Kamel, camelus bactrianus, findet sich z.B. auf dem schwarzen Obelisken Salmanassers III. abgebildet und ist zumindest seit dieser Zeit im Nahen Osten nicht unbekannt, kommt aber m.W. in der Bibel nirgends vor.)

Das Kamel ist das größte Tier, dem man in Palästina üblicherweise begegnete. Das Nadelöhr ist die kleinste Öffnung. Das Bild ist also klar: ein Riesenvieh kommt niemals durch ein so winziges Loch, erst recht nicht kommt ein Reicher ins Himmelreich.

Vermutlich aus zwei Gründen hat es verschiedene Umdeutungen dieses an sich klaren Bibelwortes gegeben:

Die Forderung nach Kohärenz des Bildes erfüllen aber viele bildhafte Redewendungen nicht, z.B. der Elefant im Porzellanladen, die Warnung Jesu davor, dass das Salz seinen Geschmack verliert (s.  Jesu Salzworte), oder sein Wort vom Balken im Auge Mt 7,3.

Das Nadelöhr


Ein Kamel zwängt sich durch eine enge Öffnung. Relief in der Bonifatius­kirche Dortmund.
Urheber: Mathias Bigge, 2007.– Lizenz: GFDL 1.2, CC BY-SA 3.0.– Quelle: Wikipedia.– Bearb.: Verkleinerter Bildausschnitt.

Dame zwängt sich durch ein „Nadelöhr“.
Urheber: Ulrich Sahm.

Eine Interpretation des Jesuswortes besagt, dass Nadelöhr die Bezeichnung für eine kleine Mauerpforte in der Stadtmauer von Jerusalem war, durch die ein Kamel, wenn überhaupt, dann nur auf Knien durchrutschen konnte. (Also wenn er schön demütig ist, kommt der Reiche ja vielleicht doch in den Himmel.)

Der Nahostkorrespondent  Ulrich Sahm hat mir freundlicherweise ein Foto zukommen lassen, von dem nebenstehend ein stark verkleinerter Ausschnitt zu sehen ist. Es zeigt, wie er schreibt, eine Öffnung in jenem Stadttor, durch das nach russischer Tradition Jesus nach Golgatha geführt worden war: „Es befindet sich im Keller des Alexanderhospizes neben der Grabeskirche. Ob dieses Tor nun herodianisch, hadrianisch oder sonstwas ist, darüber streiten sich die Gelehrten.“

Für die Existenz einer solchen Pforte zur Zeit Jesu habe ich aber bisher keinen Hinweis finden können. Der Theologe Ulrich Wendel bezeichnet denn auch diese Nadelöhr-Hypothese als Ente und urban legend: „Für dieses angebliche Tor gibt es nicht den geringsten historischen Hinweis! […] Hätte man damals wirklich so ein unpraktisch kleines Tor gebaut? Wozu wäre das gut gewesen?“

Agnieszka Ziemińska ist neuerdings in einem Aufsatz der Frage nachgegangen, woher diese beliebte Auslegung stammt. Sie zitiert letztlich einen Satz aus der Catena aurea des Thomas von Aquin (1225-1274) und sagt dazu, diese Glosse sei später dem Anselm von Canterbury zugeschrieben worden.

Bei dem kanterburger Anselm habe ich nichts dergleichen gefunden, tatsächlich fündig geworden bin ich bei seinem Schüler Anselm von Laon (ca. 1050-1117). In dessen Enarrationes in ev. Matthaei Kap. 19 heißt es:

Aliter dicitur, quia Jerosolymis quaedam porta erat, quae Foramen acus dicebatur, per quam camelus, non nisi deposito onere et flexis genibus transire non poterat; Anders wird gesagt, dass es in Jerusalem ein gewisses Tor gab, das Nadelöhr genannt wurde, durch das ein Kamel, wenn es nicht die Ladung abgelegt hatte und die Knie gebeugt hatte, nicht durchgehen konnte.
per quam significantur divites, non posse intrare viam arctam, quae ducit ad vitam, nisi divitiis saltem non amando depositis, et sordibus peccatorum renuntiatis, et cordibus per humilitatem contritis. Durch dieses (Tor) wird angezeigt, dass die Reichen den schmalen Weg, der zum Leben führt, nicht betreten können, wenn sie nicht den Reichtum, indem sie ihn wenigstens nicht lieben, abgelegt und dem Schmutz der Sünden entsagt und die Herzen durch Demut zerknirscht haben.

Tatsächlich findet sich diese Behauptung mit fast denselben Worten wiederholt in Thomas von Aquins Catena aurea Kap. 19, Lekt. 6 mit der Herkunftsangabe Glossa.

Glosse. Aliter dicitur, quia Hierosolymis quaedam porta erat, quae foramen acus dicebatur, per quam camelus, nisi deposito onere et flexis genibus, transire non poterat: per quod significatur, divites non posse transire viam arctam quae ducit ad vitam, nisi sordibus peccatorum et divitiis depositis, saltem non amando. Glosse. Anders wird gesagt, dass es in Jerusalem ein gewisses Tor gab, das Nadelöhr genannt wurde, durch das ein Kamel, außer wenn es die Ladung abgelegt und die Knie gebeugt hatte, nicht durchgehen konnte. Dadurch wird angezeigt, dass die Reichen den schmalen Weg, der zum Leben führt, nicht zurücklegen können, außer wenn sie den Schmutz der Sünden und den Reichtum abgelegt haben, indem sie ihn wenistens nicht lieben.

Die Zuschreibung dieser Glosse an Anselm von Canterbury mag auf einer Verwechslung der beiden Anselme beruhen. Die engl. Übersetzung der Catena aurea von 1841 schreibt neben die Glosse Gloss. ap. Anselm. Der einzige Anselm, der in der Liste der Autorennamen am Anfang des ersten Teilbandes genannt wird, ist S. Anselm, Archbishop of Canterbury, A.D. 1093.

Ein deutscher Besucher des heiligen Landes des 15. Jh. namens Johannes Poloner beschreibt eine Pforte dieses Namens.

In platea vero huic proxima est domus, qua vinculatus erat beatus Petrus; loco carceris ejus est fornax pistoris. In der Straße aber ist das diesem [der Davidszitadelle] nächstgelegene Haus (das), wo der selige Petrus gefesselt war; an Stelle seines Gefängnisses ist ein Bäckerofen.
In eadem platea est portula versus austrum, quae lingua eorum foramen acus dicitur, de qua Dominus dixit: Facilius est, camelum ire per foramen acus etc. In derselben Straße gibt es ein Pförtchen Richtung Süden, das in ihrer [d.h. der arab.] Sprache Nadelöhr genannt wird, von dem der Herr sagte: „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nädelöhr geht“ usw.

Das klingt sehr nach Reiseführerfolklore. Auch bestritt Johann Gottfried Wetzstein (laut Toblers Kommentar) die Existenz eines solchen Ausdrucks im Arab.

Das Kamel

Eine andere Interpretation besagt, dass hier eine Verwechslung der Worte Kamel und Seil vorliegt.
Sehen wir uns den griech. Urtext und die antiken Übersetzungen an.

Der Text und die frühen Übersetzungen

Mt 19,24 πάλιν δὲ λέγω ὑμῖν, εὐκοπώτερόν ἐστιν κάμηλον διὰ τρυπήματος ῥαφίδος διελθεῖν ἢ πλούσιον εἰσελθεῖν εἰς τὴν βασιλείαν τοῦ θεοῦ. Noch einmal sage ich euch: es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr [wörtl. durch ein Loch einer Nadel] hindurchgeht, als dass ein Reicher hineinkommt in das Reich Gottes.
Mk 10,25 εὐκοπώτερόν ἐστιν κάμηλον διὰ [τῆς] τρυμαλιᾶς [τῆς] ῥαφίδος διελθεῖν ἢ πλούσιον εἰς τὴν βασιλείαν τοῦ θεοῦ εἰσελθεῖν. Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr hindurchgeht, als dass ein Reicher ins Reich Gottes hineinkommt.
Lk 18,25 εὐκοπώτερον γάρ ἐστιν κάμηλον διὰ τρήματος βελόνης εἰσελθεῖν ἢ πλούσιον εἰς τὴν βασιλείαν τοῦ θεοῦ εἰσελθεῖν. Denn es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr hineinkommt, als dass ein Reicher ins Reich Gottes hineinkommt.

Vom Wortlaut her unterscheiden sich die drei Stellen nur hinsichtlich der Wörter für Öhr (Mt τρύπημα v. τρυπάω „(durch)bohren“, Mk τρυμαλιά v. τρύω „aufreiben, erschöpfen“, Lk τρῆμα von τετραίνω „durchbohren, durchlöchern“, alle drei Wörter bedeuten also „Loch“) und Nadel (Mt Mk ῥαφίϛ „(Näh-)Nadel“ v. ῥάπτω „(zusammen-)nähen“, Lk βελόνη „Spitze, Nadel“) und ob das Kamel durch das Nadelöhr hindurchgeht/-kommt (Mt Mk διέρχομαι) oder hineingeht/-kommt (Lk εἰσέρχομαι). Im Dt. gibt es für das Loch in der Nadel ein eigenes Wort: Öhr, verwandt mit Ohr; die engl. Sprache sagt mit einer etwas anderen Analogie eye of the needle. Von einem Seil ist aber nichts zu erkennen.

