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Das Land der Griechen mit der Seele suchend


Und an dem Ufer steh' ich lange Tage,
Das Land der Griechen mit der Seele suchend;
Und gegen meine Seufzer bringt die Welle
Nur dumpfe Töne brausend mir herüber.
(J. W. v. Goethe, Iphigenie auf Tauris, V. 11-14)

Gymnasialzeit

Mein Interesse für das Griechische beruht letztlich auf dem Neuen Testament. Immer wieder bekommt man in Predigten zu hören, dass ein bestimmtes Wort im Griechischen eigentlich das und das heiße, eine bestimmte Stelle eigentlich dies oder jenes bedeute. Ich wollte in der Lage sein, diese Behauptungen nachzuprüfen, kaufte ein griechisches Neues Testament und begann, zunächst autodidakt – doch ohne wirklichen Erfolg – neutestamentliches Griechisch zu lernen. Der katholische Religionslehrer meiner Schule bot Altgriechisch als Freigegenstand an, und ich entschloss mich in der 7. Klasse (das ist in Österreich die 11. Schulstufe), dieses Angebot zu nutzen.

Dieses Unterrichtsfach eröffnete mir, dem Eleven eines naturwissenschaftlichen Realgymnasiums, dessen Alltag vor allem aus Kurvendiskussionen und der Nomenklatur organischer Verbindungen bestand, eine ganz neue Welt: Xenophons Anabasis, Platons Apologie des Sokrates, Homers Odyssee, Aischylos' Perser. Ich war fasziniert von Sprache und Kultur der alten Griechen. Noch heute erinnere ich mich lebhaft an den Beginn des 23. Gesangs der Odyssee, die Thalassa-Rufe der Griechen bei Xenophon, als sie endlich das Meer erreicht hatten, oder das Ende der aischyleischen Perser. Hier und nicht etwa bei der Ovidlektüre lernte ich, Hexameter zu skandieren.

Da ich mich mit dem ernsthaften Gedanken trug, Theologie zu studieren, und dafür das Graecum benötigt wurde, wollte ich mündlich auch in Griechisch maturieren. Damit ich Griechisch anstelle von Englisch oder Latein wählen konnte, musste ich den Stoff der 6. und 7. Klasse in Form einer Externistenprüfung nachholen. Die Weihnachtsferien der 8. Klasse verbrachte ich mit dem Übersetzen von Xenophon und Platon, die Maturavorbereitung hauptsächlich mit Homer. Zur Griechischmatura erhielt ich einen Homertext.

Mein Griechischlehrer unternahm ca. alle zwei Jahre mit seinen Griechischschülern eine Reise nach Griechenland. Dahinein investierte er auch das durch seine Unterrichtstätigkeit erworbene Geld, um so die Reise erschwinglicher zu machen. Dankbar sei hier sein Name genannt: Dr. Alfons Illig. Als Vorbereitung auf diese Reise lernten wir in den letzten Wochen des Schuljahres mit einem Langenscheidt-Lehrbuch ein wenig Neugriechisch.

Einen Monat nach meiner Matura ging es in einer 9-köpfigen Gruppe im Zug nach Saloniki und von dort weiter nach Drama und Kavala: Philippi stand auf dem Programm. Thasos, Athen, Delphi, Mykene, Epidauros, Daphni und schließlich Kreta (Rethymno, Iraklio, Knossos) waren die weiteren Stationen der Reise. Ich war begeistert von den steinernen Überresten der griechischen Kultur, von der Exotik dieses Landes, das damals noch am Rande Europas lag (es sollte erst im darauffolgenden Jahr der EWG beitreten), und natürlich auch von Sonne, Strand und Meer.

Studium

Ich rang lange mit der Frage, ob ich Evangelische Theologie studieren sollte oder nicht. Als die Entscheidung für nein gefallen war, war klar: ich studiere Griechisch. Latein als zweites Fach (für ein Lehramtsstudium – und nur ein solches erschien mir sinnvoll, was sonst sollte man mit einem Griechischstudium anfangen) war anfangs eher eine Zweckehe denn eine Liebesbeziehung. Griechisch war kein Massenstudium, es gab es kaum zwei Dutzend Studenten, man kannte sich. Doch der Studienerfolg wollte sich lange nicht wirklich einstellen. Ich kam eben nicht von einem humanistischen Gymnasium, die Übung und der Wortschatz fehlten.

