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Jesu Geburt


Alle Jahre wieder kommt das Christuskind, und alle Jahre wieder füge ich dieser Seite die eine oder andere Miszelle hinzu. Daraus erklärt sich eine gewisse Ungleichmäßigkeit im Formalen.

Zwei Bücher zum Thema seien hier vorab zitiert:

Das nach allgemeiner Übereinstimmung älteste Evangelium, Markus, ist an Jesu Geburt nicht interessiert; es beginnt mit dem Wirken Johannes' des Täufers. Das jüngste Evangelium, Johannes, interessiert sich nur noch für die heilsgeschichtliche Bedeutung dieses Ereignisses: „und der Logos wurde Fleisch“ (Joh 1,14). Bleiben die beiden Berichte bei Matthäus und Lukas, die aber zwei ganz verschiedene Geschichten erzählen.

Matthäus

Mt beginnt damit, dass Maria schwanger wird, bevor die Ehe mit ihrem Verlobten Josef vollzogen ist. Josef will daraufhin das Verlöbnis ohne viel Aufhebens („heimlich“) auflösen. Er bekommt jedoch im Traum den Auftrag, Maria zu heiraten, da ihr Kind aus heiligem Geist empfangen sei (nicht von, als habe der heilige Geist Maria geschwängert!). Begründet wird dies mit der Erfüllung der bekannten Stelle Jes 7,14 („siehe, die Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihn [wörtl.: seinen Namen] Emmanuel nennen“).

Der ursprüngliche Sinn von Jes 7,14 ist wohl folgender: Eine Frau ist schwanger. Innerhalb der paar Monate bis zur Geburt des Kindes wird Gott die Situation in Juda so grundlegend ändern, dass die Frau ihr Kind aus Dankbarkeit Gott-mit-uns (Immanuel) taufen wird. In Jes 8,8 wird Immanuel noch einmal genannt („dein Land, Immanuel“), hier scheinbar als König der Heilszeit. Von daher konnte die Geburt Jesu als Erfüllung der Immanuel-Prophezeiung von 7,14 verstanden werden. Insbes. da der Wortlaut der griech. Übersetzung (LXX) explizit von einer Jungfrau (παρθένος, d.i. meist unverheiratetes Mädchen, bei dem die sexuelle Unberührtheit vorausgesetzt wird) spricht, während der hebr. Text eigentlich nur von einem Mädchen in heiratsfähigem Alter (עַלְמָה) spricht (so noch Gen 24,43, sonst immer mit νεᾶνις „Mädchen“ übersetzt). Überdies setzt die LXX das Schwangersein ins Futur, während im Hebr. ein zeitlich unbestimmter Nominalsatz steht.

Josef gehorcht und heiratet Maria, vollzieht die Ehe aber bis zur Geburt Jesu nicht. (Zur Frage, ob Josef nach der Geburt Jesu die Ehe vollzogen hat oder ob Maria Zeit ihres Lebens unberührt geblieben ist, s.  Hatte Jesus Geschwister?.)

Jesus kommt in Bethlehem zur Welt (Mt 2,1). Wie sich aus 3,22f ergibt, nimmt Mt an, dass Maria und Josef dauerhaft dort wohnen. Bei ihrer Rückkehr aus dem Exil in Ägypten wagt Josef nicht, wieder nach Judäa zu ziehen, und bekommt von Gott den Befehl, sich in Galiläa niederzulassen. (Der Vers wäre sinnlos, wenn Josef ohnehin schon vorher in Galiläa zu Hause war.)

Astrologen aus dem Osten (s.  Die Heiligen Drei Könige) werden bei Herodes vorstellig, um dem neugeborenen König ihre Reverenz zu erweisen. Doch in Herodes' Palast ist kein Thronfolger geboren worden. Sollte der Stern die Geburt des endzeitlichen Messias angezeigt haben? Die Schriftgelehrten weisen die Astrologen wegen Mi 5,1 nach Bethlehem.

Die Wendung „den Stern ἐν τῇ ἀνατολῇ sehen“ (V. 2 und 9) kann bedeuten „im/beim Aufgang“ (so verstehen es z.B. Einheitsübers. und Gute Nachricht) oder „im Osten“, was wiederum entweder die Himmelsrichtung bezeichnet, in der die Magier den Stern gesehen haben (heliakischer Aufgang), oder die Gegend, in der sie sich aufhielten, als sie ihn sahen („im Morgenlande“, so Luther und Schlachter).

Die Himmelserscheinung wird ganz allgemein als ἀστήρ „Stern“ bezeichnet. Gebildete wussten wohl um den Unterschied zwischen Wandel-, Schweif- und Fixsternen (Planeten, Kometen, Sterne), Mt schreibt aber nicht für ein Fachpublikum und hatte wohl auch kein astronomisches Interesse. Auf bildlichen Darstellungen wird der Stern meist als Komet dargestellt. Dies ist sicher falsch, denn Kometen galten als Unglücksboten. Häufig genannt wird eine dreifache Konjunktion der Planeten Jupiter und Saturn im Sternbild Fische im Jahr 7 v.Chr. Andere Vorschläge sind eine (von chinesischen Quellen verzeichnete) Nova 5 v.Chr (die aber nach dem chines. Text ein Komet war), ein Helligkeitsmaximum von Mira Ceti (Costantino Sigismondi), ein heliakischer Aufgang des Jupiter im Sternbild Widder (gefolgt von einer Konjunktion mit dem Mond) 6 v.Chr. (Michael Molnar), eine Nova im Haar der Berenike 2 v.Chr. (Werner Papke), eine dreifache Konjunktion des Jupiter mit Regulus 3/2 v.Chr. (Link verweist auf die Produktseite von Frederick Larson), eine sehr enge Konjunktion des Jupiter mit der Venus 2 v.Chr., u.ä. Letztere müssen dann zusätzlich fordern, dass Herodes erst 1 v.Chr. gestorben ist, während er nach übereinstimmender Ansicht der meisten Historiker 4 v.Chr. den Tod fand. Allen gemeinsam ist, dass sie sich zu wenig darum kümmern, wie babylonische Astrologie funktionierte. Theologen verweisen die ganze Geschichte ohnedies ins Reich der Legende und sehen darin nur die Erfüllung atl. Schriftstellen (in erster Linie Num 24,17 „es wird ein Stern aus Jakob aufgehen“).

Mi 5,1 muss keineswegs so gedeutet werden, dass der Messias in Bethlehem geboren werden wird. Hebr. יצא bedeutet hier „hervorgehen, (ab)stammen“; der Vers besagt, dass der zukünftige Herrscher Israels (man beachte, dass das Wort König vermieden wird) ein Davidide sein und also aus der bethlehemitischen Sippe der Efratiter stammen wird (vgl. 1Sam 17,12). Wo er zur Welt kommen wird, ist eigentlich belanglos. Deswegen ist Benedikt Schwank der Meinung, dass Mi 5,1 der Geburtsgeschichte als Erfüllungszitat sekundär zugewachsen ist, nicht umgekehrt (zitiert von Willibald Bösen in: Jesus von Nazareth, zu Bethlehem geboren, S. 177; die Quelle des Zitats habe ich nicht gefunden, aber s.a.: Schwank, Benedikt: „Jerusalem, Archäologie und Glaube“. Laetare Jerusalem. FS zum 100jährigen Ankommen d. Benediktinermönche auf d. Jerusalemer Zionsberg. Hrsg. v. Nikodemus C. Schnabel.- Münster: Aschendorff, 2006. (JThF, Bd.10). S. 7f. PDF, beitraege.erzabtei-beuron.de).