Die koptischen Übersetzungen sind vermutlich die wichtigsten, denn sie sind frühe Vertreter der alexandrinischen Textgruppe, die heute als dem Original am nächsten gilt. Die sahidischen sind dabei älter (Ende 2. Jh.?) als die bohairischen.

Mt 19,24 sahid. ⲡⲁⲗⲓⲛ ⲟⲛ ϯⲇⲱ ⲙ̄ⲙⲟⲥ ⲛⲏⲧⲛ̄. ϫⲉ ⲥⲙⲟⲧⲛ̄ ⲉⲧⲣⲉ ⲟⲩϭⲁⲙⲟⲩⲗ ⲉⲓ ⲉⲃⲟⲗ ϩⲓⲧⲛ̄ⲟⲩⲁⲧϥⲉ ⲛ̄ⲟⲩϩⲁⲙⲛ̄ⲧⲱⲡ1) ⲉϩⲟⲩⲉⲧⲣⲉ ⲟⲩⲣⲙ̄ⲙⲁⲟ ⲃⲱⲕ ⲉϩⲟⲩⲛ ⲙⲛ̄ⲧⲉⲣⲟ ⲙ̄ⲡⲛⲟⲩⲧⲉ. Wieder sage ich es euch: Es ist leicht, dass ein Kamel (hinaus)geht durch das Öhr einer Nadel, mehr als dass ein Reicher hineinkommt in das Reich Gottes.
bohair. ⲡⲁⲗⲓⲛ ϯϫⲱ ⲙ̄ⲙⲟⲥ ⲛⲱⲧⲉⲛ. ϫⲉ ⲥⲙⲟⲧⲉⲛ ⲛ̄ⲧⲉ ⲟⲩϭⲁⲙⲟⲩⲗ ⲉϧⲟⲩⲛ ϧⲉⲛⲟⲩⲁⲑⲛⲓ ⲛ̄ⲟⲩⲙⲁⲛ̄ⲑⲱⲣⲡ. ⲓⲉ ⲟⲩⲣⲁⲙⲁⲟ ⲛ̄ⲧⲉϥⲓ ⲉϧⲟⲩⲛ ⲉϯⲙⲉⲧⲟⲩⲣⲟ ⲛ̄ⲧⲉ ⲫϯ. Wieder sage ich es euch: Es ist leicht, dass ein Kamel hineingeht in das Öhr einer Nadel, mehr als dass ein Reicher hineinkommt in das Reich Gottes.
Mk 10,25 sahid. ⲥⲙⲟⲧⲛ̄ ⲅⲁⲣ ⲉⲧⲣⲉ ⲟⲩϭⲁⲙⲟⲩⲗ ⲃⲱⲕ ⲉϩⲟⲩⲛ ϩⲓⲧⲉⲛⲟⲩⲁⲧϥⲉ ⲛ̄ⲟⲩϩⲁⲙⲛ̄ⲧⲱⲡ1) ⲉϩⲟⲩⲉ ⲟⲩⲣⲙ̄ⲙⲁⲟ ⲉⲧⲣⲉϥⲃⲱⲕ ⲉϩⲟⲩⲛ ⲙⲛ̄ⲧⲣ̄ⲣⲟ ⲙ̄ⲡⲛⲟⲩⲧⲉ. Denn es ist leicht, dass ein Kamel hineingeht durch durch das Öhr einer Nadel, mehr als dass ein Reicher hineinkommt in das Reich Gottes.
bohair. ⲥⲙⲟⲧⲉⲛ ⲛ̄ⲟⲩϭⲁⲙⲟⲩⲗ ⲉⲥⲓⲛⲓ ⲉⲃⲟⲗ ϩⲓⲧⲉⲛ ⲫⲟⲩⲱⲧⲉⲛ ⲛ̄ⲟⲩⲙⲁⲛ̄ⲑⲱⲣⲡ. ⲓⲉ ⲟⲩⲣⲁⲙⲁⲟ ⲛ̄ⲧⲉϥⲓ ⲉϧⲟⲩⲛ ⲉϯⲙⲉⲧⲟⲩⲣⲟ ⲛ̄ⲧⲉ ⲫϯ.
Lk 18,25 sahid. ⲥⲙⲟⲧⲛ̄ ⲅⲁⲣ ⲉⲧⲣⲉ ⲟⲩϭⲁⲙⲟⲩⲗ ⲉⲓ ⲉⲃⲟⲗ ϩⲓⲧⲛ̄ⲟⲩⲁⲧϥⲉ ⲛ̄ⲟⲩϩⲁⲙⲛ̄ⲧⲱⲡ ⲉϩⲟⲩⲉⲟⲩⲣⲙ̄ⲙⲁⲟ ⲃⲱⲕ ⲉϩⲟⲩⲛ ⲙⲛ̄ⲧⲣⲣⲟ ⲙ̄ⲡⲛⲟⲩⲧⲉ. Denn es ist leicht, dass ein Kamel (hinaus)geht durch das Öhr einer Nadel, mehr als dass ein Reicher hineinkommt in das Reich Gottes.
bohair. ⲥⲙⲟⲧⲉⲛ ⲅⲁⲣ ⲛ̄ⲧⲉ ⲟⲩϭⲁⲙⲟⲩⲗ ⲓ ⲉϧⲟⲩⲛ ϩⲓⲧⲉⲛ ⲑⲟⲩⲁⲑⲛⲓ ⲙ̄ⲡⲓⲙⲁⲛ̄ⲑⲱⲣⲡ ⲉϩⲟⲧⲉ ⲛ̄ⲧⲉ ⲟⲩⲣⲁⲙⲁⲟ ⲓ ⲉϧⲟⲩⲛ ⲉϯⲙⲉⲧⲟⲩⲣⲟ ⲛ̄ⲧⲉ ⲫϯ.

1) Horner hat ϩⲁⲙⲛ̄ⲧⲱ, aber Spiegelbergs Wörterbuch sagt (S. 235, Anm. 2): „ϩⲁⲙⲛ̄ⲧⲱⲛ bei Horner ist wohl Druckfehler“.

Ϭⲁⲙⲟⲩⲗ heißt „Kamel“, so steht es in allen Fassungen dieses Wortes Jesu.

Die sog.  Vulgata wurde seit den 380er-Jahren von Hieronymus herausgegeben, für das NT überarbeitete er dabei schon vorhandene lat. Übersetzungen.

Mt 19,24 Et iterum dico vobis: Facilius est camelum per foramen acus transire, quam divitem intrare in regnum caelorum. Und abermals sage ich euch: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr hindurchgeht, als dass ein Reicher eintritt ins Himmelreich.

Mk und Lk stimmen in der Vulgata vom Wortlaut her ziemlich genau mit Mt überein, nur haben sie in regnum Dei „ins Reich Gottes“.

Die in der syrischen Kirche gebräuchliche Übersetzung, die Peschitta, ist wohl gegen 430 entstanden. Sie fußt aber, was die Evv. betrifft, auf älteren Übersetzungen, Syra vetus genannt, die in zwei Hss. auf uns gekommen ist: dem Codex Curetonianus und dem von Agnes Smith-Lewis entdeckten Sinaipalimpsest. Vermutlich noch älter (2. H. des 2. Jh.) ist Tatians Evangelienharmonie, das sog. Diatessaron. Dieses ist nur indirekt erhalten durch den Kommentar Ephr(a)ems des Syrers. Dessen syr. Original ist erst vor einigen Jahrzehnten als Papyrus Chester Beatty 709 aufgetaucht.

Mt 19,24 (Sinaipalimpsest) ܬܘܒ ܕܝܢ ܐܡܪܢܐ ܠܟܘܢ ܕܦܫܝܩ ܗܘ ܠܓܡܠܐ ܕܢܥܘܠ ܒܚܪܘܪܐ ܕܡܚܛܐ ܐܘ ܠܥܬܝܪܐ ܠܡܠܟܘܬܐ ܕܫܡܝܐ Wieder aber sage ich euch, dass es leichter ist für ein Kamel durch ein Nadelöhr einzutreten als für einen Reichen in das Himmelreich.
Mk 10,25 (Sinaipalimpsest) ܦܫܝܩ ܗܘ ܓܝܪ ܠܓܡܠܐ ܠܡܥܠ ܒܚܪܘܪܐ ܕܡܚܛܐ ܐܘ ܠܥܬܝܪܐ ܠܡܠܟܘܬܐ ܕܫܡܝܐ Denn es ist leichter […].
Lk 18,25 (Sinaipalimpsest) ܕܠܝܠܐ ܗܝ ܓܪ ܠܓܡܠܐ ܕܢܥܒܪ ܒܚܪܘܪܐ ܕܡܚܛܐ ܐܘ ܥܬܝܪܐ ܠܡܠܟܘܬܗ ܕܐܠܗܐ
Lk 18,25 (Peschitta) ܕܿܠܺܝܠܳܐ ܗ̱ܝ ܠܓ݂ܰܡܠܳܐ܂ ܕܿܒ݂ܰܚܪܽܘܪܳܐ ܕ݁ܰܡܚܰܛܳܐ ܢܶܥܽܘܠ܃ ܐܰܘ ܥܰܬܿܺܝܪܳܐ ܠܡܰܠܟܿܽܘܬܼܶܗ ܕ݁ܰܐܠܳܗܳܐ. Leicht(er) ist es für ein Kamel, dass es in das Öhr einer Nadel hineingeht, als ein Reicher ins Reich Gottes.