Nach acht Semestern, als andere schon in die Endphase ihres Studiums einbogen, hatte ich immer noch nicht die Zwischenprüfung Griechisch (die gewissermaßen die Halbzeit markierte) abgelegt. Daher rackerte ich zwei Monate wie ein Vieh und lernte wie wohl nie zuvor und danach in meinem Leben. Anfang September absolvierte ich dann endlich diese Prüfung.

Mitte September ging es mit 5 Kommiliton(inn)en für drei Wochen nach Griechenland: mit dem Kleinbus nach Ancona, mit der Fähre nach Patras. Wir fuhren ein paar Kilometer und suchten uns einen Campingplatz am Meer. Hier endlich fiel die Erschöpfung der letzten Wochen von mir ab, erlebte ich ein nie gekanntes Hochgefühl. (Als ich zwei Jahre später wieder auf diesen Campingplatz kam, fand ich ihn hässlich und klein.) Diese Reise, in der wir die Highlights der griechischen Antike (Olympia, Bassä, Pylos, Epidauros, Mykene, Tiryns, Korinth, Athen, Delphi), aber auch einige landschaftliche Schönheiten Griechenlands (Kap Sunion, Arkadien, Taygetosgebirge) aufsuchten, bestätigte mich in meiner Begeisterung für Griechenland. Dazu kam, dass ich jetzt auch eine Liebe zu griechischem Essen und griechischem Wein (von den Zigaretten sollte ich hier schweigen) entwickelte.

Als dann Mitte der 80er-Jahre STS mit Irgendwann bleib i dann dort die österreichischen Hitparaden stürmte, stimmte ich innerlich zu: auch ich wollte in diesem (imaginierten) Land von Sonne und Meer, Choriaktiki und Retsina, Stressfreiheit und amtlicher Unpünktlichkeit leben.
Doch zunächst unternahm ich mit meinen Studienkollegen wieder eine Reise dahin: Ioannina, Dodona, Meteora-Klöster, durch Thessalien zum Piräus, von dort nach Kreta, Phaistos, Agia Triada, Gortyn, Lasithion-Hochebene, Mallia, Knossos, Tylisos, Rethymno.
Im Jahr darauf Delphi, Olympia, Bassä, Epidauros, Tiryns, Mykene, Argos, Korinth, Athen, Sunion, Meteora.
Im darauffolgenden Sommer - ich hatte soeben mein Studium abgeschlossen - nach Saloniki, Olynth, Philippi, Thasos, Pella.

Die Destinationen zeigen unsere Interessen: als Griechischstudenten wollten wir das antike Griechenland sehen. Wir waren immer mit einem Kleinbus (Ford Transit oder VW-Bus) unterwegs und übernachteten auf Campingplätzen, vorzugsweise am Meer. Griechenland war für uns Studenten auch deswegen so interessant, weil die Preise vergleichsweise niedrig waren. Das moderne Griechenland interessierte uns im Grunde nicht besonders. Keiner von uns konnte vernünftig Neugriechisch. Gespräche mit Einheimischen kamen so nicht wirklich zustande. Allenfalls in der Rückschau lustige Episoden gab es: wie der missglückte Reparaturversuch unseres lecken Kühlers in einer Traktorenwerkstatt in Pharsala. Nachdem man beim Versuch, das Löchlein zuzulöten, ein faustgroßes Loch hineingeschweißt hatte, beschied man uns: „This cool is broke.“ Wir fuhren den Kühler im Taxi ins eine Stunde entfernte Volos, bekamen dort einen neuen, fuhren zurück und ließen ihn in den Bus einbauen. Der Mechaniker lud uns anschließend zum Essen in eine Taverne ein.