Num 24,17 spricht natürlich nicht von einem astronomischen Ereignis, sondern das hebr. כּוֹכָב „Stern“ ist hier metaphorisch in Bezug auf den Herrscher so gebraucht, wie das engl. star in Bezug auf eine berühmte und umjubelte Persönlichkeit verwendet wird. Von hier aus Verbindungslinien zur ägyptischen Königsideologie zu ziehen, wie es Matthias Albani (in: Jesus von Nazareth, zu Bethlehem geboren, S. 101ff) tut, ist m.E. Nonsens. Dass schlichte Gemüter aus diesem Vers die Geschichte eines Sterns in astronomischem Sinn herausdestilliert haben, scheint mit nicht sehr wahrscheinlich, allerdings ist es auch nicht auszuschließen.

Die Astrologen ziehen nach Bethlehem, sehen jetzt auch den Stern wieder und kommen in das Haus (das durch den Stern bezeichnet wurde?) Sie finden Maria und Jesus, erweisen Jesus ihre Verehrung (in Form der orientalischen Proskynesis) und beschenken ihn mit Gold, Weihrauch und Myrrhe. Gott weist sie an, ihren Rückweg nicht über Jerusalem zu nehmen.

Wie die Sterndeuter das richtige Haus finden und was sie veranlasst, in genau jenem Baby den zukünftigen König zu erkennen, erfahren wir nicht. Den Geschenken wird meist symbolische Bedeutung zugeschrieben: Gold = Königtum, Weihrauch = Priestertum, Myrrhe = Arzttum (weil medizinisch verwendet) oder Hinweis auf das spätere Leiden.

Josef bekommt den Befehl, mit Weib und Kind nach Ägypten zu fliehen. Auf diese Weise gilt, was der Prophet vom Volk Israel sagt („aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen“), auch für Jesus als Person.

Herodes lässt, um potentielle Thronprätendenten auszuschalten, alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren in Bethlehem und Umgebung töten.

Skupellos genug wäre Herodes gewesen, um so etwas zu tun. Aber als aufgeklärter hellenistischer Herrscher hat er wohl weder an Astrologie noch an die atl. Prophetie geglaubt. Und man würde doch erwarten, dass Flavius Josephus über die Ermordung von ein bis zwei Dutzend Säuglingen (viel mehr können es nicht gewesen sein) berichtet hätte. Aber Mt ist unser einziger Gewährsmann.

Nach dem Tod des Herodes (4 v.Chr.) kehrt die heilige Familie zurück nach Israel, aber nicht mehr nach Judäa, sondern nach Galiläa, wo sie sich in der kleinen Stadt Nazaret niederlassen. Damit erfüllt sich erneut ein Prophetenwort („er wird Nazoräer genannt werden“), das aber keiner Stelle klar zugeordnet werden kann und dessen Sinn auch unklar ist.

Die ganze Geschichte wird von der historisch-kritischen Exegese als Legende abgetan. Jungfrauengeburt, Flucht nach Ägypten, Kindermord in Bethlehem sind eventus ex vaticinio (Ereignisse, die als Erfüllung atl. Prophezeiungen ersonnen wurden). Ebenso der Geburtsort Bethlehem, der zwar nicht per se bezweifelt zu werden braucht, aber Mt und Lk geben zwei ganz verschiedene Erklärungen dafür, wieso der Nazarener in Bethlehem zur Welt gekommen ist - und beide können nicht wirklich überzeugen. Übrig bleibt die Zeitangabe, dass Jesus in den letzten Regierungsjahren des Herodes geboren wurde.

Allerdings wird von der historisch-kritischen Exegese wohl öfters Ursache mit Wirkung verwechselt: Stellen wie Ps 72,10f.15 oder Jes 60,3.6 wurden erst von der spätantiken Schriftauslegung auf die Magier übertragen und diese machte so aus den heidnischen Astrologen, Schamanen, oder was immer sie waren, die heiligen drei Könige – nicht umgekehrt.

Die näheren Umstände der Geburt Jesu sind heilsgeschichtlich nicht relevant (sonst könnten Mk und Joh nicht so einfach auf sie verzichten), sondern sie haben zeichenhaften Charakter. Bei Mt ist Jesus der Messias, in dem sich viele atl. Prophezeiungen erfüllen. Und zwar ist er Messias im spezifisch jüdischen Sinn des Wortes: der zum König Gesalbte („der neugeborene König der Juden“). Die Verehrung durch die heidnischen Sterndeuter verweist auf die Universalität des Messiastums Jesu (er ist Heilsbringer auch für die Heiden), der Kindermord wohl auf die spätere Ablehnung durch die Juden.

Lukas

Wie die Jungfrau zum Kinde kam, wird bei Lk viel ausführlicher erzählt: der Engel Gabriel wird nach Nazaret geschickt (denn dort sind Josef und Maria anscheindend zu Hause) und kündigt Maria an, dass sie schwanger werden wird durch die Kraft des heiligen Geistes (d.h. ohne dass sie in einer sexuellen Beziehung zu einem Mann lebt). Maria akzeptiert das („mir geschehe, wie du gesagt hast“), obwohl es sie voraussichtlich in eine sehr schwierige Situation bringen wird - was wird ihr Verlobter dazu sagen? Josef hat es offenbar akzeptiert. Ob er Marias Geschichte geglaubt hat (oder nicht doch vermutet hat, dass sich während ihres Besuches bei Elisabeth [Lk 1,39-56] etwas ganz Profanes zugetragen hat), wird nicht gesagt.

Wie aus 1,5 hervorgeht, datiert auch Lk diese Ereignisse in die Regierungszeit des Königs Herodes.

Wegen einer von Kaiser Augustus reichsweit angeordneten Eintragung in Steuerlisten muss sich Josef mitsamt seiner hochschwangeren Verlobten nach Bethlehem begeben.

Lk sagt, dass der Zensus geschah, als Quirinus (= P. Sulpicius Quirinius) Befehlshaber/ Statthalter von Syrien war. Der Reichszensus des Augustus 8. v.Chr. betraf aber nur römische Bürger (Mon.Anc. 8). Hier muss es sich um einen Provinzialzensus handeln, aber Judäa war 8 v.Chr. noch keine Provinz, sondern ein Klientelkönigreich. Quirinius war Statthalter von Syrien erst, nachdem Judäa röm. Provinz wurde, d.h. ab 6 n.Chr. Sein Zensus 6/7 n.Chr. rief in Judäa erheblichen Widerstand hervor. Eine Art Vorerhebung (vielleicht ist das gemeint mit 2,2 „diese Eintragung war die erste“) in der Regierungszeit des Herodes (als Quirinius möglicherweise Befehlshaber einiger Legionen in Syrien war und in dieser Eigenschaft im Auftrag Roms auch zivilrechtliche Kompetenzen ausüben konnte) wäre zwar denkbar, ist aber nirgends belegt. Wieso Josef zu diesem Zensus nach Bethlehem muss, bleibt unklar. Man müsste denn annehmen, dass er - wie es Mt voraussetzt - Bethlehemit war und dort Grundbesitz hatte (und sich nur vorübergehend oder erst seit kurzem in Nazaret aufgehalten hat). Aber auch dann bleibt unklar, wozu er seine hochschwangere Verlobte mitschleppen muss.

In Bethlehem hat Maria ihre Niederkunft. Sie muss ihr Kind in eine Krippe legen, weil kein Platz in der Herberge ist. Daraus wurde oft der Schluss gezogen, dass Jesus in einem Stall zur Welt gekommen ist, aber von einem Stall ist hier sowenig die Rede wie bei Mt. Krippen gab es in Palästina in jedem Bauernhaus (lt. Rieneckers Lexikon zur Bibel, s.v. Krippe, Haus I 2). Auch ist schwer vorstellbar, dass man eine Gebärende aus Platzmangel kurzerhand in den Stall schickt. (Aus dem gleichen Grund ist die Geschichte von der Herbergssuche als mitleidheischende Erfindung anzusehen: in der orientalischen Kultur, in der Gastfreundschaft so wichtig ist, wird man einer Frau, die kurz vor ihrer Niederkunft steht, nicht leicht die Tür weisen.)