Der Curetonianus schreibt bei Mt 19,24 „ich sage“ ܐܡܪ ܐܢܐ, und statt ܥܘܠ „eintreten“ hat er ܥܒܪ „hinüber-, vorbeigehen“. Mk 10,25 ist im Curetonianus nicht erhalten. Die Aramäisch-Englische Interlinearversion der Peschitta übersetzt ܓܡܠܐ natürlich mit – erraten – „rope“ (weil so sagt es Kyrill, s.u.). (Das Kamel in Mt 23,24 hat man allerdings Kamel sein lassen.)

Bischof Wulfila übersetzte etwa Mitte des 4. Jh. die Bibel ins Gotische, wofür er erst das  gotische Alphabet schaffen musste. Mt 19 ist nicht mehr erhalten.

Mk 10,25 azitizo ist ulbandau þairh þairko neþlos galeiþan, þau gabigamma in þiudangardja gudis galeiþan. Leichter ist es für ein Kamel durch ein Nadelöhr zu gehen als für einen Reichen ins Reich Gottes zu kommen.
Lk 18,25 raþizo allis ist ulbandau þairh þairko neþlos þairhleiþan þau gabigamma in þiudangardja gudis galeiþan. Denn leichter ist es für ein Kamel durch ein Nadelöhr durchzugehen als für einen Reichen ins Reich Gottes zu kommen.

Got. ulbandus hängt sprachlich wohl mit dem Elefanten zusammen, bezeichnet aber im NT (an den drei Stellen, wo es im Codex argenteus vorkommt) das Kamel. Was sich der Gote dabei genau vorgestellt hat, weiß ich nicht, aber jedenfalls wohl ein großes Tier.

Die armen. Übersetzung ist im 5. Jh. entstanden und eng mit dem Namen des armen. Mönchs Mesrop Maštoc', gest. 440, verknüpft, dem auch die Schaffung der armen. Schrift zugeschrieben wird. Es ist nicht unumstritten, aus welcher Vorlage die Übersetzung schöpft. Es gibt Anzeichen dafür, dass das NT ursprl. aus dem Syr. übersetzt und erst bei späteren Revisionen nach dem Griech. korrigiert wurde.

Mt 19,24 Դարձեալ ասեմ ձեզ. դիւրին է մալխոյ մտանել ընդ ծակ ասղան, քան մեծատան յարքայութիւն Աստուծոյ մտանել։ Noch einmal sage ich euch: Leichter ist es für ein Tau durch ein Nadelöhr hineinzugehen, als für einen Reichen in das Reich Gottes hineinzugehen.
Mk 10,25 Դիւրին է մալխոյ ընդ ծակ ասղա́ն անցանել, քան մեծատան յարքայութիւն Աստուծոյ մտանել։ Leichter ist es für ein Tau durch ein Nadelöhr hindurchzugehen, […].
Lk 18,25 Դիւրագոյն իցէ մալխոյ ընդ ծակ ասղան անցանել, քան մեծատան յարքայութիւն Աստուծոյ մտանել։

Bei Lk hat der Vers einen geringfügig anderen Wortlaut (die komparativische Bedeutung von դիւրին durch ein Intensivsuffix hervorgehoben, Konj. von եմ statt Ind.), aber dieselbe Bedeutung.

Ich kann kein Armenisch. Aber մալուխ (malux) heißt nach Ausweis der Wörterbücher „Tau“. Woher kommt das? Mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der syr. Auslegungstradition, für die Kyrill von Alexandria ein Zeuge ist und die vielleicht im Syrischen (das wahrscheinlich die Vorlage der armen. Übersetzung war) die allgemeine Auffassung der Stelle bestimmte.

Die georgische Übersetzung schenke ich mir aus zwei Gründen: erstens kann ich kein Georgisch; zweitens ist die Quelle dieser Übersetzung vermutlich nicht der griech., sondern der armen. Text. (Weitere Details zu den alten Übersetzungen bei  Versions of the New Testament.)

Kyrill und die Bedeutung des Wortes Kamel

Kyrill von Alexandria (gest. 444) schreibt in seinem Kommentar zu Lk 18,25 in Homilie 123, dass in der Seemannssprache Kamel ein dickes Seil bezeichne. Aber in welcher Sprache? Im Aram., das Jesus und seine Jünger gesprochen haben? Doch wohl eher im Griech., das Kyrill für seine Schriften verwendet.

Das griech. Original von Kyrills Lukaskommentar ist nur noch in Katenen, d.h. Sammlungen von Exzerpten aus Kommentaren, erhalten. Ein solches Exzerpt sagt:

Κάµηλον, οὐ τὸ ζῶον, ἀλλὰ τὸ ἐν τοῖς πλοίοις παχὺ σχοινίον. Ein Kamel: nicht das Tier, sondern das dicke Seil auf den Schiffen.

Diese Behauptung wurde Jahrhunderte später von Theophylakt von Ohrid (gest. nach 1107) in seinem Kommentar zum Matthäusevangelium wieder aufgegriffen:

Τινὲς δὲ κάμηλον οὐ τὸ ζῶόν φασιν, ἀλλὰ τὸ παχὺ σχοινίον, ᾧ χρῶνται οἱ ναῦται πρὸς τὸ ῥίπτειν τὰς ἀγκύρας. Einige aber sagen, Kamel sei nicht das Tier, sondern das dicke Seil, das die Seeleute benutzen, um die Anker zu werfen.

Kyrills Kommentar zum Lukasevangelium ist nur in syrischer Übersetzung einigermaßen vollständig erhalten. Der Text aus Homilie 123 lautet vollständig:

ܐܡܪ ܐܢܐ ܠܟܘܢ ܕܝܢ ܕܕܠܝܠܐ ܗܝ ܕܓܡܠܐ ܒܝܕ ܚܪܘܪܐ ܕܡܚܛܐ ܢܥܘܠ. ܐܘ ܥܬܝܪܐ ܠܡܠܟܘܬܐ ܕܐܠܗܐ. ܓܡܠܐ ܕܝܢ ܐܡܪ ܉ ܠܘ ܠܗܝ ܚܝܘܬܐ ܡܠܘܢ. ܐܠܐ ܠܚܒܠܐ ܥܒܝܐ. ܥܝܕܐ ܗܘ ܓܝܪ ܠܗܢܘܢ ܕܫܦܝܪ ܝܕܥܝܢ ܕܢܦܠܚܘܢ ܒܝܡܐ. ܕܠܗܠܝܢ ܚ̈ܒܠܐ ܕܝܬܝܪ ܥܒܝܢ ܓܡ̈ܠܐ ܢܩܪܘܢ. »Ich sage euch aber, dass es leichter ist, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr hineingeht als ein Reicher ins Reich Gottes.« Kamel bezeichnet aber nicht das Tier, sondern vielmehr ein dickes Seil. Es ist nämlich Gewohnheit derjenigen, die sich gut darauf verstehen, auf dem Meer zu arbeiten, dass sie diese besonders dicken Seile Kamele nennen.

Durch die Übersetzung steht da plötzlich die Behauptung, Seeleute wurde gamla zu einem dicken Seil sagen. Doch das hat Kyrill nie behauptet: er hat behauptet, sie würden kámēlos dazu sagen. Auch das ist, wenn es nicht ohnedies ad hoc erfunden ist, bestenfalls Seemannsgarn. Die maßgeblichen Wörterbücher verzeichnen nämlich keinen Beleg für diesen Wortgebrauch, weder im Griech. noch im Aram.-Syr. Es ist auch fraglich, ob der Autor des Lk-Ev. und seine Leser (hinter denen man doch eher Landratten vermuten muss) diesen Wortgebrauch kennen konnten bzw. verstanden hätten.

Sehen wir uns ein paar Wörterbücher an.

Griech: Liddell/Scott/Jones10
κάμηλος [ᾰ], and (as in Ar.Av.1563), camel, Camelus bactrianus and C. dromedarius (cf. Arist.HA499a13), A.Supp.285, etc.; τοὺς ἔρσενας τῶν κ. Hdt.3.105; κ. ἀμνός a camel-lamb, i.e. young camel, Ar.Av.1559 (lyr.); κ. δρομάς Plu.Alex.31: prov., κάμηλον καταπίνειν Ev.Matt.23.24; cf. κάμιλος.    2. ἡ κ. camelry, Hdt.1.80.    3. camel's load, PGrenf. 50 (ii/iii AD), PWisc. 47 (iv AD), etc. (Semitic word, cf. Hebr. gāmāl.)