Natürlich bin ich nicht jahrelang immer wieder nach Griechenland gereist, ohne zu bemerken, dass dies ein reales Land mit realen Menschen und realen Problemen ist. Natürlich habe ich die in riesigen Lettern auf Felsen, Wände, Straßen gepinselten Parolen gelesen. Aber die Urlaubsstimmung und die Konzentration auf die Sehenswürdigkeiten haben dazu geführt, dass ich dies nicht besonders ernst nahm. Natürlich habe ich mir im Kino Rembetiko (1984 in deutschsprachigen Kinos) angeschaut und zu Hause Fünf Griechen in der Hölle (1982 auf Schallplatte gepresst) angehört. Aber all das war Beschäftigung mit Folklore und Ausdruck einer Sehnsucht nach einem Griechenland, das es so nicht mehr gab.

Die 80er-Jahre waren auch jene Zeit, in der der Sozialist Andreas Papandreou Ministerpräsident war (1981-1985, 1985-1989). Allerdings hatte der Ökonom mit seinem selbstherrlichen Führungsstil und einigen Skandalen in seinem Dunstkreis (z.B. die Affäre um Georgios Koskotas) die Wirtschaft eher noch zerrüttet.

Frühe Ehejahre

Im Spätherbst dieses Jahres heiratete ich eine Studienkollegin. Als Hochzeitsreise fuhren wir im nächsten Sommer mit dem eigenen Auto nach Griechenland. Waren wir bisher entweder mit der Autofähre von Italien oder über den jugoslawischen Autoput gefahren, so wollten wir es dieses Mal über die dalmatinische Adriamagistrale versuchen und dabei auch Sehenswürdigkeiten in Jugoslawien besuchen. Hatten wir bisher ausnahmslos gezeltet, wollten wir uns diesmal Hotelzimmer suchen. Doch Jugoslawien war uns ein fremdes Land. So beeindruckend etwa die Altstadt von Dubrovnik war, so befremdend die Lustlosigkeit der Kellner, die Lieblosigkeit der servierten Speisen und die keineswegs billigen Preise. Wir mussten mehrere Tage in Dubrovnik auf die Autofähre warten. Als wir unser erstes Frühstück in Korfu einnahmen, empfanden wir das als Erlösung.

Obwohl es ein Motiv auf Korfu ist, das neben anderen (etwa der Akropolis von Athen oder dem gestrandeten Schmugglerschiff in einer Bucht von Zakynthos) weithin der Inbegriff Griechenlands ist (nämlich das winzige Kloster Vlacherna mit der Insel Pontikonisi dahinter), empfand ich Korfu als ungriechisch. Nicht die Osmanen hatten dieser Insel ihren Stempel aufgedrückt, sondern die Venezianer und der bald nach dem 2. Weltkrieg einsetzende Fremdenverkehr. Dieser führte dazu, dass man überall auf der Insel British Breakfast bekommt. Die weiteren Stationen der Reise waren Parga, Kassope, Arta, Ioannina, Nikopolis. Zurück führen wir von Igoumenitsa mit der Fähre nach Ancona.

Als wir 26 Jahre später wieder Urlaub auf Korfu machten (s.u.), gefiel mit die Insel ausnehmend gut. So ändert sich der Geschmack.

Geldnot und die verzweifelte Suche nach einem Job und prägten die kommenden Jahre. Dennoch konnten wir dank einer Freundin, die eine Kousine hatte, die einen griechischen Tierarzt geheiratet hatte und bei Chania auf Kreta lebte, für drei Wochen Urlaub auf Kreta machen. Zum ersten Mal in meinem Leben flogen wir nach Griechenland (mit Lauda-Air nach Chania). Wir übernachteten im zum Schuppen umgebauten ehemaligen Ziegenstall und wurden von der Kousine verköstigt, die eine ausgezeichnete Köchin war. Wir durften ihr altes Auto benutzen, um in der Gegend herumzufahren (Chania, Kasteli, Polyrrhinia, Phalassarna, Spilaiou Irinis, Elos, Kolymbari, Maleme, Knossos, Iraklio, Samaria-Schlucht). Wir erfuhren viel über die Griechen, und die Kousine verwies manche Behauptung von Reiseführern ins Reich der Legende. Allerdings war das keine typisch griechische Familie, denn die Kousine war in Österreich geboren und in den USA aufgewachsen. Ihre Kinder wurden zweisprachig (Griech. und Engl.) erzogen.