Diese Auffassung steht wohl auch hinter Luthers Wiedergabe von 2,7: „denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge“. Für das „sonst“ gibt es keinen Anhalt im Text. Eine Krippe ist im allgemeinen eine steinerne Rinne oder ein Trog an der Grenze des von den Menschen bewohnten höhergelegenen Teils eines Hauses und des von den Tieren bevölkerten tiefergelegenen Teils (viell. so wie auf einer  Grafik von Scott Orr; anders – auf zwei Stockwerke verteilt – auf einer  Illustration auf Bible Archaeology). Das Wort Krippe weckte bei Christen die Assoziation an Jes 1,3: „Ein Ochse kennt seinen Besitzer, ein Esel die Krippe seines Herrn; Israel kennt ihn nicht...“ Von daher gelangten Ochse und Esel in bildliche Darstellungen des Weihnachtsgeschehens.

Dass Josef und Maria in einer Herberge (dasselbe griech. Wort wie Mk 14,14 oder LXX Ex 4,24) übernachten, spricht nicht für die Annahme, Josef habe in Bethlehem Besitz oder auch nur Verwandtschaft gehabt.

Hirten, die des Nachts ihre auf freiem Feld lagernde Herde bewachen, haben eine Erscheinung von Engeln, die ihnen mitteilt, dass heute in Bethlehem der Messias geboren worden sei. Sie würden das Kind in einer Krippe finden.

Während in der Weihnachtsgeschichte bei Mt Gott seinen Willen hauptsächlich durch Träume kundtut, treten bei Lk mehrmals Engel auf.

Die Hirten beschließen, nach Bethlehem zu gehen und sich die Sache selber anzuschauen (und lassen ihre Herde unbeaufsichtigt zurück? V. 20). Sie finden das Kind in der Krippe und erzählen, was ihnen die Engel verkündet haben.

Ein Zensus des Quirinius während der Regierungszeit des Herodes ist mit vielen Fragezeichen behaftet und wird in dieser Form von vielen Fachleuten bezweifelt. Andererseits gewinnt man bei Lk nicht den Eindruck, es sei von theologischer Bedeutung, dass Jesus in Bethlehem geboren wird. Eine Geburt in Nazaret hätte seiner Messianität für Lk wohl keinen Abbruch getan.

Während bei Mt Jesus der König der Juden ist, dem von heidnischen Würdenträgern gehuldigt wird, ist er bei Lk der Messias der kleinen Leute: er muss in einer Futterkrippe liegen und Hirten besuchen ihn.

Der Stern von Bethlehem

Eine ausführliche Liste von Literatur und Links zum Thema bietet die  Star of Bethlehem Bibliography.
Babylonische Astrologie ist eine Wissenschaft für sich. Eine kurze allgemeinverständliche Einführung liefert:  Ossendrijver, Mathieu: „Astronomie und Astrologie in Babylonien“. Babylon. Wahrheit. Katalog zur Ausstellung "Babylon. Mythos und Wahrheit", Pergamonmuseum Berlin.- Hrsg. v. J. Marzahn. S. 373-386. PDF, Homepage des Autors.
Ausführlich:  Hunger, Hermann / Pingree, David: Astral sciences in Mesopotamia.- Leiden: Brill, 1999 (Handbuch d. Orientalistik, Bd. 44). Google Books (teilweise einsehbar).

Gehen wir einmal davon aus, dass die Überlieferung vom Stern von Bethlehem Mt 2 eine historische Grundlage hat. Welches astronomische Ereignis könnte sie dann beschreiben? Was kann persische oder babylonische Astrologen veranlasst haben, auf die Geburt eines jüdischen Königs zu schließen? Und was hat sie auf den Weg nach Jerusalem gebracht?

Mt sagt uns nicht, wer genau die Magoi aus dem Osten waren. Aber sie beobachteten den Sternhimmel und zogen daraus mundanastrologische Schlußfolgerungen. Ob das auch auf zoroastrische Priester passt, vermag ich nicht zu sagen (ich habe bisher keinen Beleg gefunden, dass die antiken Zoroastrier auch Astrologie betrieben hätten). Ganz sicher aber passt es auf babylonische Astrologen.

 Werner Gitt: Der Stern von Bethlehem meint, es habe sich um gläubige Juden gehandelt. Das halte ich für eher unwahrscheinlich. Denn gläubige Juden haben keine astrologischen Beobachtungen angestellt (s.u.). Und sollte man nicht annehmen, dass uns Mt diese nicht unwesentliche Tatsache mitgeteilt hätte?

Wieso nahmen die Gelehrten aus dem Osten eine mehrwöchige Reise auf sich, um einem weltpolitisch irrelevanten König zu huldigen? Entweder hingen sie einer messianische Erwartung, nicht unähnlich der jüdischen, an. Oder sie waren, wie Simo Parpola (referiert in:  Niina Haasola: Wise Men Guided by a Star, Universitas Helsingiensis, 2002) andeutet, auf der Suche nach einem gutdotierten Job („The birth of a new king meant a new court, and a new court was in need of skilful astrologers.“) Mir erscheint ersteres plausibler.


Das Sternbild Orion, das sich im Laufe der Nacht von Ost nach West bewegt.

Sog. Planetenschleife eines äußeren Planeten (blau), beobachtet von der Erde aus (grün). Basierend auf dem Bild  Retrogadation.png (sic!) des Wikipediabenutzers HB. Lizenz: CC by-sa 3.0.

Die Beschreibung des Sterns passt m.E. am ehesten auf einen Wandelstern, d.h. einen Planeten. (Mit bloßem Auge sind die Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn sichtbar.)

1. Der Jerusalemer Hof ist bestürzt über das Auftauchen der Astrologen (V.3); Herodes fragt, wann der Stern erschienen ist (V.7).
Das weist darauf hin, dass es sich nicht um ein Ereignis von massiver Auffälligkeit, etwa eine Supernova (ein explodierender Fixstern), die alle anderen Sterne an Helligkeit überstrahlt, oder einen Kometen mit deutlich sichtbarem Schweif handelte. Astrologie hat das orthodoxe Judentum (das man spätestens im Babylonischen Exil kennengelernt hatte) wie alle Arten von Wahrsagerei und Magie abgelehnt (Dtn 18,9-15; Dtn 4,19; Jes 47,13f; Jer 10,2; 1Hen 8,3; Jubiläen 12,16-18).
2. Der Stern geht auf (dies ist die heute übliche Deutung von V.2 „im Aufgang“ wegen des Singulars, s.o.).
Dies haben Fixsterne und Planeten gemeinsam, dass sie sich im Lauf der Nacht von Osten nach Westen bewegen. Sterne und Planeten gehen auf der Ostseite auf und auf der Westseite wieder unter. Diese scheinbare Bewegung ist das Ergebnis der Rotation der Erde.
3. Der Stern erscheint (V.7).
Das würde am ehesten auf den heliakischen oder akronychischen Aufgang passen. D.h. ein Stern, der längere Zeit nicht am Nachthimmel zu sehen war, geht erstmals wieder in der Morgen- oder Abenddämmerung auf. Da der siderische Tag (eine volle 360°-Umdrehung der Erde) um etwa 4 Minuten kürzer ist als der Sonnentag (nicht ganz 361°), gehen die Sterne täglich um etwa 4 Minuten früher auf als die Sonne (die Sonne überholt gewissermaßen die Sterne). Dadurch ändert sich im Lauf eines Jahres der sichtbare Ausschnitt des Sternenhimmels. Dies ist das Ergebnis der Bewegung der Erde um die Sonne.
4. Der Stern geht den Astrologen voran (V.9).
Unklar. Wird häufig so gedeutet, dass der Stern in der Richtung zu sehen war, in der die Astrologen reisten, nämlich im Süden (Bethlehem liegt südlich von Jerusalem). Wie die Sonne erreichen auch Sterne und Planeten im Süden ihren nächtlichen Kulminationspunkt.
5. Der Stern bleibt stehen (V.9).
Das könnte die  scheinbare retrograde Bewegung eines Planeten bezeichnen. Planeten bewegen sich im Laufe der Nacht wie Sterne von Osten nach Westen. Wenn man aber auf die Position des Planeten relativ zum Fixsternhimmel in aufeinanderfolgenden Nächten achtet, stellt man fest, dass sich der Planet vor- oder zurückbewegt. Planeten haben eine andere Winkelgeschwindigkeit als die Erde (und damit der im Laufe des Jahres sichtbare Fixsternhimmel). Die Erde braucht ein Jahr, um einen Winkel von 360° (d.i. eine volle Umdrehung um die Sonne) zurückzulegen; Jupiter braucht dafür fast 12 Jahre, Venus nur 225 Tage. Wenn die Erde einen Planeten überrundet (beim Jupiter alle 399 Tage), dann sieht es von der Erde so aus, als bleibe der Planet stehen, um sich dann kurzzeitig in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen (in Relation zum Fixsternhimmel, was man aber nur sieht, wenn man den Himmel mehrere Nächte hintereinander beobachtet).
Andere erklären das Stehenbleiben als Verblassen des Sterns im zunehmenden Tageslicht.