Das Referenzwörterbuch von Liddell/Scott/Jones (LSJ) (die Erweiterungen bzw. Korrekturen aus dem Supplementum sind farblich hervorgehoben) sagt: Kamēlos heißt „Kamel“, einhöckerig (Dromedar) oder zweihöckerig (Trampeltier), im Fem. auch „Kamelreitertruppe“. Das Supplementum verzeichnet noch die späte Bedeutung „Kamelladung“. Kein „Seil“!

Griech.: Pape3
κάμηλος, , u. häufiger , das Kameel; καμήλοις ἀστραβιζούσαις Aesch. Suppl. 282; Ar. Av. 1559; Her. 1, 80; τοὺς ἔρσενας τῶν καμήλων 3, 105; Folgde; δρομάς Plut. Alex. 31. — Ἡ κάμηλος wird wie ἡ ἵππος kollectiv gebraucht, die sämmtlichen im Heereszuge befindlichen Kameele, Her. 1, 80. — Vgl. κάμιλος.
Griech.: Bauer/Aland6
κάμηλος, ου, ὁ u. (seit Aeschyl. Hdt., auch Inschr. Pap. LXX. TestSal. TestJob. Philo. Jos., ant. 1,252.8, 167 u.ö. Ath., R. 12 S. 61,11) das Kamel τρίχες καμήλου Kamelshaare Mt 3 4 Mk 1 6. EEb Nr. 13 Zl. 79 (dabei ist natürlich nicht an die weichen τρίχες καμήλου gedacht, aus denen nach Ktesias [IV ν]: 688 fgm. 10 Jac. die Kleider der Vornehmen gefertigt wurden). Sprichwörtl. εὐκοπώτερόν ἐστιν κάμηλον διὰ τρυπήματος ῥαφίδος διελθεῖν es ist leichter, daß e. K. durch e. Nadelöhr hindurchgeht von etw. Unmöglichem mit starker Hervorhebung d. Gegensätze (z. Sprichwort, das Kleinstes neb. sehr Großes stellt, vgl. Lucian, ep. Sat. 1,19 μύρμηξ ἢ κάμηλος): d. größte Tier durch d. kleinste Öffnung Mt 19 24. διὰ [τῆς] τρυμαλιᾶς [τῆς] ῥαφίδος διελθεῖν Mk 10 25. κ. διὰ τρήματος βελόνης εἰσελθεῖν Lk 18 25 (s. κάμιλος). Mücken seihen τὴν δὲ κ. καταπίνειν d. Kamel jedoch mit hinuntertrinken = im kleinen übereifrig, im großen sorglos sein Mt 23 24 (s. κώνωψ. Diesem tritt der Elefant gegenüber bei Phalaris, ep. 86. Ps.-Libanius, ep. 1597,1 ed. F. XI p. 593,1. - Artem. 4 p. 199,9 erklärt, Kamel u. Elefant hätten für e. bildl. Auffassung d. gleiche Bed.). - BHHW II, 923. Pauly-Wiss. X 2, 1824-32.* (6) III 597-9; X 2, 1133
Griech.: Gemoll10
κάμηλος, ου, ὁ, ἡ (hebr. gāmāl, aram. gamlā usw.) 1. Kamel, auch: Zug von Kamelen. 2. Schiffs-, Ankertau.

Die Bedeutung „Tau“ kennen LSJ, Pape, Bauer für dieses Wort nicht. Diese Bedeutungsangabe kann sich also wohl nur auf die drei Kamel-Nadelöhr-Stellen aus dem NT beziehen. Der Gemoll scheint sich für neutestamentliche Bedeutungen vor allem bei religionswissenschaftlich-bibelkritischen Kommentaren des 19. Jh. bedient zu haben. So konnte man in der 9. Aufl. unter dem Stichwort στοιχεῖον noch lesen: „NT τὰ στοιχεῖα τοῦ κόσμου Elementargeister“ (Gal 4,3; Kol 2,8.20). Hier wenigstens hat die 10. Aufl. nachgebessert: „NT Grundelemente“. Doch in Bezug auf das Kamel wird weiterhin der Behauptung Kyrills und seiner Nachbeter Glauben geschenkt.

Aram.: Jastrow
גַּמלָא I c., ch. 1) = h. גָּמָל camel. Targ. Lev. XI,4; a. e.Snh. 106a (prov.) ג׳ אזלא וכ׳ the camel went to ask for horns, and had her ears cut off.— Macc. 5a ג׳ פרחא a flying (swift) camel, dromedary; Yeb. 116a.— Ib. 45a (prov.) ג׳ במדי וכ׳ in Media a camel can dance on a kab (bushel), i. e. in Media everything is possible. Sot. 13b; Keth. 67a, a. e. (prov.) לפום ג׳ שיחנא according to the camel is his load, i. e. the greater the man, the greater his responsibility.— Pl. גַּמְלִין, גַּמְלַיָּא, גַּמְלֵי. Targ. Gen. XXIV, 10 sq.; a. fr.Gen. R. s. 38.— Y. Hor. III, 48a bot. אבא יודן דגַמְלֹוי Abba Yudan who is busy among his camels; Lev. R. s. 5 דגמלי; a. fr.— 2) couple, teaming arrangement. M. Kat. 11b הוה להו ג׳ דתורא בהדי הדדי (Asheri 33 ..... עבוד גִּימְלָא had an arrangement between them to team their oxen for mutual work. Ib. פסקיה לגַמְלֵיה he broke the arrangement (Ms. M.; as corrected לגמלא ולא שדריה..., v. Rabb. D. S. a. l. note); v. גָּמַל Pi.— 3) a small bridge, crossboard (cmp. גֶּשֶׁר). M. Kat. 6b והוא דליכא גשרא … ג׳ provided there is neither a bridge nor crossboard. Snh. 67b, v. ג׳ אוּסְקָנִיתָא. B. Bath. 21a ג׳ contrad. fr. תיתורא. Snh. 7a, v. גּוּדָא.— 4) large-sized, v. גַּמְלָנָא.
Syr.: Payne Smith (Margoliouth)
ܓܳܡܰܠ Gamal, the letter g.
ܓܡܰܠ, ܓܰܡܠܴܐ pl. ܝܺܢ, _ܶܐ_ com. gen. the camel, dromedary; ܓܡܰܠ ܢܶܡܪܳܐ m. the camelopard, the giraffe; ܓܰܡܠܴܐ ܕܒܰܝܬܳܐ a great beam which supports the rafters.
ܓܰܡܳܠܴܐ pl. _ܶܐ m. a) a camel-driver or keeper. b) flat-nosed.

Mehr Einträge mit der Wurzel g-m-l gibt es hier nicht. Gamlā heißt „Kamel“ (ein- oder zweihöckerig), das „Leopardenkamel“ ist eine Giraffe und das „Kamel des Hauses“ ein Dachbalken.

Syr.: Payne Smith, Thesaurus
ܓܡܰܠ, ܓܰܡܠܴܐ, Heb. גָּמָל, Chald. גַּמְלָא, Ar. جَمْلٌ, Nasar. et Neo-Syr. ܓܘܼܡܠܵܐ, Gr. κάμηλος, com. gen., Amir. 73,     1) camelus, Jes. xxi. 7, Mat. xix. 24, BHChr. 173, B.O. i. 319, 412, ii. 319; pl. ܓܰܡ̈ܠܻܝܢ, 2 Reg. viii. 9; emphat. ܓܰܡ̈ܠܷܐ, Gen. xxiv. 32, 1 Sam. xxx. 17, Marc. i. 6, B.O. iii. i. 481; ܓܡ̈ܠܐ ܪ̈ܗܛܐ dromades, BHChr. 299: cum. aff. ܓܰܡ̈ܠܰܝܟ, Gen. xxiv. 19; ܓܰܡ̈ܠܰܘܗ̱ܝ, ib. 20. Medium inter animalia pura et impura locum tenet camelus […] Metaph. ܓܰܡܠܴܐ ܕܒܰܝܬܳܐ trabs ingens quae fulcit geritque totam domus contignationem […] Forte sit jugum tecti, in quod incumbunt tigna e duobus aedificii lateribus, cf. ܐܶܠ̈ܥܶܐ ܕܓܰܡܠܴܐ supra: it. جَمَلُونٌ a ridged roof, a structure in the form of a camel's hump, Lane.     2) funis navalis, اﳌرش, BA, BB, Ibn S., K.; it. restis, ܓܡܠܐ ܗܿܘ ܕܒܐܘܢܓܠܝܘܢ ܕܐܡܼܪ ܕܥܣܩܐ ܗܝ ܠܓܡܠܐ ܕܢܥܘܠ ܒܲܚܪܘܪܐ ܕܡܚܲܛܐ ܗܢܐ ܐܝܬܘܗܝ ܚܲܒܠܐ ܕܡܬܐܣܪ ܒܗ ܪܟܘܒܐ. ܟܘܕܢܝܐ ܐܡܿܪ ܐܢܼܐ ܘܪܡܟܐ ܘܣܘܣܝܐ. ويقال الروا او اﳌرش اﳉليط: او اﳉسر اﳉليط العظيم , BA; it. ܘܩܪܝܠܠܘܣ ܓܰܡܠܐ ܩܿܪܐ ܠܚܲܒܠܐ ܥܲܒܝܐ ܕܐܣܪܝܢ ܒܗ ܣܦܝ̈ܢܬܐܘܒܠܫܢܐ ̅ܝ̅ܘ ܩܰܡܝܻܠܐܘܳܣ [κάμιλος] ܡܬܐܡܪ. ܐܚܪ̈ܢܐ ܕܝܢ ܐܡܿܪܝܢ ܕܓܡܠܐ ܗܿܘ ܕܐܡܼܪ ܡܪܢ ܒܐܘܢܓܠܝܘܢ ܣܓܝܕܐ. ܕܕܠܝܠ ܗܘ ܠܓܡܠܐ ܠܡܥܼܠ ܒܰܚܪܽܘܪܳܐ ܕܡܚܰܛܳܐ. ܠܗܢܐ ܓܡܠܐ ܕܚܲܝ ܐܡܼܪ. ܘܠܘ ܐܝܟ ܕܐܚܪܢܐ ܫܿܛܪܝܢ ܠܓܡܠܐ , BB.    Notandum quod rudens navis etiam Ar. sit جُمْل.   Addit etiam aliam interpr. ܒܨ. ܐܢܫܝܢ ܕܝܢ ܐܡܿܪܝܢ ܕܫܘܼܫܡܢܐ ܗܼܘ ܐܪܝܟ ܪ̈ܓܠܐ. ܘܠܐ ܫܲܪܝܪܝܢ .