Danach war für mehrere Jahre Sendepause. Im folgenden Sommer kam unsere Tochter zur Welt. Weder hatten wir das Geld für eine Auslandsreise, noch fanden wir es gut, ein Baby durch die griechische Sommerhitze zu schleppen.

Als Andreas Papandreou zu allem Überfluss Ende der 80er-Jahre seine Liaison mit der um 35 Jahre jüngeren Stewardess Dimitra „Mimi“ Liani öffentlich zelebrierte und europäische Staatschefs mit ihrer allen Protokollen widersprechenden Anwesenheit düpierte, hatte er sich trotz aller Volksnähe die Sympathien der Wähler verscherzt. Daher war 1989 die konservative Nea Dimokratia an die Macht gekommen, die nach drei Kurzzeitkabinetten die Regierung von Konstantinos Mitsotakis (1990-1993) bildete. Unsere Gastgeberin auf Kreta war der Meinung, dass seit der Machtübernahme der Konservativen die Preise spürbar gestiegen waren.

Ende der 80er-Jahre intensivierte ich meine Versuche, ein bisschen Neugriechisch zu lernen. Praktisch vor jedem Griechenlandaufenthalt frischte ich meine Kenntnisse ein wenig auf. Doch alle Bemühungen erlahmten rasch. Von Hans Eideneiers Neugriechisch wie es nicht im Wörterbuch steht über Griechisch zum Zuhören (Hueber-Verlag) bis zum Powerkurs für Anfänger Griechisch (Pons) habe ich alle möglichen Lernhilfen probiert. Ich habe versucht, über Mittelwelle griechische Radiosendungen zu hören, aber natürlich kein einziges Wort verstanden.

Zeit der Familie

Als unsere Tochter auf die fünf zuging, hielten wir es für vertretbar, mit ihr einen Griechenlandurlaub zu unternehmen. Damit die stressgeplagten Eltern auch mal ein paar Stunden die Obsorge für das Kind abgeben konnten, kamen die Großeltern mit. Vierzehn Tage Badeurlaub in Tolo, von wo aus wir Ausflüge nach Mykene, Epidauros und Nafplio unternahmen. Von unserem Hotelzimmer aus blickten wir auf eine malerische Bucht. Fast jeden Tag wanderte ich durch die üppige Vegetation der argolischen Landschaft.

Meine Frau bekam in diesem Urlaub gleich zu Beginn gesundheitliche Probleme. Plötzlich merkten wir, wie weit Griechenland von zu Haus weg ist und wie lange zwei Wochen sein können, wenn man Grund hat, sich nach Hause zu wünschen. So beschlossen wir, in Zukunft vorerst nur noch einwöchige Auslandsaufenthalte zu tätigen. Überdies wurde ich im Anschluss an diese Reise arbeitslos und fand erst im nächsten Sommer (in einer ganz anderen Branche) wieder Arbeit. (Beruflich hatte ich damit der Altertumswissenschaft - vermutlich für immer - entsagt.)

In Griechenland hatten inzwischen wieder die Sozialisten das Ruder übernommen (Andreas Papandreou 1993-1996). Allerdings wollten Vorwürfe nicht verstummen, dass in Wirklichkeit die inzwischen von ihm geehelichte Ex-Stewardess Mimi die Hosen anhatte, da Papandreou gesundheitlich ziemlich angeschlagen war.

So kam es, dass der nächste Urlaub erst im übernächsten Jahr stattfand und für eine Woche (mit dem „Bäderbus“) nach Lignano Riviera führte. Ein belangloser Badeurlaub mit der Familie. Im darauffolgenden Sommer wechselte ich den Dienstgeber und hatte dadurch keinen Sommerurlaub. Wieder gab es erst im übernächsten Jahr Urlaub, diesmal eine Woche Bibione.