Wie könnte ein astronomisches Ereignis ausgesehen haben, das auf die Geburt eines (messianischen) Königs der Juden verweist? Die Ausgabe der Omentexte  Babylonian planetary omens, Teil 3, hrsg v. Reiner Erica u. Pingree David (Groningen: Styx publ., 1998) (Google Books, ca. ein Drittel des Buches ist einsehbar) zeigt, wie die Planetenomina der babylonischen Omensammlung  Enūma Anu Enlil funktionieren: Es handelt sich um lange Listen der Form "Monat X: wenn Y, dann Z." Y ist dabei ein ein besonderes Aussehen des Planeten beim Aufgang, eine Konjunktion o.ä. Z ist das dadurch angezeigte kommende Ereignis, eine Hungersnot, der Tod des Königs usw. An geographischen Regionen werden nur Akkad (Babylonien), Subartu (Assyrien), Elam (Iran) und Amurru (der Westen, d.i. Syrien, Libanon, Palästina) unterschieden.

Ein Schema der Art „Jupiter steht für die Geburt eines Königs, Saturn für das Volk der Juden“ ist schon konzeptuell nicht erkennbar. Diese Art von Systematisierung passt eher zu der öfter zitierten Tetrabiblos des Claudius Ptolemaios (2.Jh. n.Chr.,  engl. Übersetzung, Sacred Texts). Ptolemaios ordnet den Himmelsobjekten (Sonne, Mond, Planeten, Sternbilder) Kategorien wie warm/kalt, feucht/trocken, männlich/weiblich, Tag/Nacht zu. Wie sich daraus auf die Geburt eines Königs schließen lässt, kann ich nicht erkennen. Natürlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Astrologen, die nach Bethlehem kamen, in der genannten Art dachten. Aber ist es wahrscheinlich? Mit meiner zugegebenermaßen nur kursorischen Kenntnis mesopotamischer Astrologie scheint mir, dass auf die obengestellte Frage keine Antwort gegeben werden kann, die mehr ist also bloße Spekulation.

An dieser Stelle ein wenig Wissenschaftsgeschichte:

Die Konjunktion von Jupiter und Saturn im Sternbild Fische als Kandidat für den Stern von Bethlehem wird seit Keplers Schrift zum Thema ( Kepler, Johannes: De stella nova in pede Serpentarii.- Prag: Sessius, 1606. S. 134f. Buchscan, Archive.org) diskutiert. Johannes Kepler (1571-1630) hatte die Supernova von 1604 beobachtet, die auf eine solche Konjunktion gefolgt war, und angenommen, die Konjunktion habe die Nova verursacht. Daher vermutete er, dass es auch 7/6 v.Chr. eine ähnliche Nova gegeben haben müsse. Dies sei der Stern von Bethlehem gewesen.

Vor allem seit man weiß, dass Novae nichts mit Konjunktionen zu tun haben, wird die Konjunktion selbst als möglicher Stern von Bethlehem diskutiert. Dass die Babylonier die Jupiter-Saturn-Konjunktion des Jahres 7 v.Chr. vorherberechnet haben, gilt seit einem Aufsatz Paul Schnabels ( Schnabel, Paul: „Der jüngste datierbare Keilschrifttext“. Zeitschrift f. Assyriologie u. verwandte Gebiete, 36 (1925) 66-70. Uni Halle) als gesichert. Doch hat Schnabel diese Konjunktion nur deshalb interessiert, weil sie den Text datierbar machte; auf den Stern von Bethlehem hat er sie nicht bezogen. Das hat erst Johann Schaumberger (allerdings ablehnend) getan, dessen diesbezüglicher Aufsatz („Textus cuneiformis de stella Magorum?“, Biblica 6 (1925) 444-449) mir nicht zugänglich war.

Die Behauptung, Saturn sei Israels Planet gewesen (Tac.hist. 5,4), geht nach Schaumberger ( Schaumberger, Johann: „Ein neues Keilschriftfragment über den angeblichen Stern der Weisen“. Biblica, 24 (1943) 162-169. Google Books) darauf zurück, dass der jüdische Sabbat mit dem römischen dies Saturni zusammenfiel (doch s.a. Am 5,26). Aber in der babylonisch-assyrischen Astrologie sei Mars der Planet des Westlandes (Amurru) gewesen. Was das Sternbild Fische als Sternbild Israels betrifft, so richteten sich die messianischen Erwartungen jüdischen Astrologen zunächst auf den Wassermann, erst danach auf die Fische. In der babylonischen Astrologie sei nur der südwestliche Teil der Fische dem Westland zugerechnet worden.

Levi ben Geršon (1288-1344) äußerte in seiner Vorhersage der Konjunktion von 1345 ( Levi ben Gerson's Prognostication for the Conjunction of 1345. Hrsg. v. Bernard R. Goldstein u. David Pingree.- Philadelphia, 1990 [Transactions of the American Philosophical Society, Bd. 80 T. 6]. Google Books) die Überzeugung, eine Konjunktion von Jupiter und Saturn verweise auf „große und allgemeine Angelegenheiten“ (§7). Er erwartete Krieg und den Untergang eines Reiches, Krankheit und Hungersnot u.ä. Die Konjunktion fand im Sternbild Wassermann statt, die Levi ben Geršon mit dem „Land Israel und Ägypten und Griechenland“ verband (§22).

Schaumberger berichtet auch von Isaak Arbabanel (1437-1508), der in seinem Danielkommentar מעיני הישועה (maʿjanej ha-ješuʿah „Quellen des Heils“, 1497) die Konjunktion von 1464 als „gewaltige“ (sich nur alle 3000 Jahre ereignend) bestimmte und mit der Geburt des Messias verband. Doch sein Werk war mir so wenig verfügbar, wie das von Māšāʾallāh ibn-Aṯarī (ما شاء الله ابن أثرى, lat. Messa(h)ala(h), ca. 740–815), einem arabisch schreibenden jüdischen Astrologen, der vom  Wikipedia-Art. Stern von Betlehem als älterer jüdischer Gewährsmann für die Konjunktionshypothese genannt wird.