Da ist es also, unter 2): das Seil im Syrischen. Payne Smiths Quelle sind syrisch-arabische Lexika des 10./11. Jh., einer Zeit also, in der wohl auch die Syrer Arabisch zur Muttersprache hatten. Es ist gut möglich, dass gamlā unter dem Einfluss des Arab. auch im Sinne des arab. ǧummal verwendet wurde. Aber es scheint, wenn ich den Lexikonartikel richtig verstanden habe, für diesen Gebrauch keine Belege in der klass. Literatur zu geben. Daher wohl zitiert Payne Smith Mt 19,24 als Belegstelle für die Bedeutung camelus. Und das Zitat aus bar Bahlul nennt auch dessen Quelle: es ist wieder Kyrill von Alexandria. Das ist im Grunde ein Missverständnis: die Lexika zitieren aus der syr. Übersetzung (!) eines auf Griech. geschriebenen Werkes. Und plötzlich meint man, das syr. Wort für Kamel habe eine Sonderbedeutung. Damit nicht genug, gibt es eine weitere Interpretation, der zu Folge Kamel eine große Ameise bezeichne. S. dazu bei Brockelmann.

Syr.: Brockelmann2
ܓܰܡܠܴܐ (SEM cf. Hommel S. 144, 216 ff., Lag Ü. 20,49, Jens ZA 10 333, ZDMG 67 116), m. et f. (N § 85, 94c) 1. camelus Gn 2410, Mt 1924 (ubi „rudens navis“ significare opinabantur ON 1644, BB 50019, BA 2928, EN 2827 cf. Fr 228), Afr 39216, ES 1 275B, JBh 2919; 2. met. a. cantherius, trabs pl. ܓܰܡܠܱܘ̈ܬܴܐ Nat 5312 et ܓܰܡ̈ܠܴܬܴܐ BB 16919 cf. 17721, 50017, BA 3356, 4547; b. pl. ܓܰ̈ܡܠܻܝܢ mensura quaedam am 6 5888; c. pl. ܓܰܡ̈ܠܴܢܶܐ formica magna ON 14618 (ad Mt 2324) cf. Nöld ZDMG 35 496.

Man beachte die Bedeutungsangabe zu Mt 23,24, wo aus dem Kamel eine Ameise wird, und so auch diese Aussage Jesu ihres Witzes beraubt wird. (Eine Ameise kann man schon mal verschlucken.) Offenbar ist auch dies eine ad hoc erfundende Bedeutung.

Syr.: Castell
ܓܰܡܠܳܐ c.g. camelus. Gen. 24, 64. et 31, 34. Lev. 11, 4. Funis nauticus, quo anchorae religantur. Mat. 19, 24. * Pl. Isa. 60, 6. Mat. 3, 4 et 23, 24. Marc. 1, 6.
[* Funis nauticus ex sola interpretatione Graecorum, et vero falsa, sumtus. Graeci textus duplex lectio, 1) κάμηλος, camelus, verior, ut mihi videtur; hanc Syrus uterque expressit, vetus per ܓܰܡܠܳܐ, recentior per ܓܐܡܝܠܘܤ, quod ipsum nomen ex Graeco factum, hac occasione enota 2) κάμιλος, funis nautica; sed hanc lectionem Syrus non exprimit. Haec quidem vocabula aliqui confundentes, putarunt et κάμηλον funem nauticum esse.]

In Castells Lexicon aus dem Jahr 1788 ist in der Anmerkung zum „Schiffstau, mit dem Anker festgebunden werden“ eigentlich schon alles gesagt: „[* Schiffstau ist aus einer einzigen Auslegung der Griechen, aber einer falschen, genommen. Die Lesung der griechischen Texte ist eine doppelte: 1) kámelos, Kamel, die richtigere, wie mir scheint; diese haben beide Syrer wiedergegeben, der alte mit gamlā, der jüngere mit gamilos, dieses Wort selbst ist aus dem Griechischen gemacht, die bei dieser Gelegenheit aufgezeichnete (Lesung) 2) kámilos, Schiffstau; aber diese Lesung gibt der Syrer nicht wieder. Einige, die allerdings diese Wörter vermischen, haben geglaubt, dass auch kámelos ein Schiffstau sei.]“

Hier sei eine der Quellen zitiert, das Lexikon von Ḥasan bar-Bahlul. Bar Bahlul listet verschiedene Verwendungsweisen des Wortes auf und gibt dazu arab. Übersetzungen (die ich meist noch weniger auflösen kann als den syr. Text.).

Syr.: Bar Bahlul
16 ܓܲܡܠܐ جَمَل. gamlā: arab. ǧamal („Kamel“).
ܓܲܡܠܐ ܕܒܝܬܐ جَمَل 17 الدار المكنس (?) البدود الكبار التى تعمل له. Kamel des Hauses: arab. ǧamal al-dâr („Kamel des Hauses“), al-mkns al-badûd al-kibâr al-tâ taʿammul lahu (??).
18 ܘܡܬܐܡܪ ܬܘܒ ܥܠ ܢܚܝܪܐ ܓܡ̈ܠܐ ܡܢ 19 ܓܡܠܘܬܐ الانف الاقنى. Man sagt auch von der Nase Kamel (=plattnasig?), vom Kamelhüten (?): arab. al-ʾanf al-ʾaqnā („die Nase …“ ?).
ܓܡܠܐ ܬܘܒ مرش1 20 ܒ܏ܨ ܩܘܪܝܠܠܘܤ ܓܲܡܠܐ ܩܪܐ ܠܚܲܒܠܐ ܥܲܒܝܐ 21 ܕܐܣܿܪܝܢ ܒܗ ܣܦܝ̈ܢܬܐ. Kamel [ist] auch arab. marš („Seil“). In einem Kodex nennt Kyrill Kamel ein dickes Seil, mit dem man Schiffe anbindet.
ܡܘܫܐ ܒܪ ܟܹܐܦܐ 22 ܠܓܝܫܪܐ ܥܲܒܝܐ ܕܡܬܬܣܝܼܡ ܠܥܠ ܒܡܨܥܬܲ 23 ܒܢܝ̈ܢܐ ܩ݁ܪܐ ܓܡܠܐ. Muše bar Kifo nennt eine dicke Brücke, die oben auf die Mitte eines Gebäudes gelegt wird (?), Kamel.
ܗܘ ܕܥܠܘܗܝ 24 ܡܬܬܣܝܡܝܢ ܩܝ̈ܣܐ ܐܚܪ̈ܢܐ ܡܢ ܬܪ̈ܝܗܘܢ 25 ܓܒ̈ܘܗܝ ܘܬܛܠܝܠܐ ܕܐܝܟ ܗܟܢ ܓܡܠܐ 26 ܡܬܩܪܐ.
ܐ܏ܚܪ̈ ܕܝܢ ܕܥܠ ܓܡܠܐ ܕܒܣܪܐ 1 ܘܕܟܝܢܐ ܪܡܙ ܘܒܠܫܢܐ ܝܘܢܝܐ ܩܲܡܠܘܤ 2 ܡܬܐܡܪ. Andere aber, was über das Kamel … (?), und in griechischer Sprache wird es kamelos genannt.
ܐ܏ܚܪ̈ ܕܝܢ ܐܡܪܝܢ ܕܓܡܠܐ ܗܘ 3 ܕܐܡܪ ܡܪܢ ܒܐܘܢܓܠܝܘܢ ܣܓܝܕܐ. ܕܕܠܝܠ ܗܘ 4 ܠܓܡܠܐ ܠܡܥܠ ܒܚܪܘܪܐ ܕܡܚܲܛܐ܃ ܠܗܢܐ 5 ܓܡܠܐ ܕܚܲܝ ܐܡܪ ܘܠܘ ܕܐܝܟ ܐ܏ܚܪ̈ ܫܛܪܝܢ 6 ܠܓܡܠܐ (sic). Andere aber sagen, dass Kamel das ist, das unser Herr im ehrwürdigen Evangelium sagt, dass es leicht(er) ist für ein Kamel, hineinzugehen in das Öhr einer Nadel. Für diesen … (?)
ܒ܏ܨ ܐܢܫ̈ܝܢ ܕܝܢ ܐܡܪܝܢ ܕܫܘܫܡܢܐ 7 ܗܘ ܐܪܝܟ ܪ̈ܓܠܐ. ܘܠܐ ܝܫܪܝܪܝܢ. In einem anderen Werk (?) aber sagen einige, dass (es) eine Ameise mit langen Beinen (?) ist. Das stimmt nicht.
ܘܓܡܠܐ 8 ܒܡܨܥܬ ܚܝܘ̈ܬܐ ܕܟܝ̈ܬܐ ܘܛܐܡ̈ܬܐ 9 ܐܝܬܘܗܝ. Und das Kamel ist in der Mitte der reinen und unreinen Tiere (d.h. steht dazwischen).
ܒܗܝ ܓܝܪ ܕܡܬܓܘܕܕ ܡܢ ܚܝ̈ܘܬܐ 10 ܕܟܝ̈ܬܐ ܡܬܚܫܒ.
ܘܒܗܝ ܕܠܐ ܨܪܝܐ ܦܪܣܬܗ 11 ܡܢ ܛܐܡ̈ܬܐ܀