Der Schwiegervater war im Frühjahr gestorben, meine Frau schwanger geworden. Dennoch buchte ich einen Urlaub, nur mit meiner Mutter und meiner inzwischen fast zehnjährigen Tochter, für eine Woche nach Zakynthos. Die Insel ist grün, war aber in unserer Urlaubswoche zeitweise so windig, dass es zum Baden fast zu kühl war und der Fährverkehr zum Festland eingestellt wurde - sodass der gebuchte Tagesausflug nach Olympia vom Winde verweht wurde. Erstmals wurde damit für mich eine Griechenlandreise praktisch ein reiner Badeurlaub.

Nicht einmal einen Monat später kam unser Sohn zur Welt. Wieder war damit für ein paar Jahre das Urlauben unterbrochen.

In all den Jahren hatten die Sozialisten regiert: 1996 hatte Kostas Simitis die Nachfolge des schwerkranken und bald verstorbenen Papandreou angetreten und dann zwei Legislaturperioden (1996-2000, 2000-2004) als Ministerpräsident das Land geführt. Simitis hatte nicht das Charisma und die Begeisterungsfähigkeit seines Vorgängers Papandreou, war aber ein marktwirtschaftlich orientierter Sachpolitiker.

Diesmal waren wir aber mutiger und unternahmen den ersten Urlaub schon, als der Jüngste knapp drei Jahre alt war: eine Woche Lignano Sabbiadoro.

Im Frühjahr dieses Jahres war der konservative Kostas Karamanlis Ministerpräsident geworden.

Im Jahr darauf wieder Griechenland: diesmal eine Woche Kos. Wieder war es fast ein reiner Badeurlaub.

Im folgenden Jahr musste für die Anschaffung von Wohnungseigentum gespart werden. Im nächsten Jahr war es eine Woche Bali auf Kreta. Meine Pläne, von dort aus tagesweise nach Iraklio oder Knossos zu fahren, lösten sich rasch in Luft auf: die Pauschalarrangements waren unverschämt teuer, die Fahrpläne der KTEL-Busse nahmen auf die Bedürfnisse von Touristen keine Rücksicht.

Meine Griechenlandbegeisterung hatte einen Tiefpunkt erreicht. Die Reisen der letzten Jahre waren langweilige Strandurlaube in irgendeinem Hotel in der kulturellen Pampas. Natürlich genoß ich Sonne und Meer und das gute Essen. Aber anderswo gibt es schönere Strände.

Die Kinder werden älter

Obwohl wir beide Latein studiert haben, waren meine Frau und ich noch nie in Rom. Als Studenten war uns das zu teuer. Mit Kindern ist so ein Sightseeingurlaub unmöglich. Doch anlässlich unseres 20. Hochzeitstages erfüllten wir uns diesen Wunsch: eine Woche zu zweit in der ewigen Stadt.

Im folgenden Jahr flogen wir (wieder mit Familie) für eine Woche nach Rhodos. Eine äußerst positive Überraschung. Denn ich hatte mich auf einen Badeurlaub à la Kos oder Zakynthos gefasst gemacht. Und erlebte in Rhodos-Stadt eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges. Die inzwischen 18-jährige Tochter war zum ersten Mal nicht dabei.

Die letzten fünf Jahre hatte der konservative Karamanlis das Land regiert. Bei den Wahlen im Herbst 2009 kam es zu einem Erdrutschsieg der Sozialisten. Giorgos Papandreou übernahm die Regierung und ließ wenige Monate später die Krise ausbrechen: die Regierung gab zu, dass der Staat am Rande der Zahlungsunfähigkeit war. Da der Euro daraufhin massiv einbrach, entschloss sich die EU trotz Bail-Out-Vebot nach langem Hin und Her, Griechenland mit einem massiven Milliardenkredit zu unterstützen. Die griechische Regierung musste im Gegenzug dem Land ein massives Sparprogramm verordnen. Das Paradies war endgültig abgebrannt.

Fazit nach dreißig Jahren

Meine Beziehung zu Griechenland war wie eine Liebesbeziehung. Am Anfang war unreflektierte Begeisterung. Es folgte eine lange Phase des Versuchs, zu verstehen und die Landessprache zu lernen. Diese wich schließlich der Ernüchterung: Griechenland ist auch nur ein Land. Und vielleicht ein gar nicht so lebenswertes, wie der Anstieg der Selbstmordrate in Folge der massiven Krise nahelegte.