Vielleicht haben die Magoi die Bedeutung der Erscheinung gar nicht aus der Art der Erscheinung selbst erschlossen, sondern auf andere Weise erfahren; z.B. durch einen Traum wie in Mt 2,12, wo Gott den Magoi auf diese Weise befiehlt, nicht zu Herodes zurückzukehren. Aber wieso wurden sie dann nicht gleich nach Bethlehem gewiesen?

Etliche Ausleger glauben, dass es sich bei dem Stern gar nicht um ein uns bekanntes astronomisches Phänomen gehandelt hat, sondern um ein Wunder, das Gott exklusiv anlässlich der Geburt seines Sohnes gewirkt hat. Z.B. Werner Gitt, der den Stern aber für nichts destoweniger historisch hält. Oder Matthias Albani, der der Sterngeschichte allerdings nur eine „religiöse Wirklichkeit“ zuerkennt (in: Jesus von Nazareth, zu Bethlehem geboren, S. 100f). Ebenso Marius Reiser, der die Geschichte für eine symbolische Erzählung hält und im übrigen der lukanischen Version den Vorzug gibt ( Reiser, Marius: „Weihnachten, Weise und wir“. Vortrag gehalten am 9. Jan. 2010 in Mainz. AlphaOmega/catholic-church.org).

Texte zum Zensus

Ausführlich zugunsten der Historizität des Lk votieren  Filtzinger, Philipp: Bethlehem. Die christliche Legende - ein historisches Ereignis im Konsulatsjahr des Gaius Censorinus und Gaius Asinius 8 v.Chr. und zwei Seiten von BibleHistory:  Census of Quirinius - Cyrenius,  Quirinius and the Census.

Ablehnend zum Beispiel:  Klein, Hans: Das Lukasevangelium.- 10. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2006 (Meyers kritisch-exegetischer Kommentar ü.d. NT [KEK]). Google Books, leider nur teilweise einsehbar.

Der als Inschrift veröffentlichte Rechenschaftsbericht des Kaisers Augustus (res gestae divi Augusti, verfasst kurz vor seinem Tode 14 n.Chr.) wird nach der am vollständigsten erhaltenen (zweisprachigen) Kopie häufig auch Monumentum Ancyranum genannt. In § 8 berichtet der Kaiser von seinen Volkszählungen. (Den  Text auf Latein und Griech. nach der Loeb-Ausg. 1924 bietet LacusCurtius; s.a.  Res gestae divi Augusti, ex monumentis Ancyrano et Apolloniensi. Hrsg. v. Th[eodor] Mommsen.- Berlin: Weidmann, 1865. Buchscan, Archive.org; eine  großformatige Abb. der betreffenden Tafel auf einer Seite der Comunidad de Ayala.)

Et in consulatu sexto censum populi conlega M. Agrippa egi. Lustrum post annum alterum et quadragensimum feci. Quo lustro civium Romanorum censa sunt capita quadragiens centum millia et sexaginta tria millia. [Tum iteru]m consulari cum imperio lustrum solus feci C. Censorin[o et C.] Asinio cos. Quo lustro censa sunt civium Romanoru[m capita] quadragiens centum millia et ducenta triginta tria m[illia. Et tertiu]m consulari cum imperio lustrum conlega Tib. Cae[sare filio meo feci] Sex. Pompeio et Sex. Appuleio cos. Quo lustro ce[nsa sunt civium Ro]manorum capitum quadragiens centum mill[ia et nongenta tr]iginta et septem millia. Und in meinem sechsten Konsulat [28 v.Chr.] habe ich eine Volkszählung durchgeführt, wobei Marcus Agrippa mein Amtskollege war. Das (abschließende) Sühneopfer habe ich nach 42 Jahren (erstmals wieder?) durchgeführt. Bei diesem Sühneopfer wurden 4.063.000 römische Bürger gezählt. Dann habe ich mit meiner konsularischen Gewalt ein zweites Mal allein unter den Konsuln Gaius Censorinus und Gaius Asinius [8 v.Chr.] ein Sühneopfer durchgeführt. Bei diesem Sühneopfer wurden 4.233.000 römische Bürger gezählt. Und ein drittes Mal habe ich mit meiner konsularischen Gewalt unter den Konsuln Sextus Pompeius und Sextus Apuleius [14 n.Chr.] ein Sühneopfer durchgeführt, wobei mein Sohn Tiberius Caesar mein Amtskollege war. Bei diesem Sühneopfer wurden 4.937.000 römische Bürger gezählt.

Mit dem abschließenden Sühneopfer (lustrum) erlangte die Zählung/ Eintragung (census) Gültigkeit. „Ein Sühneopfer durchführen“ ist hier also synonym mit „eine Volkszählung abhalten“. Bei diesen Zensus ging es um die Ermittlung der römischen Bürger. Der griech. Text bezeichnet die Zählungen als ἀποτίμησις „Abschätzung“, Lk spricht von ἀπογραφή „Aufschreiben, Eintragung“.

Der jüdische Historiker Flavius Josephus berichtet in seinen Jüdischen Altertümern (Antiquitates Iudaicae 17,355 [=17,13,5]; 18,1-3 [=18,1,1]; 18,26 [=18,2,1]) vom Zensus des Quirinius 6 n.Chr. (griech. Text nach der  Ausg. v. Benedikt Niese beim Perseus Project;  Flavii Iosephi Opera. Hrsg. v. Benedikt Niese.- Bd. 4. Berlin: Weidmann, 1890. Buchscan, Archive.org;  engl. Übers. von William Whiston bei Christian Classics Ethereal Library).