1 Sic, cf. Dozy, supp. sub مَرَس („مَرَس, pl. أَمْراس et مِرَاس, corde […] il a مَرْش comme forme vulg.“)

Ich kann leider kein Syrisch. Aber soviel scheint klar: laut Kyrill sage man „Kamel“ zu dem dicken Seil, mit dem man Schiffe anbindet (in Hellblau hinterlegt). Als arab. Entsprechung wird die vulgäre Lautung des Wortes maras „Seil“ genannt.

Kopt.: Crum
ϬⲀⲘⲞⲨⲖ SABF, ⲕ. S(esp Theban), ϫ. B, ϭⲉⲙ. DM, f ϭⲁⲙⲁⲩⲗⲉ1, ⲕⲁⲙⲟⲟⲩⲗⲉ2, ⲕⲁⲙⲏⲗⲉ3 S, ϭⲁⲙⲉⲩⲗⲉ Sf, ϫⲁⲙⲁⲩⲗⲓ4, ϭ.5, ϫⲁⲙⲉⲩⲗⲓ6 B, pl ϭⲁⲙⲁⲩⲗⲉ7, ϭⲁⲙⲟⲩⲗⲉ8, ⲕⲁⲙⲟⲟⲩⲗⲉ9, ⲕⲁⲙⲁⲩⲗⲉ10 S, ϫⲁⲙⲁⲩⲗⲓ11, ϭ.12 B, ϭⲁⲙⲉⲩⲗⲓ F & sg as pl, nn m f, camel: Ge 31 17 S(B ⲡⲓϫ.11) جمل, ib 34 S(B ϯϫ.4) بعير, Is 30 6 SF (B pl), Ez 25 5 B ϫ., ib 27 21 B ϭ., Zech 14 15 A(B pl), Mt 3 4 SB(var ϫ.) ابل κάμηλος; ShC 42 70 S herds of ϭ., ⲉⲥⲟⲟⲩ, ⲙⲁⲥⲉ, C 43 64 B ⲡⲓϭ., BM 678 F ⲡⲉϭ., ib 591, 639 F ϭⲁⲙⲟⲗ, Hall 73 S ⲕⲁⲙⲟⲗ, DM 24 29 blood of Ϭ.;      camel-loads SF: OstrG Jéquier ⲟⲩϭ. ⲡⲧⲱϩ, WS 89 ϣⲟⲙⲛⲧ ⲛϭ. ⲛⲏⲣⲡ, ib. 155 ⲥⲛⲁⲩ ⲟⲩϭⲟⲥ ⲛϭ. ⲛⲥⲟⲩⲟ, CO 230 ⲟⲩⲕ. ⲃⲣⲁ, Ep 548 ⲟⲩⲕ.3 ⲛⲃⲛⲛⲉ, BM 585 F ϭ. ⲛϣⲃⲏⲛⲓ, Ep 543 ⲕⲁⲙⲏⲗ of ?;    contracts to tend camel: CO 218, 220, 221 S; f: Ge 24 64 B ϯϫ.4 جمل, ib 32 15 S1 κ. ناقة; K 165 B ϯϫ.6 ﻧ […]      camelherd: MG 25 215 B ϫ. (var ϭ.) καμηλίτης; J 66 82 S, Ep 84 S […]

Kein Seil im Koptischen.

Eine byzantinische Konjektur

Ab dem 10. Jh. taucht in einigen neutestamentlichen Minuskelhandschriften die Lesart kamilos auf. Ein Scholion zu Aristophanes' Wespen und die Suda, ein Lexikon des 10. Jh., verzeichnen für dieses Wort die Bedeutung „Schiffstau“. Darauf ist sogar der (von mir sonst sehr geschätzte) Etymologie-Duden (Duden Bd. 7) hereingefallen. Er behauptet in der 2. Aufl. von 1989 unter dem Stichwort Kamel (S. 322):

In der biblischen Redensart „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr…“ steht ‘Kamel’ nicht für griech. kámēlos „Kamel“, sondern für kámilos „Tau, Seil“.

Der textkritische Apparat der UBS enthält nur gut bezeugte und relevante Lesarten – κάμιλον gehört nicht dazu. Der kritische Apparat der 25. Aufl. des Nestle/Aland von 1963 verzeichnet als abweichende Lesart zu κάμηλον:

Mt 19,24 κάμιλον 59 pc arm die Minuskelhs. 59 aus dem 13. Jh. und wenige weitere, sowie die armenische Übers.
Mk 10,25 κάμιλον 13 28 pc georg die Minuskelhss. 13 aus dem 13. Jh., 28 aus dem 11. Jh. und wenige weitere, sowie die georgische Übers.
Lk 18,25 κάμιλον S pc der Codex Vatic. gr. 354 aus dem Jahr 949 und wenige weitere Minuskelhss.

Die älteste Bezeugung der Lesart κάμιλον stammt aus dem 10. Jh. Aus textkritischer Sicht ist das Thema damit eigentlich schon erledigt. Nicht nur haben die ältesten und besten Handschriften κάμηλον, auch die meisten alten Übersetzungen haben „Kamel“. Was sagen eigentlich die Wörterbücher zu diesem Wort? (Aufmerksame Leser werden bemerkt haben, dass bereits im Lemma zu κάμηλος bei Liddell/Scott/Jones, Pape und Bauer/Aland auf κάμιλος verwiesen wird.) Runde 2 durch die Wörterbücher.

Griech: Liddell/Scott/Jones10
κάμῑλος, , rope, Sch.Ar.V.1035, Suid.  (Perh. coined as an emendation of the phrase εὐκοπώτερόν ἐστι κάμηλον διὰ τρυπήματος (v.l. τρήματος) ῥαφίδος διελθεῖν ἢ πλούσιον εἰς τὴν βασιλείαν τοῦ θεοῦ εἰσελθεῖν Ev.Matt.19.24: but cf. Arab. jummal ‘ship's cable’.) perh. also ICilicie 108 (sp. καμηλ-, v/vi AD)

Im Suppl. nennt LSJ eine frühbyzantin. Inschrift ( ICilicie 108 bei PHI Greek Inscriptions) als möglichen weiteren Beleg für das Wort. In einer Aufzählung (von geschifften Handelsgütern?) steht Z. 5: μασσίνων καμήλ(—). Doch ist auch unklar, was das erste Wort bedeutet. LSJ hat im Suppl. „μάσσινος, ὁ, rope“ und nennt als Beleg genau diese Inschrift. Aber wäre dann nicht eher καμηλ(ε)ίων „aus Kamelhaar“ o.ä. zu erwarten? Das Lexikon zur byzantinischen Gräzität kennt ein Wort  μάσινος, für das es eine varia lectio μάσσινος gibt. Aber die Bedeutung „massiv, fest“ ist mit einem Fragezeichen versehen. Wir wissen einfach nicht, was hier gemeint ist.