Auch Theo Angelopoulos' deprimierender, todessehnsüchtiger Film Der Bienenzüchter (1986) oder Zimt und Koriander (2005 in unseren Kinos) verstärkten bei mir das Gefühl, dass ich mit meiner Griechenlandsehnsucht einem Phantom hinterherlaufe: der Sehnsucht nach einer heilen Welt, nach einem Rückzugsort aus den unbarmherzigen Anforderungen des Arbeitslebens, aus der Banalität und Langeweile des Alltags. Und langsam stellte sich die Erkenntnis ein, dass es diesen Ort nicht gibt. Nicht als geographisches Gebilde.

Was blieb war das EU-Land Griechenland, das zu diesem Zeitpunkt nicht aus seiner Krise herauszukommen schien; das immer noch viel Sonne, Meer und Antike zu bieten hatte und deshalb (auch für uns) eine begehrte Urlaubsdestination blieb.

Im Herbst 2011 trat Giorgos Papandreou das Amt des Ministerpräsidenten an den parteilosen Loukas Papadimos ab. Im Jahr darauf gewann der konservative Andonis Samaras (von dem ich eine denkbar schlechte Meinung habe) die Wahlen. (Es sollte nicht vergessen werden, dass Samaras als Außenminister der Mitsotakis-Regierung der nationalistische Scharfmacher im Streit um den Namen der ehemaligen jugoslawischen Teilrepublik Mazedonien war und dass er nach seiner Entlassung als Minister eine nationalistische Partei gründete. Als diese nach drei Jahren die 3%-Hürde nicht mehr schaffte, suchte er wieder den Anschluss an die ND. Wozu braucht man ein Rückgrat?)

Das Leben geht weiter

Trotz der griechischen Staatsschuldenkrise machten wir eine Woche Urlaub auf Samos. Die antiken Sehenswürdigkeiten im Raum Pythagoreio waren überschaubar. Aber der Tagesausflug nach Ephesos an der gegenüberliegenden türkischen Küste war die Reise wert. Die Türkei als Land empfand ich jedoch als fremd.

Das Jahr darauf entschlossen sich meine Frau und ich zu einem weiteren Urlaub ohne Kinder: die Magna Graecia stand auf dem Programm, in Form einer einwöchigen Sizilienrundreise (Catania, Syrakus, Noto, Messina, Cefalù, Palermo, Érice, Selinunt, Agrigent – leider Gottes nicht Segesta –, Villa del Casale, Ätna, Taormina).

Ein Jahr später urlaubten wir in Pafos im griechischsprachigen Teil Zyperns. Irgendwie griechisch, aber doch in vielem nicht Griechenland. Ich hatte den Eindruck, dass sich die Krise Griechenlands auch hier bemerkbar macht. Und tatsächlich kam es im März des darauffolgenden Jahres zur zypriotischen Bankenkrise.

In eben jenem Jahr gönnten wir uns wieder einen kinderlosen Urlaub: diesmal in die Toskana mit seinen kulturellen Sehenswürdigkeiten (Florenz, Pisa, Siena, Lucca, Volterra, San Gimignano). Es war klar: Italien wird uns definitiv noch öfter sehen.

Nach 26 Jahren machten wir wieder Urlaub auf Korfu (auf ausdrücklichen Wunsch meiner Frau), in einem Hotel nördlich der Haupstadt, in der Bucht von Kontokali. Diesmal fand ich Korfu äußerst reizvoll: mit seiner an die Toskana gemahnenden Vegetation, seiner venezianisch geprägten Altstadt und den klassizistischen Bauten der Engländer. Warum hatte ich das alles vor 26 Jahren nicht wahrgenommen?

Ende 2014 verspekulierte sich Andonis Samaras mit seinem taktischen Kalkül beim Vorziehen der Präsidentschaftswahl. Es kam zu Neuwahlen Anfang 2015, die die linkspopulistische SYRIZA (Koalition der Radikalen Linken) mit ihrem Vorsitzenden Alexis Tsipras gewann, der daraufhin eine Regierung mit den nationalkonservativen rechten ANEL (Unabhängige Griechen) bildete. Bei neuerlichen Wahlen im September desselben Jahres bestätigten sich die Mehrheitsverhältnisse.