17 355 τῆς δʼ Ἀρχελάου χώρας ὑποτελοῦς προσνεμηθείσης τῇ Σύρων πέμπεται Κυρίνιος ὑπὸ Καίσαρος ἀνὴρ ὑπατικὸς ἀποτιμησόμενός τε τὰ ἐν Συρίᾳ καὶ τὸν Ἀρχελάου ἀποδωσόμενος οἶκον. Nachdem das tributpflichtige Land des Archelaos dem der Syrer zugeteilt worden war, wurde Quirinius, ein ehemaliger Konsul, vom Kaiser geschickt, um die Vermögen in Syrien zu schätzen und das Haus des Archelaos zu verkaufen.
18 1 Κυρίνιος δὲ τῶν εἰς τὴν βουλὴν συναγομένων ἀνὴρ τάς τε ἄλλας ἀρχὰς ἐπιτετελεκὼς καὶ διὰ πασῶν ὁδεύσας ὕπατος γενέσθαι τά τε ἄλλα ἀξιώματι μέγας σὺν ὀλίγοις ἐπὶ Συρίας παρῆν, ὑπὸ Καίσαρος δικαιοδότης τοῦ ἔθνους ἀπεσταλμένος καὶ τιμητὴς τῶν οὐσιῶν γενησόμενος, 2 Κωπώνιός τε αὐτῷ συγκαταπέμπεται τάγματος τῶν ἱππέων, ἡγησόμενος Ἰουδαίων τῇ ἐπὶ πᾶσιν ἐξουσίᾳ. παρῆν δὲ καὶ Κυρίνιος εἰς τὴν Ἰουδαίαν προσθήκην τῆς Συρίας γενομένην ἀποτιμησόμενός τε αὐτῶν τὰς οὐσίας καὶ ἀποδωσόμενος τὰ Ἀρχελάου χρήματα. 3 οἱ δὲ καίπερ τὸ κατʼ ἀρχὰς ἐν δεινῷ φέροντες τὴν ἐπὶ ταῖς ἀπογραφαῖς ἀκρόασιν ὑποκατέβησαν τοῦ μὴ εἰς πλέον ἐναντιοῦσθαι πείσαντος αὐτοὺς τοῦ ἀρχιερέως Ἰωαζάρου, Βοηθοῦ δὲ οὗτος υἱὸς ἦν. καὶ οἱ μὲν ἡττηθέντες τοῦ Ἰωαζάρου τῶν λόγων ἀπετίμων τὰ χρήματα μηδὲν ἐνδοιάσαντες. Quirinius aber, einer von denen, die in den Senat aufgenommen worden waren, der sowohl die übrigen Ämter ausgefüllt hatte und, nachdem er alle durchlaufen hatte, Konsul geworden war, als auch in den übrigen Belangen an Ansehen groß, kam mit wenigen (Begleitern) nach Syrien, vom Kaiser als Richter des Volkes gesandt und um Abschätzer der Vermögen zu werden. Und mit ihm wurde Coponius hinabgeschickt, aus dem Ritterstand, um über Judäer zu herrschen mit der Vollmacht über alle. Auch Quirinius kam nach Judäa, das ein Anhängsel Syriens geworden war, um ihre Vermögen abzuschätzen und die Güter des Archelaos zu verkaufen. Diese aber [die Judäer] waren zwar anfangs äußerst ungehalten, als sie von den Eintragungen hörten, gingen aber allmählich dazu über, sich nicht weiter zu widersetzen, da sie der Hohepriester Joazar überredete - dieser war ein Sohn des Boethos. Und sie nun fügten sich den Worten des Joazar und schätzten ohne Bedenken ihre Güter.
Es folgt ein Bericht über den durch diesen Zensus veranlassten Aufstand von Judas und Saddok und eine Digression über die Unterschiede zwischen Pharisäern, Sadduzäern und Essenern.
26 Κυρίνιος δὲ τὰ Ἀρχελάου χρήματα ἀποδόμενος ἤδη καὶ τῶν ἀποτιμήσεων πέρας ἐχουσῶν, αἳ ἐγένοντο τριακοστῷ καὶ ἑβδόμῳ ἔτει μετὰ τὴν Ἀντωνίου ἐν Ἀκτίῳ ἧτταν ὑπὸ Καίσαρος, Ἰωάζαρον τὸν ἀρχιερέα καταστασιασθέντα ὑπὸ τῆς πληθύος ἀφελόμενος τὸ ἀξίωμα τῆς τιμῆς Ἄνανον τὸν Σεθὶ καθίσταται ἀρχιερέα. Als Quirinius die Güter des Archelaos bereits verkauft hatte und die Vermögensabschätzungen zu Ende waren, die im 37. Jahr nach der Niederlage des Antonius gegen den Kaiser bei Actium [6 n.Chr.] stattfanden, entzog er dem Hohenpriester Joazar, der von der Menge durch Aufruhr gestürzt wurde, die Ehre des Amtes und setzte Ananus, den Sohn Sethis, als Hohenpriester ein.

Josephus spricht mehrmals von ἀποτιμᾶν/ἀποτίμησις, einmal aber von ἀπογραφή. Die Termini scheinen im Kontext einigermaßen synonym zu sein.

Einen Nachruf auf Quirinius lesen wir in den Annalen des Tacitus (verfasst in den 110er Jahren, Tac. Ann. 3,48;  lat. Text online bei The Latin Library; lat. Text mit Kommentar:  Cornelius Tacitus, expl. by Karl Nipperdey, Part 1: The first six books of the Annales.- London: Rivington, 1852. Archive.org).

Sub idem tempus, ut mors Sulpicii Quirini publicis exsequiis frequentaretur, petivit a senatu. nihil ad veterem et patriciam Sulpiciorum familiam Quirinius pertinuit, ortus apud municipium Lanuvium, sed impiger militiae et acribus ministeriis consulatum sub divo Augusto, mox expugnatis per Ciliciam Homonadensium castellis insignia triumphi adeptus; datusque rector C. Caesari Armeniam obtinenti Tiberium quoque Rhodi agentem coluerat. quod tunc patefecit in senatu, laudatis in se officiis et incusato M. Lollio, quem auctorem C. Caesari pravitatis et discordiarum arguebat. sed ceteris haud laeta memoria Quirini erat ob intenta, ut memoravi, Lepidae pericula sordidamque et praepotentem senectam. Um dieselbe Zeit bat er [Kaiser Tiberius] den Senat, dass der Tod des Sulpicius Qurinius [21 n.Chr.] mit einer öffentlichen Leichenfeier begangen werde. Quirinius gehörte nicht zur alten patrizischen Familie der Sulpizier, er wurde in der Landstadt Lanuvium geboren [ca. 45 v.Chr.], aber unermüdlich im Krieg und durch eifrige Dienste hat er unter dem vergöttlichten Augustus das Konsulat [12 v.Chr.], bald darauf durch Eroberung der Festungen der Homonadenser in Kilikien [11-7 v.Chr.? 5-3?] die Ehrenzeichen des Triumphes erlangt; und er wurde dem Gaius Caesar, als dieser Armenien innehatte [1-3 n.Chr.], als Lenker gegeben, hatte auch den Tiberius, als er sich in Rhodos aufhielt [6 v.-2 n.Chr.], geehrt. Das offenbarte er damals im Senat, wobei er die Dienste gegen ihn lobte und den Marcus Lollius beschuldigte, den er bezichtigte, für Gaius Caesar der Anstifter der Schlechtigkeit und der Zwistigkeiten gewesen zu sein. Aber im übrigen [oder: bei den übrigen] war die Erinnerung an Quirinius nicht erfreulich wegen der, wie ich berichtet habe, gegen Lepida angestrengten Prozesse [20 n.Chr.] und seinem habsüchtigen und mächtigen Alter.

Verteidiger der Historizität des Lk-Berichtes vermuten, dass Quirinius bei seinem Kampf gegen die Homonadenser Befehlshaber der in Syrien stationierten Legionen war und damit automatisch auch Statthalter von Syrien. Auf ihn beziehen sie mit Theodor Mommsen auch die akephale (d.h. kopflose, weil der Kopfteil fehlt, in dem der Name genannt war) Inschrift von Tibur (CIL 14, 3613 = Dessau 918,  lat. Text online bei der EDCS [Epigraphik-Datenbank Clauss / Slaby];  Inscriptiones Latinae Selectae. Hrsg. v. Hermann Dessau.- Bd. 1, Berlin: Weidmann, 1892. Archive.org).

[r]egem, qua redacta in pot[estatem imp(eratoris) Caesaris]
Augusti populique Romani senatu[s dis immortalibus]
supplicationes binas ob res prosp[ere gestas, et]
ipsi ornamenta triumph[alia decrevit];
proconsul Asiam provinciam op[tinuit; legatus pr(o) pr(aetore)]
divi Augusti iterum Syriam et Ph[oenicen optinuit].
den König, nachdem er [der Volksstamm der Homonadenser?] unter die Herrschaft des Kaisers Caesar Augustus und des Senates des römischen Volkes gebracht worden war, erkannte er den unsterblichen Göttern zwei Dankfeste zu wegen der günstig verlaufenen Ereignisse und ihm selbst die Triumphinsignien; als Proconsul hatte er die Provinz Asien inne; als Legat des vergöttlichten Augustus im Prätorenrang hatte er zum zweiten Mal Syrien und Phönizien inne.

Allerdings ist fraglich, ob Quirinius wirklich Statthalter der Provinz Asien gewesen ist. Die Inschrift kann sich auch auf jemand anderen beziehen, diskutiert wird z.B. Lucius Calpurnius Piso (der Pontifex).