Griech.: Pape3
κάμῑλος, , nach Suid. u. Schol. Ar. Vesp. 1030 Ankertau. Vielleicht aus Mißverstand der Stelle des N. T., wo es heißt εὐκοπώτερόν ἐστι κάμηλον διὰ τρυπήματος ῥαφίδος εἰςελθεῖν, was im wörtlichen Sinne vom Kameel zu nehmen, wie die Araber ganz ähnlich sagen „einen Elephanten durch ein Nadelöhr gehen lassen“, und wie Matth. 23, 24 vom Verschlucken eines Kameeles die Rede ist.
Griech.: Bauer/Aland6
κάμιλος, ου, ἡ das Schiffstau, so schreiben einige Hss. zu Mt 19 24 Mk 10 25 Lk 18 25, auch Übersetzungen (wie d. armen.; FHerklotz, BZ 2, '04, 176f.) statt des lautgleichen κάμηλος (s.d.). Das Wort (nur v. Suda 1967 C u. dem Scholiasten d. Aristoph. [vesp. 1035] bezeugt [Bl.-D. § 24]), mag alt sein, in den Evv. ist es sekundär. - E. Boisacq, Dict. étym. '16, p. 403,1. Bröndal, BPhW 38, '18, 1081f. PHaupt, Camel and Cable: AJPh 45, '24, 238ff.* (0) III 598

Lemma mit Phantombedeutung und Phantomwort. Gemoll, hier die 9. Aufl., 1965 (mein Wörterbuch am Gymnasium).
Griech.: Gemoll10
κάμῑλος, ου, ὁ (wohl künstliches Wort, statt κάμηλος in Matth. 19, 24) NT (Anker-)Tau.

κάμιλος und κάμηλος wurden in byzantin. Zeit gleich ausgesprochen. Jener Lautprozess, der die Vokale η, υ und die Diphthonge ει, οι zu /i/ hin verschob, heißt Itazismus und setzte bereits im Hellenismus ein. Er führte u.a. zur Verwechslung von χρηστός „nützlich, brauchbar“ und χριστός „gesalbt“. Die Grammatik von Blass/Debrunner/Rehkopf18 sagt dazu (S. 21):

κάμηλος Mt 19,24 = Mk 10,25 = Lk 18,25 wird von einigen HS in Verkennung des Bildes mit κάμιλος „Schiffstau“ (bezeugt nur von Suidas sv, Schol.Aristoph.Vesp. 1035) wiedergegeben; vgl OMichel ThWB III 5986, Bauer sv.

Doch kamilos ist offenbar nur den byzantinischen Gelehrten bekannt. In der „freien Wildbahn“ der Literatur ist es nirgends belegt. Weshalb das Greek-English Lexicon von Liddell/Scott/Jones (LSJ) zu diesem Wort sagt: „Perhaps coined as an emendation of the phrase […] Ev.Matt. 19,24“. Auch das Griech.-dt. Schul- und Handwörterbuch von Wilhelm Gemoll schließt sich in der 10. Aufl. dieser Meinung an. Und der Zeitpunkt seiner ersten Bezeugung im NT in der sog. Byzantinischen Renaissance lässt es deutlich als Konjektur gelehrter Philologen erscheinen. Es gibt nur zwei Belege für dieses Wort. Das eine ist ein byzantinischer Kommentar zu einer Komödie des Aristophanes.

πρωκτὸν δὲ καμήλου: Θερμόπρωκτος γὰρ ἡ κάμηλος καὶ λάγνος. κάμιλος δὲ τὸ παχὺ σχοινίον διὰ τοῦ ι. Arsch eines Kamels: denn das Kamel ist warmarschig [d.h. lüstern] und geil. Kamilos aber (ist) das dicke Seil durch das i.

Aristophanes beschreibt ein fiktives Ungeheuer mit dem Hintern eines Kamels. Der Scholiast macht dazu obige Anmerkung. Was er sagen will: das Seil ist durch die Schreibung mit Iota vom Kamel unterschieden – ausgesprochen wurden zu dieser Zeit beide Wörter mit /i/.

Die Suda (oder der Suidas) ist ein antikes Lexikon, eine Sammlung von Lesefrüchten. Die Angabe über das Seil ist hier wortwörtlich aus dem Aristophanesscholion übernommen.

Κάμηλος: τὸ ζῷον. Ἀριστοφάνης· πῶς ἄνευ καμήλου Μῆδος ὢν ἐσέπτατο; ἐπεὶ διὰ καμήλων ἦλθον οἱ Μῆδοι ἐς τὴν Ἑλλάδα. καὶ Καμηλίτης βοῦς οὕτω καλούμενος. Κάμιλος δὲ τὸ παχὺ σχοινίον. Kámēlos: das Tier. Aristophanes: »Wie ist er, wenn er ein Perser ist, ohne Kamel hereingeflogen?« Denn auf Kamelen sind die Perser nach Griechenland gekommen. Und ein Kamēlítēs (ist) ein Rind, das so genannt wird. Kámilos aber (ist) das dicke Seil.

Dabei ist all der Interpretationsaufwand völlig unnötig. Das Griech.-dt. Wörterbuch zu den Schriften des NT von Walter Bauer veweist auf Mt 23,24: „Ihr verblendeten Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt!“ Auch hier passt das Kamel eigentlich nicht ins Bild (wer könnte, sei es absichtlich oder versehentlich, Kamele verschlucken). Das Kamel steht auch hier einfach für etwas vergleichsweise riesig Großes. Da wie dort gibt es keinen Grund, eine Textverderbnis oder ein Mißverständnis anzunehmen.

Was wir daraus lernen können: nur weil etwas plausibel klingt, muß es noch lange nicht wahr sein. So wenig man ein Kamel verschlucken kann, so wenig kriegt man es durch ein Nadelöhr. Kámilos ist nur eine gelehrte Erfindung aus byzantinischer Zeit (die gesprochene Sprache und die Literatur kennen dieses Wort nicht), ein Ablenkungsmaneuver von Besserwissern. Denn die eigentliche Frage ist: wie können wir reichen Bewohner des westlichen Abendlandes ins Himmelreich kommen?

Der Assyriologe Paul Haupt verweist in seiner Miszelle „Camel and Cable“ auf den Trakat Baba Metziʿa 38b im Babylonischen Talmud:

דלמא מפומבדיתא את דמעיילין פילא בקופא דמחטא Du bist wohl aus Pumbedita, die einen Elefanten durch ein Nadelöhr bringen.

Hier dient also der Elefant als Specimen für etwas Riesengroßes. Aber auch Goldschmidt kennt die ntl. Lesart vom Tau und schlägt daher in einer Fußnote vor, פילא als lat. filum „Faden“ zu verstehen – was der Redewendung ihren Witz nimmt! (Was soll daran Besonderes sein, einen Faden durch ein Nadelöhr zu bringen?) Haupt widerspricht daher: „Aram. pîlâ, of course, is not the Lat. filum, Fr. fil, but denotes elephant, Ass. pîru.“

Pinchas Lapide

Von anderer Absicht getrieben ist Pinchas Lapide. Er geht von einer aram. (oder hebr.?) Urschrift der Evv. aus und möchte zeigen, dass diese vielfach falsch übersetzt wurde. So auch an unserer Stelle:

In unserem herkömmlichen Text des Evangeliums aber liegt ein entstellender Übersetzungsfehler vor. Auf aramäisch bedient Jesus sich nämlich eines geflügelten Wortes: »Eher geht ein Schiffstau durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in den Himmel kommt.«
Wegen eines falschen Buchstabens im Originaltext wurde das Tau (gamta) aus dem Gleichnis zum Kamel (gamal) – und das Wortspiel erlitt eine arge Entstellung.
(Ist die Bibel richtig übersetzt? Bd. 2. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 1994. S. 54)

Erstens gilt es in der ntl. Forschung als ausgemacht, dass es keine aram. Urschriften gegeben hat. Die Evv. wurden auf Griech. verfasst und auch ihre schriftlichen Quellen waren griech. Zweitens ist das von Lapide behauptete geflügelte Wort m.W. nirgends belegt. Wie geflügelt kann ein Wort gewesen sein, das offenbar keiner der Evangelisten gekannt hat? Und drittens: gamta? Was soll das sein? Dieses Wort kennen weder die Datenbank des CAL, noch die Wörterbücher von Jacob Levy, Gustaf Dalman oder Marcus Jastrow. Da Lapide keine Belegstelle nennt, ist nicht klar, wie er zu seiner Behauptung kommt. Aber vielleicht liegt auch nur ein Satzfehler vor und Lapide hat aram. gamla gemeint. Aber auch dann bleibt seine Argumentation unverständlich, denn aram. gamla und hebr. gamal heißen beide „Kamel“. Meint Lapide etwa, im Aram. habe gamla auch „Tau“ geheißen? Wie kommt er darauf? Bitte nicht sagen, Kyrill.

Zusammenfassung

Die ntl. Forschung ist sich einig darüber, dass die Evangelisten Kamel geschrieben (das belegt die handschriftliche Überlieferung) und auch gemeint haben (darauf verweisen die frühen Übersetzungen ins Koptische, Syrische, Lateinische und Gotische).