Im Jahr darauf ging es nach Norditalien. Meine Frau war noch nie in Venedig, ich wollte unbedingt einmal Ravenna sehen. So kam es zu dem Dreischritt Venedig - Verona - Ravenna. Am meisten überrascht hat mich dabei Verona.

Eine neue Hoffnung

Unglaublich: es ist schon 30 Jahre her, dass ich das letzte Mal in Athen war! Bevor ich in die Grube fahre, wollte ich noch einmal die Stadt des Perikles sehen, die sich, wie man aus den Reiseführern erfuhr, vor allem in Folge der Olympischen Spiele 2004 in Athen sehr positiv entwickelt hat (U-Bahn, Tram). So urlaubten wir eine Woche am Rande von Athen, in Glyfada am Meer, fuhren täglich mit der Tram ins Zentrum und hatten Zeit, mehr zu sehen als das Eintagespflichtprogramm Akropolis und Nationalmuseum. Und ja: Athen hat sich in der Tat sehr positiv entwickelt.

Im nächsten Jahr organisierte mein Freund und Studienkollege Willi für die Karwoche eine Griechenlandreise für die interessierte Lehrerschaft zu den Höhepunkten Griechenlands, und er lud mich (nach Maßgabe freier Plätze) zur Teilnahme ein. So kam es, dass ich nach wer weiß wievielen Jahren wieder eine Griechenlandrundreise unternahm: Epidaurus, Nauplion, Mykene, Mystras, Sparta, Olympia, Naupaktos, Delphi, Osios Lukas, Chaironeia, Meteora-Klöster, Thermopylen, Athen. Dies alles geführt von einem Griechen, der nicht nur über die Sehenwürdigkeiten Bescheid wusste, sondern auch über den Alltag im Griechenland der Schuldenkrise. Meine Begeisterung schwang sich zu neuen Höhen auf. Alleine Delphi und Olympia nach so vielen Jahren wiederzusehen, war die Reise wert.

Im selben Jahr besuchten meine Frau und ich wieder Rom, das vor allem meiner Frau sehr gefiel.

Im darauffolgenden Jahr ging es nach Israel. Und obwohl ich als hochgradig Bibelinteressierter erwartet hatte, in eine Art nie gekannten Freudentaumel zu verfallen oder gar am Jerusalem-Syndrom zu erkranken: nichts dergleichen passierte. Israel ist interessant und sehenswert, aber die große Liebe Griechenland blieb unerreicht.

Und wieder lud mich Willi zur Teilnahme an einer Reise ein: Nordgriechenland entdecken hieß sie: der Olymp, Thessaloniki, Verjina, Pella, Dion, Enipeas-Schlucht, Athos, Philippi, Kavala, die Insel Thasos waren die Stationen der Reise. Mit den Höhenpunkten konnte die Reise nicht konkurrieren und überdies erwischten wir vergleichsweise schlechtes Wetter. Doch Philippi nach 39 Jahren wiederzusehen, war ein Erlebnis für sich (und an diesem Tag war schönes Wetter).

Im gleichen Jahr machte ich mit meiner Frau eine „Abenteuerreise“ nach Neapel: endlich, nach so vielen Jahren, war es uns auch vergönnt, Pompeii, Herculaneum und Puteoli zu sehen.

Es hat mich erstaunt, dass die Regierung Tsipras vier Jahre gehalten hat. Dass Tsipras die Wahlen 2019 verlieren würde, war klar: Er hatte den Wählern eine Lockerung der Austeritätsmaßnahmen versprochen, dann aber genau das Gegenteil gemacht. Neuer Ministerpräsident wurde Kyriakos Mitsotakis von der Nea Dimokratia, Sohn des einstigen (1990-1993) Ministerpräsidenten Konstantinos Mitsotakis, jüngerer Bruder von Dora Bakogianni, die 2002-2006 Bürgermeisterin von Athen und 2006-2009 griechische Außenministerin war. Es hat sich offenbar nicht viel geändert in Griechenland: immer noch ist es eine Handvoll Familien, die Politik macht und das Land regiert.


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 25. Dez. 2019