Eine der Inschriften, die sich definitiv auf Quirinius beziehen, ist CIL 3,6687 ( lat. Text online bei der EDCS) = Dessau 2683 (Bd. 1):

Q. Aemilius Q. f.
Pal(atina, scil. tribu) Secundus [in]
castris divi Aug. s[ub]
P. Sulpi[c]io Quirinio le[g. Aug.]
C[a]esaris Syriae honori-
bus decoratus, pr[a]efect.
cohort. Aug. I, pr[a]efect.
cohort. II classicae; idem
iussu Quirini censum egi
Apamenae civitatis mil-
lium homin. civium CXVII;
idem missu Quirini adversus
Ituraeos in Libano monte
castellum eorum cepi; et ante
militiem praefect. fabrum
delatus a duobus cos. ad ae-
rarium, et in colonia
quaestor, aedil. II, duumvir II,
pontifexs.
ibi positi sunt Q. Aemilius Q. f. Pal(atina)
Secundus f. et Aemilia Chia lib(erta).
h(oc) m(onumentum) amplius h(eredem) n(on) s(equitur).
Quintus Aemilius Secundus, des Quintus Sohn, aus dem palatinischen Stimmbezirk, im Lager des vergöttlichten Augustus unter Publius Sulpicius Qurinius, dem Legaten des Augustus Caesar in Syrien, mit Ehrungen ausgezeichnet, Präfekt der ersten Kohorte des Augustus, Präfekt der zweiten Flottenkohorte; ebenso führte ich auf Befehl des Quirinius einen Zensus der 117.000 Bürger der Stadt Apameia [am Orontes, in Nordsyrien] durch; ebenso nahm ich auf Sendung des Quirininus gegen die Ituräer im Libanongebirge ihre Festung ein; und vor dem Heeresdienst Werkmeister, von den beiden Konsuln in die staatlichen Listen eingetragen, und in der Landstadt Quästor, zweimal Ädil, zweimal Duumvir, Priester. Dort sind beigesetzt Quintus Aemilius Secundus, des Quintus Sohn, aus dem palatinischen Stimmbezirk, und die Freigelassene Aemilia Chia. Dieses Grabmal fällt nicht weiter an den Erben.

Der Grabstein eines Präfekten (Befehlshaber, Kommandant), der unter Quirinius in Syrien tätig war und u.a. damit beauftragt war, in einer großen syrischen Stadt den Zensus durchzuführen.

Der Stammbaum Jesu

Mt und Lk geben auch jeweils unterschiedliche Stammbäume Jesu. Mt ist es wichtig, dass Jesus Nachfahre Abrahams (mit dem die Beschneidung beginnt) und Davids (dem prototypischen König Israels, aus dessen Samen der Messias erwartet wurde) ist. Josef ist zwar nicht Jesu biologischer Vater, aber da er Jesus als Sohn anerkannt hat, ist dieser erbrechtlich sein und somit Davids Nachkomme. Dass Jesus davidischer Abstammung ist, betont auch Paulus (Röm 1,3) (während es Mt 20,30f || Mk 10,47f || Lk 18,38f viell. nur als messianischer Ehrentitel zu verstehen ist).

Mt führt die Abstammung Jesu in dreimal 14 Generationen von Abraham über Josef auf Jesus (bei der dritten Gruppe zähle ich allerdings nur 13). Damit ist wohl eine Periodisierung der Heilsgeschichte in drei Epochen beabsichtigt: die Zeit der Patriarchen und der Entstehung des Zwölfstämmevolks, die Zeit des Königreichs Israel (bzw. der beiden Reiche Juda und Israel), die nachexilische Zeit. Am Ende steht Jesus als Ziel der Heilsgeschichte und als Erbe der Heilszusagen an Abraham und David. Die Zahl 14 ist nur unter Auslassung einiger Generationen (z.B. zwischen Joram und Asarja/Usija die Könige Ahasja [2Kön 8,24], Joasch [2Kön 11,2] und Amazja [2Kön 12,22], vgl. 1Chr 3,11f) zu erreichen. Viell. besteht ihre Bedeutung darin, dass sie die Quersumme des Namens Davids (dwd = 4+6+4) ist.

Auffällig ist die Nennung von vier der Mütter: Tamar (deren Verhalten Gen 38 rein rechtlich Ehebruch darstellte), die kanaanitische Hure Rahab (Jos 2,1ff), die Moabiterin Ruth (Rut 1,4), Batseba (die Frau des Hethiters Uria, mit der David ein ehebrecherisches Verhältnis einging, 2Sam 11,3). Jesus hat also sehr menschliche Vorfahren und nicht alle sind „reinrassig“.

Lk führt die Abstammungslinie umgekehrt über Josef zurück bis Adam. Während Mt aber die Abstammung über die Linie der Könige von Juda verlaufen lässt (David - Salomo - Rehabeam usw.), geht Lk über den Davidssohn Nathan (2Sam 5,14; Sach 12,12), von dem wir sonst nichts weiter wissen. Bei Lk sind es insgesamt 77 Generationen, 57 bis Abraham. Indem Jesus am Ende einer Reihe steht, die mit Adam beginnt, erscheint er als Erfüllung der Menschheitsgeschichte. Ähnlich stellt auch Paulus in Röm 5,12-21 Adam und Christus gegenüber.

Harmonisieren lassen sich die beiden Stammbäume nicht. Nicht einmal bei den unmittelbaren Vorfahren Josefs (Vater, Großvater) stimmen sie überein.

Krippen


Jesus in der Futterkrippe. Sarkophag des Stilicho (4. Jh.).
Quelle:  Wikipedia.- Urheber: Giovanni Dall'Orto, 25. Apr. 2007.- Lizenz: „use it for any purpose, provided that the copyright holder is properly attributed“.- Bearb.: verkleinerter Ausschnitt, abgedunkelt.

Jesus und die Weisen aus dem Morgenland. Röm. Sarkophag (4. Jh.).
Quelle:  Wikipedia.- Urheber: Jastrow (Marie-Lan Nguyen), 2006.- Lizenz: gemeinfrei.- Bearb.: verkleinert.

Moderne einfache Krippe aus Terrakotta.
Urheber: Eigenes Foto, 11. Jan. 2015.

Die älteste erhaltene bildliche Darstellung Marias mit Kind ist eine  Wandmalerei in den Priscilla-Katakomben in Rom (frühes 3. Jh., Foto auf Wikipedia), allerdings zeigt sie keinen Bezug zur Geburt in Bethlehem. Die älteste erhaltene Darstellung der Geburtsgeschichte Jesu, der sog. Sarkophag des Stilicho in der Kirche Sant'Ambrogio in Mailand (ca. 385, s. nebenstehende Abb.), stellt das Kind in der Krippe flankiert von Ochs und Esel dar.

Älter sind Darstellungen der Weisen aus dem Morgenland, z.B. auf einer  Wandmalerei in den Priscilla-Katakomben (3. Jh., Foto auf Seeding Lilies), einem  Fresko in der Katakombe des Markus und Marcellianus (4. Jh., Foto bei der Biblical Archaeology Society), einem Sarkophag aus den Agnes-Katakomben (4. Jh., jetzt in den Vatikan. Museen, s. nebenstehende Abb.) oder der  Grabplakette für Severa in den Priscilla-Katakomben (4. Jh., Foto auf flickr). Nicht zu vergessen das berühmte  Mosaik in der Kirche Sant’Apollinare Nuovo in Ravenna (6. Jh., Foto auf Wikipedia,  Detailausschnitt auf Wikipedia). (Einige Hinweise verdanke ich hier:  Jensen, Robin M.: „Witnessing the Divine. The Magi in Art and Literature“. Bible Review, 2001. Bible History Daily.)

Die figürliche Darstellung der Geburtsgeschichte wird auf Dt. Krippe genannt. Einfache Krippen zeigen nur die Heilige Familie (evt. mit Ochs und Esel), elaborierte Darstellungen kombinieren die Geschichten von Mt und Lk in ein Diorama mit Jesus in der Krippe, Josef und Maria, Ochs und Esel, Hirten mit Schafen, Engel, Weisen mit ihren Gaben und oftmals Kamelen, Stern von Bethlehem.