Seit dem 5. Jh. ist durch Kyrill von Alexandria und die (von der syrischen Kirche beeinflusste) armenische Bibelübersetzung die Idee vom Seil belegt. Kyrills Lukaskommentar ist nur in der syrischen Übersetzung erhalten, dürfte dort also fleißig rezipiert worden sein. Irgendwie scheint Syrien ein Zentrum für das Seil zu sein.

In der Byzantinischen Renaissance im 10. Jh. findet das Seil dann auch seinen Niederschlag in griechischen Handschriften des NT – in Form eines offenbar von Gelehrten ad hoc erfundenen Wortes kámilos.

Obwohl die großen Griechischwörterbücher wie Pape oder Liddell/Scott/Jones auf den geringen Wert dieser Lesart verweisen, wird sie immer wieder, leider auch von meinem geliebten Etymologie-Duden, zur richtigen erklärt. Und dank zahlreicher Webseiten, die es ungeprüft weiterkolportieren, wird das Märchen vom Seil auch die nächsten Jahrzehnte unbeschadet überstehen.

Deutung

Jesus sagt, dass es unmöglich ist, dass ein Reicher in den Himmel kommt. Die Reaktion der Jünger zeigt, dass sie das auch so verstanden haben: „Wer kann dann gerettet werden?“ – Wie arm muss man denn sein, um ins Reich Gottes zu kommen? Wenn es so schwer ist, wird dann überhaupt jemand gerettet? – Worauf Jesus erwidert: „Bei (den) Menschen ist das unmöglich, bei Gott ist alles möglich.“

Jesus wollte damit vermutlich nicht sagen, dass alle Reichen in die Hölle kommen werden. Er wollte vielmehr in einer äußerst zugespitzten Formulierung eindringlich vor den Gefahren des Reichtums warnen. Ähnliche Zuspitzungen finden wir z.B. im bereits genannten Balken im Auge oder in Jesu Wort Lk 14,26: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater und die Mutter und die Frau und die Kinder und die Brüder und die Schwestern und auch noch sein eigenes Leben, kann er nicht mein Jünger sein.“

Eine andere, sprichwörtlich gewordene Warnung vor der geistlichen Macht von Geld und Besitz ist Mt 6,24 (u. Lk 16,13): „Niemand kann zwei Herren dienen. Denn er wird entweder den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird dem einen anhängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott und Mammon dienen.“ Mammon ist das aram. Wort für „Geld, Vermögen“, ist hier aber bewusst wie ein Eigenname gebraucht (vergleichbar dem griech. Gott Plutos).

Der zentrale Satz an der Geschichte ist vielleicht der letzte: „Bei Menschen ist das unmöglich, bei Gott ist alles möglich.“ Damit Menschen gerettet werden, ist Gottes Eingreifen notwendig. Ohne Gottes rettendes Handeln, ohne Jesu Tod am Kreuz gibt es keine Erlösung. Er erst macht das Unmögliche möglich: dass Menschen ins Reich Gottes kommen.

Anhang

Koran

Im Koran heißt es von den Menschen, die die Zeichen der Gesandten Gottes nicht anerkennen: „Und nicht betreten sie den Garten (=das Paradies), ehe ein Kamel durch ein Nadelöhr geht.“ (Sure 7,40(38)).

Der Koran wurde nach islamischem Glauben ab dem Jahr 610 der christlichen Zeitrechnung geoffenbart. Kodifiziert wurde er wohl unter Kalif ʿUṯmān ibn ʿAffān (644-656). Als Übersetzung zitiere ich die von Max Henning.

إِنَّ ٱلَّذِينَ كَذَّبُوا۟ بِـَٔايَٟتِنَا وَٱسْتَكْبَرُوا۟ عَنْهَا لَا تُفَتَّحُ لَهُمْ أَبْوَٟبُ ٱلسَّمَآءِ وَلَا يَدْخُلُونَ ٱلْجَنَّةَ حَتَّىٰ يَلِجَ ٱلْجَمَلُ فِى سَمِّ ٱلْخِيَاطِ ۚ وَكَذَٟلِكَ نَجْزِى ‏ٱلْمُجْرِمِينَ Siehe, diejenigen, die unsre Zeichen der Lüge zeihen und sich hoffärtig von ihnen abwenden, nicht werden ihnen geöffnet die Tore des Himmels, und nicht gehen sie ein ins Paradies, ehe denn ein Kamel durch ein Nadelöhr geht; und also belohnen wir die Missetäter.

Der Zusammenhang ist ähnlich wie in den Evv., es geht darum, dass eine bestimmte Personengruppe nicht ins Paradies kommen wird. Unklar ist mir, ob es sich hier um die Übernahme einer ntl. Redewendung oder um ein auch im Arab. geläufiges Bild handelt. Auch hier könnte man aus dem ǧamalu „Kamel“ leicht ein ǧummalu „Tau“ machen.

Arab.: Lane
جُمَّلٌ (Ṣ, Ḳ, &c.) and جُمَلٌ and جُمْلٌ (Ḳ) and جُمُلٌ and جَمَلٌ (IJ, Ḳ) [A cable;] the rope of a ship, (Ṣ, Ḳ,) i.e., the thick rope thereof, (TA,) that is also called قَلْسٌ, (Ṣ, TA,) consisting of [a number of] ropes put together: (Ṣ:) and جُمَالَةٌ also signifies [the same; or] a thick rope, because consisting of many strands put together; pl. جُمَاﻼَتٌ; (Zj, TA;) which Mujáhid explains as meaning the ropes of bridges; but IʾAb, as the ropes of ships, put together so as to be like the waists of men [in thickness]. (TA.) In all the forms mentioned above, except the last (جمالة), the word is read in the phrase [in the Ḳur vii. 38], حَتَّى يَلِجَ الجُمَّلُ فِى سَمِّ الخِيَاطِ [Until the cable shall enter into the eye of the needle]: (Ḳ, TA:) IʾAb reads الجُمَّلُ, (Ṣ, TA,) and so do ʾAlee and many others: جُمْلٌ is pl. [or rather coll. gen. n.] of جُمْلَةٌ, a strand of a thick rope; or, accord. to IJ, pl. of جَمَلٌ [q. v.]: the first is explained by Fr as meaning ropes put together; but Aboo-Tálib thinks that he meant جُمَلٌ, without thesh-deed. (TA.) = حِسَابُ الجُمَّلِ, (Ṣ Ḳ,) thought by IDrd to be not Arabic, (TA,) and الجُمَلِ, (Ḳ,) but IDrd doubts its correctness, The calculation by means of the letters د ,ج ,ب ,ا, &c. (TA.)

Im Arab. gibt es offenbar tatsächlich ein Wort ǧummal(un) „Seil“. Und es gibt auch für Sure 7,38(40) variae lectiones mit diesem Wort (an Stelle von ǧamal(un) „Kamel“). Da die islamische Koranwissenschaft Textkritik m.W. nicht betreibt, ist es schwierig, über den Wert dieser Lesung zu urteilen. Doch könnte der Fall ähnlich liegen wie in den Evv.: nicht umzubringen, weil so plausibel.

Redewendung


„Wie? soll nicht ein Camel durch eine Nadel gehn?“ Stich aus Johann Vogel, Meditationes emblematicae de restaurata pace Germaniae, 1649.– Lizenz: gemeinfrei.– Quelle: Wikimedia.– Bearb.: verkleinerter Bildausschnitt, geringfügig perspektivisch transformiert, automat. Weißabgleich.

Das Wort Jesu wurde zur sprichwörtlichen Wendung und das groteske Bild provoziert komische Visualisierungen. Eine Bildersuche im Web fördert neben diversen Karikaturen (z.B. Präsident Obama lässt das Kamel Gesundheitsreform erfolgreich durch ein Nadelöhr springen) u.a. die in einem Nadelöhr stehenden fast mikroskopisch kleinen Kamele des brit. Bildhauers Willard Wigan zu Tage.

Christian Morgenstern hat Kamel und Nadelöhr in seinem Gedicht Die Probe (in den Galgenliedern) verewigt:

Zu einem seltsamen Versuch / erstand ich mir ein Nadelbuch.
Und zu dem Buch ein altes zwar, / doch äußerst kühnes Dromedar.
Ein Reicher auch daneben stand, / zween Säcke Gold in jeder Hand.
Der Reiche ging alsdann herfür / und klopfte an die Himmelstür.
Drauf Petrus sprach: ‚Geschrieben steht, / daß ein Kamel weit eher geht
durchs Nadelöhr als Du, du Heid, / durch diese Türe groß und breit!‘
Ich, glaubend fest an Gottes Wort, / ermunterte das Tier sofort,
ihm zeigend hinterm Nadelöhr / ein Zuckerhörnchen als Douceur.
Und in der Tat! Das Vieh ging durch, / obzwar sich quetschend wie ein Lurch!
Der Reiche aber sah ganz stier / und sagte nichts als: Wehe mir!
(Quelle: Wikisource)

Auch in Buch- und Filmtiteln finden wir es, z.B.:


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 31. Okt. 2022