Es gibt einerseits historisierende Krippen mit orientalischem Ambiente und andererseits solche, die das Ereignis in die Gegenwart des Krippenbauers verlegen: Krippen aus dem Alpenraum zeigen z.B. Gebirge, Schnee, Almhütten, Hirten mit Tirolerhüten; afrikanische Krippen zeigen Menschen schwarzer Hautfarbe, strohgedeckte Rundhütten usw. Die neapolitanischen Krippen integrieren das Weihnachtsgeschehen in eine figurenreiche Darstellung des Alltags, wodurch es als Randereignis erscheint. Das Figureninventar wird mancherorts erweitert um volkstümliche Gestalten wie die provenzalischen Santons (Figuren aus dem Alltag der Provence, z.B. Schafhirten, Gemüseverkäufer, Scherenschleifer, Briefträger) oder den katalanischen Caganer (Person, die sich mit heruntergelassener Hose gerade entleert).

Im Laufe der Zeit sind viele Sonderformen entstanden, wie die kathedralenartigen, mit bunter Alufolie beklebten Krakauer Weihnachtskrippen; die sog. Weihnachtsberge aus dem Erzgebirge, die das Geschehen in eine bergige Landschaftsnachbildung (z.T. mit Bergwerksmotiven) einbetten; die drehbaren Weihnachtspyramiden; die lebenden Krippen, bei denen Menschen und Tiere das Geschehen nachstellen, u.a.m.

Und sonst...

Wenn ohnehin alles nur erstunken und erlogen ist, wieso feiern wir dann überhaupt Weihnachten?
Dass Jesus geboren wurde, steht außerhalb jeden vernünftigen Zweifels. Um die genauen Umstände seiner Geburt rankten sich vielleicht schon nach wenigen Jahrzehnten Legenden, deren Wahrheitsgehalt schwer zu überprüfen war. So berichten Mt und Lk das, was ihnen im Rahmen ihres Jesusbildes jeweils am passendsten erschien. Wichtiger als die Details ist aber das Faktum der Menschwerdung an sich. Welche Bedeutung man diesem Ereignis beimisst, muss jeder für sich selbst entscheiden. Belastender als die Unmenge an Folkore und Brauchtum um Weihnachten empfinde ich die Kommerzialisierung, das Wecken von Sehnsüchten, die kein Weihnachten jemals erfüllen kann, die Banalisierung des religiösen Inhaltes durch Konsum bis zum Umfallen. ( Dazu ein Witz.)
Wie kommt es, dass Christus mehrere Jahre vor Christi Geburt geboren wurde?
Der gelehrte Mönch Dionysius Exiguus (ca. 470 - 540) arbeitete um 525 an der Erstellung neuer  Ostertafeln für die Jahre 532-626 (zur Bestimmung des Ostertermins). Zu seiner Zeit war es üblich, die Jahre seit dem Amtsantritt des Kaisers Diokletian (284 n.Chr.), eines Christenverfolgers (daher Märtyrerära genannt), anzugeben. Dionysius wollte diese Zählung ergänzen mit der Zählung nach Jahren ab incarnatione Domini „seit der Menschwerdung des Herrn“. Dazu errechnete er überschlagsmäßig, dass zwischen dem Tod des Herodes und dem Amtsantritt des Diokletian etwa 15 Metonische Zyklen (19-Jahr-Zyklen, die bei der Berechnung des Ostertermins eine zentrale Rolle spielen, s.  Kalenderkunde) vergangen sein mussten. Da mit dem Beginn von Dionysius' Ostertafeln 13 Metonische Zyklen seit Beginn der Märtyrerära vergangen waren, ergab das praktischerweise genau einen Alexandrinischen Zyklus (à 28 Metonische Zyklen), also 532 Jahre, seit dem Beginn seiner neuen Zeitrechnung. Also setzte er das Jahr 248 der Märtyrerära gleich mit dem Jahr 532 ab incarnatione Domini. Diese Ära war aber lange Zeit nur innerkirchlich in Gebrauch.
Wieso wird Weihnachten am 25. Dez. (bzw. an seinem Vorabend, dem 24. Dez.) gefeiert?
Welche Berechnungen zu diesem Termin geführt haben, wissen wir offenbar nicht. Das Datum der Wintersonnenwende (nach dem damaligen Julianischen Kalender am 25. Dez.) mag eine Rolle gespielt haben, denn die Lichtsymbolik passt thematisch zum Geburtsfest (Mal 3,20; Jes 9,1; Joh 1,9; Joh 8,12; 9,5; 12,46). Vielfach wird vermutet, dass die Kirche dieses Datum gewählt hat, um das Weihnachtsfest in Konkurrenz zum heidnischen Fest des Sol Invictus (der unbesiegbaren Sonne) zu setzen, das von Kaiser Aurelian im Jahr 275 eingeführt wurde und zur Wintersonnenwende gefeiert wurde. Das hält Thomas Schumacher (Geschichte der Weihnachtsgeschichte, S. 184-193) für ziemlich unwahrscheinlich. Denn: (1) setzte sich dieser Termin auch innerkirchlich erst im letzten Drittel des 4. Jh. durch, zu einer Zeit also, als das Heidentum politisch keine Rolle mehr spielte; (2) gibt es keine Hinweise auf ein verbreitetes Sol-Invictus-Fest; und (3) entsprach es auch nicht der Praxis der frühen Kirche, heidnische Feste christlich zu besetzen; sie kritisierte sie vielmehr.
Wieso feiern meine serbischen Nachbarn Weihnachten am 6. Jan.? Hat das was mit den Heiligen Drei Königen zu tun?
Nein, mit dem Kalender. Einige orthodoxe Kirchen feiern die kirchlichen Festtage immer noch nach dem Julianischen Kalender, der gegenüber dem Gregorianischen um 13 Tage „im Rückstand“ ist (s.  Kalenderkunde). Der 24. Dez. im Julianischen Kalender fällt (bis zum Jahr 2100) auf den 6. Jan. im Gregorianischen Kalender.
Wer hat den Weihnachtsmann erfunden?
Die Coca-Cola Company :-) Aber im Ernst: der Weihnachtsmann ist, wie sein engl. Name Santa Claus verrät, niemand anderer als der Heilige Nikolaus. Ursprünglich gab es Geschenke für Kinder am Gedenktag des Nikolaus von Myra (6. Dez.). Offenbar waren es die Reformatoren, die aus Ablehnung der Heiligenverehrung Weihnachten als Gabenfest favorisiert haben. So entstand die Vorstellung vom Christkind als Gabenbringer. Mancherorts blieb aber Nikolaus in dieser Funktion, nur brachte er seine Gaben jetzt zu Weihnachten. Seine kommerzialisierte Variante (möglicherweise bereichert um einige altnordische Vorstellungen) ist der Weihnachtsmann, an dessen Verbreitung die Coca-Cola Company mit ihrer allweihnachtlichen Werbekampagne prägend mitgewirkt hat.
Was hat der Christbaum mit Jesu Geburt zu tun?
Vermutlich nichts. Sein Ursprung liegt im Dunkeln. Er ist wohl in Deutschland entstanden, seit dem 16., vielleicht sogar 15. Jh. bezeugt, kam durch Goethes Werther (erschienen 1774) erstmals zu literarischen Ehren (S. 102 der Hamburger Ausg. von 1948) und wurde im 19. Jh. (als sich immer mehr Menschen so einen Baum leisten konnten) richtig populär. Wer wann warum auf die Idee verfallen ist, einen Baum für Weihnachten zu schmücken, wissen wir nicht.

Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 14. Mai 2016